Theologie in gefährdeter Zeit? Deutungsstreit um die Politische Theologie

Politisch-theologischer Etikettenschwindel? Zum 90. Geburtstag von Johann B. Metz ist ein Deutungsstreit um das Erbe der Politischen Theologie entbrannt. Jan-Hendrik Herbst über einen streitlustigen Sammelband. 

Derzeit ist eine neue Aufmerksamkeit für die Anliegen der Politischen Theologie unverkennbar.1 Viele Veranstaltungen und Veröffentlichungen verpflichten sich momentan einer historisch orientierten Erinnerung an die Politische Theologie. Ihr prominentester Vertreter, Johann B. Metz, ist kürzlich 90 geworden. Derzeit erscheint eine Gesamtausgabe seiner Schriften. Zu seinem Geburtstag ist ein umfassender Sammelband erschienen: „Theologie in gefährdeter Zeit“. Auch ein Kolloquium fand zu diesem Anlass im Münsteraner Franz-Hitze-Haus statt. 

Historisch orientierte Erinnerung oder programmatische Aktualisierung der Politischen Theologie?


Gleichzeitig lassen sich einige Vorhaben finden, die sich einer programmatischen Aktualisierung widmen und dabei Kontextveränderungen wie Verschiebungen im theoretischen Koordinatensystem aufnehmen. Zur Diskussion steht dabei, ob sich diese Entwicklungen als eine ‚Rückkehr der politischen Theologie‘ interpretieren lassen. Das ist auch deshalb fraglich, weil die Politische Theologie nie gänzlich verschwunden war und an unterschiedlichen Orten kontinuierlich fortgeschrieben wurde.

Theologie in gefährdeter Zeit.

Diese neue Aufmerksamkeit für Politische Theologie lässt sich durchaus mit dem diagnostischen Begriff einer ‚Theologie in gefährdeter Zeit‘ erklären. Einerseits ist die Zeit, in der wir leben, offensichtlich gefährdet – z.B. durch Rechtsruck, Klimawandel und extreme soziale Ungleichheit. Die Signatur der Gegenwart ist eine multiple Krise der Produktions- und Reproduktionsbedingungen unserer Gesellschaft. Sie verleitet zu der These, „dass der Ist-Zustand in sich schon apokalyptische Züge trägt“ (G. Taxacher, auf feinschwarz.net).

Andererseits ist ein spezifisches Zeitbewusstsein gefährdet, das sich als biblisch ausweisen lässt und gerade von der Politischen Theologie tiefgreifend reflektiert wird: Nur im Zusammenhang mit einer memoria passionis, einer Erinnerung an die ungerecht Leidenden in der Geschichte, und nur im eschatologischen Ausgriff auf die Perspektive eines guten Lebens für alle, lässt sich unter den Bedingungen der Gegenwart die Hoffnung verteidigen, für die Theologie immer schon apologetisch einzutreten hat. 

 Das neue Interesse für Politische Theologie überrascht.

Doch auch in einer solchen Situation mag das neue Interesse für Politische Theologie durchaus überraschen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde eher die Frage gestellt: „Ist die politische Theologie am Ende?“ (F. Gruber, auf Quart-online.at) Denn es scheint doch so, dass „[d]ie große Stunde der politischen Theologie […] die späten 1960er Jahre und das darauf folgende Jahrzehnt“ (ebd.) waren. Und ist es nicht so, dass spätestens seit den 1990er-Jahren das „Interesse und die Aufmerksamkeit in Vorlesungen und Seminaren sank, wenn die Ansätze der politischen Theologien zur Sprache kamen“ (ebd.)? 

Vor diesem Hintergrund mag der neue Aufschwung, so meint man, erst einmal all diejenigen erfreuen, die an Anliegen und Denkweisen der Politischen Theologie solidarisch anschließen. Insofern überrascht es kaum, wenn beispielsweise Ansgar Kreutzers Publikation „Politische Theologie für heute“ (2017) von Edmund Arens, einem Metz Schüler, mit großem Wohlwollen angepriesen wird: „für Fundamentaltheologinnen und Sozialethiker ein must read!“ (e+g online)

Kritik an Aktualisierungsversuchen der Politischen Theologie: Etikettenschwindel! 

Dementgegen mag es erstaunen, wenn den Aktualisierungsversuchen dieses Wohlwollen nicht immer entgegengebracht wird. Beispielhaft dafür steht der Band „Gott in Zeit – Zur Kritik der postpolitischen Theologie“. Der von Michael Ramminger und Philipp Geitzhaus herausgegebene Sammelband, in dem u.a. Aufsätze von den Metz-Schülern Kuno Füssel und José A. Zamora enthalten sind, wurde im November 2018 lanciert. Es handelt sich um eine dezidierte Kritik an Aktualisierungsversuchen der Politischen Theologie. Der Untertitel erinnert nicht zufällig an die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie, in dessen Tradition auch die Metz’sche Theologie verortet wird (Geitzhaus 2018, 19-65).

