Der Religionslehrer als Kabarettist: Interview mit Stefan Haider

Humor ist nicht unbedingt das, was man als erstes mit der katholischen Kirche verbindet. Zugleich gehört aber Karneval bzw. Fasching gerade zu den katholischen Traditionen dazu. Einer, der Theologie und Kabarett verbindet, ist der österreichische Kabarettist und Religionslehrer Stefan Haider. Im Interview mit Johann Pock nimmt er Stellung zum persönlichen Glauben, was in der Sündenfallerzählung der wahre Knackpunkt ist und was er an seiner Kirche liebt.

Du bist Theologe und Lehrer – und zugleich auf der Bühne. Welchen Einfluss hat das Kabarett auf deinen Unterricht?

Wahrscheinlich hat der Unterricht mehr Einfluss auf mein Kabarett als umgekehrt. Ich bringe immer wieder Erlebnisse und Erkenntnisse aus dem Unterricht auf die Kabarettbühne. Jener Teil des Religionsunterrichts, wo es um Vortrag geht, wo ich vor der Klasse rede und der Rest zuhören und mitdenken sollte, da gibt es natürlich Parallelen. Wie schaffe ich es, meinen Inhalt, meine Gedanken und meine Botschaft so zu präsentieren, dass sich möglichst viele davon angesprochen fühlen? Und da helfen auf der Bühne wie in der Klasse Humor, Pointen, überraschende Wendungen, Irritationen und Abwechslung.

Auf der Bühne wie in der Klasse helfen Humor, Pointen und Abwechslung

Man hört jetzt immer häufiger: „Religion ist Privatsache!“ Du thematisierst aber Religion auf öffentlichen Bühnen. Warum ist nach deiner Meinung Religion auch etwas, was öffentlich sein muss?

Religion wird ja in erster Linie von jenen gerne als Privatsache deklariert, die den Einfluss von Religion auf das öffentliche Leben möglichst minimieren wollen. Zuhause kann jeder anbeten und machen, was er will. In der Öffentlichkeit hätte das nichts verloren. Oft kommt dann noch irgendein Hinweis, dass man es da mit der Religion so halten sollte wie mit dem Sex. Daheim und hinter verschlossenen Türen. Aber wenn Sex privat wäre, gäbe es keine gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Ehe für alle und keine Genderdebatten. Religion ist genauso wenig privat. Wer die Botschaft Jesu und Nachfolge ernst nimmt und ernst meint, der wird diese auch in die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen einbringen wollen. Das ist mühsam und verlangt von allen Seiten die Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Gleichzeitig ist es aber auch unumgänglich.

„Gott auf die Bühne mitnehmen“

Theologisch sagen wir, dass man Gott überall begegnen kann. Gab es für dich im Zuge deiner kabarettistischen Auftritte und deinen Begegnungen im Umfeld des Kabaretts auch solche Momente oder Orte, wo du sagst: Da habe ich etwas von Gott entdeckt?

Das ist natürlich eine sehr große Frage und ich befürchte immer, dass, wenn ich von Gottesentdeckungen rede, diese Entdeckungen dann gleich wieder weg sind. Der schwierigste Moment in meinem Kabarettistenleben ist für mich der Moment unmittelbar vor dem Auftritt. Ich kämpfe schon mein ganzes Leben mit Lampenfieber und gerade bei großen und wichtigen Auftritten, Fernsehaufzeichnungen und ähnlichem, kann es ganz schwer für mich werden. Ich habe über die Jahre ein Gebet entwickelt, das ich vor fast jedem Auftritt in der Garderobe bete, direkt bevor ich auf die Bühne gehe. Mein Versuch ist also eher, Gott gleich auf die Bühne mitzunehmen als ihm erst dort zu begegnen.

„Lustig wird es immer dann, wenn dem Ideal die Realität dazwischenkommt“

Die Bibel ist voll von Erfahrungen der Menschen zwischen Geburt und Tod, Freud und Leid. Gibt es für dich besondere Stellen der Bibel, die dich als Kabarettist inspirieren?

Die vielleicht wichtigste Bibelstelle für mich persönlich sind die ersten Worte Jesu im Markusevangelium: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe! Ändert euern Sinn und glaubt diese frohe Botschaft.“ Das ist meine interpretierende Übersetzung dieser Stelle. Bis jetzt reichen mir diese Fragen als Lebensfragen: Was ist erfüllte Zeit? Wie sieht Reich Gottes konkret aus? Wie kann ich meinen Sinn so ändern, um darauf zuzugehen? Das sind auch die Grundthemen aller meiner Programme, hoffe ich zumindest.

Lustig wird es immer dann, wenn dem Ideal die Realität dazwischenkommt, wenn Wollen und Können, Schein und Sein sich nicht decken. Wenn es allzumenschlich wird und Gott und die Welt in Bewegung gesetzt werden, um den eigenen Standpunkt als den einzig wahren zu behaupten.

