Im zweiten Teil seines Beitrags konkretisiert Max-Josef Schuster seine Überlegungen zur Taufwürde in drei pastoralen Formaten, die er mit Kolleg*innen der Bamberger AG Gemeindeberatung entwickelt hat.
Alleine und zusammen mit Kolleg*innen eröffnet er über diese Erwachsenenbildungsformate einerseits Zugänge zur Erwachsenen-Taufe in ihrer antiken Vollform und andererseits zu den „drei Ämtern Jesu Christi“. Ein dritter Schwerpunkt der Formate ist die kritische Reflexion der Statusgleichheit in einer hierarchischen Kirche und einer Gesellschaft mit großen Status-Unterschieden. Diese drei Themenbereiche lassen sich kombinieren oder einzeln behandeln, und je nach Gruppengröße und Zeitbedarf sind Veranstaltungen von einem Abend bis zu einem Wochenende (Freitagabend bis Samstagnachmittag) oder zwei Tagen möglich. Die Formate wurden für unterschiedliche Gruppen angeboten: Pfarrgemeinderäte; Erstkommunion-Eltern; Pastoralassistent*innen im ersten Ausbildungsjahr; Priester, Diakone und Hauptamtliche in der Seelsorge; Caritas-Führungskräfte; Caritas-Mitarbeiterinnen; kirchlich engagierte Ehrenamtliche etc.
Wir machen nur die Tür auf, und sie haben sich genommen, was sie gebraucht haben.
Die weitaus überwiegende Mehrheit der Rückmeldungen ist ausgesprochen positiv. Besonders betont wird der Aspekt des „geistlichen Empowerments“. Viele formulieren ausdrücklich, dass sie zum ersten Mal einen persönlichen Zugang zur Bedeutung der Taufe für ihr eigenes Alltags-Leben gefunden hätten. Sogar kirchenferne, religionsfreie und andersgläubige Menschen können erfreulicherweise mit diesen Formaten etwas anfangen, wenn sie den Freiraum bekommen, sich so anzunähern, wie es für sie passt. Im Blick auf die Teilnehmer*innen gilt der Satz: „Wir machen nur die Tür auf, und sie haben sich genommen, was sie gebraucht haben.“1 Doch auch kritische Rückmeldungen sind immer willkommen, weil sie wichtige Lernprozesse für die Ausgestaltung der Formate ermöglichen.
1. Die „Tauf-Reise“ zurück ins 5. Jahrhundert
Bei der „Reise ins 5. Jahrhundert“ sollen die Teilnehmer*innen so anschaulich wie möglich eine rituell entfaltete Erwachsenentaufe im Rahmen der frühchristlichen Osternacht-Liturgie erleben.2 Ziel dieser Reise ins 5. Jahrhundert ist es, die „Überdosis an Gnade“ gewissermaßen am eigenen Leib zu spüren, wie es ein Teilnehmer nach dieser Reise ausdrückte. Die Leitfrage lautet: „Wie erleben Sie als heute lebende Frau, als heutiger Mann, als die Person, die Sie hier und heute sind, diesen alten Ritus?“
Ein neuer Tag – ein neues Leben – eine Neu-Geburt!
Die etwa zwanzigminütige angeleitete Reise in der Ich-Form („Ich als Mann / als Frau werde getauft … erlebe …) beginnt mit einem kurzen Hinweis auf die uns fremde Situation im 5. Jahrhundert: keine heutigen Sicherheiten, kein heutiger Komfort … Es folgt der Hinweis auf das Katechumenat – und dann wird der Beginn und Verlauf der Osternacht vergegenwärtigt, bis die Taufe „um die Zeit des ersten Hahnenschreis“ stattfindet. Die einzelnen Stationen der Taufe werden nicht nur erwähnt, sondern auch mit Gefühlen verbunden. Am Ende steht das große Fest der Eucharistie in den Ostermorgen hinein: „Ein neuer Tag – ein neues Leben – eine Neu-Geburt!“
Nach dieser Reise gibt es die Möglichkeit, für etwa 10 Minuten alleine für sich zu schweigen, um dem Gehörten und Erlebten in Ruhe nachzuspüren – oder sich zu zweit auszutauschen. Danach besteht im Plenum Gelegenheit, Fragen zu stellen, Irritationen und kritische Einwände zu formulieren oder schlicht all das loszuwerden, was jetzt gesagt werden muss. Dieser Ablauf zeigt, dass niemand durch spirituelle Manipulation überwältigt (oder auf „fromme Linie“ gebracht) werden soll. Niemand muss das Gehörte bzw. Erlebte gut finden. So irritiert oft das Thema „Nacktheit bei der Taufe“. Hier kann die Erklärung hilfreich sein, dass damals Nacktheit dazu diente, um sich von allen Dämonen zu befreien (die sich auch in den Kleidern verstecken können). Sehr positiv werden dagegen die unterschiedlichen Salbungen erlebt, und insgesamt die Gesten und Haltungen (abwehrende Handhaltung nach Westen bei der Absage gegen die bösen Mächte; anschließend Umdrehen in Richtung Sonnenaufgang zum Glaubensbekenntnis …).