Der zentrale Kritikpunkt lautet: Die Aktualisierungsversuche betrieben einen Etikettenschwindel. Sie nähmen so starke Verschiebungen der Metz’schen Theologie vor, dass es sich unweigerlich um eine andere theologische Tradition handle. Dabei wird die mangelnde bzw. mangelhafte Marxrezeption ebenso moniert (vgl. Geitzhaus 2018, 53-57), wie die unbegründete bzw. nicht gerechtfertigte Aufnahme von „Fragmente[n], Versatzstücke[n], Amalgame[n] der Luhmann’schen Systemtheorie“ (Hellgermann 2018, 66) und die Preisgabe der zentralen Vorstellung einer Subjektwerdung aller und einer damit verbundenen Möglichkeit emanzipatorischen Politik (Lis 2018, 119-154). 

Politik werde auf eine Verwaltung des Status Quo reduziert. Grundlegende Gesellschaftskritik und die eschatologische Hoffnungsperspektive werden aufgegeben.

Insofern gehe es nicht einfach nur um politische Theologie nach Metz, sondern um postpolitische Theologie: Politik werde auf eine Verwaltung des Status Quo reduziert. Grundlegende Gesellschaftskritik, eschatologische Hoffnungsperspektive und die theologische Reflexion auf das Ganze der Wirklichkeit werden aufgegeben (36-38, 76, 88). Stattdessen gehe es um einen affirmativen Bezug auf die Zivilgesellschaft, deren Option vorrangig sei (47). Letztendlich handle es sich somit bei postpolitischer Theologie um eine „Verdoppelung herrschender Verhältnisse“ (Ramminger 2008, 228), weil ihre grundlegende Veränderung nicht mehr zu denken gewagt werde. Die Lektüre provoziert die offene Frage, wie es den gegenwärtigen Aktualisierungsversuchen gelingen kann, nicht die gesellschaftskritische Spitze der Politischen Theologie abzubrechen.

Die Beiträge des Bandes entdecken im Metz’schen Werk selbst eine gefährliche Erinnerung. Diese Erinnerung lässt sich nicht anhand der weiteren Verwendung einzelner Termini wie „Compassion“ bewahren, sondern nur in der Berücksichtigung ihrer theoretisch-theologischen Einbettung und ihrer spezifischen Konstellation.

Ist die derzeitige Rezeption der Politischen Theologie durch eine einseitige Hermeneutik geprägt?

Damit belegen die Beiträge auch, dass in der historischen Distanz weniger ein Makel als semantische Potenziale und eine produktive Ungleichzeitigkeit zu finden sein können. Bei ihrer Lektüre schält sich die Frage heraus, ob die derzeitige Rezeption der Politischen Theologie nicht durch eine einseitige Hermeneutik geprägt ist: Herrscht in jüngerer Zeit nicht die Tendenz, dass sich die damaligen Ausführungen immer vor den Plausibilitäten der Gegenwart zu beweisen haben,2 während umgekehrt gegenwärtige Ansätze sich nicht am gegebenen Niveau der Politischen Theologie messen müssen?

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Sammelband als „Diskussionsbeitrag zur Ortsbestimmung gegenwärtiger politischer Theologie“ (P. Geitzhaus, ITP Rundbrief 49, 2) einen wichtigen Beitrag leistet. 

Übersehen wird, dass manche Kritikpunkte am Metz’schen Gesamtwerk durchaus ihre Berechtigung besitzen.

Ohne die Stärken des Sammelbandes relativieren zu wollen, gilt es jedoch auch anzumerken, dass die intensive und tendenziell einseitige Abarbeitung am Ansatz von Ansgar Kreutzer irritiert: Dadurch geraten nicht nur die (möglichen) gemeinsamen Anliegen aus dem Blick, sondern auch Kreutzers berechtigte Kritikpunkte am Metz’schen Gesamtwerk. Denn ist es nicht zum Beispiel adäquat, auf fehlende empirische Inspirationen und Konkretionen bei Metz hinzuweisen?

So erweckt der Sammelband zumindest teilweise den Anschein, exklusiv die Metz’sche Traditionslinie zu vertreten und anderen das Recht darauf streitig zu machen – auch wenn an anderer Stelle beteuert wird, dass es „nicht um irgendeine korrekte und reine Auslegung des Ansatzes von Metz“ gehe.3 Eine übergreifende Debatte um zentrale hermeneutische Fragen politischer Theologie wird dadurch möglicherweise eher erschwert als befördert.4 

Provokanter Geltungsanspruch macht auf Deutungsstreit aufmerksam, welche Fortschreibungen der Politischen Theologie als Politische Theologie überhaupt legitim ist. 

