Tot – nur auf dem Teller!

Auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf sollen Tier und Mensch bald gemeinsam bestattet werden können. Die Kirchen wehren sich. Zu Unrecht, meint Julia Enxing.

Der Norddeutsche Rundfunk berichtete davon, kurze Zeit später liest man darüber auf katholisch.de – auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf, dem größten Parkfriedhof der Welt, sollen künftig womöglich menschliche und nicht-menschliche Tiere gemeinsam bestattet werden. Ein Skandal!?

Die Kirchen, so heißt es, seien dagegen, der Friedhof sei als Ruhestätte „dem Menschen“ vorbehalten. Tiere gelten als Sachen. Punkt.

Der Friedhof gehört dem Menschen. Sagt wer?

Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich mich mit einer Bestatterin über die Wünsche der Toten (wie zu Lebzeiten hinterlassen) oder ihrer Angehörigen unterhalten. Dass „Grabbeigaben“ mit in den Sarg gelegt werden, ist gar keine Seltenheit. Da gibt es den Wunsch, den Weinkenner mit einer guten Flasche Rotwein zu bestatten, Oma und Opa im Hochzeitsstaat der letzten Ruhestätte anheim zu geben, Lieblingsdecke, Rosenkranz, alles schon gehört, alles schon erlebt, meinte die Bestatterin. Warum auch nicht, das sei doch vollkommen verständlich, dass man es den Toten „gemütlich“ machen wolle. Ihnen „etwas mit auf die Reise geben wolle“.

Die Frage nach dem Proviant also.

Nun scheinen diese Wünsche weder bei Bestattungsunternehmen, noch bei den Angehörigen, Bekannten und Freund*innen – sofern diese informiert sind – auf Unverständnis oder Widerspruch zu stoßen. Schließlich wolle man es Sterbenden leicht machen „zu gehen“ und den Hinterbliebenen den Abschied ebenfalls so tröstlich wie möglich gestalten.

Rotwein, Kuscheldecke, Hochzeitszylinder, Lieblingsbuch, … alles kein Problem.

Rotwein, Kuscheldecke, Hochzeitszylinder, Lieblingsbuch, … alles kein Problem. Aber ein Lebewesen, dass vielen Menschen derart „ans Herz gewachsen“ ist, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen, als gemeinsam mit diesem bestattet zu werden (Hund, Katze, Kanarienvogel,…), dagegen positionieren sich nun ausgerechnet jene, die sich den Schutz des Seelenheils auf die Fahne geschrieben haben: die Kirchen. Mich würden die Argumente interessieren, mit denen man einen derartigen Speziesismus aufrechtzuerhalten versucht. Denn:

Rein biologisch gehören wir zur Gattung der Trockennasenaffen.

Menschliche und nicht-menschliche Tiere sind biologisch abbaubar.

Die Bakterienstämme von in einem Haushalt lebenden menschlichen und nicht-menschlichen Tieren sind teilweise ähnlicher als die zwischen zwei menschlichen Tieren.

Tierliche Tiere erfahren in der Bibel eine hohe Wertschätzung. Bereits vor der Erschaffung des adam existierten sie in der Gemeinschaft mit Gott.

Weder das tierliche Tier noch das menschliche Tier ist die Krönung der Schöpfung – es ist der Sabbat.

Die bestehenden Bemühungen, tierlichen Tieren den Gebrauch von Werkzeugen, Sprache, sozialer Kompetenz, Schmerzempfinden, Emotionen et cetera abzusprechen, konnte wiederlegt werden. Die krampfhafte Suche nach Unterscheidungsmerkmalen geht jedoch weiter und wird immer absurder.

Die Relevanz jener psychologischen Studien, die die immense Bedeutung der Gemeinschaft von tierlichen und menschlichen Tieren herausstellen, wird – da nicht zur Agenda passend – ignoriert.

Abgesehen davon, funktioniert das ganze Konzept „Friedhof“ nur, weil es tierliche Tiere gibt, die dort die menschlichen Tiere essen. Das nennt man dann übrigens „verwesen“ (oder „kompostieren“). Es gibt also bereits tierliche Tiere auf dem Friedhof, ob man sie nun mit bestattet oder nicht.

Ich finde es höchst bedenklich, dass ausgerechnet Vertreter*innen des christlichen Glaubens, die versuchen, die Wertigkeit der Mit-Geschöpfe und Um-Welten ernst zu nehmen und sich dabei nicht selten spiritualisierend auf den Tierfreund Franziskus beziehen, zwar bedenkenlos tierliche Leichenteile mit Pommes verzehren, den Gedanken, dass diese neben ihnen bestattet werden, aber überaus problematisch finden.

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Dr. habil. Julia Enxing ist katholische systematische Theologin und Mitglied der Redaktion von www.feinschwarz.net.

Bildquelle: www.pixabay.com

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Von der Autorin zudem auf feinschwarz.net erschienen:

Unterwegs zu einer postklerikalen Kirche? Drei Jahre Feinschwarz

Gegen Vorurteile. Eine Buchempfehlung

Macht Religion den Unterschied? Wie wir über die Kölner Silvesternacht reden sollten

 

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