Eva Maria Daganato und Isabella Reisch beschreiben den neuen Hausfrauentrend in Alltag und Analyse.
Vor Kurzem tauschte sich Eva Maria Daganato mit ihrer Tochter (6 Jahre) über ihren Tag aus: ich erzählte ihr von der Idee einen Artikel zu schreiben. Darin solle es um Frauen gehen, die zu Hause bleiben, den Haushalt machen und sich um die Kinder kümmern, während der Mann zur Arbeit geht. Hier unterbrach sie mich: „Also so wie bei…“ und holte das Buch ‚Die dumme Augustine‘.
Augustine, eine Clownin, möchte wie ihr Mann auftreten. Stattdessen kümmert sie sich um Haushalt und Kinder. Durch den krankheitsbedingten Ausfall ihres Mannes hat sie die Chance aufzutreten. Sie liebt es, das Publikum ist begeistert und ihr Mann ist von ihrem Können überrascht, aber auch überzeugt. Am Ende teilen sich beide die Aufgaben im Haushalt und die Kinderbetreuung, sodass Augustine ebenfalls auftreten kann. Der Unterschied zu den TradWives: Gerade das, was Augustine so unglücklich macht, wirkt bei ihnen wie das größte Glück.
Also so wie bei ‚Die dumme Augustine‘
Hinter diesem Lebensstil verbirgt sich ein Social Media Trend: „Junge Frauen, die sich in den sozialen Medien […] als traditionelle Hausfrauen inszenieren, werden TradWives genannt – ein Portemanteauwort gebildet aus traditional und housewives. In ihren Accounts verbreiten sie ihr Ideal einer nach traditionell heteronormativen Gesichtspunkten vergeschlechtlichten Aufgabenteilung. Sie entziehen sich den Anrufungen neoliberaler Vergesellschaftung an beruflichen Erfolg und fokussieren sich vollkommen auf reproduktive Tätigkeiten.“[1]
Eine Befragung des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (veröffentlicht 2025) ordnet den Trend ein: „Die Ergebnisse machen deutlich: Traditionelle Bilder der weiblichen Rolle sind zwar auf Social Media sichtbar und damit auch reichweitenstark, prägen jedoch im realen Leben nur eine Minderheit. Die Mehrheit der jüngeren Frauen in Deutschland orientieren sich an egalitären Vorstellungen.“[2]
Die Mehrheit der jüngeren Frauen in Deutschland orientieren sich an egalitären Vorstellungen
Dennoch lohnt es sich genauer hinzuschauen, bei Accounts, die die Unterordnung der Frau propagieren und offensichtlich oder unterschwellig rechte Tendenzen aufweisen.[3] Denn eines eint sie alle: Antifeminismus. Für religiöse TradWives ist die Zuteilung der Geschlechterrollen dabei von G*tt gegeben und geht auf die Schöpfungserzählung zurück.
Lassen Sie uns gemeinsam einsteigen: stellen Sie sich einmal vor Sie könnten „ausbrechen“, raus aus Hektik, Lärm, Stress, zoom-meetings mit kranken Kindern zuhause, Stau oder Zugverspätungen – die Lösung: Landleben und Antifeminismus.
Die Lösung zum Stress: Landleben und Antifeminismus
TradWives setzten ihr Leben gekonnt in Szene, der Content wirkt ruhig, harmonisch und das dargestellte Land- und Familienleben durch die ästhetische Inszenierung einladend idyllisch. In den Videos sind die Frauen in langen, blumigen Kleidern beim Backen, Kochen, Stricken, Aufräumen oder im Garten, beim Melken oder bei den Hühnern zu sehen. Ihre Follower*innen lassen sie daran teilnehmen und werden zu Beobachter*innen des Alltags. Diese vermeintlich harmlose und unpolitische Inszenierung täuscht jedoch. Denn zahlreiche Posts zeigen Überschneidungen von #tradwife und rechtspopulistischen Hashtags wie #MAGA.[4]
In Deutschland ist Aline mit dem Account @blaubeergefluester mit 37,6 Tsd. Follower*innen (Stand Feb. 26) eine reichweitenstarke Influencerin, die ihren Alltag als Mama und Hausfrau in Deutschland und Schweden auf Instagram inszeniert. Die Videos der Architektur und Landschaft Schwedens sind unterlegt mit Musik aus Astrid Lindgren Verfilmungen und Titeln wie Bullerbü-Sommer oder Astrid-Lindgren-Sommer.
