THREE DOORS. Ausstellung im Frankfurter Kunstverein bis zum 11. September 2022

Photographer: Norbert Miguletz; ©Frankfurter Kunstverein

THREE DOORS beschäftigt sich mit den rechtsterroristischen Anschlägen vom 19. Februar 2020 in Hanau und dem Tod von Oury Jalloh, der 2005 in Dessau in einer Gefängniszelle verbrannt ist. Ihre Eindrücke von der Ausstellung THREE DOORS schildert Melanie Wurst mit einer unbedingten Empfehlung, sich diese anzuschauen.


„Schon jetzt die wichtigste Ausstellung des Jahres“, hieß es im Deutschlandradio Kultur. Dem schließe ich mich an, denn was in den Räumen des Frankfurter Kunstvereins zu sehen ist, beeindruckt: Über zwei Stockwerke sind Videos und Zeittafeln, Rekonstruktionen und Audiobeiträge zu sehen und zu hören.

drei Türen.

THREE DOORS, drei Türen: Der Notausgang in der Arenabar in Hanau Kesselstadt (dem zweiten Tatort des rechtsterroristischen Anschlags am 19. Februar 2020), die Tür des Täterhauses, die in der Nacht des Anschlags nur unzureichend bewacht war, der Täter hätte also jederzeit rausgehen und weitere Menschen ermorden können. Schließlich die Tür der Gefängniszelle 5 des Polizeireviers Dessau, hinter der Oury Jalloh am 7. Januar 2005 gefesselt verbrannt ist.

Harter Stoff für eine Ausstellung. Nach den ersten Eindrücken von der Vernissage im Juni habe ich beschlossen, die Ausstellung in Begleitung zu besuchen, um meine Eindrücke im Anschluss teilen zu können. Das war auch gut so. Gleichzeitig lege ich die Ausstellung jeder*m ans Herz. Die Installationen sind alle auf sehr unterschiedliche Art und Weise präzise und inhaltlich und ästhetisch eindrücklich. Sie regen an, über Gerechtigkeit, staatliches Versagen und zivilgesellschaftliche Aufgaben und Handlungsspielräume nachzudenken.

Auf der Suche nach Antworten.

Auf der Suche nach Antworten haben Angehörige der Terroropfer in Hanau und von Oury Jalloh Forensic Architecture/Forensis beauftragt, Untersuchungen anzustellen. Diese Arbeiten sind in THREE DOORS zu sehen.
Die Initiative 19. Februar Hanau, die Initiative im Gedenken an Oury Jalloh und das Recherchekollektiv Forensic Architecture/Forensis haben zusammen mit Journalist*innen im Frankfurter Kunstverein eine großartige Ausstellung realisiert. Aufrüttelnd und auch schmerzhaft. Mich hat sie an manchen Stellen fassungslos zurückgelassen.

Seine Anrufe liefen ins Leere.

Da sind die Videos der Angehörigen und Überlebenden des rechtsterroristischen Anschlags von Hanau am 19. Februar 2020. Ihre Aussagen haben sie teilweise vor dem Untersuchungsausschuss in Wiesbaden gehalten und hier eingespielt. Die Videos, die die letzten Lebensminuten von Vili Viorel Pӑun rekonstruieren, der 5 Mal versucht hat, den Notruf über die Nummer 110 zu erreichen, während er den Täter zunächst aufgehalten und dann vom ersten zum zweiten Tatort verfolgt hat. Seine Anrufe liefen allerdings ins Leere, weil der Hanauer Notruf nur von einer Person besetzt war und es keine Weiterleitung gab.

Die Sicherheitsmaßnahme eines Notausgangs einfach abgeschafft?

Da ist die Zeitleiste kollektiver Aktionen der Initiative 19. Februar Hanau, in der sich Angehörige, Überlebende und solidarische Menschen organisieren. Die Zeitleiste der Nacht des Anschlags, die minutiös das Geschehen und die Aktionen der Einsatzkräfte dokumentiert. Das Video von Forensic Architecture/Forensis zum Notausgang in der Arenabar, in dem rekonstruiert wird, dass zwei Personen hätten überleben können, wenn der Notausgang geöffnet gewesen wäre. Allerdings war allen klar, dass sie nicht zum Notausgang rennen können, da dieser seit Jahren verschlossen war. Schließlich hatte es immer wieder polizeiliche Razzien gegeben, bei denen niemand über den Notausgang entkommen sollte. Hat die Polizei also in Kauf genommen, dass die Sicherheitsmaßnahme eines Notausgangs und Fluchtweges abgeschafft worden war?

