Sinnsuche im Sauerland

Die Region ist entlegen. Das ist ihre Schwäche und ihre Stärke. Spiritueller Tourismus boomt mit seinen Angeboten von Stille, Entschleunigung und Zu-Sich-Kommen bei Bewohner:innen wie Gästen. Mittendrin Monika Winzenick, christliche Wegbegleiterin und Netzwerkerin zwischen Land und Kirche.

„Südwestfalen und seine Ferienregionen Sauerland und Siegerland-Wittgenstein sind reich an Kirchen, Bildstöcken und anderen Formen christlicher Symbolik in der Kulturlandschaft. Hinzu kommt eine große Zahl von Orten in der Natur, die bis heute in ihrer besonderen Ausstrahlung wahrgenommen werden: Plätze an Landschaftsgrenzen oder mit beeindruckenden Ausblicken und symbolhafte Landschaftselemente wie Berggipfel, Bäume und Gewässer. Moscheen, Synagogen und Orte buddhistischer Spiritualität vervollständigen das Angebot. Das Netzwerk ‚Wege zum Leben. In Südwestfalen.‘ führt die Menschen in diese Landschaft und in die Stille und die Langsamkeit […] Es erschließt das spirituelle Potenzial der Region und entwickelt es weiter.“ So ist es auf der Projektwebsite zu lesen.

Frau Winzenick, Sie sind von Anfang an Akteurin im Spirituellen Sommer, der vom Netzwerk „Wege zum Leben“ veranstaltet wird. Als Gemeindereferentin gestalten sie damit ein passendes pastorales Angebot für die Menschen auf dem Land und leisten einen Beitrag, dass der Lebens- und Wirtschaftsraum Sauerland eine Zukunft hat. So eine enge Kooperation zwischen Kirche und Regionalentwicklung ist ja eher ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

Das war Fügung. Gemeinsam mit meiner damaligen Kollegin hatte ich gerade eine Ausbildung zur spirituellen Wegbegleiterin abgeschlossen und die Christliche Wegbegleitung für Menschen auf dem Land begründet. Von Anfang an haben wir dieses Angebot mit dem Projekt „Spiritueller Sommer“ im „Netzwerk. Wege zum Leben“ vernetzt. Die Christliche Wegbegleitung beteiligt sich mit eigenen Angeboten am Spirituellen Sommer, wie z.B. Mondscheingottesdiensten, Klangschalentagen, spirituellen Wanderungen mit geistlichen Impulsen und Einzelgesprächen, spirituellen Kirchenführungen – in den letzten 9 Jahren 251 Angebote mit 142.618 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Das ist ja eine beeindruckende Zahl, offensichtlich treffen Sie mit Ihren Angeboten den Nerv der Zeit bzw. der Menschen. Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Arbeit?

„In unserem weitläufigen Pastoralverbund sind die Wege von besonderer Bedeutung. Die weiten Kirchwege, aber auch die weiten Wege zur Arbeit, zu Geschäften und zu sozialer Versorgung. Gleichzeitig gibt es verschiedene Wallfahrten: in Bödefeld zum Kreuzberg, in Grafschaft zum Wilzenberg und in Wormbach zur Heiligen Walburga. Fußwallfahrten nach Werl von Eslohe und Arpe, eine zunehmende Pilgerbewegung auf der Heidenstraße, auf Jakobswegen, dem Franziskusweg im Marpetal und zahlreiche Kreuzwege in freier Natur. Und das ist jetzt noch nicht mal eine vollständige Aufzählung der Wallfahrtsorte in unserem Pastoralverbund. Das Pilgern ist eine niedrigschwellige, gut angenommene Form des Glaubensausdruckes, des Unterwegs-Sein im Glauben. Viele Wandertouristen und junge Familien als Feriengäste prägen Schmallenberg und Eslohe.

Es gibt in den Schmallenberger Hotels einen ökumenischen Flyer mit der Darstellung der Kirchen und der Gottesdienstzeiten, außerdem für Wanderer z.B. an den 22 Kapellen des Pastoralen Bereiches Dorlar-Wormbach Visitenkarten mit Kurzinformationen. Wir machen uns als Kirche also gemeinsam auf die Suche nach einer zukunftstragenden Gestaltung für Wallfahrt, Prozessionen, Kapellen, alte und neue Gottesdienstformen.

Das Netzwerk „Wege zum Leben. In Südwestfalen“ bietet mit den Vertretern des Tourismus, der evangelischen Kirche, anderer Religionen, des Sauerländischen Gebirgsvereins (SGV), der verschiedenen Heimatbünde, der Jakobspilger, der Werlpilger aber auch eine gute Strukur. Mit der Christlichen Wegbegleitung bündeln wir ein Kaleidoskop von Angeboten spezifisch christlicher Spiritualität des Pastoralverbunds Schmallenberg-Eslohe.

Man merkt Ihnen die Begeisterung für das Land und die Kirche auf dem Land an. Da steckt offensichtlich viel Potential, aber auch viel Arbeit drin. Wie groß ist denn Ihr Team?

