Auch wenn sich nichts ändert, wird sich etwas ändern

FOTO: Deutsche Bischofskonferenz / Maximilian von Lachner

Die einen sehen in ihm die sprichwörtlich „letzte Chance“, andere fürchten ein Schisma, wieder andere behaupten, das alles sei ein großes Täuschungsmanöver. Einige pastoraltheologische Beobachtungen zum Synodalen Weg der deutschen katholischen Kirche. Von Rainer Bucher.

 Nachholende Entwicklung

In seinem Kern ist der Synodale Weg ein Prozess „nachholender Entwicklung“. Er will die kognitiven und lebensweltlichen Dissonanzen, die sich zwischen einigen neueren institutionellen und lehramtlichen Spezifica der römisch-katholischen Kirche und den Plausibilitäten eines bürgerlichen Lebens in einer freiheitlichen Demokratie aufgebaut haben, auflösen oder wenigstens mildern.

Insofern nämlich die grundlegenden menschenrechtsbasierten Normen der freiheitlichen Demokratie als säkulare Varianten der eigenen grundlegenden christlichen Prinzipien gedeutet werden können, zerbricht die kirchliche Glaubwürdigkeit in strukturellen Selbstwidersprüchen, wenn die Kirche menschenrechtlich massiv problematische Identitätsmarker wie die Abwertung von Frauen oder Homosexuellen geradezu demonstrativ weiterführt, ja ausstellt.

Wenn dann noch Skandale diese Selbstwider­sprüche genau an diesen Identitätsmarkern, näherhin dem Priestertum und der Sexualmoral, exemplarisch veröffentlichen, wird die immer existierende Kluft zwischen der beanspruchten Sakramentalität der Kirche, also Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes zu den Menschen zu sein, und ihrer tristen Erfahrungsrealität nicht mehr länger überbrückbar und zum Loyalitätskiller. Die Bindung der Gläubigen an die Kirche löst sich langsam aber sicher und unaufhaltsam auf, gerade weil sie den christlichen Essentials und ihrem Gewissen treu bleiben wollen.

Nun verändern sich Institutionen bekanntlich in der Regel nicht durch Einsicht in ihre Reform­bedürftigkeit, sondern erst, wenn der Reformstau existenzgefährdende Ausmaße annimmt. Das ist offenkundig bei der römisch-katholischen Kirche hierzulande der Fall. Insofern sind die Zeiten wirklich spannend und anders als bei früheren Reformanläufen wird ein eventuelles Scheitern an der römischen Normwand nicht folgenlos bleiben.

Zudem, Jan Loffeld hat darauf hingewiesen, stellt der synodale Prozess auch eine nachholende Realisation der nachkonziliar weitgehend sistierten pastoralen Wende des II. Vatikanums dar, insofern die Erfahrungen und Praktiken des Volkes Gottes hier endlich als authentische loci theologici anerkannt werden.

 Eingebettete Bischofskonferenz

Einschlägige Reformdialoge hat es bekanntlich in der deutschen Kirche schon mehrere gegeben. Sie führten mehr oder weniger zu nichts. Das dürfte diesmal anders sein. Das Neue des Synodalen Weges liegt nämlich in der Verlegung der diskursiven Frontlinie ins Innere der Bischofskonferenz und damit ins Innere der Machtzone.

Die vier zentralen Themen des Synodalen Weges (priesterliche Existenz, Sexualmoral, Macht- und Gewaltenteilung, Geschlechtergerechtigkeit) sind zwar kirchenpolitisch höchst umstritten, intellektuell oder wissenschaftlich stellen sie aber schon länger keine größere Herausforderung mehr dar. Die zentralen Problemlösungsvorschläge zu diesen Themen liegen in der Theologie seit ca. 50 Jahren vor und wurden auch im ZdK bereits vor ca. 30 Jahren diskutiert, von der Deutschen Bischofskonferenz aber abgeblockt.[1] Heute ist das anders. Die Konfliktlinie verläuft jetzt – erkennbar! – innerhalb der Bischofskonferenz, wobei freilich die genauen Verläufe dieser Linie und also die Machtverhältnisse noch nicht ganz deutlich sind.

Vom Setting her ist der Synodale Weg eine Art „Eingebettete Bischofskonferenz“, was ja schon die Sitzordnung dokumentiert. Das ZdK bettet die Bischofskonferenz in sich und weitere Vertreter:innen der organisierten Basis und der wissenschaftlichen Theologie ein und eröffnet damit den Bischöfen einen Diskursraum, der ihnen ansonsten offenkundig bislang zumindest öffentlich nicht möglich war.