Es ist unfassbar, was in den polizeilichen Ermittlungen alles schief lief.

In einem weiteren Video wird über die Aufnahmen des Polizeihubschraubers der desinteressierte Einsatz am Täterhaus in Hanau Kesselstadt rekonstruiert. Der Polizeihubschrauber hat während des gesamten Einsatzes nicht die Adresse genannt bekommen, die Türen des Täterhauses waren nur sporadisch oder gar nicht bewacht, die Aussage des Vaters, die Schüsse nicht gehört zu haben, wird durch ein Schallexperiment widerlegt.
Wie oft ich in dieser Ausstellung erschüttert den Kopf geschüttelt habe, weiß ich nicht mehr. Es ist unfassbar, was in der Nacht und in den polizeilichen Ermittlungen alles schief lief. All das ist offensichtlich. Piter Minnemann, ein Überlebender, schließt sein Videoportrait mit den Worten: „Ich habe keinerlei Vertrauen in die Polizei mehr. Wenn sie wenigstens ihre Fehler zugeben und sich entschuldigen würden.“

Was würde passieren? Was würde es kosten, Fehler zuzugeben? Der Benefit könnte groß sein. Vielleicht könnte in Ansätzen das Vertrauen der Betroffenen in staatliche Strukturen und auch in die Gesellschaft wiedergewonnen werden.

Thematisieren rechtsterroristischer Gewalt und polizeilichen Versagens

Die Kraft der Ausstellung liegt darin, durch objektive, detailgetreue Rekonstruktionen, Wissen zu generieren und die Gerechtigkeitsfrage über allem aufleuchten zu lassen. Öffentlicher Druck und das beharrliche Insistieren der Zivilgesellschaft legen die rassistischen Vorurteile derer, die Verantwortung tragen, offen. Klar ist nach dem Besuch der Ausstellung auch: Das Thematisieren rechtsterroristischer Gewalt und staatlichen Versagens gehört nicht nur in Gerichtsprozesse und parlamentarische Untersuchungsausschüsse, deren Inhalte oft nur über die Presseberichterstattung für die Öffentlichkeit wahrnehmbar sind. Die Kulturinstitution Frankfurter Kunstverein rückt den zivilgesellschaftlichen Diskurs über Rechtsterrorismus und polizeiliches Versagen in den Fokus. Die Ausstellung THREE DOORS macht deutlich, dass es eigentlich längst keinen Gesellschaftsbereich mehr geben kann, der sich der Auseinandersetzung mit der Problematik entzieht. Mit der Hoffnung, dass dadurch auch Veränderung erwirkt werden kann, bin ich aus der Ausstellung gegangen.

In Erinnerung an Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Pӑun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin,

an Oury Jalloh und alle Opfer rechter und rassistischer Gewalt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 11.9.2022 im Frankfurter Kunstverein zu sehen. Weitere Ausstellungsorte sind in Planung. Updates folgen.

In einem Podcast mit dem Titel „Rechtsterror – die Lücke von Hanau“ hat der Rundfunksender SWR2 eine differenzierte Darstellung der rechtsterroristischen Anschläge von Hanau und ihrer Hintergründe vorgenommen.

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Autorin: Melanie Wurst lebt und arbeitet als Theologin und Systemische Beraterin in Frankfurt am Main.

Foto 1: Forensic Architecture/Forensis
Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein 2022 mit der Untersuchung “Rassistischer Terroranschlag in Hanau: Das Haus des Täters” und die Zeittafel “Vorfälle und Ungewissheit;
Photographer: Norbert Miguletz; ©Frankfurter Kunstverein

Foto 2: Wolfgang Beck, Prospekt der Ausstellung

 

 

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