Soundtrack der Erkenntnis: himmlisch fühlen

Cremig gerührter Joghurt oder eine Matratze, die uns schmerzfreien Schlaf gewährt? Ein Urlaub, in dem alles so funktioniert, wie wir uns das gewünscht haben (sogar das Wetter)  oder ein Fernseh-Bildschirm mit außergewöhnlicher Farbfülle? Was ist himmlisch oder was sorgt dafür, dass wir uns „himmlisch“ fühlen? Geht es um Wohlbefinden in einem solchen Maß, dass es nicht mehr von dieser Welt ist? Gedacht von Stefan Hoffmann.

So verstanden bedeutete „himmlisch“ „nicht-irdisch“ im Sinne von überragend positiv. Wir erleben es hier auf der Erde, aber es ist so schön, dass es nicht von hier sein kann. Aber woher kommt dieses Himmlische, wo ist der Himmel, dieser Platz, an dem die Götter wohnen und der deshalb all das Schöne bereithält, worauf wir Erdgeborenen verzichten müssen, dieser glückliche Ort ohne Darben, Leiden, Tod.

Denn eigentlich spielt der Himmel doch keine Rolle mehr. Wir wurden müde, die Götter zu beneiden, wir entdeckten unsere Fähigkeiten und große Errungenschaften gaben uns die Zuversicht, wir könnten aus eigener Kraft eine heile Welt bauen, unsere heile Welt. Grenzen setzte unserem Streben nur unsere Phantasie: Der Himmel für Heimwerker als Selbstbausatz – es gibt immer was zu tun.

Himmel für Heimwerker und eine enthimmelte Erde

So leben wir auf einer enthimmelten Erde, wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Und „wir“ heißt in diesem Fall nicht eine Gruppe mit Bindungen, eine Gemeinschaft, sondern eine Addition Einzelner, denen das gleiche Urteil auferlegt wurde. Anhand dessen erkennen sie sich selbst und einander als diejenigen, die die Uniform des atomisierten, im Würgeeisen des „Immer mehr“ eingespannten Ich tragen: Ich schaffe das, ich bin gut, ich optimiere mich selbst, ich will mehr, ich bin doch nicht blöd, ich kann immer noch, ich bleibe nicht stehen, ich bin tüchtig, ich bin nicht so wie die anderen, ich habe tolle Dinge // ich habe Angst, ich bin nicht gefragt, ich bin krank, ich werde alt, ich werde überholt, ich werde aussortiert, ich habe die Schnauze voll, ich habe alles satt, ich weiß nicht wohin, ich sterbe. Ich muss sterben.

Aber nicht mit mir, sagt das Ich: Ich kann nicht sterben, denn ich weiß nicht, wohin dieser Weg mich führt. Und so schlägt das Ich um sich, während es von der Zeit mitgenommen wird wie von einem Förderband. Es schlägt um sich und verwüstet alles, auch sich selbst. Alles ist da: Wasser, Wärme, Essen, Annehmlichkeiten, hohe Zäune und Alarmanlagen und wir bringen uns in Sicherheiten. Aber es rauscht und pocht in unseren Ohren. Das ist die Zeit, die wir nicht anhalten können. Der Lärm des Alltags zermürbt uns, wir flehen um Stille. Doch da wartet dann die Zeit auf uns, sie droht nicht, sie schreit uns nicht an; aber sie vergeht und wir können ihr Ticken hören. Und niemand ist da, der den Mechanismus entschärft. Dann doch lieber zurück in den Alltag, in den Dauerbeschuss durch Informationen: Smartphones für die Getriebenen, Fernsehen für Übriggebliebene. Nur nichts von dem hören müssen, was aus den Tiefen an die Oberfläche steigt, die Hilfeschreie des inneren Menschen.

Seelentinnitus

Dennoch lässt sich dieses leise Geräusch, dieser Seelen-Tinnitus, nicht ausschalten. Einmal wahrgenommen lässt sich das Ticken nicht mehr ignorieren, lediglich übertönen. Nicht umsonst heißt es von einem, der vom Dogma der Effektivität abweicht, er ticke nicht ganz richtig. Dabei ist er es, der das richtige Ticken gehört und außer Tritt geraten ist; er ist erschrocken über den unerbittlichen Gesang der Zeit, diesen Soundtrack der Erkenntnis, der ungerührt unsere Sinne schärft, damit wir zur Kenntnis nehmen können, womit Weisheit und Furcht beginnen: Dass die Zeit vergeht und wir mit ihr.

„Imagine there’s no heaven. It’s easy if you try. No hell below us, above us only sky.” So optimistisch war John Lennon. Mit dem theologischen Himmel sollte auch die Hölle verschwinden, damit über unseren Köpfen unendliche Weite zurück bliebe, erhebend und von niemandem in Besitz zu nehmen und so in der Lage, das Beste im Menschen freizusetzen. Doch wir haben nicht den Himmel auf die Erde herabgeholt, um alle Menschen daran teilhaben zu lassen. Das Firmament über unseren Köpfen ist zwar unbegrenzt, wir aber schon und lichter Raum wird eng, weil unsere Seelen sich zusammenkrampfen. Und so haben wir die Hölle heraufgeholt und uns darin eingesperrt und der Platz, den wir anderen in unseren Herzen einräumen, heißt oft genug: „Wenn es mir schon nicht gut geht, dann soll es Dir auch nicht gut gehen.“

Unser Fortschritt bemisst sich nicht an Menschlichkeit.

