Geistliche Gemeinschaften – die Spitze eines Eisbergs

Hildegund Keul über das neue Buch von Johanna Beck: Mach neu, was dich kaputt macht.

Missbrauch und Vertuschung in „Geistlichen Gemeinschaften“ werden in Deutschland viel zu wenig diskutiert. In Frankreich ändert sich dies, seit Céline Hoyeau, Journalistin der Tageszeitung „La Croix“, vor einem Jahr ihre hervorragende Studie „La Trahison des Pères“ (Der Verrat der Väter) publizierte.[1] Ausgangspunkt ihrer Recherche war die lange Liste von Gründern „Neuer Geistlicher Gemeinschaften“, auf die die Kirche in den letzten Jahrzehnten allergrößte Hoffnungen setzte, die charismatisch wirkten, begeisternd predigten, eine breite Anhängerschaft und jede päpstliche Unterstützung fanden, dann aber als Missbrauchstäter enttarnt wurden. Das Problem zeigt sich auch international. Im Februar 2017 berichtete Braz de Aviz, Kardinalpräfekt der Vatikanischen Kongregation für die Institute geweihten Lebens, in einem Interview, dass etwa 70 „Neue Geistliche Gemeinschaften“ wegen missbräuchlichen Verhaltens ihrer Gründer einer Untersuchung unterzogen werden.[2]

Schon wieder Einzelfälle?

In Deutschland wird die Debatte bislang eher punktuell geführt. Im Oktober 2020 veröffentlichte Alexandra von Teuffenbach ihre Forschungen zum Gründer der Schönstattbewegung, Pater Josef Kentenich (1885–1968), dem von mehreren Frauen geistlicher Missbrauch und sexuelle Gewalt zur Last gelegt werden.[3] Kurz darauf stand die „Katholische Integrierte Gemeinde (KIG)“ im Fokus, in der sich Joseph Ratzinger über Jahre bis in seine Zeit als Papst überaus engagierte, deren Grundstruktur jedoch von spirituellem und humanem Missbrauch durchtränkt war und die im November 2020 von Kardinal Reinhard Marx aufgelöst werden musste.[4] Im Jahr darauf setzte der Bischof von Münster dem Verein „Totus Tuus – Neuevangelisierung” in der Diözese Münster wegen spirituellem Missbrauch, übergriffigem Verhalten und mangelnder Einsicht in die Tragweite der Missstände ein Ende.[5]

Katholische Pfadfinderschaft Europas: Verein des Rechtskatholizismus klammheimlich anerkannt …

Trotz dieser Fälle wird Missbrauch in „Geistlichen Gemeinschaften“ nach wie vor geradezu sträflich unterschätzt. Dies zeigte sich im Dezember 2021, als die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) klammheimlich die „Katholische Pfadfinderschaft Europas“ (KPE) anerkannte. Der in Deutschland und Österreich aktive Verein gehört zum Rechtskatholizismus und dient dem „Engelwerk“ als Nachwuchsorganisation. Wegen seiner dezidiert spirituellen Ausrichtung zähle ich ihn zu den „Neuen Geistlichen Gemeinschaften“. Zu seinem Markenkern gehört neben strafendem Gott, Rosenkranz und Beichtzwang eine stramme Anti-Gender-Politik, was ihm bei speziellen Bischöfen hohe Sympathien einbringt.

Ein neues Buch bringt Licht ins Dunkel

Wer sich über Missbrauch und Vertuschung in der KPE erkundigen möchte, kann dies nun anhand des Buchs von Johanna Beck „Mach neu, was dich kaputt macht“ tun, das soeben im Herder-Verlag erscheint.[6] Das Buch bringt Licht ins Dunkel. Pikanterweise ist Beck, die sich für Reformen in der Kirche stark macht, im Sprecherteam des Betroffenenbeirats der DBK. Dieser wurde vor der Entscheidung zugunsten der KPE vorsichtshalber gar nicht erst nach seiner Meinung gefragt. Umso wichtiger Becks hervorragend geschriebenes Buch. Es erzählt ihre Missbrauchsgeschichte in den 1990er Jahren. Diese Vergangenheit ist nicht vorbei, denn der Täter ist heute noch in Exerzitien aktiv, obwohl Beck ihn kirchlich angezeigt hat. Die KPE sah bislang keine Notwendigkeit, sich bei ihr zu entschuldigen, Bedauern und Anerkennung auszusprechen, geschweige denn eine Entschädigung anzubieten.