Das Beispiel der Sündenfallerzählung

Und ich mache mir auf der Bühne immer wieder auch Gedanken über ganz konkrete Bibelstellen. Zum Beispiel die Sündenfallerzählung. In der Schule höre ich da oft, dass die sprechende Schlange total unrealistisch ist, weil es so etwas gar nicht gibt. Ich weise dann darauf hin, dass in dieser Geschichte Adam zuerst auf Gott hört und die verbotene Frucht nicht isst. Als seine Frau ihm sagt, er solle die Frucht essen, macht er es aber sofort. Er macht auf der Stelle, was seine Frau ihm anschafft. Wie realistisch ist das? Ich war schon immer der Meinung, die sprechende Schlange ist nicht der Schwachpunkt in der Geschichte.

Als Religionslehrer und Theologe hast du den kirchlichen Auftrag zur Verkündigung. In welcher Form ist für dich auch das Kabarett eine mögliche Form der Weitergabe des Glaubens? Oder kannst du das für dich trennen zwischen kirchlichem Ort und dem Ort des Kabaretts?

Mir ist es wichtig, dass meine kabarettistische Tätigkeit nicht im Widerspruch zu meinem Religionslehrersein steht. Und ich schätze, meiner Schulaufsicht ist das auch wichtig. Ansonsten ist die Kabarettbühne aber nicht zwingend ein Ort der Verkündigung. Mein erstes und wichtigstes Anliegen ist es, das Publikum zu unterhalten, und das mit Themen, die mir wichtig sind. Wenn das gelingt, bin ich zufrieden. Ich bekomme auch immer wieder Rückmeldungen, dass sich Besucherinnen und Besucher die eine oder andere Inspiration aus dem Programm mitnehmen, Das freut mich dann natürlich sehr.

„Ich bin der Kirche dankbar, dass sie die Botschaft Jesu über 2000 Jahre aktuell gehalten hat.“

Mit der katholischen Kirche verbindet man zumeist weniger den Humor als vielmehr viele Gebote und Vorschriften, bei deren Übertretung gebeichtet werden muss. Hättest du Ratschläge oder Ideen für die Kirche, wie sie ihr Image verbessern könnte?

Ich glaube nicht, dass die Kirche noch irgendwen braucht, der Ideen hat, wie sie ihr Image verbessern könnte. Da gibt es ja schon ein paar Vorschläge. Ich bin der Kirche dankbar, dass sie die Botschaft Jesu über 2000 Jahre lang aktuell gehalten hat und Räume schafft, wo ich heute noch Jesus begegnen kann. Genau deshalb ist und bleibt die Kirche ja unverzichtbar.

Gerade weil die Schwächen, Fehler und Unzulänglichkeiten der Kirche heute im öffentlichen Bewusstsein so präsent sind, erlebe ich die Kirche in ihrem Auftritt oft sehr bescheiden, einladend und dienstleistungsorientiert im besten Sinn des Wortes. Das ist mir persönlich sehr sympathisch.

Ich bin in der Pädagogik wie im Leben allgemein ein großer Fan von nicht-direktiven Zugängen. Nicht vorschreiben und gebieten, sondern entwickeln lassen, unterstützen und Vertrauen haben, dass die Menschen die kompetenten Experten für ihr eigenes Leben sind. Und dass sie dabei von Gott begleitet sind, weswegen sich die menschliche Einmischung ruhig etwas zurückhalten darf.

„Lachen kann ein Zeichen des liebevollen Umgangs mit dem eigenen Scheitern sein“

Was würdest du Menschen entgegnen, die nur im ernsten Jesus den „Gottessohn“ erkennen wollen, die Religion selbst als eine „ernste Sache“ sehen?

Meine schnelle Komikerantwort wäre: Wenn Gott keinen Humor hätte, hätte er nicht die Zeugen Jehovas erfunden. Aber ich versuche natürlich zu verstehen, warum für nicht so wenige Menschen Humor und Glaube Gegensätze sind. Jesus bezeichnet sogar Petrus als Satan, als dieser die Realität des Leidens und des Kreuzes leugnen will. Ich denke, dass ist der entscheidende Punkt, warum viele Gläubige ein Problem mit Lachen, Komik und Humor haben. Sie denken, dass dadurch die Realität des Leidens in irgendeiner Weise geleugnet werden soll. Es geht aber nicht um eine lachende, selbsterlöste Welt.

Lachen und Humor können auch Zeichen sein, sich von sich selbst und den eigenen Machbarkeitsphantasien zu distanzieren, wenn wieder einmal etwas nicht so wie geplant funktioniert hat. Sie können Zeichen eines liebevollen Umgangs mit dem eigenen Scheitern und dem der anderen sein, und sie können ein Zeugnis sein für die Erkenntnis, dass wir hier auf Erden immer nur mit vorletzten Realitäten zu tun haben, die wir zwar ernst nehmen sollen, aber nicht die ganze Zeit.


Mag. Stefan Haider hat in Graz Theologie studiert und unterrichtet Religion (in einer Schule für Mode und Elementarpädagogik in Wiener Neustadt). Zugleich ist er seit ca. 20 Jahren als Kabarettist tätig. Das aktuelle Soloprogramm heißt „Freifach Herzensbildung“.

Das Interview führte Johann Pock, Redaktionsmitglied.

Beitragsbild: Pressefoto 2 | ©Christoph Schramm

Beitrag zum Kabarettprogramm „Sexy Jesus“:

Sexy Jesus

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