Unser Fortschritt bemisst sich nicht an Menschlichkeit, sondern an Tüchtigkeit, die uns selbst zugute kommt. Wir sind nicht faul, ganz im Gegenteil: Wir berauschen uns an unserem Fleiß (und befleißigen uns aller möglichen Formen des Rausches). Wir sagen: „Das steht mir zu!“ und meinen damit Anerkennung, Annehmlichkeiten, Wohlstand, Sicherheit – die ganze Palette eines vermeintlich guten Lebens. Und implizit bedeutet dieser Satz, dass all diese schönen Dinge Anderen nicht automatisch zustehen, sondern- wenn sie das Pech haben, in keiner so guten Gegend zu leben – ihnen eben Mangel zusteht – Armut, Gewalt, Terror, Verzweiflung…

Paradoxerweise gibt es gerade in solchen Finsternissen Menschen, die nicht von der Idee ablassen, zum Himmel aufzuschauen, nach ihm Ausschau zu halten. Den winzigen Fleck Blau, den sie – gefangen im tiefen Schacht ihrer Existenz – „da oben“ wahrnehmen, lassen sie nicht aus den Augen und aus dem Herzen. „Ist doch logisch“, erklären uns die Zyniker, „die haben doch sonst nix.“ Aber es bleibt eine irritierende Tatsache, dass es Habenichtse gibt, die sich den Himmel gönnen und wir, die wir uns alles leisten können, gönnen ihn uns nicht. Womöglich gibt es hier einen Zusammenhang: Dass es nämlich nicht um Sattheit geht, sondern um Sehnsucht.

Freilich hat Bertold Brecht Recht, wenn er insistiert, erst komme das Fressen und dann die Moral. Aber die Bedürfnisse des Bauchs gegen das Sich-Ausstrecken der Seele auszuspielen, ergibt keinen Sinn. Deshalb ist uns das Wort „himmlisch“ geblieben und wir geben es nicht her. Das Wort nicht und das, was es in uns anstößt. Wenn der Sonnenuntergang prangt oder der Himmel in unendlichem Azur unser Leben überspannt, wenn warmer Sommerwind uns streichelt oder ein winterliches Hochgebirge uns staunen macht, wenn unsere Lieben uns tief drinnen berühren und unser Herz klopft bis zum Hals: Dann hat dieses Wort auch seinen Platz.

Denn Himmel ist ein Ort, den wir nicht herstellen können.

 

Aber genau damit kommen wir nicht zurecht und einen Großteil ihrer intensivsten Herausforderungen bezieht die menschliche Existenz aus dem Faktum, dass uns der Himmel weit offen steht, wir ihn aber nicht produzieren können. Irgendwie sind wir doch alle auch ein wenig Faust. Der Mann will es wissen, nämlich, was die Welt im Innersten zusammenhält. Demut ist ihm fremd, seine Frustrationstoleranz angesichts der Tatsache, dass mit zunehmendem Wissen auch die Wissenslücken wachsen, ist nicht sehr hoch. Er ist sogar bereit, den bohrenden Fragen durch Suizid zu entfliehen. Und schließlich verpfändet er dem Teufel seine Seele, um die Fülle des Lebens in der Erfüllung seiner Bedürfnisse – oder besser: Begierden – zu erlangen. So richtig durchgeistigt ist er also nicht, sondern er hängt die Denker-Pose und den Habitus des akademischen Schöngeists samt seinem Forscher-Ethos an den Nagel mit der Aufschrift „Ich bin doch nicht blöd!“

Fürderhin wird die Welt für den Herrn Doktor ein Gebrauchsgegenstand zu seinem Genuss, sei es, weil er kriegt, was ihm gerade in den Sinn kommt, sei es, weil er seine überragenden Talente im Rahmen politischer oder militärischer Projekte zum Tragen bringen kann. Ab und zu verspürt er leisen Zweifel, aber das nimmt er gern in Kauf, dafür ist der ganze Erfolg doch zu schön. Und die Liebe seines Lebens verrät er. Himmlisch ist das alles nicht, aber dennoch gelangt der Herr Doktor am Ende in den Himmel. Doch nicht, weil er sich bekehrt, sondern weil er gerettet, erlöst wird. Klar will der Himmel der Hölle damit eine lange Nase drehen, aber es verdeutlicht auch ein Wesenselement des Himmlischen: Gnade, Barmherzigkeit. Und zu diesen beiden tritt Schönheit, um zu zeigen, dass Erlösung auch eine ästhetisch bereichernde Erfahrung ist: Das moralisch Gute ist zutiefst schön, ein Genuss und keine mühsame Selbstüberwindung.

Wer das Himmlische gekostet hat, ist allerdings noch nicht im Himmel. Sondern er kann gleichzeitig in der Hölle sein. Wir sind in ein Nebeneinander der Gegensätze gestellt, das uns manchmal das Herz bricht und an unserem Verstand zweifeln lässt. Und am Sinn des Ganzen sowieso …

Stefan Hoffmann ist Theologe und Fernsehredakteur.

Text: Stefan Hoffmann, Bamberg; Bild: Michael Fischer-Hoyer

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