Unterlegt mit Musik aus Astrid Lindgren Verfilmungen
Bei Isabella Reisch weckt dies Kindheitserinnerungen: Eines der ersten Bücher, das ich als Kind gelesen habe, war ‚Ferien auf Saltkrokan‘ von Astrid Lindgren. Die Kombination aus Bildern und Musik hat eine emotionale Wirkung. Das gezeigte Leben wirkt schön, idyllisch und unbeschwert. Diese Inszenierung steht im Kontrast zum eigenen, hektischen und stressigen Alltag.
Neben den Erinnerungen an eine Romanwelt hat Isabella Reisch einen realen Bezug zum Landleben: Als Enkelin einer oberschwäbischen Bäuerin stößt mir eine solche verzerrte und romantisierende Darstellung des „traditionellen“ Landlebens sauer auf, welches TradWives gerne als Orientierung am Ideal unserer Großmütter beschreiben. Doch bis auf ihre Back- und Kochkunst hatte meine Oma recht wenig mit den TradWives gemein. Sie war eine herzliche, aber rustikale Frau mit kurzen Haaren und das einzig geblümte an ihr waren ihre blauen Kittelschürzen, die sie Tag ein Tag aus beim Holzhacken, bei der Feldarbeit, in den Ställen oder in der Küche trug. Sie war die treibende Kraft, die alles am Laufen hielt, aber leicht war ihr Leben sicher nicht.
Meine Oma hatte recht wenig mit den TradWives gemein
Keine Reisen, keine teuren Küchenmaschinen, kein Ehemann mit gut bezahltem Bürojob, wenig Zeit für die Kinder, die mit anpacken mussten. Vor allem aber hat meine Oma sich nie aktiv für das Leben als Bäuerin entschieden, sie wurde in eine Bauernfamilie hineingeboren. Ein Leben außerhalb der Landwirtschaft schien, selbst für die nachfolgende Generation, aus ihrer Perspektive nicht erreichbar zu sein.
TradWives hingegen entscheiden sich aktiv für eine Lebensweise, die bei näherer Betrachtung kaum etwas mit dem traditionellen Landleben zu tun hat. Die Beschreibung „some farm animals“ oder „a couple chickens“ trifft den Nagel auf den Kopf. TradWives haben in der Regel nicht mehrere Hühnerställe, sondern vier bis fünf Hühner, die durch Garten und Haus spazieren. Wenn sie Pferde haben, dann sind es keine Nutztiere, sondern als Reittiere ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor. Und bestimmt hätte meine Oma im Gegensatz zu der TradWife Sarah (@sarahwildmothering), die regelmäßig vor ihren 248 Tsd. Follower*innen ihre einzige Kuh melkt, keine Zeit gehabt beim Melken noch „Amazing Grace“ zu singen.[5]
Kein traditionelles Landleben, sondern eines aus privilegierter Position
Wer in einem schönen Haus mit etwas Land und ein paar Tieren lebt und daraus ein ästhetisches Lebensmodell inszeniert, führt kein traditionelles Landleben, sondern eines, das aus privilegierter Position gewählt wurde.
Es wirkt ironisch, wenn TradWives wie Jasmine Darke (@jasminedinis) auf die Frage, wie sie sich diesen Lebensstil leisten können, versuchen zu erklären, dass sie sich dieses Leben durch Verzicht auf Luxus, eigenen Anbau, selbstgemachte Gerichte und die Arbeit des Ehemanns leisten können.[6] Die zahlreichen LinkTrees mit Affiliate Links zu Produktempfehlungen und Rabbattcodes, mit denen Influencer*innen einen Anteil von 8 – 25 % des generierten Umsatzes erhalten, sind ein Verdienst, der gerne bewusst verschwiegen oder kleingeredet wird, da es im Widerspruch zu dem dargestellten Lebensmodell steht.
Die allermeisten TradWives sind finanziell völlig unabhängig
Auch die finanzielle Abhängigkeit, welche sich in traditionellen Familienbildern findet, bei denen der Mann der Alleinverdiener ist, ist bei den Social Media inszenierten TradWives wohl selten der Fall. Die allermeisten von ihnen sind finanziell völlig unabhängig, zum Teil verdienen sie durch die Videos und Werbekooperationen mehr als ihr Partner. Dieser taucht übrigens in den Videos nicht auf – er ist schließlich den ganzen Tag beim Arbeiten.
