Unterwegs zu einer postklerikalen Kirche? Drei Jahre Feinschwarz

Der Papst redet davon, viele wünschen sie sich, kaum jemand weiß, was das sein könnte – eine postklerikale Kirche. Mitglieder der Redaktion legen zum Geburtstag ein Mosaik…

Rechts hinten in der Innsbrucker Jesuitenkirche: der Gute Hirte mit einem Schaf auf der Schulter. Der lange und dunkle Schatten dieser Bildwerdung des Pastoralen wird heute als sexualisierte Gewalt im Kontext von geistlichem Machtmissbrauch sichtbar. Gleich gegenüber: ein priesterlicher Missionar, der ein ‚armes Negerkind’ auf den Schultern trägt. Man braucht nicht das ganze Arsenal postkolonialer Theorieproduktion, um den paternalistischen, stets mißbrauchsanfälligen Klerikalismus dieser Szenerie zu erkennen. Das Zweite Vatikanum jedoch hat diese vorkonziliar klerikale (bzw. nachkonziliar parochiale) Verschlüsselung des Pastoralbegriffs heilsfinalisiert entgrenzt: Pastoral wird nicht nur von Priestern gemacht (und findet auch nicht nur in Pfarreien statt). Eine entsprechend postklerikale (bzw. postparochiale) Pastoral wird noch immer beides haben – darüber hinaus aber auch viele andere reichgottesfrohe Orte, an denen sich Christinnen und Christen dauerhaft oder vorübergehend zu wechselseitig freisetzender und einbergender Hirtensorge versammeln.“

Christian Bauer, Innsbruck

 

Helft uns! Kontrolliert uns! Die Betroffenheit ist groß angesichts der katholischen Abgründe sexualisierter Gewalt, klerikalistischer Machtmissbräuche und geringem Aufklärungswillen. Solange weder weltkirchlich, noch regional eine Bereitschaft zu klaren Entscheidungen erkennbar ist, braucht es vor allem eins: Hilfe von außen. Der Ruf muss an die gesellschaftliche Öffentlichkeit und politische Verantwortliche gerichtet sein. Helft diesem – offensichtlich überforderten – Teil der Gesellschaft, indem ihr die demokratischen Mindeststandards auch in den Kirchen einfordert: in Transparenz und Mitbestimmung aller Kirchenmitglieder bei Ämtervergaben, in der Kontrolle des Finanzwesens, bei Antidiskriminierungsmaßnahmen, Arbeitnehmer*innenrechten und Gewaltenteilung. Wieso akzeptiert eine demokratische Gesellschaft ein vormodern-absolutistisches Geflecht in ihrer Mitte? Helft uns! Kontrolliert uns – endlich!

Wolfgang Beck, Frankfurt

 

Ist Klerikalismus wirklich das Problem? Oder ist der Begriff nicht eher Metapher für ein Problembündel: Selbstbezogenheit, Zentralismus, falsch verstandener Professionalismus? Einen einheitlichen „klerikalen“ Lebens- und Distinktionsstil für Priester gibt es heute doch kaum mehr, so sehr hat sich auch die priesterliche Lebensform ausdifferenziert. Aber ein Problem, das ich wahrnehme, ist: dass die Kirche heute Erblasten mit sich trägt, die aus ihrer klerikalistischen Epoche stammen und sich metastatisch verbreitet haben – bei Geweihten und Ungeweihten! Wo ich das sehe? Wenn Laien partizipieren wollen an der „sanften Macht der Hirten“: etwa im vorauseilenden Gehorsam, den sie in der Vorwegnahme des vermeintlichen bischöflichen Willens in Kirchenverwaltungen und Generalvikariaten an den Tag legen, oder in Formen von „Helikopterpastoral“, in der Hauptamtliche alles an sich ziehen und die gepredigte Beteiligung des Kirchenvolkes dann doch wieder vermasseln… „Klerikalismus“, das ist heute eine Handlungs- und Organisationsform, nämlich eine bestimmte Art von Machtausübung. Nichts gegen Macht. Aber wir müssen fragen, um welche Macht es sich handelt. Ist es die Macht Jesu – eine Macht, die frei setzt, die ermöglicht, die Platz macht für anderes?

