Mission als Krisenphänomen? Eine Krise erfordert ein entschiedenes Wollen

Begegnet Kirche der Modernisierung längst nicht mehr nur passiv? Hubertus Schönemann hinterfragt eine von Arnd Bünker aufgestellte These und führt dessen Gedanken fort. Notwendig ist ein entschiedener Entschluss zu einer inklusiven Kirchenlogik: Nicht soll es um ein Werben und Vereinnahmen gehen, sondern darum, die Begegnung mit anderen als Geschenk wahrzunehmen.

Arnd Bünker hat Mission als ein Krisenphänomen charakterisiert, das angesichts von Modernisierungsphasen die Kirche in ihrer Geschichte immer wieder erfasst und sie dazu herausfordert, sich auf neue Regeln einzulassen (feinschwarz, 23. Mai 2016). Ob seine These stimmt, dass Kirchen der Modernisierung längst nicht nur passiv begegnen?

Gegenwärtig stellt sich die Frage, ob man sich in der Kirche tatsächlich positiv auf Modernisierungsprozesse einlässt oder ob kirchliche Verantwortungsträgerinnen und -träger sowie Engagierte nicht doch weitgehend von nostalgischen Kirchenbildern geleitet werden. Sind die strategischen und operativen Entscheidungen und Handlungen tatsächlich eine positiv-lernende Annahme modernisierter und modernisierender Lebenswirklichkeiten als Ausgangspunkt des kirchlichen Verständnisses vom Evangelium und einer entsprechenden Praxis? Oder ist es ein ständiger Defensivprozess des Zurückweichens, des Zugeben-Müssens, wo man doch eigentlich andere Vorstellungen verfolgt?

Ein Bewusstsein von Mission entsteht natürlich – da hat Bünker Recht – in einer von der Kirche und für die Kirche als krisenhaft wahrgenommenen Situation, die durch Modernisierungsprozesse ausgelöst ist. Tradierte Denk- und Verhaltensmuster werden in Frage gestellt. So kann man in quantitativer Hinsicht Kirchenaustritte, Rückgang von Gottesdienstbesucher- und Priesterzahlen, qualitativ den Rückgang christlicher oder religiöser Praxis, bestimmter Werte und Glaubensinhalte oder den Verlust politisch-gesellschaftlicher Relevanz kirchlicher Positionen beklagen. Es stellt sich jedoch die Frage, wer denn eine Situation als krisenhaft wahrnimmt? In der Regel werden das Institutionenvertreterinnen und -vertreter oder im System besonders engagierte Personen sein. Es ist also noch nicht klar, ob die Krise dem Christentum und der Kirche grundsätzlich gilt, oder nicht vielmehr einer bestimmten, geschichtlich kodierten und ausgeprägten Gestalt von Kirche, die nun zu Ende zu gehen scheint.

Die einen verstehen Mission als Restauration, die anderen als Herausforderung und Chance.

Und selbst wenn man eine Krise konstatiert, bleibt noch die Frage, wie man sich in einer solchen Grenz- oder Konfliktsituation entscheidet, was man also als Ziel und als Handlungsoptionen missionaler Bestrebungen definiert. Ich sehe – etwas vereinfacht gesagt – derzeit zwei Optionen, die zugegebenermaßen etwas holzschnittartig daherkommen. In der Realität gibt es Vermittlungsfiguren und Übergänge:

Die einen verstehen Mission als Restauration einer ekklesialen Logik, bei der oft amtliches und hauptberufliches Handeln (Versorgung) im Vordergrund steht. Mission ist dann der Versuch, verloren gegangene (Ausgetretene, „Abständige“, „Fernstehende“) und auch neu vermutete Menschen (Nicht-Getaufte, Nicht-Glaubende) zur herkömmlich verdichteten Sozialform von Kirche hinzustoßen zu lassen. Hier ist im Hintergrund neben der formalen Mitgliedschaft (Taufe) oft eine bestimmte aktive Frömmigkeits- (Sakramentenempfang) oder Gemeindepraxis die leitende Zielvorstellung.

