Synodale Komplizenschaft?

Synodale Komplizenschaft

Das Münchner Missbrauchsgutachten und die damit einhergehenden Äußerungen von Verantwortlichen zeigen das Versagen von Hierarchen und die Unfähigkeit zum Übernehmen persönlicher Schuld. Angesichts der nächsten Vollversammlung des deutschen Synodalen Weges kritisiert der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke pointiert, dass dabei das aktuelle System weiterhin gestützt und eine Unterwerfung der „Schafe unter die Hirten“ zelebriert werde.

Am 3. Februar ist es wieder soweit. Der Synodale Weg macht Halt in Frankfurt zur inzwischen dritten Vollversammlung. Seit der zweiten im vergangenen Herbst ist einiges passiert:

Das Erzbistum Köln wird von einem Apostolischen Administrator im Auftrag des Papstes verwaltet. Die Gläubigen dort finden sich auf einen inneren Weg der Umkehr, der Versöhnung und Erneuerung geschickt, bis Kardinal Woelki aller Voraussicht nach in einem feierlichen Gottesdienst am Aschermittwoch seine Amtsgeschäfte wiederaufnimmt. Die Aussichten auf eine gedeihliche Seelsorge werden allerdings als gering eingeschätzt.

Katholiken wird geradezu brutal vor Augen geführt, welcher Standesdünkel und welche Missachtung im amtlichen Mantra von der Unersetzbarkeit des Priesters liegt.

Dann der „Knall“ von München, das Gutachten der Kanzlei „Westpfahl-Spilker-Wastl“ über sexuellen Missbrauch im dortigen Erzbistum von 1945-2019. Es dokumentiert den Umgang der Diözesanbischöfe und ihrer unmittelbaren Vertreter in Verwaltung (Generalvikar) und Gericht (Offizial) mit Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs vor allem durch Kleriker. Ungeachtet mancher im Einzelnen möglichen Rückfragen entsprechen die Ergebnisse weithin denen vieler weltweit bereits unternommenen Studien. Die Gläubigen wissen jetzt, in München war es auch nicht anders: Die Opfer wurden nicht einmal wahrgenommen, die Bischöfe interessierten sich, wenn überhaupt, für „ihre“ Priester als Mitbrüder und wichtigste pastorale Ressource, die es um jeden Preis zu erhalten gilt. Katholiken wird geradezu brutal vor Augen geführt, welcher Standesdünkel und welche Missachtung im amtlichen Mantra von der Unersetzbarkeit des Priesters liegt. Dabei liegt das Desaströse längst nicht mehr in den vielen Details, sondern in der Grundhaltung und der Gesamt(un)kultur, die aus ihnen sprechen. Und auf die Frage einer Journalistin bei der Pressekonferenz, ob bei wenigstens einem Verantwortlichen eine Änderung der Haltung zu erkennen gewesen sei, lautete die Antwort der Anwälte: Nein.

Am verheerendsten aber sind die Verteidigungsversuche der Hierarchen.

Kardinal Ratzinger, der sich Papa emeritus nennen lässt, werden die gleichen Versäumnisse vorgeworfen wie vielen seiner Amtsbrüder. Die Gutachter halten es – in äußerungsrechtlich kontrollierter Diktion – für „überwiegend wahrscheinlich“, dass er sich nicht gekümmert und Missbrauchstäter wieder in die Seelsorge gelassen hat, ohne hinreichende Schutzvorkehrungen zu treffen. Am verheerendsten aber sind die Verteidigungsversuche der Hierarchen, obwohl auch hier die Grundmelodie längst vertraut ist: Nichts geahnt, keine Kenntnis, der Zeitgeist, Schuld sind die anderen, so schlimm war’s auch wieder nicht (z. B. ein vor Mädchen masturbierender Priester: kein wirklicher Missbrauch), aus den Akten nicht beweisbar – aus Akten, in die nach weltweit gleichem Muster möglichst alle sexuellen Bezüge gar nicht oder allenfalls codiert aufgenommen wurden –, Papa emeritus bestreitet selbst Aktenkundiges und schiebt seine Falschaussage auf ein redaktionelles Versehen, als für jeden sichtbar wurde, dass nicht stimmen konnte, was er immer wieder beteuert hatte. Verstiegener und unwürdiger geht’s nimmer. Besonders ist allerdings, dass die Gutachter erstmals deutlich bejahen, die Bischöfe könnten sich durch Beihilfe oder Strafvereitelung strafbar gemacht haben, wenn auch fast alles verjährt sein dürfte. Man muss nicht einmal Zyniker sein, um festzustellen: Am Ende ist die Rechnung der Hierarchen aufgegangen. Sie haben so lange vertuscht und verzögert, bis sie kaum noch haftbar gemacht werden können.

