„Schau noch mal genauer hin!

An diesem Sonntag erhält Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Warum ihr auch theologisch zu danken ist, erklärt Wolfgang Beck.

„Schau noch mal genauer hin!“ Dieser Satz hat sich mir aus meinem Latein-Unterricht eingeprägt. Pädagogisch wertvoll war er ein menschenfreundlicher Hinweis unserer Lehrerin, dass wir beim Übersetzen, beim Deklinieren und Konjugieren Fehler gemacht hatten. Die Freude an der Sprache habe ich damit zwar auch nicht gewonnen, aber immerhin die Erkenntnis, dass ein doppeltes und dreifaches Hinsehen wertvoll sein kann.

Dass ein genaues Hinsehen von großer politisches Bedeutung sein kann, zeigt die Journalistin Carolin Emcke in ihren Arbeiten. Am nächsten Sonntag wird sie dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Rahmen der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet. Den JurorInnen des Stiftungsrates ist zu ihrer Entscheidung zu gratulieren, mit der sie – wie schon im Vorjahr – eine bedeutsame intellektuelle Stimme im Land ehren!

 

Ehrung einer genauen Beobachterin

Carolin Emcke ist einer großen Leserschaft dabei seit langem als Publizistin und als Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung in der Rolle einer im besten Sinne aufmerksamen Beobachterin des Zeitgeschehens bekannt. Sie steht damit für einen Journalismus, der nicht nur berichtet und kommentiert, was sich aufdrängt. Ihr Fokus liegt vor allem auf dem Hintergründigen, für dessen Bedeutung und Dramatik es den doppelten Blick braucht. Ihre Berichte aus unterschiedlichen Krisenregionen der Welt zeugen von dem persönlichen Einsatz für das genaue Hinsehen. Wer sich zu diesem genaueren Hinschauen auffordern lässt, wird mit ihr die immer wieder erschreckenden Mechanismen der Ungerechtigkeit entdecken. Beispiele beschreibt Emcke in ihrem jüngsten, pünktlich zu Buchmesse und Preisverleihung erschienen Buch „Gegen den Hass“[1].

Wer wie Emcke zum Hinsehen bereit ist, für den und die wird es auch persönlich herausfordernd.

Emcke plädiert dafür, genau hinzusehen – und zwar auf die einzelnen Menschen mit ihren Prägungen, Schicksalen und Biographien. Wer wirklich hinschaut, wird zum Zeugen[2] derer, die übersehen werden. Wie ernst es Emcke mit diesem Hinsehen als Zeugenschaft auch persönlich meint, hat sie bereits in dem Buch „Wie wir begehren“[3] gezeigt. Darin geht sie nicht nur dem eigenen Erwachen der Sexualität und der Suche nach persönlichen Neigungen in ihrer Jugendzeit nach. Sie problematisiert in persönlicher Narration die Tabus des Körperlichen, wie auch die vielschichtigen Exklusionsmechanismen. Diese zeigen sich nicht zuletzt in den einengenden Normvorstellungen und Schikanen in Peergroups[4], die dem Klassenkameraden Daniel[5] den Blick auf die Möglichkeiten für ein glückliches Leben verstellen. Sie lässt zu, dass sein Suizid auch zur Anfrage an eigenes Desinteresse und die eigene Sprachlosigkeit wird. Schon hier wird sichtbar: Das mehrfache Hinsehen impliziert den anspruchsvollen Weg, unbequeme Anfragen an die eigene Person und das jugendliche Kreisen um sich selbst zuzulassen. Wer wie Emcke zum Hinsehen bereit ist, für den und die wird es auch persönlich ungemütlich und herausfordernd.

Wer hinschaut, entdeckt nicht nur die Menschen, die als unscheinbar gelten. Er und sie entdeckt auch die Strukturen, in denen Menschen klein gehalten werden. Es sind Mechanismen des Ausgrenzens, die zugleich die Basis für Diskriminierungen[6] bilden. Das spiegelt die bittere Erfahrung so vieler, denen Emcke Aufmerksamkeit verschafft.

Kann aus genauem Beobachten ein Sezieren werden, das selbst zerstört?

