Religion und Politik: Säkularisierung? Sakralisierung?

Think outside the box

Im Vorfeld der Jahrestagung des Nachwuchsnetzes Dogmatik und Fundamentaltheologie zum Thema „Religion und Politik“ plädiert Franca Spies dafür, dass Religionen sich auf den säkularen Staat einlassen.

Wer hätte das gedacht: Das Kreuz spielt im Jahr 2018 in einem deutschen Landtagswahlkampf eine prominente Rolle. Und zwar nicht jenes, das auf dem Wahlzettel den Willen der Wähler*innen festhält, sondern das antike Folter- und Mordinstrument, das dem Christentum paradoxerweise seit frühester Zeit zum Heilszeichen, zu Gottes Kraft (1Kor 1,18) geworden ist. Gott ist tot und doch auferstanden. Dieser Satz, der in geschulten Ohren als Grundformel des christlichen Glaubens erscheint, entwickelt sich in unseren Zeiten erstaunlicherweise zu einer adäquaten Beschreibung diffuser politischer Strömungen in Europa. Söders Kreuze sind kein Einzelfall. Auch andere religiöse Relikte erstehen derzeit aus ihren Gräbern und werden zur semantischen Speerspitze politischer Bewegungen und Interessengruppen: Das „christliche Abendland“ muss in Deutschland seit Jahren gegen Merkels Migrationspolitik herhalten, in Ungarn begründet nun die „christliche Familie“ eine Abschaffung von Gender Studies an den Universitäten.

In der Kreuzdebatte verkommt Religion zur Chiffre.

Freilich kehrt hier kaum jener Gott in die Gesellschaft zurück, den das Christentum als Vater, Sohn und Geist verehrt, dessen Menschwerdung es als unbedingte Heilszusage bekennt und von dem es die Vollendung der Welt erhofft. Söders Kreuz ist kaum mehr als ein „Bayernlogo“ (U. Nothelle-Wildfeuer[1]) mit abgrenzender Funktion gegenüber dem Islam; die christliche Religion verkommt „zur Chiffre für gute Erziehung, Volkstümelei oder Folklore“ (L. Wiesenhütter[2]). Nicht minder lassen sich christliche Abendländer und Familien als instrumentalisierte Ideologeme enttarnen, die gegen die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaft und die eigene Überforderung mit der Komplexität der Welt ein regressives „So und nicht anders“ setzen.

 Säkularisierungstheorien stoßen an ihre Grenzen.

Es war einmal: Die Entzauberung der Welt
Dabei schien Max Weber vor etwa einhundert Jahren mit seiner These der „Entzauberung der Welt“ eine Weichenstellung für das Verhältnis von Religion und Politik vorzunehmen, die für die folgenden Generationen prägend werden sollte: Numinose Mächte würden künftig als Weg der Welterklärung ausdienen und der Rationalisierung Platz machen. Wie kaum ein anderer brachte Weber damit das Selbstverständnis des modernen Menschen zur Sprache. Die „Entzauberung der Welt“ wurde zur Grundlage der Säkularisierungstheorien: Die freiheitliche Entwicklung der Gesellschaft — in Fragen der Wissenschaft, der Politik oder der Wirtschaft — würde zum Rückgang der Religionen führen.

Spätestens seitdem Jürgen Habermas unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September den Begriff der „postsäkularen Gesellschaft“ prägte, wird über den Zusammenhang von Modernisierung und Religion anders gesprochen. Die Säkularisierungsthese ist hoch umstritten: Galten die USA lange Zeit als Ausnahme der westlichen Welt, insofern ihre Modernisierung einer religiösen Vitalität nicht im Wege stand, so mag man heute den europäischen Säkularismus für diese globale Ausnahme halten.[3] Und auch dieser wankt. Die oben geschilderten politischen Entwicklungen scheinen den Säkularisierungsskeptiker*innen recht zu geben: Trotz eines Rückgangs an Mitgliedern von Religionsgemeinschaften kehrt die Religion in den öffentlichen Diskurs zurück.

Doch auch die These von der Rückkehr der Religion bleibt ambivalent.

