Exodus – ein Auszug aus den Gewalt-Impulsen der Religionen

David Luque

Religion ist immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, zu Gewalttätigkeit zu verführen. Dietmar Mieth sucht danach, wie Religion sich gewaltvollen Narrativen kritisch stellen und alternative Erzählungen stark machen kann.

Religion in ambivalenten Selbsterzählungen

Ridley Scotts Film „Exodus – Gods and Kings“ (2014) über den Auszug Israels aus Ägypten kann man als Religionskritik verstehen. Götter und Könige sind identisch im Gewaltanspruch, der jeden Widerstand ohne Kontrolle der Mittel wegbügelt. Der Gott Israels erscheint dem Moses als teekochendes Dalai-Lama-Kind. Beschrieben wird eine korrespondierende und eskalierende Gewalttätigkeit des Pharao-Gottes und des Israel-Gottes, der die Plagen einschließlich des Mordes an den Erstgeborenen inszeniert. Die ständige Überbietung des gewalttätigen Pharao durch den gewalttätigen Gott Israels ist freilich in den Filmkritiken nicht gut angekommen. Man kann die Kritik in dem schon erwähnten Zitat zusammenfassen: „Keine Spiritualität – nirgends“ (Die Zeit). Ridley Scott hat die festgelegten Rezeptions-Gefühle, in denen sich Anbetung und Gewalt vertragen, missachtet.

Religion als Erzeugerin oder als Verführte der Gewalt?

Eine solche Provokation, die von Texten ausgeht, die noch in der katholischen Osterliturgie als Anknüpfung für das Feiern der Taten Gottes präsent ist, stellt vor die Frage: Religion als Erzeugerin oder als Verführte der Gewalt? Die Antwort der Theologen und Theologinnen darauf lautet: Das Phänomen „Gewalt“ ist kein religiöses Phänomen, macht aber vor der Religion nicht halt. Es bedient sich religiöser Gefühle, so dass es scheint, als bediene sich die Religion der Gewalt. Das ist ein dialektisches Verhältnis zwischen Religion, die nach Macht sucht, und Religion, die die Ohnmacht  bezeugt.

Als Motive der Gewalt halte ich fest: 
Religiöse Vorurteile

Vorurteil meint, im Gegensatz zu Endurteil, die vorgefasste Meinung oder die Voreingenommenheit. Beides ist zunächst einmal vom reinen Wortsinn her noch kein negativ besetzter Begriff.

Das Vorurteil in seiner negativen, das heißt, Polemik und Ausgrenzung produzierenden und reproduzierenden Bedeutung, ist eine vorreflexive Voreingenommenheit gegenüber Sachverhalten oder gegenüber Personen, die sich ihres Vorurteiles selbst nicht kritisch bewusst ist. Diese Voreingenommenheit bleibt deshalb korrekturunfähig und fühlt sich auch unter widrigen Umständen stets bestätigt.

Selbstreflexion ist das emanzipatorische Grundwort schlechthin.

Wir wissen, dass wir alle Vorurteile haben. Der Umgang mit der Vorurteilsstruktur unseres Bewusstseins ist geradezu ein Kennzeichen für einen humanen Reifeprozess. Denn der Umgang mit der Vorurteilsstruktur unseres Bewusstseins heißt, philosophisch gesehen, Selbstreflexion. Selbstreflexion ist das emanzipatorische Grundwort schlechthin, das aus der Aufklärung stammt. Menschen mit Vorurteilen im Sinne vorreflexiver Voreingenommenheit, die nicht mehr überprüft werden und die deswegen korrekturunfähig bleiben, sich ständig bestätigt fühlen, sind Menschen, die zur Selbstreflexion in ihrem zentralen Sinne nicht oder nicht mehr vordringen können.

Empörung

Man kann Empörung als eine Erregung des Gefühls angesichts von Ungerechtigkeiten betrachten. Wir sprechen auch vom „gerechten Zorn“, oder von einer berechtigten Aufregung. Negativ wird der Umschlag der Empörung in rückhaltlose Aggression gesehen, insofern es nicht mehr darum geht, etwas zu bereinigen, sondern nur noch darum, etwas zu zerstören. Diese destruktive Aggression ist ebenso kontrollunfähig wie das festgefügte Vorurteil korrekturunfähig ist.

