Selbstkritik der Friedensbewegung. Ein Leserbrief

Robert Seither, Pastoralreferent / Frankfurt a.M) schreibt zum Beitrag „Frieden und Freiheit verteidigen, aber wie?

Als langjähriges, mal mehr, mal weniger aktives Mitglied von Pax Christi teile ich die Aussagen von Michael Schüßler weitgehend. Ich möchte gern an folgenden Gedanken anknüpfen:

„’Sie sind Verzweifelte, für deren Verzweiflung ich als Teil der westlichen Gesellschaft eine Verantwortung trage.‘ Dieser Verantwortung (…) wird sich auch die christliche Friedensbewegung stellen müssen und es wird sich hier wohl vieles verändern.“

Die Bilder aus der Ukraine zerreißen mir das Herz. Diese Zerstörungen, dieses Leid, diese Brutalität verursachen mir körperlichen Schmerz. Und was uns bezüglich der Klimakrise schon länger bewusst ist: nicht „wir“ (in den westlichen Gesellschaften), die  in großem Umfang für den Klimawandel verantwortlich sind, leiden bislang besonders unter dessen Folgen, sondern es sind andere, beim Klimawandel die Menschen in den armen Ländern des Südens – das gilt nun auch für den Krieg in der Ukraine.

Aber wir tragen eine Mitverantwortung.

Putin ist der Aggressor, er ist zuallererst der Schuldige, und ich hoffe sehr, dass er und weitere Verantwortliche einmal zur Rechenschaft gezogen werden für ihre Verbrechen. Aber wir tragen eine Mitverantwortung. Unsere Politik und Wirtschaft haben jahrelang zugesehen, wie sich Russland unter Putin immer weiter zu einem totalitären Staat entwickelt, politische Opposition wie Bürgerrechtsbewegungen weitgehend zerschlagen hat und dabei auch vor Mordanschlägen im Ausland nicht zurückschreckte. Die expansionistischen Bestrebungen Putins waren spätestens seit der Annexion der Krim und der militärischen Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine nicht mehr zu leugnen oder zu verharmlosen. Dass die Verträge für NordStream 2 nach diesen Ereignissen abgeschlossen wurden, sagt viel über die Geisteshaltung der in Deutschland Verantwortlichen aus.

Wo war da die Friedensbewegung? Wo gab es einen Aufschrei vergleichbar der „Aktion Aufschrei“ gegen deutsche Rüstungsexporte in Staaten, in denen Menschenrechte massiv verletzt werden?  Gab es Blockaden vor dem Williy-Brandt-Haus oder den Zentralen deutscher Energiekonzerne? Gab es  mehr als halbherzige Appelle zur Rückkehr zum Völkerrecht und zur Fortführung eines Dialogs, der in den vorausgehenden Jahren offensichtlich nichts zum Besseren verändert hatte? Dies ist ausdrücklich kein Vorwurf an „die anderen“, sondern es ist Selbstkritik. Es ist ein Schuldbekenntnis, das ich als Mitglied der christlichen Friedensbewegung ablege.

Es ist ein Schuldbekenntnis, das ich als Mitglied der christlichen Friedensbewegung ablege.

Biblisch betrachtet ist das schmerzliche Gefühl der Reue über das, was man als falsch erkannt hat und als eigene Schuld bekennt, verbunden mit dem Versprechen umzukehren, Buße zu tun. Worin kann für uns die angemessene Buße und Umkehr bestehen? Bei Friedensdemonstrationen am vergangenen Wochenende wurden Schilder gezeigt mit der Aufschrift: „Open your heart – close the sky“. Offensichtlich stößt die Forderung der ukrainischen Regierung an die NATO, eine Flugverbotszone einzurichten, auf Resonanz. Die Bilder der von Raketen und Bomben zerstörten Städte, von Verletzten, Traumatisierten, die täglich steigende Zahl der Opfer sind auch für mich kaum zu ertragen. Ich spüre den starken Wunsch, dass das endlich aufhört, dass möglichst viele russische Flugzeuge und Raketen am Starten gehindert oder abgeschossen werden, bevor sie weiter Angst und Schrecken verbreiten können. Aber wäre das die angemessene Umkehr der Friedensbewegung, den Pazifismus aufzugeben und stattdessen ein stärkeres militärisches Eingreifen zu fordern? Weniger aus pazifistischer Gesinnung denn aus verantwortungsethischen Gründen muss die Antwort eindeutig „Nein!“ lauten. Was in der Ukraine mit seinen vor Kriegsbeginn 44 Millionen Einwohnern geschieht, ist brutal und grausam, aber es ist immer noch das kleinere Übel im Vergleich zu einem Krieg, der ganz Europa mit über einer halben Milliarde Menschen überziehen würde und in dem der Einsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen werden könnte.

Wir müssen bereit sein, unsere Komfortzone zu verlassen

Was dann? Mittelfristig halte ich eine an die Wurzeln gehende selbstkritische Überprüfung bisheriger Aktions- und Reaktionsmuster in der Friedensbewegung für nötig. Anknüpfend an Gandhi setzt zivile, nichtmilitärische Konfliktlösung zuallererst die Bereitschaft voraus, in den Konflikt zu gehen, dem Bösen Widerstand zu leisten, auf die Gefahr hin, selbst zum Opfer von Gewalt zu werden. Wir müssen bereit sein, unsere Komfortzone zu verlassen; wir müssen bereit sein, um eines gerechten Friedens willen Opfer zu bringen, Schmerzen zu erleiden.

Kurzfristig könnte das bedeuten, uns politisch – auch mit den erprobten Mitteln zivilen Widerstands – dafür einzusetzen, dass Putins Kriegsführung mit allen zur Verfügung stehenden nichtmilitärischen Mitteln behindert wird. Dass Sanktionen konsequent umgesetzt und auf Energielieferungen ausgeweitet werden. Ob ein sofortiges vollständiges Embargo unsere Gesellschaften zu stark destabilisieren würde, vermag ich nicht zu beurteilen; aber um eines baldigen Ende des Krieges willen müssten wir bereit sein, vorübergehend deutliche Einschränkungen unseres Lebensstandards in Kauf zu nehmen. Wobei es originäre Aufgabe der christlichen Friedensbewegung wäre, für eine sozial gerechte Verteilung der Belastungen zu kämpfen.

Reue – Schuldbekenntnis – Umkehr: Die Besinnung auf diesen biblischen Dreischritt könnte der christlichen Friedensbewegung helfen, ihre Berufung neu zu entdecken.

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Robert Seither, Pastoralreferent in der Gemeindeseelsorge, Frankfurt a.M.

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