„Drastische Schilderungen von Höllenstrafen, ständiges Drohen mit dem Fegefeuer, ein auf Außenstehende völlig abstrus wirkendes Konglomerat an Engeln und Dämonen, ständige Aufforderung zum Beichten […] und ich bin der festen Überzeugung, dass Pater Hönisch mit der KPE eine hochproblematische bis gefährliche fundamentalistische und sektenartige Gruppierung gründete“ (Beck 2022, 19). „Geistliche Unterweisung“ wird zur manipulativen Macht, die mit Angst arbeitet und gierig auf die Seelen und Körper von Menschen zugreift.

„Madame Survivante“ auf feinschwarz.net

Für „feinschwarz.net“ ist Beck keine Unbekannte. Hier meldete sie sich zunächst unter dem Pseudonym „Madame Survivante“ zu Wort. Zu der Stimme kam bald das Gesicht, Beck legte ihr Pseudonym ab. Es zeigt sich, wie wichtig dieser Schritt für die Offenlegung von Missbrauch und Vertuschung ist. Seitdem tritt sie im Betroffenenbeirat und vielen Interviews, beim synodalen Weg und in den sozialen Medien eindrücklich für jene Reform der katholischen Kirche ein, ohne die Missbrauch und Vertuschung nicht zu überwinden sind. Auch davon erzählt ihr Buch. Es gibt zu denken, dass in einer vertuschenden Institution der Glaube der Opfer schwer verletzt wurde, während der Glaube der Täter unberührt blieb und ihre Resilienz spirituell noch verstärkte. Diese Tatsache kann zum Ausgangspunkt werden für das spezielle Lehramt der Betroffenen, ohne das der christliche Glaube nicht zurück zum Evangelium findet.

Beck erzählt, was Hoyeau analysiert

Becks Bericht über erlittenen spirituellen und sexuellen Missbrauch liest sich wie ein Narrativ zu jener Analyse, die Céline Hoyeau mit „La Trahison des Pères“ publizierte. Hoyeau beleuchtet die Bedeutung von Papst Johannes Paul II., der den Gemeinschaften zutraute, die Kirche vor dem Niedergang zu retten, und ihnen daher den entscheidenden „Ritterschlag“ gab. Beck erzählt von einem damaligen Besuch ihrer Gemeinschaft in Rom, wo junge Frauen im Anblick des Papstes in ekstatische Zustände verfielen und die Besinnung verloren; zu jenen Sternen, die Missbrauch und Vertuschung zu Fall brachten, gehört nun auch JPII.

Hoyeau untersucht, wie Missbrauch und Vertuschung systemisch ermöglicht und befördert werden. Da die Kirchenführer nach dem 2. Vatikanum übergroße Hoffnungen auf die Gemeinschaften richteten – sie sollten den Niedergang aufhalten und „den Sinn für das Heilige wiedergewinnen“ (Hoyeau 2022, 77–82), sahen sie über die Opfer hinweg, die der unerschütterliche Glaube an das Heilige erzeugte. Bei Beck erlangt dies lebensgeschichtliche Farben, wenn sie beschreibt, wie schwer es ist, sich aus dem Missbrauch in einer „Geistlichen Gemeinschaft“ zu lösen, wenn die ganze Familie der Gemeinschaft angehört. Alle glauben an die große Mission, das Heilige, das die charismatischen Priester in persona verkörpern.

Hoyeau und Beck sehen große Aufgaben auf die Theologie zukommen. Eine Hauptfigur in Hoyeaus Studie ist Marie-Dominique Philippe (1912–2006), der jahrelang Frauen spirituell missbrauchte und ihnen sexuelle Gewalt zufügte. Der perfide Täter war fast zwanzig Jahre lang Professor für Philosophie and Dogmatik bei „Le Saulchoir“, einer Dominikaner-Hochschule ausgerechnet der „Nouvelle Theology”, die als eine der innovativsten Theologien ihrer Zeit galt und bis heute noch gilt. Was bedeuten Missbrauch und Vertuschung für diese Theologie?

