Seit 2019 ist die deutsche katholische Kirche auf dem „Synodalen Weg“. In ein paar Tagen tritt dessen Vollversammlung noch einmal zusammen: Man will evaluieren, wie die Beschlüsse umgesetzt wurden. Von Claudia Lücking-Michel.
Was war das jetzt eigentlich?
Es ist Zeit, mal wieder Bilanz zu ziehen. Ein Marathonlauf? Ein Schneckenrennen? Sind wir auf der Echternacher Springprozession, zwei vor eins zurück- oder gar eins vor und zwei zurück? Könnte auch passen.
Wer ist da unterwegs?
Die Kirche in Deutschland? Eine Gemeinschaft von Synodalen? Es sind die Mitglieder der Bischofskonferenz, gewählte Vertreter*innen des ZdK und weitere Delegierte, die zusammen kirchliches Leben in der Bundesrepublik repräsentieren!
Was war der Startpunkt?
Bitte den nicht vergessen, auch wenn er schon seit einigen Kurven von unserer Wegstrecke aus nicht mehr direkt einsehbar ist. Das ganze Unternehmen ist gestartet in Lingen 2019 bei der Frühjahrskonferenz der Bischöfe, am damaligen Tiefpunkt der Missbrauchskrise. Am Anfang stand nicht irgendeine Idee von synodalen Wandervögeln, sondern die Erkenntnis: Nach diesem fundamentalen Vertrauensbruch braucht es systemische Veränderung. Man muss die strukturellen Rahmenbedingungen verändern.
An die Stelle eines autoritären, monozentrischen Kleriker-Systems sollten endlich auch in der Kirche Instrumente der Macht- und Gewaltenteilung etabliert werden. Eine echte Beteiligung des ganzen Kirchenvolkes war das Ziel. „Gemeinsam beraten und entscheiden“ hieß ein Arbeitsauftrag. Eine Reihe offenkundiger Problemfelder sollten bearbeitet werden. So sollte der Synodale Wegs durch systemische Änderungen in einem anachronistischen und maroden System kirchlicher Strukturen dafür sorgen, Machtmissbrauch in der Kirche zukünftig zu verhindern oder zumindest zu erschweren.
Gemeinsam unterwegs?
Inzwischen ist ein Stück der Wegstrecke zurückgelegt, einiges wurde erreicht, aber noch viel mehr ist weiterhin offen. Es gab spannende Austauschrunden von Meinungen und Positionen, eine gegenseitige ernsthafte Wahrnehmung der jeweiligen unterschiedlichen Lebenslagen, Kirchenerfahrungen und Glaubens-Biografien. Es wurden einige sehr gute Texte verabschiedet und kamen mit in das Reisegepäck. Planmäßig fand 2023 die fünfte und letzte Vollversammlung des „Synodalen Wegs“ statt. Und dann? Zu viele Fragen waren noch gar nicht bearbeitet. Strukturelle Änderungen müssen auch in neue Strukturen übergehen, wenn sie wirken sollen. Wichtig und richtig, dass nach dieser ersten Etappe der Prozess dann doch weitergehen sollte.
Was ist seitdem passiert?
Ein sog. „Synodalen Ausschuss“ wurde gebildet, seine Mitglieder von der Vollversammlung des Synodalen Wegs gewählt und beauftragt. Arbeitsgruppen wurden gewählt, Aufträge und ein Zeitplan festgelegt. Restanten des Synodalen Wegs sollten bearbeitet und ein neues Gremium vorbereitet werden, dass die Synodale Arbeit auf Dauer verantworten soll. Dabei wollte man aus den Fehlern des Synodalen Weges lernen. Außerdem hat in der Zwischenzeit die Weltsynode in Rom getagt, auch sie war für die deutschen Synodalen von großer Bedeutung. Auch ganz praktische Fragen wie Finanzen, Personal und das Verhältnis zu bestehenden Organen wie etwa der Gemeinsamen Konferenz waren entscheidende Punkte.
Der Weg ist lang – und er ist lange noch nicht zu Ende, auch wenn definierte Zielmarken langsam näherkommen. Im November 2025 hat der „Synodalen Ausschuss“ in Fulda seine Arbeit beendet. Ende Januar tagt noch einmal das große Plenum des Synodalen Wegs für eine Art Revisionssitzung.
Wie geht es weiter?