„gerechter Zorn“

Die Angst, weiter verletzt zu werden, kann auch als Quelle der Aggression gesehen werden. Es gibt eine Einengung des Bewusstseins durch Aussichtslosigkeit.

Zentrismus

Wir kennen eine Reihe von Zentrismen: Ethnozentrismus, Kulturzentrismus, nationaler historischer Zentrismus, missionarischer Zentrismus. Zentrismus unterscheidet das Zentrum, dem man sich zugehörig fühlt und das man als privilegiert erachtet von der Peripherie, die nur dann zu tolerieren ist, wenn sie Peripherie bleibt und die Ordnung „innen“ vor „außen“ nicht gefährdet. Etwa: „right or wrong: my country!“

„Erwählung“

Religiös gehört zu diesem Zentrismus in besonderer Weise die „Erwählung“, z.B. zum „Volk Gottes“, sofern es nicht als „Sammlung“, sondern als „mit einer Sendung versehen“ erschient. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ ist ein Spruch, der diese Haltung deutlich macht. Aber es gibt diese Haltung auch in religiöser Form: das „Heil der Welt“ in einer Religion zu sehen, ist so lange unproblematisch, als dies gewaltfrei inszeniert wird.

Gegengewalt: Sich durch das „Wogegen“ bestimmen lassen

Gewalt und Gegengewalt bilden ein Muster der „bestimmten Negation“ (Hegel). Negative Dialektik bedeutet: das Wogegen nimmt von dem die Mittel auf, wogegen es kämpft. Die Geschichte liefert dafür eine Reihe von Beispielen: in den Religionskriegen, in den Konfessionskriegen und nicht zuletzt auch im seit Jahren andauernden Syrienkrieg. Indem der andere immer der Provokateur, der Unterdrücker oder Aggressor ist, wird immer „zurückgeschossen“, wie es Hitler zynisch in seiner Meldung des Kriegsbeginns 1939 vorgelogen hat. Die Rechtfertigung der Gewalt durch ein Wogegen wird oft zur Leugnung der eigenen Aggressionsbereitschaft und der eigenen Zielsetzung gebraucht.

„Ehre“ als Motiv

Die Verteidigung der Familienehre oder des Vaterlandes „auf dem Felde der Ehre“ ist oft heute noch ein religiös unterbautes Motiv mit schlimmen Auswirkungen. Die Soldaten trugen einmal in Deutschland „Gott mit uns“ auf der Gürtelschließe.

Meine These:

Religion als „Sponsor“ von Gewalt erzeugt diese nicht aus sich heraus, sondern aus der historisch-narrativen Mischung von Religion und Machtanspruch. Die Gottesmacht soll über die Völker oder schlicht „über die anderen“ triumphieren. Demgegenüber kann man die säkulare Vernunft als Quelle moralischer Reflexion kritisch einsetzen. Damit – z.B. mit der Aufklärung nach den europäischen Konfessionskriegen – gewinnt man ein Instrument für die Analyse der historischen Verwicklungen der Religion.

säkulare Vernunft als Quelle moralischer Reflexion kritisch einsetzen

Solche Verwicklungen werden freilich schon in ersten autoritativen Textbeständen (Bibel, Koran oder etwa im hinduistischen Kastenwesen) aber auch in den Auserwählungsideen der USA sichtbar. Keine Religion ist in ihren Fundamenten vom jeweiligen „Zeitgeist“ und seiner Machtverteilung unabhängig. Manchmal haben diese historisch analysierbaren „zeitgeistigen“ Elemente eine größere Überlebenszähigkeit als die eigentlichen Glaubensinhalte oder spirituellen Kräfte.

Wie kommt man hier zu einer kritischen  Auseinandersetzung?

Ein gemeinsames Ethos großer Religionen stößt immer wieder an Grenzen. Kann man diese Grenzen verschieben, wenn man die moralischen Motive besser versteht, die in einer Religion zum Zuge kommen? Wird es uns weiter helfen, wenn wir die historisch gewachsenen und narrativ unterbauten Beweggründe anderer verstehen, bevor wir uns von ihren Normen unter Zugrundelegung eines aufgeklärten Status distanzieren?

auf die Erkundung von Narrativität, also von Erzählungen, setzen

Wollen wir verstehen, müssen wir m. E. auf die Erkundung von Narrativität, also von Erzählungen, setzen, um die Frage zu beantworten, wie es zu bestimmten Einstellungen und Gewohnheiten gekommen ist. Wollen wir jedoch etwas kritisch hinterfragen, müssen wir auf die allgemeine Zugänglichkeit der vernünftigen, moralischen Einsicht setzen.

