Pseudotheologische Ideologien können üble Konsequenzen haben. Wenn man etwas aufhalten sollte, dann sie. Eine Analyse von Peter Thiels apokalyptischer Krypto-Theologie von Florian Baab.
Wenn eines gerade common sense ist, dann sicher das: Wir leben in einer komplexen und unsicheren Zeit mit vielen unklaren Ausgängen. Das Klima heizt sich auf, Demokratien wandeln sich in autoritäre Systeme, Kriege und Konflikte prägen das Bewusstsein, dass auch im „Westen“ der Friede der vergangenen Jahrzehnte eher die Ausnahme als die Regel gewesen sein könnte.
Thiels apokalyptische Krypto-Theologie
Eigentlich passt es da ins Bild, wenn der einflussreiche Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel, der unter anderem PayPal mitbegründet und J. D. Vance den Weg ins Weiße Haus gebahnt hat, sich jüngst auf Basis einer diffusen Krypto-Theologie als Apokalyptiker betätigt – siehe dazu auch den sehr erhellenden und lesenswerten Beitrag Wolfgang Palavers hier auf feinschwarz.net. Die Geschichte, die es inzwischen auch in die deutschen Medien geschafft hat – berichtet haben u.a. der Deutschlandfunk in einem hörenswerten Podcast und die ZEIT in einem längeren Artikel – geht in Kurzform so: Thiel stand schon während seines Studiums in Stanford dem Neokonservativismus nahe. Er gehörte einem Zirkel an, der, beeinflusst durch Referenzdenker wie Carl Schmitt und René Girard, christliches Gedankengut auf merkwürdige Weise ins Säkulare überführte. Dieser Spur ist Thiel treu geblieben und sucht dazu in jüngster Zeit verstärkt die Öffentlichkeit.
Exemplarisch lässt sich seine Mission an seiner Interpretation des „Katechon“ aus dem zweiten Kapitel des Zweiten Thessalonicherbriefs deutlich machen: Dort beschreibt ein Paulus-Schüler (nach heutigem Forschungsstand nicht Paulus selbst) das Auftreten des Antichristen. Hier der Wortlaut nach der Einheitsübersetzung (2 Thess 2,3-8):
Der Katechon von 2 Thess 2,3-8
Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen, wenn in einem prophetischen Wort oder einer Rede oder in einem Brief, der angeblich von uns stammt, behauptet wird, der Tag des Herrn sei schon da. / Lasst euch durch niemand und auf keine Weise täuschen! Denn zuerst muss der Abfall von Gott kommen und der Mensch der Gesetzwidrigkeit erscheinen, der Sohn des Verderbens, / der Widersacher, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt. / Erinnert ihr euch nicht, dass ich euch dies schon gesagt habe, als ich bei euch war? / Ihr wisst auch, was ihn jetzt noch zurückhält, damit er erst zur festgesetzten Zeit offenbar wird. / Denn die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muss erst der beseitigt werden, der sie bis jetzt noch zurückhält. / Dann wird der gesetzwidrige Mensch allen sichtbar werden.
Die Rezeptionsgeschichte dieser Passage ist komplex. Bei den Kirchenvätern war es zunächst meist das Römische Reich, das den Antichristen am Erscheinen hindert. Es handelt sich um ein dreistufiges Verfahren: Damit es zum Endgericht und zur Erlösung kommen kann, muss zunächst der Antichrist erscheinen, der im Lauf der Geschichte ebenfalls vielfach besetzt wurde; bis der Antichrist erscheint, gibt es etwas, das sein Auftreten behindert. Eben den „Katechon“, das, was ihn zurückhält.
Komplexe Rezeptionsgeschichte
Wen oder was der Autor des pseudepigraphischen Briefes meinte, ist bis heute Gegenstand exegetischer Fachdebatten. Fest steht aber der Kontext dieser Rede: Man lebte in der Zeit der Parusieverzögerung (eines dieser schönen Worte, die es nur in der Theologie gibt), sprich: in einer Zeit, in der die erwartete Wiederkunft Christi als Beginn des Erlösungsgeschehens ausblieb. Man fragte sich daher, was der Grund dieser Verzögerung war – und hatte Faktoren zu benennen. Der Autor des Zweiten Thessalonicherbriefs fand daher zu einer Lösung, die ihre Genialität im vollen Umfang erst rückblickend zeigt: Der Katechon ist in unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich besetzbar. Man konnte das Römische Reich an diese Stelle setzen, aber in späteren Zeiten eben auch andere Mächte, deren Bekämpfung zur Aufgabe des Handelns aus christlichem Geist wurde.
Carl Schmitt wiederum – um nur ihn zu nennen – ist Verfasser eines komplexen und vielschichtigen Werks, ein Katholik, der sich früh vom Milieu distanzierte, ein Verfassungsrechtler, Literat und Populärphilosoph, ein solidarischer Zuarbeiter der nationalsozialistischen Ideologie, dessen Werk „eine bunte Mixtur aus Scharfsinn und Tiefsinn, Unsinn und Wahnsinn“[1] ist. Schmitt-Interpretationen sind Legion. Das hat Gründe: Sein Werk ist ein Fundus verschiedenster Gedanken und Gedankensplitter, die beliebiger Auslegung und Neudeutung offenstehen.