Carolin Emcke sieht genau hin, sehr genau. Darin wird das Hinsehen zum politischen Akt, der Veränderung anstößt. Ein Problem entsteht dabei allerdings, wo dies Hinsehen nicht mehr nur in ein gewissenhaftes Analysieren übergeht, sondern zu einem Sezieren wird. Das Hinsehen und Analysieren rückt in den Blick, was Leben mindert und zerstört. Es ist ein Akt der Befreiung. Das Sezieren hingegen zerstört selbst.

Wer hätte nicht im schulischen Deutschunterricht auch schon unter der Besprechung und der Analyse von Gedichten gelitten und sich gewünscht, sie würden einfach einmal gut vorgetragen, ohne sie anschließend auseinanderzunehmen. Die Analyse von Kunstwerken, von Gedichten oder Musikstücken kann hilfreich sein, sie kann aber auch die Freude am Kunstgenuss mindern. Ja, die Analyse kann das Kunstwerk konterkarieren und zerstören. Solches Sezieren lässt nichts mehr vom Kunstwerk übrig. Wenn der Schweizer Künstler Ursus Wehrli in seinen Aktionen das Leben sortiert und Kunstwerke in seine Bestandteile zerlegt, wird humorvoll sichtbar, wie wenig die Analyse dem Kunstwerk gerecht wird. Sie droht zu einem Sezieren zu werden, das dem Schönen den Garaus macht.

Wo Carolin Emcke den Details ihrer jugendlichen und homosexuellen Selbstfindung nachgeht und diese bis in die Details der ersten sexuellen Erfahrungen ausleuchtet, droht sie diese Grenze der Beobachtung zum Sezieren zu überschreiten. Das Schöne und Zerbrechliche an den Jugenderfahrungen bleibt wohl nur erhalten, wenn nicht alle Details an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Hier wird klar: Auch wenn alles angesehen wird, muss doch längst nicht alles mit Worten entzaubert werden. Hier wird eine Radikalität der Wahrnehmung erkennbar, die berühren kann, wo sie befreiend wird. Und die abstoßen kann, wo sie den zerbrechlichen Lebenserfahrungen nicht gerecht wird.

Plädoyer für die Verworrenheit und Uneindeutigkeit von Lebensrealitäten

Emcke hält ein Plädoyer für die Verworrenheit und Uneindeutigkeit von Lebensrealitäten. Als Kunstwerk, das der Distanz bedarf, um Staunen zu verursachen, nimmt sie diese Verworrenheit nur selten wahr. Das verwundert, weil doch gerade das Undurchsichtige und Inhomogene des Lebens auch einer Vielfalt von Annäherungen bedarf. Das „Plädoyer für das Unreine“[7], in dem sich mit Jean-Luc Nancy das Plurale des Lebens konkretisiert, ist auch eine Absage an gängige Schemata des Ordnens, Sortierens und Katalogisierens von Lebensrealitäten, die sich diesen Versuchen immer weitgehend entziehen. Den zu einfachen Ordnungen wird bei Emcke das genaue Hinsehen gegenübergestellt. Diese Kunst der Wahrnehmung und Achtsamkeit ist politisch, weil sie Aufmerksamkeit für die Menschen und Lebenswege erzeugt, die gewöhnlich übersehen werden.

Das genaue Hinsehen ist Bestandteil einer Bereitschaft zur Differenzierung und ein grundlegender Schritt zur Solidarisierung mit all denen, die unter den einfachen Einteilungen und Ordnungen zu leiden haben. Es hinterfragt die gängigen Muster, mit denen Menschen kultur- und religionsübergreifend allzu schnell die Wirklichkeiten einzuordnen suchen. Die Realität ist komplex, häufig undurchsichtig und verworren. Da liegt die Versuchung überzogener Komplexitätsreduzierung nahe. Auf deren Vereinfachungen und Schematisierungen kann jener Hass wachsen, in dem etwa in Flüchtlingen und Hilfesuchenden eine Bedrohung gesehen wird.