Die Praxis des Umerzählens

Religion schreibt sich in diesem Sinne selbstkritisch narrativ fort oder sie erstarrt.

Große Narrative des historischen Zusammenlebens der Religionen – zum Beispiel in Sevilla, Tunis, Tripolis, Libanon – stellen ein Zeugnis aus, dass Geschichten so erzählt werden können, dass die erzählenden Menschen ihre narrativen Querverbindungen in Richtung auf friedliches Zusammenleben kultivieren.

narrative Querverbindungen in Richtung auf friedliches Zusammenleben kultivieren

„Mystik“ wird oft als Rückzug der Religion in die Innerlichkeit verstanden. Ist Innerlichkeit verträglich mit Macht und Gewalt? Offensichtlich ist dies z.B. bei Bernhard von Clairvaux und bei Sufis als Begleiter islamischer Heere möglich. Leider gibt es dafür eine Reihe von Zeugnissen, nicht nur im Christentum der Kreuzzüge und Konfessionskriege.

Die eigentliche Frage lautet also:

Durch welche Erzählung wird welche Verhaltensform favorisiert?

Können Religionen ihre tragenden Geschichten dadurch von gewalttätigen Implikationen befreien, indem sie diese umerzählen? Die Frage stellt sich sofort: Wer entscheidet dies und wie geschieht das? Kann eine solche Umerzählung die gemeinsame Vereinbarung im Rahmen eines Weltethos ermöglichen?

Können Religionen ihre tragenden Geschichten dadurch von gewalttätigen Implikationen befreien, indem sie diese umerzählen?

Dies erfordert das innere religiöse Gespräch und das Religions-Gespräch als Umgang mit Narrativen, etwa in Bezug auf Kasten-Systeme, Sexismus, religiös inszenierten Terrorismus. – Die Eingangsfrage lautet: Welche Narrative haben sie hervorgebracht?

Schluss

Ich habe eingangs einen Film als Initiation der Kritik religiöser Gewalt angesprochen. „Exodus“ (vor Weihnachten 2014) nicht als Gefühl sondern als bildnerisch-rationale Kritik – das war kein Erfolg. Die Kritiker und Kritikerinnen suchten die religiösen Gefühle. Ich halte Religion auch für ein Gefühl, aber nicht für ein Gefühlspaket, das man an Weihnachten aufschnürt. Dass Scott die weihnachtliche Stimmung eher provozieren wollte, obwohl er sich in Äußerungen sehr zurückhielt, scheint mir eine ernsthafte Gefühlsprüfung wert.

Ich halte Religion auch für ein Gefühl, aber nicht für ein Gefühlspaket, das man an Weihnachten aufschnürt.

Jahwe als Herodes – das ist die antijüdisch-antichristliche Pointe, aber dabei bleibt Scott nicht stehen. Der als Kind erscheinende Sinai-Gott zielt zudem auf den Mythos vom „göttlichen Kind“ und erinnert an „the making of Dalai Lama“, d.h. an eine tibetisch-buddhistische Berufung im Kindesalter. Und zugleich, wenn das Kind Tee serviert, erinnert dies an die Tee-Zeremonie in Japan. Das ist in Andeutungen weit ausgegriffen, aber es wurde von der Kritik nicht bemerkt. Sie war atmosphärisch verwundert, verarbeitete ihre enttäuschten Erwartungen aber nicht sorgfältig.

Die These vom Umerzählen der Gewaltgeschichten in den Religionen ist für die Religionen, auch für mein Christentum, eine provokative These. Ich hoffe, sie fordert zur Debatte heraus.

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Dietmar Mieth, Professor emeritus für Theologische Ethik unter besonderer Berücksichtigung der Gesellschaftswissenschaften an der Universität Tübingen (1981-2008)

Bild: Decorados Exodus Ridley Scott – David Luque auf flickr.com.

 

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