Tibhirine 1969 – 1973. Erfahrungen in „Notre Dame de´l Atlas“

Vor genau zwanzig Jahren wurden die sieben Trappisten von Tibhirine/Algerien ermordet, die durch den Kinofilm Von Menschen und Göttern auch im deutschen Sprachraum bekannt wurden. Aus diesem Anlass berichtet Christian Domes, Passauer Pastoralreferent a. D., von seinen persönlichen Erfahrungen bei den Mönchen.

Meine Geschichte mit den Trappisten von Tibhirine beginnt im Jahre 1969. Ich war 17 Jahre alt und unterwegs mit einer Pfadfindergruppe auf den Spuren von Charles de Foucauld. Im Kloster Notre-Dame-de´l Atlas planten wir einen sozialen Einsatz für arme Familien im Umkreis des Klosters. Nach langer Reise mit einem VW-Bus über Spanien und Marokko kamen wir sehr müde spät abends im Kloster an und wurden freundlich begrüßt, mit Essen und Trinken versorgt…

Einen Tag durften wir uns regenerieren, dann ging es unserem Plan gemäß an die Arbeit für eine neben dem Kloster lebende 12-köpfige Familie. Diese lebte mit 2 Ehemännern, die sich gemeinsam eine Frau „erworben“ hatten mit 9 Kindern in einer Schilf-Lehm-Hütte. Für diese Menschen sollten wir also ein Steinhaus errichten, mit Hilfe eines einheimischen Maurers. Wir waren gespannt, wie dies gelingen sollte, mit einem Handwerker, der „ständig an Siesta dachte…“. Es war August, bei ca. 35 Grad Außentemperatur, wir sollten um 6 Uhr anfangen. Als wir kurz nach 6 Uhr erschienen, hatte der „müde Araber“ schon die ersten Steine zurechtgehauen und den Mörtel gemischt. Bis ca. 12 Uhr waren die ersten Grundmauern gelegt, die Mittagspause nahte. Wir waren schon ziemlich fertig, und sollten dann gegen 16 Uhr wieder erscheinen… tatsächlich gings dann weiter bis zum Einsetzen der Dunkelheit gegen 19 Uhr. Wir schliefen sehr tief in einer ehemaligen Lagerhalle des früheren Weinguts „Tibhirine“.

Humorvolle Spiritualität und Einfachheit

So ging es eine gute Woche dahin, moralisch und essensmäßig durch die Trappisten unterstützt. Die tägliche Teilnahme an deren Eucharistiefeiern und Abendhoren waren uns selbstverständlich und ließen uns schnell deren humorvolle Spiritualität und Einfachheit verstehen. Für eine Woche machten wir uns dann auf, um in den Süden Algeriens zu fahren, um in den Oasen die Kleinen Schwestern Jesu aufzusuchen und die Einsiedelei von Charles de Foucauld auf dem Assekrem im Hoggar-Gebirge zu besuchen.Auf dem Rückweg nach Europa kehrten wir wieder im Kloster Tibhirine ein, um noch einige Tage bei der Feldarbeit zu helfen. Es stand hauptsächlich die Lavendel-Ernte an, bei sengender Hitze mit einfachsten Sicheln.

Das Haus war inzwischen fast fertig, es standen noch einige Zimmererarbeiten für das Dach an. Von der Baustelle aus sahen wir stets zum Eingang der „infirmerie“ des Fr. Luc. Vor dieser einfachen Holztür sammelten sich täglich bis zu 100 oder 200 Menschen, vor allem Frauen mit Kindern, die auf eine Behandlung von Fr. Luc dem Arzt,  hofften. Abends klagte er oft darüber, wie schwer es sei, vernünftige Medikamente zu besorgen – vor allem in ausreichender Menge. Wir versprachen, im nächsten Jahr mit einem größeren Paket wiederzukommen. Fr. Luc gefiel uns jungen Männern vor allem wegen seiner scheinbaren Bärbeissigkeit und seinem wundervoll falschen Brummen beim Singen der Psalmen. Wir hatten auch den Eindruck, dass er es sehr genoss, wenn wegen der Gäste oder kirchlicher Feiertage ausnahmsweise Rotwein ausgeschenkt wurde. Mitbrüder erzählten uns von seinem ärztlichen Einsatz während des Bürgerkrieges in Algerien bis 1962, als er jedem Verletzten half, ob Franzose oder Rebelle. Das brachte ihm bei den Einheimischen anhaltenden Respekt ein und bei den Franzosen Missfallen.

Diese Haltung prägt mich bis heute

Eindrücklich für mich war die Gestaltung des kleinen Friedhofs, umzäunt durch einen einfachen Eisenzaun, die Gräber nicht geschmückt oder gefegt. Auf unsere Frage, warum das so sei, meinte Fr. Benoit – aus dem Elsaß stammend und damit auch des Deutschen kundig – dass die verstorbenen Mitbrüder in ihren Gebeten und Gottesdiensten sowieso sehr präsent seien, dass es weiterer Verehrung auf den Gräbern nicht bedürfe. Diese Haltung gefiel mir und prägt mich bis heute.

