Frauentag beim Synodalen Weg

Heute ist Internationaler Frauentag, heute wird an den Kampf der Frauen für Sichtbarkeit und Gleichberechtigung erinnert. Ein Kampf, der lange nicht zu Ende ist und in der Katholischen Kirche erneut Fahrt aufnimmt. Agnes Wuckelt benennt unterschiedliche Strategien im Umgang mit den Forderungen, Anforderungen und Herausforderungen beim Synodalen Weg.

Zum Internationalen Frauentag 2021 über das „Frauenforum“ des Synodalen Wegs der Kirche in Deutschland nachdenken: Das heißt, die ganze Geschichte des Frauentags in Kurzform zusammenzufassen. Einsatz für Gleichheit und Gleichberechtigung, Frauenwahlrecht, Frauenrechte und Frauenstreik, Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit, Geschlechterquote und Parität, Frauen in Führungspositionen; gegen Geschlechterklischees, Sexismus, sexualisierte Gewalt und Missbrauch; mit dem Ziel einer Beseitigung jeglicher Diskriminierung der Frau… Hinzu kommen seit Jahrzehnten gestellte innerkirchliche Forderungen: nach Anerkennung der Personwürde der Frau (durch die Frauenverbände in den 1960er Jahren), nach dem Diakonat der Frau (durch die Würzburger Synode in den 1970ern), nach geschlechtergerechter Sprache in Liturgie und Verkündigung (durch die feministische Theologie seit den 1980ern), nach dem Zugang zu allen Diensten und Ämtern (seit den 1990er Jahren), mehr Frauen in Leitungsfunktionen (seit den 2000er Jahren) –  um nur einige Punkte zu nennen. Kurzum: Über 100 Jahre Frauengeschichte in einem Forum zur Situation von Frauen in der katholischen Kirche bearbeiten!

unmöglich, aber überfällig

Nach einzelnen Stimmen im Forum, aus deren Sicht eine weiterreichende Veränderung der Situation von Frauen in der Kirche weder notwendig noch möglich ist, ist die Arbeit rasch erledigt: Es gehe doch lediglich um ein „tieferes Verständnis der Würde der Frau und ihrer Rolle in der menschlichen Gesellschaft und in der Kirche“, wie sie letztlich von „Beginn der Schöpfung und bis in alle Ewigkeit“ von Gott gewollt ist (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 166, 12). Es sei daher ausgeschlossen, dass die nur Männern vorbehaltenen Ämter für Frauen geöffnet werden. Außerdem: Hätte Jesus dies gewollt, dann hätte er…

Daneben: Meinungen und Vorstellungen von großer Bandbreite, bis hin zu Stimmen voller Ungeduld, Unmut und Unverständnis: Wie lange noch? Es sei alles gesagt, die theologischen Argumente für die Weihe von Frauen lägen seit langem vor. Zudem müsse endlich, humanwissenschaftlichen Erkenntnissen folgend, die binäre durch eine offene Geschlechterordnung ersetzt werden. Verstärkt werden diese Stimmen durch die aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit – für die einen nur „Zeitgeist“, für die anderen „Zeichen der Zeit“, die im Geist Jesu zu deuten sind. Dazu treten die Erwartungen von Kirchenmitgliedern und innerkirchlichen Bewegungen, die sich eine erneuerte und geschlechtergerechte Kirche wünschen – und zwar hier und heute.

erst einmal im Rahmen bleiben

Strategie 1: Erst einmal das aufzeigen, was nach geltender Lehre und geltendem Recht möglich ist, wohin sich alle „mitnehmen“ lassen und was schon morgen (eigentlich sogar seit gestern) konkret entschieden und in Einlösung der von der Bischofskonferenz 2019 beschlossenen Quote von 30 Prozent Frauen in Leitungspositionen in die Praxis umgesetzt werden kann. Da ist noch „viel Luft nach oben“! Sich dabei bis an die Grenzen des Möglichen wagen und in den Diskurs über das noch Statthafte eintreten – auf dem Hintergrund verinnerlichter religiös-kirchlicher Sozialisation, nach der großmöglichste Einmütigkeit zu erreichen ist und gegebenenfalls Zugeständnisse zu machen sind. Nur: Wer soll wem was zugestehen?

den Rahmen sprengen

Strategie 2: Ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau!? Die Auseinandersetzung darüber zeigt, dass Dienste und Ämter von Frauen in Kirche und Gesellschaft lange Zeit entlang der Geschlechtergrenzen buchstabiert wurden. Vor allem im kirchlichen Kontext prägt nach wie vor Zweigeschlechtlichkeit die Chancenverteilung und Machtstrukturen. Die Ansprüche der Amtskirche und die Veränderungen gesellschaftlicher Vorstellungen sowie eine genderbezogene Theologie treffen im Forum aufeinander: Gegen normativ bezeichnete Vorstellungen („von Beginn der Schöpfung bis in alle Ewigkeit“) steht eine Theologie, die Gerechtigkeit und Befreiung als zentrale, dem Evangelium entsprechende Prinzipien erkennt. Deutlich wird, dass sich die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln stellt. Jeder beleuchtet jeweils spezifische Problemebenen: die der strukturellen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, die der Hierarchie in Form von Androzentrismus und die der Unterdrückung, die dem Festhalten an einer bipolaren Geschlechterordnung inne liegt.

