Religiöse Resonanzen ausloten – Über das Prinzip „Kirche im Dialog“

Radfahrer auf dem Wasser

Welche Resonanz hat Kirche unter denen, die ihr fern sind? Wo kann sie wie auftauchen? Emilia Handke über Konzeption und Projekte des Werkes „Kirche im Dialog“ in der Nordkirche.

Auf einem Schiff gibt es unterschiedliche Aufgaben: Es gibt Kapitän:innen, Köch:innen, Quartiersmeister:innen, es gibt Steuermänner und -frauen, Obertrompeter:innen und  Untertrompeter:innen, es gibt Lots:innen, Mechaniker:innen, Schiffsjungen und -mädchen, es gibt Leichtmatros:innen und Vollmatros:innen … Aber jedes Schiff braucht auch einen Deeper.

Deeper – das sind Resonanzkörper, um zu orten, in welchem Kontext sich das fahrende Schiff gerade befindet. Wenn die Schallwellen auf Fischschwärme, versunkene Schätze oder verrosteten Schrott treffen, dann werden sie zurück an die Oberfläche reflektiert. Deeper zeichnen also Karten der Umgebung auf und markieren die Hotspots.

die religiöse Resonanz der Flotte in der Breite erkunden

Unsere Kirche braucht unterschiedliche Deeper – stationäre in den Kirchengemeinden und mobile in den übergemeindlich arbeitenden Bereichen. Die besondere Aufgabe der mobilen Deeper ist es, die gesellschaftlichen Strömungen sowie die religiöse Resonanz der Flotte in der Breite zu erkunden. Als solche mobilen Deeper verstehen sich die Mitarbeitenden des Werkes „Kirche im Dialog“ der Nordkirche.

Dieses Werk ist gegründet worden, weil die Synode der Nordkirche eine innere Verpflichtung verspürte, sich mit jenem Kontext auseinanderzusetzen, der die Kirche immer stärker umgibt – ein Kontext von Kirchenferne, von abbrechender religiöser Sozialisation. In der Konzeption dieses Werkes wurde der Bezug zur grundsätzlichen Aufgabe der Nordkirche durch den Bezug auf die Präambel ihrer Verfassung einerseits (das „Evangelium bezeugen […] bekennen […] vergegenwärtigen […] neu zur Geltung bringen“[1]) sowie zu Art. 13 ihrer Verfassung andererseits hergestellt: „Alle Menschen sind eingeladen, am Leben der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland teilzunehmen, das Evangelium zu hören und christliche Gemeinschaft zu erfahren.“[2] Die auf die Verfassung der Nordkirche bezogene Aufgabe des Werkes „Kirche im Dialog“ ist damit die der Kontextualisierung der eigenen Botschaft, so dass sich Menschen auch eingeladen fühlen, teilnehmen und hören wollen.

Arbeit an der Theologie und am Kontext

Damit geht es um eine Arbeit an der eigenen Theologie einerseits sowie um eine Arbeit am Kontext andererseits. Der Theologe Paul Tillich nannte dies im ersten Band seiner Systematischen Theologie die „Methode der Korrelation“ zwischen Botschaft [= Evangelium] und Situation [= Kontext] – sie bildet im Grunde so etwas wie den theologischen Referenzrahmen des Werkes: Es geht darum, „die Fragen, die in der Situation enthalten sind, mit den Antworten, die in der Botschaft enthalten sind, in Korrelation zu bringen. Es leitet die Antworten nicht aus den Fragen ab, noch gibt es Antworten, die nichts mit der Frage zu tun haben. Es setzt Fragen und Antworten, Situation und Botschaft […] in Korrelation.“[3] Im Bild des Deepers gesprochen geht es darum, auszuloten, auf welche Resonanzen unsere geistlichen Schallwellen eigentlich stoßen – ob sie Fische erreicht oder vielmehr vertrieben haben, Schätze aufgespürt und gehoben haben oder vielleicht nur altes Eisen.

Pastorin am Strand im Gespräch, barfuß im Talar
Gespräche am Elbstrand im Sommer 2020: „Wofür stehst du auf?“

Nun steht jede kirchliche Beratungsstelle unter der Herausforderung, dass sie letztlich nur mittelbar mit dem Kontext arbeitet, der sie umgibt. Es geht in der Regel bei solchen Stellen primär um interne Sensibilisierungsvorgänge im Blick auf haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende der Kirche, welche den Dialog mit dem Kontext wachsender Kirchenferne tagtäglich eigenständig führen müssen. Und das führt – ohne konkretes Inspirationsmaterial im Blick auf Projekte, Entwürfe oder Aktionen sowie eigener Bewährung in der Praxis – schnell zu Frustration und Misstrauen gegenüber Mitarbeitenden aus dem übergemeindlichen Bereich. Daher muss es aus meiner Sicht in der Profilierung solcher Einrichtungen in erster Linie darum gehen, sie als Inspirationswerke für die Praxis zu etablieren, welche über die Grenzen von Landeskirchen hinaus gelungene Ideen verbreiten und eigene Ideen entwickeln. Was bedeutet das im Blick auf die Arbeit von „Kirche im Dialog“?

