Schneesturm. Marieke Lucas Rijnefelds „Was man sät“

Marieke Lucas Rijneveld

Christina Bickel über ein Buch, das Verlorenes und Zerbrochenes nicht einfach wegwischt.

„Was man sät“ von der jungen niederländischen Autorin bzw. dem jungen niederländischen Autor Marieke Lucas Rijnefeld (Jg. 1991), mit dem internationalen Booker Prize ausgezeichnet, ist eine finster-kraftvolle Narration, die von religiösen Bezügen durchwoben ist. Durch seine bildhaft-prägnante Darstellung von Körperlichkeit berührt dieses Buch. Seine Handlung ist geprägt von verstummenden Momente des Unsagbaren und Widerständigen, das seinen Ausdruck in drastischen, ja gewalttätigen Sprach- und Bildwelten hat. Eine Erlösung bleibt darin programmatisch unerzählt: Schuld und die Ambivalenzen des Seins bleiben bestehen, ohne aufgelöst zu werden. Der Roman öffnet, um ein Bild von Rijneveld selbst zu wählen „den Himmel höchstens zu einem Schneesturm“.  Ungewissheit und Zweifel, die gleichsam Teil der Dynamik von Glauben und Religion sind, finden ihren Ausdruck in faszinierender Direktheit.

öffnet „den Himmel höchstens zu einem Schneesturm“

Rijnefeld ist im Dorf Nieuwendijk auf einem Bauernhof im Milieu des orthodoxen Calvinismus im südniederländischen Bibelbelt aufgewachsen.  In diesem Setting der wegen ihrer Sonntagstracht sog. „Schwarzstrumpfcalvinisten“ ist auch das Buch „Was man sät“ verortet. Darin sieht man: An die Stelle des beängstigenden Glaubens an den strafenden Gott Rijnevelds Kindheit und Jugend tritt ein befreiender, schriftstellerisch-ästhetischer Umgang mit dem biblischen Erzählreichtum.

Die Landwirtschaft liegt Rijnefeld sehr am Herzen. Während des Literaturstudiums und der Schriftstellertätigkeit hat sie*er auf einem Milchhof ausgeholfen und sich um die „sensiblen Kühe“ gekümmert. Und so, wie bereits im doppeldeutigen Titel mit dem Bild des Ausstreuens bezieht sich die Autorin*der Autor auf eine landwirtschaftlich geprägte Lebenswelt.

befreiender Umgang mit dem biblischen Erzählreichtum

„Was man sät“ erzählt aus Perspektive der 12-jährigen Protagonistin Jas, wie sie und ihre Familie den Tod ihres Bruders Matthies und ihre eigenen Schuldgefühle verarbeiten. Jas gibt sich für den Tod des Bruders die Schuld: Sie wollte nicht, dass ihr Kaninchen Weihnachten geschlachtet wird und versteht den Tod ihres Bruders als Ersatzopfer. Matthies war in der Vorweihnachtszeit beim Schlittschuhfahren ins Eis eingebrochen. Seine versilberten mit Samt ausgekleideten Schlittschuhe erinnern wie als Reliquie an ihn und versinnbildlichen neben seinem leeren Platz am Essenstisch die Einsamkeit der Familienmitglieder von denen jede*r isoliert wirkt.

Diese Isolation zeigt sich auch in Jas‘ unangenehm riechender Winterjacke, nach welcher quasi als „sprechender Spitzname“ die Hauptfigur bezeichnet ist. Jas trägt die rote Jacke scheinbar, um sich vor dem Schneesturm der Trauer zu schützen, doch möchte mit dieser zugleich in die Kälte zu ihrem Bruder fliehen. Ihre Antwort auf die Frage, ob sie in der Schule aufgrund der Jacke getrietzt wird, ist ihr Schweigen. Ebensolche Leerstellen, die sich durch Ungesagtes starren Festsetzungen entziehen, durchziehen Rijnevelds Literatur. Es sind prägnante, spannungsvolle mitunter surreale und skurrile Bilder, in denen die Fantasie der ambivalent inszenierten Protagonistin geschildert wird. Religiöse Gehalte werden literarisch so umgeformt, dass es beim Lesen zu Schneeverwehungen zwischen Imagination und Realität kommt.

Schneeverwehungen zwischen Imagination und Realität

Trauer und Leid ihrer als hartherzig und starr empfundenen Mutter, die ihren Staubsauger mehr zu lieben scheint als ihre Kinder und nicht mehr isst, nimmt Jas darin wahr, dass die Mutter immer mehr Haarnadeln verwendete, um ihren Kopf festzustecken, damit er nicht aufginge und ihre ebenfalls von Schuld aufgrund eines verlorenen Kindes geprägten Gedanken offenbare. Von diesem Leid kann sich die Mutter nicht befreien, weil der Gedanke, in dieser Situation nicht zu leiden, durch religiös motivierte Schuldgefühle verstärkt, erneuertes Leid in ihr erzeugen würde.

Besonders für die diesjährige, durch Covid-19-geprägten, Adventszeit, halte ich dieses Buch für eine passende Lektüre, da es in existenzieller Drastik und Dramatik – im Verlorenen und Zerbrochenen, in Erinnerungen an eine bessere Zeit, die Frage nach Gott aufwirft.

dem Engelchen die Flügel abgebrochen

Im Roman wird dies beispielsweise dadurch illustriert, dass Jas einem Plastik-Engelchen nach dem Tod ihres Bruders die Flügel abgebrochen hat, um zu sehen, ob diese von alleine nachwachsen würden. Denn Gott würde ihrer Erwartung nach dafür sorgen. Der zerschundene und missachtete Gottesbote wird schließlich von der Protagonistin zwischen „vergessenen roten Zwiebeln“ als Zeichen der Trauer und enttäuschten Hoffnung auf liebevolle Resonanz begraben.  – Ein trauriges, nicht harmonisch geglättetes, mutiges Ende; ein Ende, das Raum für ein über die Buchseiten hinausweisendes Mehr bietet.

Pfrin. Christina Bickel ist Theologin und Literaturwissenschaftlerin und hat am Hans-von-Soden-Institut für theologische Forschung an der Philipps-Universität Marburg ihre Dissertationsschrift zum Thema „Religion im Werk von Maarten ‚t Hart. Eine narratologische Untersuchung in praktisch-theologischer Perspektive“ verfasst.

Bild: Suhrkamp Verlag

Marieke Lucas Rijneveld, „Was man sät“, Suhrkamp 2019, ISBN: 978 0 571 3 49364. Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel „De avond ist ongemak“ [deutsch etwa „Der Abend ist beschwerlich“] bei Uitgeverij Atlas Contact.

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