Ein Vorwurf, den TradWives immer wieder gegenüber dem Feminismus äußern, ist, dass dieser die Lebensweise der TradWives exkludiere und somit nur solidarisch gegenüber bestimmten Frauen* sei. Das feministische Anliegen ist jedoch die Ermöglichung von pluralen Lebensformen, zu denen auch die freie Entscheidung für ein traditionelles Leben gehört.
Wieso also stößt der Content der TradWives aus einer feministischen Perspektive auf inneren Widerstand?
Patriarchale Machtstrukturen werden performativ erhalten
TradWives stellen nicht lediglich ihr Leben dar, sondern setzten dieses als Ideal, wodurch Lebensentscheidungen anderer Frauen* abgewertet werden. Es entsteht eine antagonistische Gegenüberstellung der „modernen“ Frau auf der einen Seite und der „traditionell femininen“ Frau auf der anderen Seite.[7]
Unter dem Deckmantel von Ästhetik und Harmonie werden patriarchale Machtstrukturen der Vergangenheit und Gegenwart performativ erhalten („Men don’t want boss babes, they want home makers.” @tradwife.things.). Jedoch wird die historische Realität von Frauen* romantisiert und eigene Privilegien, wie die feministisch erkämpfte Wahlmöglichkeit, werden verschleiert.
Wir sprechen uns für eine Theologie aus, die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit fordert
Die Videos sind geprägt von Exklusion, Nichtrepräsentation und Abwertung. Lebensstile werden ausgeblendet – mehr noch abgewertet. Unserer Meinung nach ist es die Aufgabe der Theologie genau dort anzuknüpfen, wo Menschen ausgeschlossen und marginalisiert werden.
Wir sprechen uns für eine Theologie aus, die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit fordert. Gestärkt von feministischen Theolog*innen, wie Kochurani Abraham: „Many women and gender non-conforming persons dream of a Church where they have equal opportunities to share responsibilities of leadership and ministry in partnership with men at all levels.”[8]
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Foto: privat.
[1] Rösch, Viktoria, TradWives. Antifeminismus und die Ikonisierung von Provinzialität in den sozialen Medien, in: Johanna Niendorf, Fiona Kalkstein, Henriette Rodemerk, Charlotte Höcker
(Hg.), Antifeminismus und Provinzialität. Zur autoritären Abwehr von Emanzipation, 2025, S. 193-213, hier S. 193.
[2] Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Tradwives – mehr Hype als Realität? Junge Frauen in Deutschland vertreten mehrheitlich ein egalitätes Rollenbild, Pressemitteilung vom 22.20.2025.
[3] Siehe: Rösch, V. (2023). Heimatromantik und rechter Lifestyle: Die rechte Influencerin zwischen Self-Branding und ideologischem Traditionalismus. GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 15(2), 25-40. https://doi.org/10.3224/gender.v15i2.03.
[4] Vgl. Arnold, Nele u.a., Von Bären und Tradwives, Frauenbild rechter Influencerinnen auf Instagram, in: Krug, Maximilian (Hrsg.), Zwischen Hausfrau und Hetze. Rechte Influencerinnen im digitalen Raum, Essen 2025, S.6-25, S.12.
[5] Vgl. @sarahwildmothering, https://www.instagram.com/reel/DIp42KXTVkj/?igsh=MWd5cHNzc3ExdW9tbw== 20.04.2025 (03.02.2026).
[6] Vgl. @jasminedinis, https://www.instagram.com/reel/DNxLrLfZPe-/?igsh=MXA5aDBpN2cwZTQ4 25.04.2025 (03.02.2026).
[7] Vgl. Rösch, Viktoria, TradWives. Antifeminismus und die Ikonisierung von Provinzialialität in den sozialen Medien, in: Niendorf, Johanna u.a. (Hrsg.) Antifeminismus und Provenzialität. Zur autoritären Abwehr von Emanzipation (Kritische Landforschung. Umkämpfte Ressourcen, Transformationen des Ländlichen und politische Alternativen, Bd. 6), Bielefeld 2025, S.193-212, S.198.
[8] Abraham, Kochurani, Synodality: Critical Questions and Gender Concerns from Asia, Concilium, Synodalities 57/2 (2021), S. 37-45, S. 37.
Eva Maria Daganato ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät Tübingen.


