Rezension: Sie kam aus Mariupol

Cover, Rowohlt

Redaktionsmitglied Birgit Hoyer hat Natascha Wodins Roman „Sie kam aus Mariupol“ gelesen.

Zwangsarbeit in Deutschland, das Schicksal von displaced persons, eine Kindheit unter diesen Vorzeichen in Franken – kein Thema für Dokumentationen, schon gar nicht für Literatur. Natascha Wodin hat die Suche nach ihren Wurzeln und den Blick auf ihr Leben zu einem Roman verarbeitet. Der Roman dokumentiert eine ebenso verdrängte wie bis heute wirkmächtige Zeit, thematisiert Verkettungen von Unrecht, Verflechtungen von Nationen, von Geschichte, Politik, Familien, Biographien.

„Die nach Deutschland verschleppten Männer und Frauen wurden in bis heute unbekannter Zahl in der deutschen Kriegswirtschaft zu Tode geschunden, aber noch Jahrzehnte nach Kriegsende fand sich über die Verbrechen an den sechs- bis siebenundzwanzig Millionen Zwangsarbeitern – die Zahlen schwanken dramatisch von Quelle zu Quelle – nur gelegentlich ein einzelner, dünner Bericht in einem Kirchenblatt oder in einem lokalen Sonntagsblatt.“ (S. 24)

Natascha Wodin  verwebt autobiographische und historische Fäden ihrer Kindheit und ihrer Herkunftsfamilien in die politische Geschichte Russlands, Griechenlands und Deutschlands und spart dabei die tiefen Traumata in ihrem Kunstwerk nicht aus. „Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übrig geblieben war.“ (S. 24)

Die Schilderungen ihrer Not als Kind ehemaliger ZwangsarbeiterInnen im Nachkriegsdeutschland beschämen im Rückblick, aber auch angesichts aktueller Flüchtlingsschicksale in Deutschland. „Um mich in den Augen deutscher Kinder aufzuwerten, hatte ich ihnen erzählt, meine Eltern, für die ich mich so schämte, seien gar nicht meine wirklichen Eltern, sie hätten mich auf ihrer Flucht aus Russland im Straßengraben gefunden und mitgenommen, in Wirklichkeit würde ich aus einer reichen russischen Fürstenfamilie stammen. […] Irgendwann durchschauten sie mich natürlich, und dann jagten sie mich erst recht, die kleinen Rächer des untergegangenen Dritten Reiches, die Kinder der deutschen Kriegerwitwen und Naziväter, sie jagten sämtliche Russen in meiner Gestalt, ich war die Verkörperung der Kommunisten und Bolschewiken, der slawischen Untermenschen, ich war die Verkörperung des Weltfeindes, der sie im Krieg hatte und ich rannte, rannte um mein Leben.“ (S. 25f.)

In Zusammenhang mit ihrer Mutter erinnert sie sich vor allem deren Erzählung von dem Massaker an den Juden und Jüdinnen in ihrer Heimatstadt Mariupol am 21. Oktober 1941. „Meine Mutter war immer eine innere Figur für mich geblieben, Teil einer vagen, im Ungefähren angesiedelten Privatvita, die ich mir jenseits politischer und historischer Zusammenhänge erfunden hatte, in einem Niemandsland, in dem ich ein herkunftsloses, wurzelloses Einzelwesen war.

Es begann mit einer Spielerei, schreibt Wodin zu Beginn ihres Buches. Sie gab den Namen ihrer Mutter in eine russischen Internet-Suchmaschine ein und erhielt einen Treffer. Die sich daran anschließenden Recherchen fördern ironischerweise eine adlige Herkunft zutage, in die sich das Mädchen Natascha aus ihrer Armut immer wieder herausgeträumt hatte. Mit Hilfe eines russischen Hobby-Ahnenforschers erfährt die Autorin viele Details ihrer Familiengeschichte, findet sogar Verwandte in Sibirien. „Die längste Zeit meines Lebens hatte ich nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin. Niemand hatte es mir gesagt, nicht meine Eltern, nicht die deutsche Umwelt, in deren Erinnerung das Massenphänomen der Zwangsarbeit nicht vorkam.“ (S. 24)

Aber auch über ihre Herkunft spricht die Mutter nicht. An einem Oktobertag 1956 verlässt sie wortlos die Wohnung und bringt sich um. Natascha ist zehn Jahre alt. „Nach und nach begriff ich, warum sie ihre Herkunft nie erwähnt hatte. Zu ihrer Zeit in der Sowjetunion hatte es nichts Schlimmeres gegeben, als adelig zu sein. […] Und wahrscheinlich vermischte sich in ihr die Angst mit Selbstverachtung und Scham, weil sie nach und nach selbst geglaubt hatte, dass Menschen wie sie ein minderwertiger Auswuchs der Gesellschaft waren, dass sie keine Lebensberechtigung besaßen, sondern auf den Müll der Geschichte gehörten. Sie war nicht erst in Deutschland zum Untermenschen erklärt worden, sie war bereits in der Ukraine einer gewesen.“ (S.51)

Natascha Wodin ist ein wertvolles Stück Literatur gelungen, ein lesenswertes und lehrreiches Buch, das Ungesehenes und Verlorenes zur Sprache bringt und zum Nachdenken anregt über Entwurzelung, Fremdheit und Heimatlosigkeit.

Text: Birgit Hoyer 

Bild: Buchcover von Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol. Rowohlt, 368 S., ISBN:  978-3-498-07389-3, Tb 12,- Euro

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