Religion? Irgendwie schon. Aber glauben, das nicht.

Christiane Bundschuh-Schramm liest „Gespräche mit Freunden“, den Bestseller der jungen irischen Autorin Sally Rooney, und entdeckt verwischte, ereignishafte Spuren des Religiösen.  

Gespräche mit Freunden. Auf dem Klappentext heißt es, sie drehen sich um Sex und Freundschaft, Kunst und Literatur, Politik und Liebe. Religion ist nicht dabei. Auf der vierten Romanseite wird das Thema kurz angeschnitten, aber die beiden Frauen Frances und Bobby verneinen. Sie sind nicht religiös.

„Es sind nur immer mehr Dinge, die man durchmacht“

Buchcover Sally RooneyGleich vorweg: Es bleibt dabei. Das Buch ist von einer klassischen Bekehrungsgeschichte weit entfernt. Aber es gibt religiöse Spuren, Fragmente, Ereignisse. Die ganze Geschichte, wenige Monate aus dem Leben von Frances, der Ich-Erzählerin, besteht aus Fragmenten und Ereignissen. Das ist nicht die bekannte Ich-Suche, der alte Traum von der Identität, womöglich noch die Arbeit an der Selbstentwicklung. Berufliche Identität? Unwichtig. Karriere? Unbedeutend. Das eigene Leben? Bedingt interessant, bisweilen gar nicht. Das Leben? „Jeder macht immer gerade irgendwas durch, oder? Es sind nur immer mehr Dinge, die man durchmacht“ (304).

Nicht geradlinig. Eher poly, z.B. polyamor.

Gespräche mit Freunden ist ein Buch über die Art, wie man heute zumindest als junger Mensch Ich sein kann. Nicht geradlinig und nicht einlinig. Eher poly, z.B. polyamor. Nicht im gestern und nicht im morgen. Eher jetzt. Nicht geplant und planbar. Eher zufällig, zufallend, bisweilen stolpernd und ereignishaft.

So fällt ihr bei ihrer Mutter zufällig die Bibel in die Hand. Jesus als besserer Mensch, das gefällt ihr mehr für sie selber als an ihm. Die Lektüre der Jesusworte und -geschichten interessiert sie, aber sie erschließen sich ihr nicht. Als wären die Sätze zu großspurig für ein nicht gespurtes Leben. Viel später sitzt sie in einer Kirche. Ihre nicht bösartige, aber unheilbare Krankheit ist vielleicht ein Grund, dass sie über diese Schwelle tritt. Aber der größere Eindruck bei der Leserin ist, dass es einfach passiert.

Sie erwischt sich beim Beten, obwohl sie nicht glaubt.

Sie erwischt sich beim Beten, obwohl sie nicht glaubt. Sie fängt groß an mit ihren Gedanken, wie es bei Religion üblich ist. Aber auf einmal kehrt sich das um: „Statt mächtige Gedanken zu wälzen, versuchte ich mich auf etwas Kleines zu konzentrieren, das Kleinste, das mir einfiel. Jemand hat irgendwann diese Kirchenbank gemacht, sie in die Kirche getragen, die Bodenfliesen gelegt, die Kleider hergestellt. … Als ich die Augen öffnete, spürte ich, das ich etwas verstanden hatte, und die Zellen meines Körpers schienen aufzuscheinen wie Millionen glühende Kontaktpunkte“ (347; 348).

Unvorhersehbar, unfassbar: Ereignis?

Passt für das, was hier beschrieben wird, die Kategorie des Ereignisses? Ereignis ist nach Michael Schüssler das Zeit-Dispositiv der Gegenwart. Ereignis ist nach Slavoj  „das überraschende Auftreten von etwas Neuem, das jegliches stabiles Schema unterläuft“. Ein Ereignis ist unvorhersehbar, unfassbar und unerfahrbar. Es hinterlässt nur, Emmanuel Levinas folgend, eine Spur. Diese Spur kann man aufgreifen, so wie Frances sie aufgreift und in ihren Beziehungen wirksam werden lässt. Als sich daraufhin ein „friedliches Gefühl“ bei ihr einstellt, fragt sie sich, „ob Gott schließlich doch etwas damit zu tun hatte“ (353), ohne dass sie ihm eine materielle Existenz zutraut.

Theologie im Zeit-Dispositiv des Ereignisses

Zwei Erkenntnisse wage ich anzuschließen:

Zum einen: der Gebrauch der Religion ist in spätmodernen Zeiten so fragmentarisch, fragil, momenthaft und zufällig-zufallend, wie das Leben erfahren wird. Diagnostische Begriffe dazu sind die flüchtige oder fluide Moderne (Zygmunt Baumann) oder eben das Zeit-Dispositiv des Ereignisses.

Zum anderen: die veränderte Erfahrung betrifft das Religionskonzept selber, das bisher entweder auf ewige Wesenheit oder auf lineare Identität aufgebaut ist. Sie zeigt eine andere Theologie, einen anderen Gott, ohne dieser Veränderung das christliche Potenzial abzusprechen. Es geht zumindest darum, diesen verborgenen Wandel nicht zu verpassen, sondern theologisch zu begleiten. Ich meine, es geht noch um mehr: Wir brauchen einen neuen Zugang zur Theologie, der Prozess (Alfred N. Whitehead), Struktur (Heinrich Rombach) oder Ereignis (Martin Heidegger, Emmanuel Levinas, Jean-Luc Marion) kreativ aufgreift und vielleicht sogar kombiniert.

Sally Rooney, Gespräche mit Freunden, München (Luchterhand) 2019.

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Dr. Christiane Bundschuh-Schramm ist Referentin für pastorale Grundstazfragen im Bistum Rottenburg-Stuttgart.

Bild: Luchterhand (Coverbild)

 

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