Carl Schmitt: der Katechon als produktiver Antrieb der Geschichte
Tatsächlich ist der Katechon eine Referenz, auf die Schmitt immer wieder zu sprechen kommt. Am häufigsten in seinem „Glossarium 1947–1951“, einem besonders belasteten Werk, in dem er im Tagebuchstil über seinen Blick auf den Nationalsozialismus und die junge Bundesrepublik reflektiert. „Ich glaube an den Katechon“, so schreibt er dort, „er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden.“[2] Oder an anderer Stelle: „Man muß für jede Epoche der letzten 1948 Jahre den Katechon nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden.“[3]
Sprich: Der Katechon wird zum produktiven Antrieb der Geschichte umgedeutet. Es braucht immer die feindliche Macht, deren Elimination notwendig ist, um die Apokalypse weiter zu verzögern; und ist sie beseitigt, tritt ein neuer Feind an ihre Stelle. Das ist eine Interpretationsweise, die an die Stelle der ursprünglich christlichen Lesart eine identitäre Pseudotheologie setzt.
Nun ist schon die Passage im Zweiten Thessalonicherbrief herausfordernd. Die Apokalyptik als Literaturgattung impliziert ja ursprünglich Hoffnung auf Erlösung und Heil. Sie bedeutet nicht Angst vor dem Untergang, sondern Erwartung des Gerichts. Die Welt, die da endet, wabert „danach“ nicht post-apokalyptisch vor sich hin, sondern sie wird vollständig überwunden sein durch das Erscheinen eines neuen Himmels und einer neuen Erde (Offb 21,1).
Apokalyptik: ursprünglich Hoffnung auf Erlösung und Heil.
Durch die im Brief eingeführte zweistufige Verzögerung (man hat den Katechon zu bekämpfen, der das Erscheinen des Antichristen verhindert, dessen Auftritt das Erlösungsgeschehen erst möglich macht), wird einer neuen emotiven Haltung der Weg bereitet: der Angst vor dem Ende, der empfundenen Notwendigkeit seiner Verzögerung. Die frühen Christen konnten das Ende erhoffen – eine Haltung, die uns heute angesichts multipler materieller Drohszenarien fremd geworden ist. Doch schon der Zweite Thessalonicherbrief bereitet einer möglichen Lesart den Weg, die an die Stelle der Hoffnung auf das Gericht und ein gutes Ende etwas anderes setzt, die Hoffnung auf Verzögerung des Endes.
Und Peter Thiel? Es ist nicht ganz leicht, sich seinen Blick auf den Katechon aus den wenigen Interviews zusammenzusetzen, die er öffentlich gehalten hat, zumal er sich oft kryptisch und widersprüchlich äußert, seine Referenzen selten offenlegt und seine Lehren ohnehin lieber in nichtöffentlichen Zirkeln verbreitet. Aber im Kern scheint es sich aus seiner Sicht so zu verhalten: Der Katechon ist keine externe Macht, kein äußerer Feind. Er ist das, was Gesellschaften wehrhaft macht und Innovationen vorantreibt.
Die Tech-Nerds als Aufhalter der drohenden Apokalypse
Der Katechon steht für den Prozess des technischen Fortschritts. Die Tech-Nerds sind damit die Aufhalter der drohenden Apokalypse, die Gegner des Antichristen. Daher das Pathos: Parusieverzögerung um jeden Preis als christliche Kernaufgabe. Hier liegt die düstere Schnittmenge dieser reaktionären Silicon-Valley-Ideologie zur Bewegung des Trumpismus. Und hier besteht auch eine nicht weniger düstere Überschneidung zu der ultranationalistischen Philosophie der russischen Rechten: Auch Alexander Dugin, einer der einflussreichsten Vordenker des dortigen Nationalismus, thematisiert den Katechon und sieht das orthodoxe Christentum als Aufhalter des Antichristen.[4]
Der Antichrist: die „woken Ideologien“
Und wer ist dieser Antichrist? Hier besteht weitgehend Einigkeit: Es sind „woke Ideologien“, es sind länderübergreifende Allianzen wie die Europäische Union und die NATO, die letztlich, so meinen Thiel und andere, eine bürokratisch überlastete, innovationsfeindliche und machtpolitisch gelähmte Weltregierung herbeiführen würden, in der es nur „letzte Menschen“ im Sinne Nietzsches gäbe: „Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche. Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.“[5]
Was man aufhalten muss: pseudotheologische Ideologien
Wir beobachten gerade, wie eine Ideologie Macht gewinnt, die ein verfremdetes christliches Konzept ins Säkulare überführt hat. Wie alle Ideologien will sie praktisch wirksam werden. Doch die Theologie verhält sich ihr gegenüber bisher merkwürdig ruhig. Das kann kaum so bleiben, denn gerade in kritischen Zeiten ist eine ihrer ältesten Aufgaben gefordert: die Kritik ideologischer Überformungen durch Freilegung der ursprünglichen Botschaft des Evangeliums. Oder um mit einer möglichen Konsequenz aus 2 Thess 2 zu schließen: Pseudotheologische Ideologien können bekanntlich üble Konsequenzen haben. Wenn man etwas aufhalten sollte, dann sie.
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Dr. Dr. Florian Baab ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der Universität Hamburg. Im Frühjahr 2026 erscheint von ihm im Felix Meiner Verlag: Der Weltuntergang: Eine Meditation.
[1] Reinhard Mehring, Carl Schmitt zur Einführung, Hamburg 2011, 9.
[2] Carl Schmitt, Glossarium. Aufzeichnungen der Jahre 1947 – 1952, Berlin 1991, 63.
[3] Ebd.
[4] Vgl. Magda Dolińska-Rydzek, The Antichrist in Post-Soviet Russia: Transformations of an Ideomyth, Stuttgart 2021, 185-196.
[5] Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe, hrsg. v. G. Colli/M. Montinari, (KSA) Bd. 4, Also sprach Zarathustra, München 2. Aufl. 1988, 20.