Der kirchenrechtliche Status dieses Settings ist bekanntlich prekär und läuft über die Entscheidungs­kaskade 2/3-Mehrheit in der Vollversammlung, 2/3-Mehrheit in der Bischofskonferenz,  freiwillige Selbstverpflichtung jedes einzelnen Bischofs. Prekär bedeutet widerrufbar, aber natürlich nicht unmöglich. Der kirchenrechtliche Status ist aber ohnehin sekundär, der soziale Prozess als Veröffentlichung der innerkatholischen (inklusive innerbischöflichen) Frontlinien und Positio­nierungen dürfte deutlich wichtiger sein. Womit ich bei meinem letzten Punkt bin:

Mögliche Pfade

Zweierlei scheint mir unstrittig: Die soziale Erfahrung eines mehr oder weniger gleichstufigen Diskurses, also die Veröffentlichung der genannten kognitiven Dissonanzen und die Erarbeitung von Konzepten ihrer Überbrückung, schreibt sich als ziemlich neue Erfahrung ins kollektive Gedächtnis der katholischen Kirche Deutschlands ein. Das vergisst sich nicht.

Die auf dem Synodalen Weg erarbeiteten Grundsatzpapiere stellen im Wesentlichen Legitimationsdiskurse der angestrebten Innovationen durch Anschlussargumentationen an die Tradition dar. Die herausragende Rolle der KollegInnen aus Exegese, Kirchengeschichte und Systematischer Theologie auf dem Synodalen Weg ist von daher zu erklären: Sie versuchen Neues in die Kontinuitätslinie der Tradition zu stellen. Die Pastoraltheologie steht demgegenüber für die Erfahrungs-, Gegenwarts- und die Basisperspektive auf die Themen der Theologie. Insofern ist der Synodale Weg im Ganzen mit seinem Ausgang von der Missbrauchsproblematik ein paradigmatisch pastoraltheologischer Prozess und seit der Würzburger Synode das erste Beispiel für ein halbwegs gelungenes Zusammenspiel von Hierarchie, den diversen theologischen Disziplinen und der (organisierten) Basis der Kirche.

Die Annahme der meisten Reformvorschläge durch die Mehrheit der Delegierten, so meine zweite Vermutung, ist relativ erwartbar, ein paar Abmilderungen eingerechnet. Danach aber wird es spannend. Wenn es zu einer Akzeptanz der Reformen durch eine 2/3-Mehrheit der Bischöfe kommt, wird es in Diözesen, die diese Reformvorschläge (freiwillig) umsetzen, zu neuen Realitäten kommen. Das wird die diskursive Frontverschiebung zu einer institutionell-politischen machen.

Kommt es aber zu einer Ablehnung durch ein Drittel der Bischofskonferenz oder zum bislang üblichen Scheitern an der römischen Normwand, werden nicht nur alle pastoraltheologischen Versuche einer wirksamkeitsorientierten Organisationsbegleitung der verfassten Kirche ziemlich obsolet werden, sondern es wird gelten: Gerade weil sich nichts ändert, wird sich ziemlich viel ändern – was, ist freilich schwer zu prognostizieren.

Die Delegitimierung der verfassten deutschen katholischen Kirche bei ihren eigenen Mitgliedern und in der deutschen Gesellschaft wird sich jedenfalls beschleunigen. Was dann genau passiert, kann man nicht vorhersehen. Ich vermute, es werden chaotische Prozesse einer Art innerkirchlichen zivilgesellschaftlichen Revolte aufbrechen, wie wir sie jetzt schon in Maria 2.0 sehen. Das wäre immer noch besser als die Alternative: das still resignative Dahinsiechen. Und vergessen wir nicht: Es geht um Religion. Die setzt immer gerne unkontrollierbare Energien frei.

Eines jedenfalls ist schon gelungen: die Umkehr des „Weltkirchenarguments“ durch die (zutreffende) Beanspruchung, weltkirchliche Avantgarde zu sein. Was noch aussteht, ist der entschlossene Einsatz des ganzen institutionellen Einflusses der deutschen katholischen Kirche samt ihrer Ressourcen in der römischen Zentrale. So oder so: Es wird sich was ändern.

Notwendig, aber noch nicht das Notwendige

Nicht übersehen werden darf freilich: Ein Prozess nachholender Entwicklung, der die Bischofskonferenz in den Diskussionsraum des deutschen Laienkatholizismus einbettet, ist notwendig, aber noch nicht das Notwendige. Er ist eine Voraussetzung für das, was notwendig wäre, um der Kirche und ihrer Botschaft Gegenwart und Zukunft zu geben, aber noch nicht dieses selbst: Das wäre das Ausbuchstabieren ihrer Botschaft in krisenhaften spätkapitalistischen Zeiten, der Entwurf einer Kirche jenseits ihrer Konstantinischen Formation und die Entwicklung von christlichen Lebens- und Existenz­formen im Horizont radikaler Freiheit.

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[1] Vgl. etwa: A. Schavan (Hrsg.), Dialog statt Dialogverweigerung. Impulse für eine zukunftsfähige Kirche, Kevelaer 1994.

Rainer Bucher ist Professor für Pastoraltheologie in Graz. Er war von 1994 bis 2013 Mitglied der Pastoralkommission des ZdK.

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