 Ein theologischer Dank für ihre Beiträge zum Realitätseinbruch

Die Arbeiten von Carolin Emcke und ihr markantes Plädoyer für ein genaues Hinsehen sind nicht zuletzt für die christlichen Kirchen und ihre Theologie anregend. Denn Emcke mutet ihren LeserInnen überraschende und irritierende Konfrontationen mit der Realität in all ihrer Vielschichtigkeit zu. Diese Zugänge zur Realität des Lebens sind immer auch verstörend, wie am Beispiel ihres Blicks auf den Terrorismus erfahrbar ist.[8]

Carolin Emcke ermöglicht den Einbruch der Lebensrealität jener Menschen als ZeitgenossInnen auch in den Raum der Theologie, deren Biographien eben nicht nur theoretisch als theologischer Ort[9] zu identifizieren sind. Sie kann damit einen Beitrag dazu leisten, dass Theologie sich nicht auf die Formulierung generalisierter Prinzipien beschränkt[10] und darin mit einer Neigung zu neuplatonischer Entrückung[11] zur Ideologie wird. Die allgemeinen Prinzipien bauen allzu oft auf den massiven Schematisierungen von gut und schlecht, rein und unrein, heilig und ungeordnet auf.

Können „Schallwellen der Verunsicherung“ die institutionelle Neigung zur Identitätssicherung durchdringen?

Theologie hat sich immer wieder durch die pluralen Lebenswirklichkeiten verunsichern zu lassen, wenn sie nicht zur Ideologie verkommen will. Ja, die katholische Kirche hat sich mit Gaudium et spes in ihrer Theologie verpflichtet, sich von diesen Realitäten her je neu zu entwickeln. Die Verunsicherungen allerdings, die sich aus der Konfrontation von Theologie und Lebensrealitäten ergeben und einen Abschied von sprachlichen und moralischen Verengungen „des Rechts und der idealistischen Überhöhung“[12] ermöglichen, haben es in der Regel nicht leicht, mit den „Schallwellen“ ihrer Wirkung die institutionelle Neigung zur Identitätssicherung zu durchdringen. Deshalb muss christliche Theologie jedem Angebot zur Konfrontation mit zeitgenössischen Lebensrealitäten und zur Sensibilisierung für Mechanismen der Ungerechtigkeit dankbar sein. Eben dieser Dank aus theologischer Warte gilt mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels auch Carolin Emcke.

[1] Emcke, Carolin, Gegen den Hass, Frankfurt am Main 2016.

[2] Emcke, Carolin, Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt am Main 22016, 23.

[3] Emcke, Carolin, Wie wir begehren, Frankfurt am Main 32016.

[4] Vgl. Böhnisch, Lothar, Männliche Sozialisation. Eine Einführung, Weinheim-Basel 22013, 135-143.

[5] Emcke, Wie wir begehren, 153-157.

[6] Emcke, Gegen den Hass, 116.

[7] Emcke, Gegen den Hass, 191.

[8] Emcke, Carolin, Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF, Frankfurt am Main 22016.

[9] Luther, Henning, Religion und Alltag. Bausteine einer Praktischen Theologie des Subjekts, Stuttgart 2014, 38.

[10] Fuchs, Ottmar, Die Macht der Reinheit. Praktisch-theologische Kritik gegenwärtig kirchenleitender Realitäts- und Humanitätsdefizite, in: Ammicht Quinn, Regina (Hg.), „Guter“ Sex: Moral, Moderne und die katholische Kirche, Paderborn 2013, 98-122, 107.

[11] Vgl. Klinger, Elmar, Armut. Eine Herausforderung Gottes. Der Glaube des Konzils und die Befreiung des Menschen, Zürich 1990.

[12] Bucher, Rainer, Fundamentale Neukontextualisierungen. Auswege aus den Sackgassen der katholischen Ehe- und Familienlehre, in: Bauer, Christian / Schüssler, Michael (Hg.), Pastorales Lehramt? Spielräume einer Theologie familiärer Lebensformen, Ostfildern 2015, 69-82, 78.

Wolfgang Beck ist Juniorprofessor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt/M. und Sprecher beim „Wort zum Sonntag“.

Bild: Andreas Labes, 2011.

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