Doch auch wenn der starke Geltungsanspruch, der im Sammelband artikuliert wird, verwundern mag, wird man möglicherweise erst dadurch auf den zugrundeliegenden Deutungsstreit aufmerksam, welche Fortschreibungen der Politischen Theologie als Politische Theologie überhaupt legitim ist. 

Im Sammelband werden gute Argumente dafür angeführt, dass Alain Badiou und Tove Soiland womöglich die geeigneteren Gesprächspartner sind als die Systemtheoretiker Armin Nassehi und Dirk Baecker, die besonders von
Michael Schüßler rezipiert werden (69). Auch plausibel erscheint mir, dass tatsächlich gesellschaftstheoretische (und -kritische) Zeitdiagnose vor dem Lob der (eher formal verstandenen) Zivilgesellschaft stehen sollte und eine der Politischen Theologie korrespondierende soziale Praxis eher Kirchenasyl und neue soziale Bewegungen als Caritas und Diakonie betrifft.

Auch beim Sammelband handelt es sich um eine Fortschreibung und Aktualisierung des Metz’schen Werks. 

Diese wichtigen Debattenbeiträge träten meines Erachtens deutlicher zum Vorschein, wenn transparenter gemacht würde, dass es sich auch beim Sammelband um eine Fortschreibung und Aktualisierung des Metz’schen Werks handelt. Denn auch hier werden Kontextveränderungen wie theoretische Verschiebungen wahr- und aufgenommen.  

Was wird eigentlich unter Politik bzw. dem Politischen verstanden, wenn man Politische Theologie betreibt?

Dem skizzierten Deutungsstreit liegt letztlich die Frage zugrunde, was eigentlich unter Politik bzw. dem Politischen verstanden wird, wenn Politische Theologie fortgeschrieben wird. Es ist nur zu hoffen, dass sich aus den Beiträgen eine Debatte entspannt, die hilft, das Anliegen politischer Theologie auf der Höhe der Zeit auszubuchstabieren ohne die bereits gelegte Messlatte zu unterschreiten.5

Erste Argumente, kontroverse Positionen, aber auch gemeinsame Ausgangspunkte liegen nun auf dem Tisch. 

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Jan-Hendrik Herbst, M.A. und M.Ed. (Mathematik und katholische Theologie) ist ausgebildeter Lehrer und promoviert an der TU Dortmund im Fach „Religionspädagogik“.

Bild:  pixabay.com

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  1.  Exemplarisch seien hier angeführt: Ulrich Engel: „Politische Theologie nach der Postmoderne“ (2016); Ansgar Kreutzer: „Politische Theologie für heute“ (2017). Zudem fand Ende Januar ein geschlossenes Fachsymposium an der Universität Köln zur „Gegenwart und Zukunft Politischer Theologie(n)“ statt, mit dem Ziel, zukünftige Möglichkeiten von Diskussion und Zusammenarbeit auszuloten. Auch in den Politikwissenschaften lässt sich eine neue Aufmerksamkeit für Politische Theologie beobachten (vgl. Oliver Hidalgo (2018): Politische Theologie. Beiträge zum untrennbaren Zusammenhang zwischen Religion und Politik. Wiesbaden).
  2.  Vgl. Michael Schüßler (2006): ‚Updates‘ für die Politische Theologie? Fundamentalpastorale Dekonstruktionen einer diskursiven Ruine, in: Bucher, Rainer/ Krockauer, Rainer (Hg.): Pastoral und Politik. Erkundungen eines unausweichlichen Auftrags, Münster, 22-38.
  3. Geitzhaus 2018, 3. Dieser Anschein wird erweckt, wenn „Dreierlei politische Theologie“ (53) unterschieden werden. Dabei werden die kritisierten Ansätze als „‚neueste‘ Politische Theologie“ (21) bezeichnet, während die Beiträge des angeführten Sammelbandes „in expliziter Kontinuität zur Politischen Theologie nach Metz“ (22) verstanden werden sollen.
  4. Dabei stellt sich jedoch auch die Frage, inwiefern gerade die polemischen Abgrenzungen gegenüber einer gesellschaftskritischen Politischen Theologie einen bedeutsamen Teil zu dieser Diskurssituation beiträgt (vgl. 140; vgl. Schüßler 2006, Anm. 2).
  5. Eine solche Kontroverse scheint auch in anderen theologischen Fachbereichen notwendig. So stellt Bernhard Grümme für die Religionspädagogik eine ähnliche Konstellation fest, ohne sich diesbezüglich eindeutig zu positionieren; vgl. Bernhard Grümme (2018): Aufbruch in die Öffentlichkeit?, S. 21-26.
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