Doch bleibt die Rückkehr der Religion ein ambivalentes Phänomen. So sehr sich Christ*innen darüber freuen mögen, dass religiöse Fragen — wie die Bedeutung des Kreuzes — nun wieder auf öffentlicher Bühne verhandelt werden, so sehr droht andererseits die Vereinnahmung, Verzeichnung oder Instrumentalisierung von Religionen: als Feindbild im Falle des Islams, als abgrenzender Identitätsmarker im Falle des Christentums. Zweifelsohne müssen wir unter den Bedingungen der mitteleuropäischen Gegenwart so dringend über Religion und Politik nachdenken wie eh und je. Das Nachwuchsnetzwerk Dogmatik und Fundamentaltheologie lädt bei seiner nächsten Jahrestagung genau dazu ein.[4]

Wer hat Angst vorm säkularen Staat?
Zunächst liegt es am Staat, jede instrumentalisierte Entdifferenzierung von Religion und Politik zu vermeiden, indem er sich seiner weltanschaulichen Neutralität und seines Verständnisses von (positiver wie negativer) Religionsfreiheit neu vergewissert. Für die Religionen stellt sich die Frage: Können sie mehr oder etwas anderes sein als das Symptom und Instrument einer Zeit, in der „wir […] eine Renaissance ethnischer, nationaler und konfessioneller Wir/sie-Unterscheidungen [erleben]“?[5] Wie gelingt eine Öffentlichkeit von Religion, die nicht in die regressive Identitätsfalle tappt, sondern konstruktiv, produktiv, subsidiär zum gesellschaftlichen Frieden und einer menschenwürdigen Politik beiträgt?

Religionen müssen ihr Verhältnis zur Politik reflektieren.

Die Religionen sind also gefordert, ihren Begriff des Politischen, ihr Verhältnis zur weltanschaulichen Pluralität und zur Demokratie neu zu bedenken, sowie — als Anwältinnen der eigenen Sache — gegen die Vereinnahmung von religiösen Gehalten oder Symbolen einzustehen. Eine Grundeinsicht besteht, wie Saskia Wendel überzeugend argumentiert, darin, den begrenzten Geltungsanspruch religiöser Wahrheiten auf dem Feld des Politischen anzuerkennen: Sie können eine motivationale Funktion für die politische Handlung übernehmen, begründungslogisch sei im Kontext gesellschaftlicher Debatten jedoch auf säkulare Argumentationsmuster zurückzugreifen, die über die eigene religiöse Überzeugung hinaus Geltung beanspruchen können.[6]

Vor diesem schonungslosen Einlassen auf einen säkularen Staat brauchen sich die Religionen nicht zu fürchten, denn es bringt ihnen (wie auch dem Staat) einen erheblichen Zugewinn an Freiheit: die Freiheit, abseits politischer Machtspiele die Wahrheit zu suchen und für diese nicht mit Gewalt, sondern mit guten Gründen einzustehen. Mit Machtverzicht und guten Gründen kann eine Religion schließlich auch vermeiden, sich politisch instrumentalisieren lassen zu müssen — etwa wenn ihr sinnentleerte religiöse Symbole in der Öffentlichkeit als lebendiger Gott verkauft werden.

 

[1] https://www.feinschwarz.net/das-kreuz-bayernlogo-oder-heilszusage/
[2] https://y-nachten.de/2018/05/bayerische-kreuze/
[3] Vgl. Hans Joas, Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums, Freiburg 2012, 34ff.
[4] http://www.katholische-theologie.info/Portals/0/institutionen/Zusammenschluesse/Call%20for%20paper%20-%20Nachwuchsnetzwerktagung%202019.pdf. Der Call for Papers läuft noch bis zum 30. November 2018. Ein herzliche Einladung an alle Interessierten!
[5] Heinrich Geiselberger (Hg.), Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, Berlin 2017, 11.
[6] Vgl. Saskia Wendel, Religiös motiviert — autonom legitimiert — politisch engagiert. Zur Zukunftsfähigkeit Politischer Theologie angesichts der Debatte um den öffentlichen Status religiöser Überzeugungen, in: Dies. / Judith Könemann (Hg.), Religion, Öffentlichkeit, Moderne. Transdisziplinäre Perspektiven, Bielefeld 2016, 289-306, 300ff.

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Zur Autorin: Franca Spies ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am AB Dogmatik mit Quellenkunde der Theologie des Mittelalters der Uni Freiburg. Sie gehört dem Tagungsteam des Nachwuchsnetzwerkes Dogmatik und Fundamentaltheologie an.

Bildquelle: Nikita Kachanovsky/ Unsplash.

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