Die anderen verstehen Mission als die Herausforderung und Chance, in der veränderten Zeit (Modernisierung) eine Neuinterpretation der ureigensten christlichen Sendung zuzulassen und zu versuchen, von daher christliche und kirchliche Präsenz und Vollzüge zu innovieren (form follows function). Sie verstehen diese missionale Praxis als Inkulturation, also als den Versuch, das Eigentliche der christlichen Botschaft in anders kodierten Kulturen auszudrücken und zum Leben zu bringen. Ich sehe derzeit nicht, dass der zweite Ansatz, den ich für den angemessenen halte, schon flächendeckend ins Bewusstsein eingesickert ist.

Eine Krise bedeutet: Es gibt mehrere Möglichkeiten, die als Optionen zur Verfügung stehen, auf jeden Fall „funktioniert“ das Bisherige offenbar nicht mehr. Wir haben schon versucht, zwischen der Subjektseite und der Objektseite der Wahrnehmung einer Krise zu differenzieren. Es ist weiterhin dabei zu unterscheiden zwischen der Rolle und Relevanz des christlichen Glaubens für den Einzelnen/die Einzelne, der Bedeutung der Glaubensgemeinschaft für Prozesse in der öffentlichen Zivilgesellschaft auf der einen Seite, und auf der anderen Ebene der Bedeutung der Kirche selbst als Institution in ihrem Einfluss für den Einzelnen und für die politisch-öffentliche Gesellschaft. Oftmals geht es in missionalen Diskursen zu wenig um ersteres. Problematisch ist es, wenn Letzteres im Vordergrund steht, weil damit kirchliche Selbstreferenzialität verlängert wird.

Es zeigt sich deutlich, dass in der aktuellen Krise der Kirche(n) angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen eine exklusive Kirchenlogik in die Aporie kommt, die das „Wir“ der Kirche auf der einen Seite und die Gesellschaft oder „die Welt“ auf der anderen Seite verortet. Dies führt immer wieder zu einer Dialektik von Subjekt – Objekt, zu einer Logik von Angebot und Erreichen-Wollen, von (möglichst qualitätvoller) Präsentation und der Hoffnung auf Annahme, einer Logik von (angeblich unersetzbarer kirchlicher) Dienstleistung und „Versorgung“.

In einer inklusiven Kirchenlogik wird nicht geworben und vereinnahmt, sondern die Begegnung mit anderen als Geschenk empfangen.

Ich möchte dagegen für eine inklusive Logik des „Missionalen“ werben. Sie versucht im Kontext aktueller Partizipationsforschung, Betroffene zu Beteiligten zu machen. Sie führt dazu, nicht immer zu fragen, wie „wir“ die „anderen“ erreichen können. Dies setzt voraus, dass das „Wir“ von Kirche nicht exklusiv-abgrenzend gedacht wird, und zwar weder zwischen den „guten“ aktiven Katholikinnen und Katholiken, die zur sonntäglichen Gottesdienstgemeinde gehören, und den so genannten „Fernstehenden“, noch zwischen den formalen Kirchenmitgliedern und den Nicht-Katholikinnen und -Katholiken, möglicherweise sogar zu Nicht-Christinnen und -Christen oder Nicht-Glaubenden.

In einer inklusiven Kirchenlogik wird nicht geworben und vereinnahmt, sondern die Begegnung mit anderen als Geschenk empfangen, das uns neu das Geheimnis Gottes erschließen lässt. Dazu gehört es, offen sein für das, was sich von Gott her ereignen will, und dass wir es als solches deuten und „erzählen“, also in Sprache oder Zeichen aufleuchten zu lassen lernen.

Das muss aber erst einmal ins Bewusstsein eindringen. Es würde zu gänzlich erneuerten Formaten von Haltungen und Gemeinschaftsformen führen, von Betreuung zu Inter-esse, von Belehrung zu Begleitung, von Geben-müssen zum Empfangen-Können.

Christsein ist nur dann überlebensfähig, wenn es gelingt, die Sammlung der Heilsgemeinde Gottes, in neuen und offenen Formen zu denken und auszuprobieren.