Von Anfang an steht dafür eine 100% Stelle zur Verfügung, die ich mir immer mit einer Kollegin teile. Die andere Hälfte der jeweiligen Stelle ist für die Sakramentenkatechese etc. im Pastoralverbund angesiedelt. Ich habe viele Angebote für Suchende, Zweifelnde und Glaubende entwickelt, individuell und in Gruppen nach den Quellen für das je eigene gelingende Leben zu suchen. Besonders wichtig ist mir, die Vielfalt der Gottesdienstformen und Gebetszeiten zu zeigen und zu nutzen, in denen persönliches Leben und Evangelium sich berühren, wenn nicht gar durchdringen.

Das Interesse der Menschen vor Ort ist sehr groß und so habe ich viele Mitstreiter gefunden, z.B. einen Automechaniker, in dessen Werkstatt wir Gottesdienst feiern – so mitten im Leben. Außerdem gibt es in der St. Alexander Kirche in Schmallenberg Gebete im Turm, Brot-Zeiten, eine Pause an der Rochus Kapelle in Eslohe für Frauen und Männer, die samstagsmorgens um 8 Uhr da vorbeijoggen, Atem-Pausen, Mondscheingottesdienste, Gedenken für Straßenverkehrsopfer, etc.

Was ist denn in der Vielfalt des Angebots Ihr Highlight?

Highlight passt genau. Etwas ganz Besonderes ist die Lichter – und Zuspruchskirche, die ich als Christliche Wegbegleiterin mit den entsprechenden Angeboten versorge, um auf mediale Weise Menschen in ihrer Spiritualität zu begleiten. Die Besucherinnen und Besucher können sich die wechselnden thematischen Angebote über einen Touchscreen auswählen. Die Kirche wird illuminiert und je nach ihrer momentanen Stimmung wird den Gästen eine Andacht, Impuls, Musik oder Meditation zugesprochen. Viele Menschen finden dadurch wieder neuen Zugang zum Glauben. Seit 2015 wurden die thematischen Angebote ca. 204.400 mal angeklickt.

Letzthin wollte ich nur mal kurz die neuen Dateien aufspielen. Und dann kam ich an diesem Nachmittag nicht wieder zurück ins Büro. Aus der halben Stunde wurde der ganze Nachmittag, denn in der Lichterkirche saß ein Ehepaar mit Tränen in den Augen. „Wir sitzen schon seit 1,5 Stunden hier in der Kirche und hören uns Andachten und Musik an. So etwas Schönes haben wir noch nie erlebt.“ Und dann brach es aus ihnen heraus und sie erzählten mir ihre Lebensgeschichte. Ich hörte zu, fragte nach und ermutigte sie. Das Ehepaar verabschiedete sich dann und kurze Zeit später standen vier Frauen in der Kirche und erzählten mir, dass sie regelmäßig kommen würden, um gemeinsam Andachten oder Musik zu hören. Gemeinsam im Kirchenraum war die Verbundenheit mit den Frauen zu spüren.

Das ist ja ein faszinierendes Projekt. Sie sind am 1. Februar vor 28 Jahren als Gemeindereferentin gestartet. Haben Sie sich Ihre Arbeit so vorgestellt?

Das Projekt Christliche Wegbegleitung und gerade auch die Lichter- und Zuspruchskirche haben meine Arbeit als Gemeindereferentin völlig verändert. Viele Jahre habe ich Gesprächszeiten und Veranstaltungen angeboten und ich war der Meinung, dass ich wusste, was Menschen brauchen. Ich habe mich ihnen förmlich aufgedrängt. Aber weiß ich wirklich, was Menschen brauchen? Und ist das überhaupt im Sinne des Evangeliums? Jesus hat auch keine Gesprächszeiten angeboten und sich den Menschen aufgedrängt, sondern er war einfach da und ansprechbar. Er hat den jeweiligen Menschen gesehen, er hat ihr/ihm An-sehen gegeben. Und er hat hingehört, was der jeweilige Mensch gerade braucht.

Ich vergleiche meine Arbeit oftmals mit der der Ranger, die im Hochsauerland auf den großen Wanderrouten unterwegs sind. Die Menschen treffen bei ihrer Wanderung unterwegs zufällig auf Ranger und kommen mit ihnen ins Gespräch. Vielleicht gehen sie gemeinsam ein Stück des Weges. Dabei erzählen sie, was sie auf dem Weg und im Wald erlebt haben. Es werden Erfahrungsräume geöffnet für die Schönheit der Natur, aber auch für ihre Zerbrechlichkeit. Der Ranger hört zu, gibt fachliche Antworten und Hinweise für den Weg. Und dann trennen sie sich wieder. Als Christin kann ich doch auch so ein Ranger sein. Für mich ist der Ranger jedenfalls ein Bild der Christlichen Wegbegleitung. Als christliche Wegbegleiterin treffe ich Menschen unterwegs, in ihren unterschiedlichen Lebensbezügen, um ihnen das Angebot des christlichen Glaubens sympathisch, unaufdringlich, in heutiger Sprache und – hoffentlich unwiderstehlich – im wahrsten Sinne des Wortes nahe zu bringen.