lehramtliche Theologie überholen

Strategie 3: Auch wenn es müßig ist: Wieder und wieder die Denk- und Argumentationsfehler der traditionellen Lehre aufdecken und die theologischen Argumente insbesondere für die sakramentale Weihe von Frauen* vortragen. Entscheidungsträger – denn aufgrund ihrer Position haben sie die Macht und die Verantwortung dafür, dass der Synodale Weg etwas bewirken kann – ermutigen, diese Argumente wahrzunehmen. Sie überzeugen, dass es sich lohnt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und in den Diskurs einzutreten. Dass sie etwa die Behauptung, nur ein geweihter Mann könne Christus repräsentieren, als theologisch endgültig überholt betrachten. Es braucht die Erinnerung daran, dass das II. Vatikanische Konzil Türen geöffnet hat, die den Zugang aller Geschlechter zu Diensten und Ämtern möglich machen: Die Absage an jegliche Diskriminierung (Gaudium et spes), die Betonung der gleichen Würde aller Menschen aufgrund ihrer Gottebenbildlichkeit und des Auftrags an alle Getauften, die befreiende Botschaft des Evangeliums zu verkünden (Lumen gentium). Es muss kritisch benannt und korrigiert werden, dass allen Konzilsaufbrüchen entgegen an einem Machtverhältnis festgehalten wird, das Frauen* den Weg zum Weiheamt versperrt.

wider alle Hoffnung der Berufung folgen

Strategie 4: Die Erfahrungen von Frauen, die sich zur Diakonin oder Priesterin berufen fühlen, ernst nehmen und ihnen Gehör verschaffen. Gleichberechtigt neben der theologischen Reflexion und Argumentation stehen die Lebensgeschichten von Frauen, die unter dieser Diskriminierung leiden. Sie fühlen sich in ihrem Berufen-Sein nicht wahr-, geschweige denn ernstgenommen. Sie sind denen hilflos ausgeliefert, die befinden, dass ein „solches Empfinden, so edel und verständlich es auch sein mag, […] noch keine Berufung“ darstellt und daher „die Bestätigung durch die Kirche“ verweigern (Erklärung „Inter insigniores“ 1976, 6). Das Öffentlich Machen dieser Erfahrungen ist äußerst wichtig für die Arbeit des Forums – das erst auf Initiative des ZdK eingerichtet wurde und durch das die vielfältigen Dimensionen des Machtmissbrauchs innerhalb der katholischen Kirche immer deutlicher zutage treten. Sie müssen darüber hinaus in der (kirchlichen) Öffentlichkeit zur Sprache gebracht werden (vgl. Philippa Rath (Hg.): „Weil Gott es so will“ – Frauen erzählen von ihrer Berufung zur Diakonin und Priesterin, Freiburg 2021). Zugleich erfordert es Ermutigung und Mut, den persönlichen Weg der Berufung im Vertrauen auf Gott zu gehen und zur Überzeugung zu stehen, mit den eigenen Fähigkeiten und Begabungen Kirche neu denken und anders leben zu können. Auch dazu braucht es das „Frauenforum“!

geduldig ungeduldiger Widerstand

Strategie 5: Der „Kirche“ noch einmal eine (letzte) Chance geben. Eine häufige Interviewfrage an Synodal:innen lautet: „Warum sind Sie (immer noch) dabei?“ Hintergrund dieser Frage ist die oben genannte Tatsache, dass insbesondere die Inhalte des „Frauenforums“ eine lange und zeitweise Misserfolgs-Geschichte haben. Die ältere Generation in Forum und Synodalversammlung ist sich dieser Geschichte bewusst und hat sie hautnah erlebt, auch erlitten. Und aus Sicht der jüngeren Generation: Sind nicht die meisten Forderungen derart überholt, dass sie viele Menschen in Kirche und Gesellschaft schon längst nicht mehr interessieren? Warum also sich wieder und weiterhin daran abarbeiten? Zumal bisherige Gesprächsprozesse – ob bundesweit oder diözesan – auch nicht von durchschlagendem Erfolg gekrönt waren. Was also ist es? Es ist diese spröde Heimat Kirche – in der die religiöse Sozialisation erfolgte, in der die Beziehung zu Gott, Mensch und Mitwelt entstehen und wachsen konnte, in der Spannungen, Widersprüchliches und Verletzungen durchlebt werden mussten. Diese Heimat kann so leicht nicht aufgegeben werden. Und zugleich ist es die Vision des Reiches Gottes, die zu dieser Heimat gehört. Das Beheimatet sein wie die Vision motivieren zu geduldig ungeduldigem Widerstand. Noch einmal, als letzte Chance – zugleich unter der Perspektive „Mich werdet ihr so schnell nicht los“…

 


Autorin: Dr. Agnes Wuckelt war Profession für Praktische Theologie / Religionspädagogik an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Paderborn. Sie ist stv. Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Mitglied des ZdK und der Synodalversammlung sowie des Forums „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“.


Anlässlich des Internationalen Frauentags weist Dr. Agnes Wuckelt auf den weltweiten Aufruf des Catholic Women’s Council zum Einsenden von Berufungszeugnissen hin. Weitere Informationen unter: https://www.catholicwomenscouncil.org/de/


Beitragsbild: Dr. Agnes Wuckelt

 

 

 

 

 

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