Beratungsstelle als Inspirationswerk für die Praxis

Auf unserer neuen Website zeigen wir sowohl eigene exemplarische Projekte als auch eigene wiederum exemplarische Forschungs- und Beratungsthemen sowie inspirierende Ideen von anderen. „Kirche im Dialog“ ist zwar in formaler Hinsicht ein Werk der Nordkirche, konzeptionell wohl aber eher ein kirchliches Prinzip – welches seit jeher vielerorts verwirklicht wird und welches ihr zugleich immer auch vorausliegt.

Der Korrelation von Botschaft und Situation zu dienen, das versuchen wir z.B. im Projekt Pop Up Church. Die Idee ist, Kirche mit einem Aktionsnetzwerk aus 10 bis 15 Pastor:innen und Vikar:innen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten überraschend auftauchen lassen. Und zwar mitten im Leben, um dabei auf unkonventionellem Wege mit Menschen über die großen Fragen des Lebens ins Gespräch zu kommen. 2019 haben wir am Internationalen Tag der Gewalt gegen Frauen und Mädchen Namen von betroffenen Frauen am Hamburger Hauptbahnhof gesammelt und sie in die Fürbitte vor Gott gebracht. Im Sommer 2020 standen wir am Elbstrand mit einem großen Plakat, das fragte: „Wofür stehst du auf?“ Und zum Buß- und Bettag 2020 haben wir uns mit kleinen bunten Glasscherben auf die Straße gestellt, auf die Menschen Namen schreiben konnten für jemanden, den sie um Verzeihung bitten wollen. Diese Form des Dialogs ist windig, berührend und anstrengend zugleich – sie sei jedem Menschen empfohlen, der wissen will, wo Kirche heutzutage steht und fällt.

Aktion zum Buß- und Bettag 2020 unter dem Motto „Verzeih mir!“ in Hamburg-Altona

Auf dem liturgischen Feld konkretisiert sich das Prinzip „Kirche im Dialog“ zum einen in einem Gottesdienstformat für Anfänger*innen. Die Wohnzimmerkirche ist ein Setting, in das man bedenkenlos kommen kann, auch wenn man noch nie in seinem Leben bei einem Gottesdienst war. Hier machen wir in einer Kooperation ernst mit dem Prinzip „Kirche im Dialog“: Sitzen miteinander, lauschen, essen, singen und erzählen einander über große Fragen, wie z.B. „Was war das erste, was du heute Morgen gedacht hast?“, „Welche Figur in der Weihnachtsgeschichte wärest du wohl gewesen?“ oder „Wovon träumst du?“.

Liturgie für die, die Gottesdienste nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben

Darüber hinaus haben wir gemeinsam mit dem Gottesdienstinstitut der Nordkirche mit den „Liturgien der Verheißung“ eine Materialdatenbank für liturgische Texte ins Leben gerufen, die man auch verstehen kann, wenn man Gottesdienste nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat – von einfachen Gebeten über Hinführungen zum Abendmahl bis hin zu Schlagermove-, Tier- oder Faschingsgottesdiensten. Auch eine Trauerfeier für Jesus zu Karfreitag ist dabei.

Papierstreifen mit Samen als Armbänder mit Aufschrift "Hoffnungsträger*in"

Darüber hinaus sind wir davon überzeugt, dass Glaubenskommunikation vor allem über gemeinschaftliche Aktionen läuft. Daher haben wir ein paar „theologische Elementarteilchen“ entwickelt – von den Ostersteinen über die Hoffnungssterne hin zu einem Segensbändchen aus Blumensamen für die Passions- und Osterzeit 2021. Viele Materialien aus den Liturgien der Verheißung versuchen sich an der Herausforderung, Passion und Ostern lebensdienlich und dialogisch unter Coronabedingungen zu kommunizieren.