Nach langem Ringen und einer hervorragenden Vorbereitung durch die Arbeitsgruppe bzw. deren Leitung Bischof Overbeck und Prof. Charlotte Kreuter-Kirchhof konnten sich die Mitglieder des Synodalen Ausschusses auf eine Satzung für das Synodale Folgegremium einigen. Allerdings durfte der Kernauftrag des Ganzen jetzt nicht mehr „Gemeinsam beraten und entscheiden“ heißen, sondern „Gemeinsam beraten und Beschlüsse fassen“. Welche Assoziationen wem auch immer helfen, die eine Formulierung zu akzeptieren, die andere aber nicht.
Für mich ist klar, entweder gibt es eine echte Gewaltenteilung und auch Laien können in Zukunft angemessen mitentscheiden und kontrollieren oder wir haben unser Ziel, unseren eigentlichen Auftrag verfehlt. Ob das so ist oder nicht, definiert die Satzung. Wenn ich die lese, bin ich wiederum ganz zuversichtlich. Selbst das schwierige Thema „wer bestimmt über das Geld“ wurde zwar glattgeschliffen und für alle verträglich verpackt, aber nicht entkräftet. „No taxation without repraesentation“ gilt schließlich auch für die Kirchensteuer.
Das Bild einer Wandergruppe lässt sich auch ansonsten vielfältig auf die Wanderer auf dem Synodalen Weg anwenden. Früh gab es Streit, vier Bischöfe haben sich von der Gruppe abgesetzt und laufen extra. Die Wetterlagen in dem Gelände um uns herum, haben das Wandern erschwert und mussten uns beschäftigen. Trotzdem, mit Corona-Krise, Ukraine-Krieg, Gaza, Bruch der Ampelkoalition und all deren Folgen hatte beim Start-Termin niemand gerechnet.
Hat das denn etwas mit dem Synodalen Weg zu tun?
Unbedingt! Kirche darf sich doch nicht in einen idyllischen Wanderurlaub verabschieden, sondern wie heißt es: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger“ (ich ergänze…) und auch „der Jüngerinnen Jesu Christi“. Oft genug war die Wandergruppe allerdings so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie manche Entwicklung in der Kirche nur von Ferne beobachten konnte: Zahl der Kirchenaustritte, Zusammenlegung von immer mehr Gemeinden zu immer größeren Pastoral-Verbünden, Image und Bedeutungsverlust der Kirche. Gibt der Synodale Wege irgendwelche hilfreichen Antworten? Ja hoffentlich! Er will die Bedingung der Möglichkeit dafür schaffen, dass Kirche in Deutschland auch im Jahr 2025 an der Seite der Menschen mit ihrer Trauer und Angst steht und versucht Antworten mit ihnen zu finden.
Und funktioniert das?
Interessiert es junge, kluge, solidarische Frauen, was die Texte der Synodalen zur Rolle der Frauen in der Kirche sagen? Mein Eindruck: Sie hören bestenfalls hin, aber sie bleiben skeptisch. Was sollen sie auch etwa mit dem zögerlichen Votum des Synodalen Wegs zum Thema Frauen-Diakonat anfangen, erst recht, wenn es dann plötzlich aus Rom wieder heißt „Zulassung zum Diakonat der Frauen ist zurzeit noch nicht möglich“.
Ist die Frauenfrage also ein Beispiel dafür, dass die Ergebnisse des Synodalen Wegs viel zu unwichtig sind, um für die Kirche in Deutschland, erst recht für die Weltkirche einen Unterschied zu machen? Wohl kaum. Sonst würde nicht so viele weltweit sehr genau beobachten, was hier passiert und würden die „Römer“ nicht mit Delegierten und Vertretern der Synodalen über deren Anliegen verhandeln.
Meine persönliche Bilanz: Ich schaue auf die kleinen Erfolge, es geht voran, wenn auch gefühlt nur in Millimetern, dafür (meistens) immerhin in die richtige Richtung. Ich selbst bin keine gute Sportlerin, erst recht nicht trainiert im Langstreckenlauf. Vor allem bin ich zu alt für Veränderungen im Schneckentempo. Es geht mir viel zu langsam und bevor ich selbst nur noch mit Rollator- Geschwindigkeit unterwegs bin, sage ich: „Uns allen läuft die Zeit davon“.