Daniel Bogner, Fribourg

 

Eine post-klerikale römisch-katholische Kirche? Wird es die je geben? “Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, hat Karl Valentin gesagt und er hat Recht. Bleibt der Rückblick: Wie war es bisher mit radikalen Änderungen in der katholischen Kirche? Dann zeigt sich: Mit feinem Institutionsinstinkt hat sie sich meist dann gerade noch rechtzeitig umorientiert, wenn es an ihre Existenz ging. Das Problem: In westlichen Gesellschaften geht Klerikalismus nicht mehr wirklich, in anderen sind solche exklusivistischen „starken Identitäten“ gerade stark in Mode. Und bei uns kommen sie es als Minderheitenprogramm auch wieder. Insofern: Schlechte Perspektiven. Aber bei Gott ist ja bekanntlich kein Ding unmöglich, also auch ein post-klerikale römisch-katholische Kirche.

Rainer Bucher, Graz

 

Ich möchte eine postklerikale Kirche, die das Heilige ahnen lässt, ohne es machtförmig oder gewalttätig zu instrumentalisieren. Dazu muss die Rolle priesterlicher Lebensformen, die es nur im Plural geben kann, neu verstanden werden. Es geht um eine zu einem Lebensstilberuf führende Berufung durch die Kirche. Gemeint ist damit eine kirchlich-offizielle Beauftragung einiger Menschen, individuell Zeugnis vom Reichtum des notwendigen Scheiterns eines Lebens zu geben, das sich am Übermass der Liebe Gottes ausrichtet. Ich möchte den Zölibat nicht abschaffen, sondern radikalisieren. Der Zölibat reicht für niemanden und zu nichts, wenn er auf das Mass sexueller Enthaltsamkeit reduziert wird. Dann verstellt er sogar den Blick auf das Eigentliche, nämlich die öffentliche und amtliche Ausrichtung des eigenen Lebens am «Himmel», der immer zu hoch hängt. Radikaler Zölibat hiesse froh Ja zu sagen zum Scheitern am übergrossen Anspruch an das eigene Leben vor Gott. Eine Koppelung von Macht mit dem Lebensstilberuf heilsamen, ja heiligen Scheiterns ist grundsätzlich nicht gegeben und wäre im Einzelfall begründungsbedürftig. Ein solcher Lebensstilberuf priesterlicher Existenz hätte in meinen Augen das Zeug, eine befreiende Aktualisierung der zu männer-, sex- und machtfixierten Priestertradition der katholischen Kirche zu ermöglichen. Es sind schon heute gelebte Beispiele dieser priesterlichen Lebensform, die mich zu diesem Ansatz ermutigen. Dazu gehört nicht zuletzt Papst Franziskus, der sympathische Sünder, der Fehler macht und sie eingesteht, der scheitert und daran nicht scheitert.

Arnd Bünker, St. Gallen

 

Wer den Klerikalismus abschaffen möchte, möchte nicht etwa den Kleriker abschaffen, sondern eine bestimmte Haltung: eine Haltung der Selbstgenügsamkeit und Unersetzbarkeit. Wer eine postklerikale Kirche visioniert, sieht nicht etwa eine priesterfreie Zone vor sich, sondern ein Miteinander von Klerikern und Laien auf Augenhöhe. Ein Miteinander, bei dem das gesamte Volk Gottes zur Wirkung kommen kann. Doch, damit es nicht bei einer Vision bleibt, reicht der (päpstliche) Ruf nach einer postklerikalen Kirche nicht aus. Top-down und Bottom-up müssen sich ergänzen. Ich lebe in der katholischen Diaspora. „Unserer“ Pfarrer ist weit davon entfernt, dem Klerikalismus zu verfallen und doch schlummert das Volk Gottes. Kirchenvorstandswahlen? Ohne mich. Engagement im Flüchtlingstreff? Sollen die andern machen. Gottesdienste gestalten und leiten? Der Pfarrer will sich wohl mal freinehmen. Lokale Kirchenentwicklung? Nu ist aber mal gut; der Herr Pfarrer soll jetzt endlich mal ein Machtwort sprechen und die Entscheidungen nicht immer auf uns abwälzen.
Wollen wir wirklich ein Miteinander auf Augenhöhe – mit allen Konsequenzen?