Und auf welche Menschen treffen Sie so als christliche Rangerin? Klappt denn der Kontakt immer?

 In der Pandemie habe ich mich zum Beispiel einfach auf eine Bank gesetzt und ich blieb nie lang allein. Manche haben sich kurz zu mir gesetzt und manche haben sich länger mit mir unterhalten. Da ging es um Alltägliches, aber auch um Trauer, Angst und Alleinsein. Die Menschen scheinen gespürt zu haben, hier interessiert sich jemand für mich, ohne Hintergedanken, ohne Be- oder Verurteilung. Als Christliche Wegbegleiterin möchte ich Gott in den Menschen entdecken und nicht schon genau wissen, wo Gott ist.

Ich bin viel unterwegs in meiner Stadt, in den verschiedenen Dörfern. Ich nehme wahr, welche Menschen dort leben und arbeiten. Ich lerne die Orte kennen, die für Menschen wichtig sind und frage mich und die Menschen, welche „Heiligen Orte“ es in der Stadt oder dem Dorf gibt. Orte, an denen Menschen zusammen leben, sich treffen, feiern und kommunizieren. Und ich entdecke die „Edelsteine“, die sich manchmal verstecken und gefunden werden wollen. Die Kirche oder Kapelle des Ortes, der Dorfplatz, ein besonderer Ort in der Natur, Kreuze am Straßenrand, Fabriken und Handwerksbetriebe, das Feuerwehrgerätehaus, die Schützenhalle, der Probenraum des Musikvereins u.v.m. Dies sind die „Heiligen Orte“, an denen Menschen zusammen kommen, feiern, zuhören, sich gegenseitig stärken.

Im Da-sein an diesen Orten und in den spirituellen Angeboten, werde ich ansprechbar für die Menschen. Ich führe so viele seelsorgliche Gespräche in der Lichter – und Zuspruchskirche oder wenn ich an den „Heiligen Orten“ eines Dorfes oder der Stadt einfach nur da und unaufdringlich ansprechbar bin. Und dann steht im Gästebuch der Lichter- und Zuspruchskirche: „Das ist mir hier alles so fremd geworden – doch ich weiß und spüre, dass es dort irgendwo eine höhere Kraft gibt. Keine Ahnung ob sie Gott heißt. Danke! für die tollen Impulse!“ oder „Das Geschenk dieser Kirche: Nach so vielen Jahren endlich um meine Toten weinen zu können – nehme ich mit großer Dankbarkeit an!“ Gibt es etwas Schöneres?

Ich vermute mal, Sie ruhen sich darauf nicht aus. Was haben Sie noch alles vor?

 Für mich stellt sich permanent die Frage, welchen Bedürfnissen und Ansprüchen müssen wir heute als Kirche gerecht werden, um Menschen im 21. Jahrhundert eine gute Möglichkeit zu geben, sich Gott zuzuwenden und ihn zu erleben? Wo werden Menschen heute in ihren Alltagssituationen angesprochen? Wo können sie ihre Emotionen zeigen? Wo können sie Gotteserfahrungen machen? Wir Menschen tragen Gefühle und Emotionen in uns. Wir können ihnen heutzutage kaum einen angemessenen Raum geben. Dabei ist genau das für ein erfülltes und glückliches Leben relevant: unser tägliches Erleben mit all seinen Höhen und Tiefen reflektieren und bewusst wahrnehmen. Wo haben Menschen heute noch dafür Raum und Zeit? Wo können sie über ihr Leben nachdenken und neue Impulse bekommen?

Im Leben eines jeden Menschen kommt der Mensch an seine eigenen Grenzen. Oft genug werden die eigenen Lebenspläne durchkreuzt. Wie verletzlich und zerbrechlich das Leben ist erfahren wir immer wieder in Krankheiten, Unglücksfällen, den kleinen und den großen Katastrophen. Wer über diese eigenen Grenzen Gott wahrnehmen kann, der verzweifelt nicht an seinen Grenzen. Als Christliche Wegbegleiterin möchte ich Raum und Zeit schaffen, um mich von den Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen ansprechen zu lassen. Ihre Freude und Hoffnung, Trauer und Angst teilen. Da-Sein, hinhören und hinsehen, deuten  und mich nicht aufdrängen. Wenn ich mich „unaufdringlich ansprechbar“ mache, wenn ich mit den Menschen eine gemeinsame Wegstrecke gehe, indem ich ihnen zuhöre, Fragen stelle und ermutige, dann öffne ich für den Menschen einen Erfahrungsraum und Erfahrungszeit für Gott.

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Text: Monika Winzenick, Gemeindereferentin und Christliche Wegbegleiterin im Pastoralverbund Schmallenberg- Eslohe. Ausbildung zur Spirituellen Wegbegleiterin und Bibelpastorale Qualifizierung. Das Gespräch führte Birgit Hoyer, Mitglied der Redaktion.

Bild: privat

 

 

 

 

 

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