Dennoch ist noch weitestgehend eine kirchliche Logik verbreitet, die auf der Verlängerung des Subjekt-Objekt-Denkens beruht. Und es gibt in vielen Bereichen Bemühungen, dies trotz aller Schwierigkeiten weiterzuführen, solange dies noch irgendwie möglich ist. Die Tatsache, dass Priester aus Ländern des Südens mit der Argumentationsfigur weltkirchlichen Lernens in der Pastoral Deutschland eingesetzt werden, verlängert eine kirchliche Versorgungs- und Betreuungslogik und damit das herkömmliche System. Sie kommen zumeist aus Kontexten mit einer bestimmten sakramentalen Vorstellung priesterliche Dienste (insbesondere als Eucharistievorsitz und individualistisch verstandener Sakramentenspendung) als Versorgung der Gläubigen. Insofern sind diese Priester ihrerseits Träger einer bestimmten „Mission“, die geprägt ist vom kirchlichen Verständnis in ihrer Heimat, nämlich im „säkularisierten Deutschland“ die Fahne des katholischen Glaubens hochzuhalten und zu zeigen, wie es „richtig“ geht. Die Schwierigkeiten, die sich oft für die betroffenen Priester selbst und für die betroffenen Pfarreien ergeben, sind bereits Gegentand wissenschaftlicher Beschäftigung geworden.

Im Bistum Magdeburg stellen derzeit ca. 85.000 Katholiken ungefähr 3-4% der Bevölkerung des Landes Sachsen-Anhalt dar. Es gibt derzeit 3 Pfarreien im Bistum, die keinen kanonischen Pfarrer haben. Im Bistum wird seit einiger Zeit die ekklesiale Denkfigur einer „kreativen Minderheit“ reflektiert. Dies kann ja nur so verstanden werden, dass man sich nicht mehr auf eine Binnendimension kirchlicher Selbstorganisation („wir müssen den harten Kern der Gläubigen zusammenhalten und möglichst Neue in unseren Kreis hinzugewinnen“) beschränken kann. Vielmehr ist Christsein nur dann überlebensfähig, wenn es gelingt, die Sammlung der Heilsgemeinde Gottes, die vermittelt ist in die Kontexte des umliegenden Zusammenlebens, in neuen und offenen Formen zu denken und auszuprobieren. Was dies tatsächlich für Pastoral und für Leitung und deren Unterstützung bedeutet, lässt sich derzeit erst in Ansätzen ermessen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich die katholische Kirche in Deutschland derzeit bereits in der Phase des Neustarts befindet.

Arnd Bünker ist zuzustimmen, wenn er anmerkt, dass „der neuerliche Bezug auf den Missionsbegriff signalisiert, dass die Kirchen anerkennen, in einer massiv veränderten gesellschaftlichen und religiös-kulturellen Lage zu sein.“ Mission stehe „für die Einsicht in den Ernst der Lage und für ein Bewusstsein von der Grösse und Radikalität der Herausforderungen.“ Hingegen gewinnt man jedoch oftmals den Eindruck, dass einerseits die Situation nicht überall ähnlich wahrgenommen und beurteilt wird. „Bei uns ist die Welt noch in Ordnung“, heißt es oft in Kontexten, in denen institutionelle Kirchlichkeit – zumindest vordergründig und oft in kultureller Kodierung – wahrnehmbar ist. Die Beharrungskräfte sind stark, die „das Missionale“ als den Versuch verstehen und gestalten, Menschen in der herkömmlichen Kirchenlogik, vielleicht in etwas „aufgehübschten“ Formaten, zu vereinnahmen.

Bünker beschreibt den bemerkenswerten Neustart der katholischen Kirche nach der Phase der Schockstarre angesichts der Reformation vor fünfhundert Jahren. Ich bin mir nicht sicher, ob sich die katholische Kirche in Deutschland derzeit bereits in der Phase des Neustarts befindet, angesichts der institutionellen Erosionstendenzen der letzten Dekaden ist. Es braucht einen langen Atem, um kirchliche Selbstverständlichkeiten auf eine erneuerte Logik hin zu verlassen. Es braucht Raum und Ermutigung zu begleiteten Experimenten, es braucht Visionen und Bilder, es braucht eine neue Praxis, die sich langsam Bahn bricht. Der missionale Weg hat gerade erst begonnen.

Dr. Hubertus Schönemann leitet die Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz in Erfurt.

Bild: Petra-Dirscherl, pixelio.de

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