Letztlich geht es bei dem Prinzip „Kirche im Dialog“ um die Erzeugung von gesellschaftlicher Relevanz – und immer darum auszuloten, ob wir mit unseren Signalen in unserem Kontext überhaupt versteh- und damit rezipierbar sind. Auf der Ebene von Forschung und Beratung buchstabieren wir diese Fragen im Blick auf die Themen „Kirche im Dialog mit der säkularen Ritualpraxis“, „Kirche im Dialog mit jungen Erwachsenen“ sowie „Kirche im Dialog mit den Menschen im Gemeinwesen“ durch: Welche ergänzenden Kasualformen und Kommunikationswege braucht es, um als Kirche aufs Radar kirchendistanzierter Menschen zu kommen? Wenn „Sozialraum“ und „Gemeinwesen“ Zauberformeln der Zukunft sind, wie gelingt die Kooperation in der Nachbarschaft konkret? Und worum soll es dabei gehen? Junge Erwachsene gelten als eine der schwierigsten Zielgruppen von Kirche insgesamt. Was haben wir ihnen anzubieten? All dies sind wichtige Themen, die die Zukunft von Kirche insgesamt betreffen, und mit denen wir mit Menschen ins Gespräch kommen wollen.

ergänzende Formen und Wege, um aufs Radar kirchenferner Menschen zu kommen

Der menschliche Deeper zielt nicht auf das leere Echo eigener Stimmen, er ist immer auf Antwort aus. „Resonanz“ ist ein Beziehungsmodus: Das gilt im privaten Leben wie auf der (Nord-)Kirchenflotte. Ohne Interaktion geht gar nichts, bleiben wir einsam und die Dinge leer: Kein Crewmitglied will Antworten liefern auf Fragen, die kein Mensch je gestellt hat. Keine existentielle Frage soll ohne den Versuch einer ernsthaften Antwort bleiben. Das, was wir die Kommunikation des Evangeliums nennen, ist immer zweiseitig und unverfügbar – und damit ergebnisoffen. Wir wissen nicht, ob es sich „ereignet“, ob es „gelingt“: ob jemand interessiert oder berührt wird. Kirchenfern oder nicht.

Und gerade deswegen braucht jeder Deeper der Kirche auch noch mehr als die menschliche Beziehung. Er braucht die Zuversicht darauf, dass der größte Deeper der Menschheitsgeschichte – schlafend oder wachend – mit ihm an Bord ist, dass es auf sein Wort hin immer wieder zu Resonanzen kommt in den Tiefen und den Untiefen dieser Welt: Im Kindergarten, unter vier Augen, im Demenzcafé, in einer zähen Sitzung, im Strandkorb, bei Koalitionsverhandlungen, beim Geburtstagsbesuch, am Krankenbett, in einem Taufgottesdienst oder während eines Konzerts.

der größte Deeper der Menschheitsgeschichte mit an Bord

„Fahr(t) hinaus“, hat der Deeper Jesus gesagt, dorthin, „wo es tief ist“ (Lk 5,4), singt dort euren Ton und sucht nach einem antwortenden Signal. Und wenn ihr dort draußen keine Resonanz finden solltet, dann macht weiter – seid geduldig, bleibt hungrig und tollkühn. „Stürme kommen, Stürme gehen, Winde wehen, drehen sich im Kreis“, aber „der Deeper singt seinen Ton, wartet wie die Antwort heißt“.

Und wenn die Wellen jene Antwort für eine Weile verbergen oder verschlucken sollten, wenn auch nach einer weiteren Nacht noch kein auswertbares Signal angekommen ist, dann erinnert euch gegenseitig daran, dass ihr nicht alleine seid auf dieser See und euer Mühen nicht verrauscht: „Sing weiter, Deeper, sing weiter, Deeper. Denn ich habe euch versprochen, stets im Dienst und an Bord zu sein, so dass kein einziger Ton in der Leere verlorengeht. In den Tiefen und Untiefen dieser Welt habe ich immer gespürt, was zum großen Versprechen unserer Kirche geworden ist: „Da ist einer, der dich hört, (…) und der Mittel und Wege finden kann, dich zu erreichen und dir zu antworten.“[4]  Fahr nur immer wieder hinaus – dorthin, wo es tief ist! Du wirst dort fündig werden.“

 —

Dr. Emilia Handke, leitet als Pastorin das Werk „Kirche im Dialog“  der Nordkirche und ist Lehrbeauftragte der Universität Hamburg

Bilder: Thomas Hirsch-Hüffell und Antje Dorn


 

[1] https://www.kirchenrecht-nordkirche.de/document/24017#s00000040

[2] Ebd.

[3] Paul Tillich: Systematische Theologie, Bd. 1, Stuttgart 21956, 15.

[4] Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin: 42016, 441.

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