Julia Enxing, Goslar

 

Kein Gedanke lohnt. Verbrecher strafrechtlich verfolgen, den Konkurs des Klerus managen, aufdecken, wo dieser verschleppt wird, tilgen aus Wortschatz und Gedanken, kein Postklerikalismus, in dem der Klerikalismus triumphiert, weil alles bleibt, wie es war, vielleicht gerade mal umgedreht.

Und dann fängt Kirche-Werden an, wird sichtbar, wo Kirche im Geiste Jesu Christi schon geworden ist, nicht, dass das schon irgendjemand wüsste, wie es geht, Kirche zu sein, an Gott zu glauben, priesterlich-segnend in den Leben von Menschen zum Wohl der Erde zu wirken und um deren Begrenztheit zu wissen. Jetzt fängt das Zuhören an, das Fragen, was es auf sich hat mit der Botschaft Jesu in unserer Zeit, und die Wahrnehmung des Tuns und das Noch-mehr-Tun von dem, was Konsequenzen hat, von allen, die diese Welt, gerechter, belebbarer und friedlicher machen.

Birgit Hoyer, Bamberg

 

Es ist eine Übung zum Problemlösen: Neun Punkte mit vier Strichen verbinden, ohne abzusetzen. Die Lösung findet sich im Internet unter dem Stichwort „Neun-Punkte-Problem“, erstmals veröffentlich 1914 in „Cyclopdedia of Puzzles“ von Samuel Loyds.

Es geht nicht um klerikal oder postklerikal, sondern darum, über die bisherigen Begrenzungen hinauszudenken. Menschen sind verschieden. Und Menschen verändern sich. Immer schon. Damit dies gelingt, braucht es ein paar grundlegende Spielregeln: Jede Stimme zählt gleich. Alle haben das Recht, Missstände und Tabuisierungen anzusprechen. Alle haben das Recht, gehört zu werden.

Dies gilt auch für Systeme. Offene Systeme sind im Austausch mit der Umgebung und verändern sich. Geschlossene oder gar abgeschlossene Systeme sind bestimmt durch Abschottung nach außen und Tabuisierung nach innen, Machtfragen werden offen oder verdeckt hierarchisch gelöst. Solche Systeme führen häufig zu Gewalt. Das jesuanische Modell war wohl ein offenes System…

Helga Kohler-Spiegel, Feldkirch

 

Eine postklerikale katholische Kirche besteht aus Menschen unabhängig von Geschlecht und Lebensform, und zwar auf allen Ebenen bis in die Leitungen der Bistümer und der Weltkirche. Für besondere Aufgaben Beauftragte oder Geweihte verstehen ihre Rolle nicht als Privileg, sondern als Aufgabe im Volk Gottes. Sie nehmen den Zorn und die Freude, den Schmerz und die Kritik an ihrer Arbeit ernst. Sie thematisieren, z.B. in der Predigt, auch unbequeme Themen wie den Skandal der sexuellen Übergriffe. Wo, wenn nicht in der Kirche, die seit den Anfängen im Alten Testament nicht nur Gnade, sondern auch prophetische Kritik nach innen praktiziert und lehrt, soll ein Thema wie dieses auf allen Ebenen aufrichtig und folgenreich diskutiert werden?

Franziska Loretan-Saladin, Luzern

 

Aus aktuellem Anlass höre ich am 26.9.2018 auf Deutschlandfunk den Kommentar von Christiane Florin. Sie berichtet von der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz über die Studie zum sexuellen Missbrauch an Minderjähren in der Katholischen Kirche durch Priester, Diakone und Ordensleute. Hervorzuheben ist die systemische Dimension sexueller Gewalt in der Kirche. Was heißt es, angesichts dieser systemischen Dimension über eine postklerikale Kirche nachzudenken? Klerikal meint wörtlich eigentlich nur zum Klerus gehörend. Aber klerikal im Sinne von Klerikalismus kann auch meinen: Reinheitsfixierung, verdrängte Sexualität, übersteigertes Machtbewusstsein… Die Studie verdeutlicht: es gibt nicht eine einzelne Ursache dafür, warum Priester sich an zumeist männlichen Kindern und Jugendlichen vergriffen haben: aber Klerikalismus gehört dazu. Eine postklerikale Kirche ist für mich eine Kirche, in der Vertuschungsnetze und Schweigekartelle aufbrechen, Archive sich öffnen und Betroffene mehr als nur Worte hören, und zwar um der Sache willen, die uns alle trägt: Unser Glaube an Jesus Christus, der sich stets an der Seite von Opfern sexueller Gewalt befindet.