Und jetzt auch noch „das größte Outing in der Geschichte der katholischen Kirche“ – die ARD-unterstützte Initiative #outinchurch, mit der sich – gezielt im Umfeld der Vollversammlung des „Synodalen Weges“ platziert – über 100 nicht heterosexuelle Menschen in unterschiedlichsten kirchlichen Diensten unter dem Risiko arbeitsrechtlicher Konsequenzen outen, um eine Änderung der amtlichen Lehre und des mit ihr begründeten kirchlichen Arbeitsrechts zu bewirken.

Diejenigen, die als Apostel der Moral unterwegs sind, verweigern, was sie von den Gläubigen immer fordern – Schuld persönlich zu bekennen.

Katholiken zeigen sich allenthalben entsetzt und empört. Sie erkennen, wie ihre Kirche sie nicht-heterosexuellen Menschen gegenüber zu gewaltfreier Diskriminierung verpflichtet und Bischöfe das arbeitsrechtlich ausmünzen – wenn etwa im Erzbistum Paderborn eine Dekanatsreferentin für Jugend und Familie nach 13 Jahren zwei Wochen vor Beginn ihres Mutterschutzes gehen musste, weil sie ihre eingetragene Lebenspartnerschaft offengelegt hatte und die Kirche darin einen „Loyalitätsverstoß“ sah. Was in Sachen Missbrauch als Verteidigung vorgetragen wird, empfinden viele Katholiken als moralischen Offenbarungseid. Diejenigen, die als Apostel der Moral unterwegs sind, verweigern, was sie von den Gläubigen immer fordern – Schuld persönlich zu bekennen und sich in persönlichen Konsequenzen verantwortlich zu zeigen. Die Kirchenaustrittswelle baut sich zur Wand auf. Kirchlich Engagierte sehen alles untergraben, wofür sie sich täglich einsetzen, erleben eine Selbstdemontage der Hierarchen, fühlen sich missachtet, getäuscht und sind nun ent-täuscht.

Es wird als Partizipation und Entscheidung verkauft, was tatsächlich voice fiction und Bestätigung des hierarchischen Systems ist.

Aber halt – nicht alle. Manche hoffen, das alles könne sogar „Rückenwind“ für den „Synodalen Weg“ bedeuten, jene Idee der deutschen Bischöfe, mit der sie – wie schon mehrfach zuvor (bei der Gründung des ZdK, der Würzburger Synode, in diversen Gesprächsprozessen) – die Laien dazu bringen, sich mit ihnen unter dem Label „Dialog“ zu Gesprächen zu treffen, an deren Ende sich die Bischöfe, sofern zwei Drittel der von ihnen gerade Anwesenden zustimmen, bitten lassen, die Kirche zu reformieren, was allerdings auch sie selbst nicht können, sondern worum sie ihrerseits nur in Rom bittstellig werden können. Dabei liegt die Betonung auf „können“, denn natürlich ist strukturell völlig gedeckt, was Kardinal Woelki von Anfang an erklärt hat, dass er nämlich bei der Umsetzung der beschlossenen Bitten „vollkommen frei“ ist, nur seinem „Gewissen und dem Glauben der ganzen Kirche verpflichtet“, welcher allein vom Lehramt der Kirche in Gestalt von Papst und Bischöfen verbindlich festgestellt, verkündet und verteidigt wird. Dennoch wird überwiegend nach einem bewährten Skript als Partizipation und Entscheidung verkauft, was tatsächlich voice fiction und Bestätigung des hierarchischen Systems ist.