Die Eucharistiefeiern in einem schlichten Raum mit Holzaltar und einem Berberteppich darauf kam unserem Bedürfnis nach Einfachheit und Klarheit sehr entgegen. Wie gesagt – das Brummeln von Dr. Luc gab das besondere Gepräge ohne Geschnörkel und Manieriertheit. Das gefiel uns sehr.

Im nächsten Jahr kamen einige von uns wieder, brachten Werkzeuge für Werkstätten und Medikamente für Fr. Luc mit. Wieder waren wir beeindruckt von der selbstverständlichen Gastfreundschaft. Aufgefallen war uns diesmal im Besonderen die Marienstatue am Berg – Notre-Dame-de´l Atlas –  als Gebetsplatz der Muslime. Das verwunderte uns doch und ließ  uns nachforschen, welche Rolle Maria und Josef und Jesus bei den Muslimen spielen.

Kommunitär und geistlich leben?

Zwei Jahre später fuhr ich im Winter für ein Vierteljahr dorthin, auf der Suche nach einem tragfähigen Konzept für mein weiteres Leben. Ich konnte mir vorstellen, kommunitär und geistlich zu leben… So wurde ich dort im Gästehaus einquartiert, durfte an allen Gebeten und Essen der Kommunität teilnehmen – stets aus einem Blechnapf, der auch nach jeder Mahlzeit persönlich gereinigt werden musste – mit der Auflage, nach dem dritten Tage auch in der Kommunität mitzuarbeiten. So arbeitete ich in der Schreinerei, stickte einige Messgewänder und half beim Ausbessern von Mauerteilen. Mein Ansprechpartner war P.Benoit, jetzt hieß er P. Jean-Pierre, da alle paar Jahre die Trappisten ihren Namen ändern sollen, um ihre Identität ganz auf Gott zu bauen – so wurde mir das damals erklärt. Da ich noch einige Zeit eine Briefpartnerschaft mit ihm unterhielt, erlaubte er mir, ihn weiterhin „P.Benoit“ zu nennen. Dieser immer schalkhaft lachende Mann ist der, welcher im Film sich unter dem Bett versteckte und so verschont wurde. Jetzt lebt er mit 94 Jahren in einem Kloster in Marokko. Angeblich leidet er bis heute unter seinem „Verschontwerden“.

In diesen Winterwochen 1972 merkte ich, dass mein Französisch nicht ausreichen würde, um mich dieser Kommunität anzuschließen. In dieser Zeit war auch P. Christian angekommen, mit speziellen Gedanken und Ideen, die ich aber nicht verstand, nur, dass große Teile der Kommunität nicht einverstanden waren mit seinen Ansichten…

Da ich auch Kontakte zu umliegenden Familien aufgenommen hatte, ergaben sich daraus anhaltende Beziehungen zu Arabern/Berbern, die uns schließlich auch in Deutschland besuchten. Besonders im Gedächtnis blieben mir die Äußerungen eines jungen Arabers, mit dem ich die Wohngegend meiner Eltern in Hessen durchwanderte: Er musterte ausgiebig die Häuser und deren Anlagen und fragte angesichts der vielen Zäune: „Wo sind die Tiere?“. Mir wurde schlagartig bewusst – bis heute anhaltend, dass Zäune, um Menschen fernzuhalten keinen Sinn machen…

Spiritueller Weg, der Andersgläubige nicht ausschließt

von_menschen_und_goettern_pl_424_600_80Der Kontakt zu Tibhirine wurde im Laufe der Jahre durch berufliche sowie familiäre Anforderungen geringer – bis im Jahr 1996 die schockierende Nachricht von der Ermordung der Trappisten kam, bis heute ohne klare Erkenntnisse über den wirklichen Hergang. Im Film „Von Göttern und Menschen“ wurde die Kommunität und die ermordeten Mönche würdig dargestellt. Bei mir bleibt aber bis heute eine tiefe Trauer um diese besondere – sicher nicht einfache Gemeinschaft von Christen unterwegs auf einem spirituellen Weg, der Andersgläubige nicht ausschließt.

Dankbar bin ich dafür, was ich durch meine Begegnungen geschenkt bekam – anhaltend bis heute. Und ich weiß auch, dass es vielen meiner früheren Pfadfinder-Kollegen ähnlich geht. Trost erfahre ich im Gedanken, den ich dort erlernte: „Nicht der gepflegte Friedhof ist wichtig, sondern die innere Nähe zu den Verstorbenen , die Gemeinschaft der Gläubigen über den Tod hinaus.“

Die Namen und die Gesichter von Fr.Luc und P. Benoit werde ich bis zu meinem Lebensende voller Schmunzeln und Dankbarkeit bei mir haben!

Merci bien.

Bildquelle: www.kinofenster.de

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