2. Die „drei Ämter Jesu Christi“ und die Archetypen
Zu einer unserer ersten Veranstaltungen waren höchst unterschiedliche Pfarrgemeinderäte aus städtischen und ländlichen Milieus gekommen. Das kirchenpolitische Spektrum reichte von jungen Männern, die von ihrer Bekehrung zu Jesus erzählten, über kämpferische Reformkatholikinnen bis zu pensionierten Männern, die im Pfarrgemeinderat waren, um „dem Pfarrer zu helfen“. Die Beschäftigung mit den drei Ämtern Christi war für alle so fremd und überraschend, dass keine kirchenpolitischen oder geistlichen Konflikte auftraten. In der Männergruppe zum Thema „priesterlich leben“ erzählte nach irritiertem Schweigen ein gestandener Schreinermeister, wie er seinen Lehrling ermutigt und fördert, auch wenn er mal einen schlimmen Fehler gemacht hat. Nun trauten sich auch die freikirchlich orientierten Männer, aus ihrem beruflichen und privaten Alltag zu erzählen. So wurde anschaulich, was es heißt, als priesterlicher Mann zu leben. Die parallel stattfindende Frauengruppe zum gleichen Thema musste sich zunächst darauf einigen, nicht die Priesterweihe für Frauen zu diskutieren. Dann gelang es auch hier, berührende Alltags-Zeugnisse miteinander zu teilen.
Liebhaberin, Kriegerin (Amazone) und Wilde Frau.
Bei einem „Oasentag“ für Caritas-Mitarbeiterinnen (hauptsächlich Frauen waren gekommen) ergänzte ich die drei Tauf-Archetypen um drei weitere: Liebhaberin, Kriegerin (Amazone) und Wilde Frau. Nach einer längeren Phase im Plenum, in der gesammelt wurde, was die sechs Archetypen konkret auszeichnet, konnten die Anwesenden in Untergruppen nacheinander drei Archetypen ihrer Wahl genauer erforschen und mit ihrem beruflichen Alltag in Verbindung bringen. Als besonders spannungsvoll erwies sich der Archetyp „Königin“. Für eine Mitarbeiterin ist ja auf den ersten Blick der/die Vorgesetzte König oder Königin. Die Entdeckung, dass auch Mitarbeiterinnen diesen Archetyp im eigenen Arbeitsbereich ausprägen können, war für manche Teilnehmerin eine unverhoffte Stärkung. Am Ende des Tages betonten alle, dass sie sich ermutigt fühlten, und waren überrascht, dass dieses Empowerment mit ihrer Taufberufung zu tun hatte, zu der sie erstmals einen Zugang gefunden hätten. Auch muslimische Mitarbeiterinnen integrierten problemlos die Archetypen – die ja nicht exklusiv christlich sind – in ihren Arbeits-Kontext.
Im Lauf der Zeit lernten wir, wenige bedeutsame Requisiten zu verwenden. In der König*innengruppe wurde mit schlichten Goldreifen aus Pappe experimentiert, um wichtige Fragen nicht nur zu diskutieren, sondern am eigenen Leib zu spüren: „Wer krönt? Gekrönt werden – wie geht das? Wie fühle ich mich mit einer Krone? Und wenn alle PGR-Mitglieder ‚gekrönte Häupter‘ sind – auch diejenigen, die ich nicht leiden kann?“ Für die Prophet*innengruppe ließen wir extra einen kostbaren „Prophet*innenmantel“ (vgl. 2 Kön 2) entwerfen und schneidern. Hier ermunterten wir nach einer Zeit der persönlichen Besinnung dazu, vor der Gruppe kurz und klar zu sagen, was mir im Alltag / im Beruf / im ehrenamtlichen Engagement wirklich, wirklich wichtig ist. Vor diesem Statement wurde jeder Person der Prophet*innenmantel umgelegt und eine Ermutigung zugesprochen: „N. (Vorname), Du bist von Gott berufen als Prophetin / als Prophet“. Der Mantel wurde sehr unterschiedlich empfunden: als Schutz oder Last, als Bürde oder Ehre, als Stärkung und Auszeichnung …
Solch unterschiedliche Erfahrungen sind grundsätzlich gewollt. Es geht ja in dieser Bildungsveranstaltung (!) um eine höchstpersönliche, experimentelle Einfühlung in die drei Ämter Christi, um neue Erfahrungen – und um deren nüchterne Reflexion.