Katharina Peetz, Saarbrücken

 

Das Programm von Papst Franziskus ist eine „arme Kirche für die Armen“. Doch ist die Realität weit vom Ideal entfernt. Die Realität ist eine katholische Kirche, die Top-Down hierarchisch strukturiert ist – was sich nicht zuletzt daran zeigt, wie man in die jeweiligen Ämter kommt: durch Erwählung, Berufung etc., nicht durch demokratische Wahlen.

Die Kirche hat Dienstfunktion – und ihre Ämter sind eigentlich Dienstämter. Klerikalismus ersetzt jedoch den Dienst durch eine Haltung der Macht. Diese Macht muss nicht gekoppelt sein an die Weihe (und damit den „Klerikern“) – sondern ist jene Weise, wie man sich anderen Menschen zuwendet. In diesem Sinne ist Klerikalismus jegliche Bemächtigung eines Gegenübers im Namen von Glaube oder Religion.

Eine postklerikale Kirche ist für mich jene, die sich auf ihren Dienstcharakter besinnt: „zu retten nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen“ (Gaudium et Spes 3). Sie geht tatsächlich (und nicht nur in ihren theologischen Texten) von den Charismen aus und lässt sich auch in ihrer Amtsstruktur „charismatisch“ verändern. Wo finden sich z.B. die ProphetInnen in der Amtsstruktur der Kirche? Wo finden sich die Charismen der Frauen? Arm werden heißt auch: Verzicht auf starre (Lehr-)Haltungen, die nur mit „Tradition“ begründet werden. Eine arme Kirche ist eine, die von den Armen, Macht-losen lernt. Das wäre für mich post-klerikal.

Johann Pock, Wien

 

Die Sichtbarkeit von sexueller Gewalt in der Kirche erschüttert Kernbestände des Katholischen. Scheinbare Stärken zeigen sich in ihrer gewalthaltigen Rückseite. Intensive Gemeinschaftserfahrung, sakramentale Vollmacht „in persona Christi“, moralische Reinheit – das entpuppt sich in der Gewaltforschung als Dystopie, die Unheil nicht aufhält. Vieles von dem, was präventiv wirken kann, ist katholisch abgewertet. Stärke und Festigkeit des Glaubens werden gefeiert, Zweifel und Kritik eher versteckt. Aber Zweifel zulassen und kritische Sensibilität in Nahbeziehungen sind wichtige Faktoren der Prävention. Heute sehnen sich viele zurück in die Zeit der pfarrgemeindlichen Überschaubarkeit. Warum eigentlich? Es war auch eine Zeit verschwiegener Gewalt.

Michael Schüßler, Tübingen

 

Ein bisschen Zauber hätten wir dann doch ganz gerne – besonders an den Feiertagen, zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Dabei geht es gar nicht zwingend um das Äußere. Zur Not täten es auch Schlips und Kragen. Zum Zauber gehört schließlich die ganze Person: der Welt enthoben, geweiht – da, nur für diesen Moment. Die Frage einer postklerikalen Kirche scheint mir ganz wesentlich eine logistische zu sein: Wohin mit einem geistlichen Würdenstand zwischen den Feiertagen? Gewiss, viele Vertreter wirken reichlich ungeeignet für das handfest Profane, für Verwaltungs-, Sekretariats-, oder Handwerktätigkeiten. Sie gleich aber zu christlichen Übermenschen und unangefochtenen Dienstherren zu machen, das scheint mir keine probate Lösung zu sein.

Gerrit Spallek, Hamburg

 

Wir bedanken uns bei unseren Leserinnen und Lesern für die treue, kritische und kontroverse Begleitung in den vergangenen drei Jahren! Schauen Sie wieder vorbei… 

Bild: Andreas Stil / pixelio.de

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