Aber es funktioniert und wie perfekt es das tut, zeigt sich, wenn die neue Präsidentin des ZdK für die Vollversammlung allen Ernstes von einem „demokratischen Konstrukt“ spricht und selbst der Vorsitzende des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz meint, die Synodalversammlung solle sich als „Verantwortungsgemeinschaft verstehen und anstehende Entscheidungen zu Macht und Gewaltenteilung als Basis für eine synodale Kirche beschließen“, wozu sie laut Satzung gerade nicht befugt ist. Dieselben Menschen, die den Bischöfen (völlig zu Recht) „komplettes Führungsversagen“ vorwerfen, werden eben diesen Bischöfen, die sich in Teilen weiterhin weigern, ihr Handeln oder Unterlassen mit den Augen der Betroffenen zu betrachten oder sofort die gängige Bagatellisierungs- und Selbstamnestie-Phrase „aus heutiger Sicht“ parat haben, Gelegenheit bieten, sich als dialogfähig und -bereit zu inszenieren, ohne auch nur das Geringste ihrer ständisch begründeten Positionsmacht aufzugeben. Gegen die eigene Satzung sprechen Synodale weiterhin davon, der Synodale Weg sei ein Reformprozess und biete die Chance auf „eine echte Veränderung„, wenn „die Synodalen das kirchliche System von Grund auf ändern, anstatt es zu schützen“. Welches Fundament diese Chance haben soll, bleibt beschwiegen.

Und so werden sich auf der Vollversammlung die Schafe wieder um die Hirten versammeln und die freundlichen unter ihnen für Unterstützer halten.

Ganz gleich, ob man auf die blanke Unverbindlichkeit des Ganzen hinweist oder darauf, dass Augenhöhe dort unmöglich ist, wo die Ordination der einen die Subordination der anderen bedeutet und eine Veränderung von unten gerade ausschließt, oder dass die Forderungen nach Frauenordination oder Anerkennung nicht heterosexueller Identitäten angesichts der maximalistischen amtlichen Position illusorisch sind (Lüdecke, Die Täuschung) – die Antwort bleibt stereotyp ein aufklärungsresistentes „Trotzdem“. Und so werden sich auf der Vollversammlung die Schafe wieder um die Hirten versammeln und die freundlichen unter ihnen für Unterstützer halten. Sie verbleiben in der Falle einer Loyalität, die als starker Kleber die autoritäre Struktur der Organisation in die Dynamik innerer Motivation überträgt (Rainer Hank, Die Loyalitätsfalle). Sie werden in der gemeinsamen Eucharistiefeier nach hierarchischer Regie und in hierarchischer Aufstellung unter Hirtenvorsitz nicht nur Gott loben, sondern zugleich jene dort inszenierte hierarchische Struktur der Kirche bejahen, die sie angeblich reformieren wollen. Im Modus bloßer Widerworte unterwerfen sich die Laien. Das kann man in Ordnung finden. Allerdings kann solche Loyalität ihre Unschuld auch verlieren, wenn man sich ihr nähert. Denn wer das warme Bad der Zugehörigkeit auch dann der Zumutung der Freiheit vorzieht, wenn er die Problematik des Systems erkennt und sich keine Rechenschaft über die realen Chancen seiner Veränderung ablegt, der wird zum Komplizen.

Autor: DDr. Norbert Lüdecke ist Professor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Beitragsbild:  Photo by Susanne Jutzeler from Pexels

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