3. Das Thema „Statusgleichheit“ in einer hierarchischen Kirche
Das Thema “Statusgleichheit in der Taufe“ ist ein wichtiger Baustein, um über Klerikalismus und Co-Klerikalismus ins Gespräch zu kommen. Bei diesem Thema erweisen sich Veranstaltungen mit hauptamtlichen Kolleg*innen in der Pastoral (oder mit Diakonen im Zivilberuf) als besonders vielschichtig. Diakone oder Pastoral- bzw. Gemeindereferent*innen sind ja durch Weihe oder Beauftragung „herausgehoben“ aus der Menge der „einfachen Gläubigen“, und gleichzeitig haben sie – anders als Ehrenamtliche! – kirchliche Vorgesetzte. Welche Bedeutung hat die Taufe für sie? Wie verhält sich die damit verbundene Statusgleichheit zu ihrer Weihe oder Hauptamtlichkeit – und zu der damit verbundenen Positionsmacht?
Sie können nicht von oben nach unten dienen.
Der theologisch aufgeladene Begriff des „Dienstes“ verschleiert in vielen Fällen reale Machtverhältnisse. „Sie können nicht von oben nach unten dienen“, sagt eine Frau, die geistlichen Missbrauch erlebt hat.3 Die Gretchenfrage lautet deshalb: Gründen geistliches Leben und pastorales Selbstverständnis von „Amtsträgern“ eher in ihrer Weihe bzw. Beauftragung – oder in ihrer Taufe? Nur wenn die eigene Taufe der entscheidende Bezugspunkt ist, kann der Dienst im Volk Gottes gelingen. Bezeichnenderweise lautet der Auftrag Jesu: … „dann müsst auch ihr einander (!) die Füße waschen.“ (Joh 13,14) Diese gegenseitige Fußwaschung im Alltag der Mönche fordert die Regel des Heiligen Benedikt. (RB 35,1 und 9)
Beispielsweise wird in Zukunft das liturgische Empowerment aller Getauften wohl noch wichtiger als bisher. Priester, Diakone und Hauptamtliche können ihre Positionsmacht dafür nutzen, um den Getauften in der Liturgie Raum zu geben, sie zu ermutigen, kompetent zu begleiten und liturgisch weiterzubilden. Dazu kann gehören, in der Liturgie selbst einen Positionswechsel zu vollziehen – gewissermaßen einen Schritt zurückzutreten und die Getauften „machen zu lassen“.4 In Wort-Gottes-Feiern oder Andachten können Getaufte ja jede (!) Aufgabe übernehmen, die „normalerweise“ einem Diakon oder einer Gemeindereferentin zukommt.
Die gerade nicht auflösbare Spannung zwischen Statusgleichheit und Machtgefälle im „Unternehmen Kirche“ zeigt wichtige systemische Perspektiven für die künftige Pastoral: Auf der persönlichen Ebene, strukturell für die Zusammenarbeit zwischen den kirchlichen „Ständen“, und für eine kirchliche Kulturentwicklung, die endlich den (Co-)Klerikalismus überwindet.
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Beitragsbild: Markus Krauth, Tauffeier in der Kirche Maria Geburt, Aschaffenburg.
- So in einem anderen Zusammenhang die Theaterpädagogin Anja Sparberg: CURT Nr. 273, 06/07-2025, Seite 142. ↩
- Vgl. Die Taufe, in: Alfons Fürst, Die Liturgie der Alten Kirche. Geschichte und Theologie, Münster 2008, 99-218; Christoph Markschies, Das antike Christentum. Frömmigkeit, Lebensformen, Institutionen, München 2006. ↩
- Matthias Remenyi, Kirche, Amt und Sakralität. Eine Bestandsaufnahme angesichts der Missbrauchskrise, in: Richard Hartmann / Stefan Sander, Zeichen und Werkzeug. Die sakramentale Grundstruktur der Kirche und ihrer Dienste und Ämter, Ostfildern 2020, 88f. ↩
- Vgl. Max-Josef Schuster, Jenseits von Klerikalismus und Sakralisierung. Der Ort des Ständigen Diakons im Raum der Kirche, in: AG Ständiger Diakonat in Deutschland, Jahresheft Nr. 39, 2022, 39-50, besonders 47f. ↩