Aber beim Synodalen Weg will ich trotzdem nicht aufgeben, dafür ist mir der Auftrag unserer Kirche viel zu wichtig. Außerdem erlebe ich hier viele Gleichgesinnte und Hoffnungsträger*innen. Angesichts dieser Bilanz braucht es viel Mut trotzdem weiterzumachen. In den Evangelien hören wir von sehr außergewöhnlichen Wegstrecken. Ein Bild bewegt mich in diesen Tagen besonders, auch wenn man es weniger mit Wandern als mit Schifffahrt in Verbindung bringt: Mt 14, 22-33.
Petrus sieht, wie Jesus über das Wasser auf das Boot mit den Jüngern zukommt, auf dessen Zuruf steigt er aus, um ihm über das Wasser entgegenzugehen. Das ist spektakulär mutig. Ebenso mutig ist es weiterzugehen, nicht aufzugeben. Und schließlich ist es richtig mutig, selbst den eigenen Untergang in Kauf zu nehmen. „Du Kleinmütiger, warum hast Du gezweifelt?“
Wie komme ich jetzt da drauf?
Ich erlebe uns als Kirche auf rauer See. Das Boot schwankt, aber immerhin dort sind die anderen und halten sich in ihrer Nussschale aneinander fest. Wer wagt es, sich über die Reling zu schwingen? Wie passiert denn Veränderung in der Gesellschaft? In der Welt? In unserer Kirche? Am Anfang stehen Menschen, die voll Vertrauen glauben, aus dem Boot aussteigen, wagen über das Wasser zu gehen. Im vorauseilenden Gehorsam stehen sie für Veränderungen, die offiziell noch lange nicht erlaubt sind. Sie haben Jesus gesehen und sind überzeugt, dass sie ihm entgegengehen: Messe auf Deutsch, als Latein noch verpflichtend ist. Messdienerinnen und Lektorinnen, während noch keiner in Rom das offiziell genehmigen würde. Theologie der Befreiung und echte Option für die Armen, während die Amtskirche für die Mächtigen optiert und mit ihnen paktiert.
Veränderungen fangen mit wenigen Menschen an, die sich trauen. Vielleicht gehen sie unter oder aber sie gehen neue Wege. Dann setzen sich neue Anliegen und Glaubenshaltungen durch, werden langsam mehrheitsfähig und immer selbstverständlicher. Und die anderen früheren „Wahrheiten“ rücken langsam in Vergessenheit.
Hat da mal jemand behauptet, die Sonne würde sich um die Erde bewegen, und musste von seiner Lehre vor der Inquisition abschwören? Hat da mal jemand behauptet, wahre Macht in der Kirche könnten nur Kleriker haben, unsere ekklesiale Verfassung müsste monarchisch, autoritär auf eine einzelne Person an der Spitze ausgerichtet sein; demokratische Gewaltenteilung, funktionierende Aufsichts- und Kontrollsysteme wäre nur etwas für zivile, jedenfalls nicht kirchliche Kontexte? Mussten nicht Menschen leiden, wurden unterdrückt und missbraucht, weil einige wenige ihre Stellung unkontrolliert ausnutzen konnten?
Am Ende des Synodalen Wegs ist vieles nicht erreicht, was ganz klar auf der Agenda stand. Aber es ist das, was in diesem Prozess möglich war. Das Ergebnis ist besser als nichts und jedenfalls deutlich besser als mancher kirchenrechtlicher Kommentar vom Wegesrand, der auf die Schwächen hinweist, aber selbst keine Alternativen weiß.
Die ursprünglichen Ziele werden damit nicht falsch oder unwichtig. Um sie zu erreichen kommt es jetzt darauf an , sich nicht erstmal auszuruhen, sondern mutig weiterzugehen, notfalls aus dem Boot aussteigen und über das Wasser. Die Syodalin Sr. Philippa Rath OSB sagt zu ihren Erwartungen an unsere Kirche: „Meine Hoffnung überwindet alle Grenzen“. Eine fromme Frau. Meine eigene Hoffnung ist nicht grenzenlos, meine Langmut und Geduld auch nicht, aber vielleicht kann ich zusammen mit anderen auf dem Synodalen Weg doch noch manche Grenze überwinden. Eines hat der Synodale Weg jedenfalls gezeigt: „Und sie bewegt sich doch“.
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Dr. Claudia Lücking-Michel, Bonn, langjährige Vizepräsidentin des ZdK, Co-Leiterin des Synodalforums «Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilhabe und Teilhabe am Sendungsauftrag» beim Synodalen Weg sowie Mitglied des Synodalen Ausschusses der kath. Kirche in Deutschland.
Beitragsbild: Synodaler Weg / Maximilian von Lachner