Suizidgefahr – unsichtbar

Besonders erschütternd wird es, als Beck über akute Lebensgefahr schreibt, was vielleicht der mutigste Teil ihres Buchs ist. Sie hatte sich als junge Frau von der Kirche abgewandt und fand erst später zu einer Gemeinde, die einen befreienden Glauben praktiziert. 2018 kamen die Medienberichte über die MHG-Studie heraus. Die persönliche Konfrontation mit den Abgründen, die sie als Kind und Jugendliche erlitten hatte, begann. Beinahe wäre Beck der akuten Lebensgefahr erlegen. Es fehlte nur ein kleiner Schritt, der beinahe nebenher geschehen wäre, ohne gezielte Absicht. Wahrscheinlich wäre niemand auch nur auf die Idee gekommen, dass dieser absichtslose Tod mit Missbrauch in Verbindung stehen würde oder gar auf ihn zurückzuführen wäre. Die Suizidrate bei Missbrauch liegt auch heute noch komplett im Dunkeln. Dass Beck ein Blitzlicht auf dieses Dunkel wirft, ist ein großes Verdienst ihres Buchs.

Die Spitze eines Eisbergs

Die KPE ist nicht die einzige Gemeinschaft, die öffentlich in der Kritik steht. Vielmehr stellt sich die Frage, ob „Geistliche Gemeinschaften“, die sich dem Heiligen und der Rettung der Kirche verschreiben, besonders anfällig für Missbrauch und Vertuschung sind. Sehen wir hier gerade erst die Spitze, die auf einen unsichtbaren Eisberg verweist?

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Text: Prof. Dr. Hildegund Keul, Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft, Universität Würzburg, leitet seit 2017 das DFG-Projekt „Verwundbarkeiten. Eine Heterologie der Inkarnation im Vulnerabilitätsdiskurs“. Jüngst erschien: Schöpfung durch Verlust. Band II: Eine Inkarnationstheologie der Vulnerabilität, Vulneranz und Selbstverschwendung. Würzburg University Press (WUP) 2021 (Print sowie Open Access https://doi.org/10.25972/WUP-978-3-95826-173-0)

Bild: Herder-Verlag

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[1] Hoyeau, Céline: La trahison des pères. Emprise et abus des fondateurs de communautés nouvelles. Montrouge: bayard 2021. Das Buch wird voraussichtlich Anfang 2023 im Herder-Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen.

[2] „Sono circa 70 le nuove famiglie religiose sulle quali abbiamo messo la nostra attenzione. Abbiamo fatto delle visite e alcuni stanno rivelando dei casi davvero preoccupanti, con gravi problemi di personalità nei fondatori e fenomeni di plagio, di forte condizionamento dei membri psicologici. Ci sono fondatori che si sono rivelati dei veri padroni delle coscienze.“ (www.settimananews.it/vita-consacrata/braz-de-aviz-non-tempo-ars-moriendi/)

[3] Teuffenbach, Alexandra von: „Vater darf das!“ Eine Archivdokumentation. Sr. M. Georgina Wagner und andere missbrauchte Schönstätter Marienschwestern. Nordhausen: Traugott Bautz 2020.

[4] www.erzbistum-muenchen.de/news/bistum/Katholische-Integrierte-Gemeinde-in-der-Erzdioezese-aufgeloest-38193.news.

[5] www.bistum-muenster.de/startseite_aktuelles/newsuebersicht/news_detail/bischof_genn_loest_vereinigung_totus_tuus_auf.

[6] Beck, Johanna: Mach neu, was dich kaputt macht. Warum ich in die Kirche zurückkehre und das Schweigen breche. Freiburg: Herder 2022.

Als Madame Survivante schrieb Johanna Beck auf feinschwarz.net:

Verletzliche Kirche – Offener Brief an die Bischöfe

 

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