Viele biblische Texte setzen sich intensiv mit Bedrohungen und Katastrophen auseinander und entwerfen «Andersbilder» mit verändernder Kraft. Sabine Bieberstein geht diesem Transformationspotenzial biblischer Texte nach.
Hoffnung ist ein rares Gut in diesen Zeiten. Angesichts der zerbrechenden Weltordnung, der unaufhaltbar gewordenen Klimakatastrophe, der Kriege mit ihren verheerenden Folgen oder auch der sozialen Verwerfungen ist es schwer, eine konstruktive Haltung zu bewahren. Inspirationen dafür, wie es vielleicht gelingen könnte, handlungsfähig zu bleiben, lassen sich aus biblischen Texten gewinnen.[1] Denn biblische Literatur ist »Katastrophenliteratur«. Sie ist – zumindest zu einem guten Teil – entstanden in Zeiten von Umbrüchen, Krisen, oder eben: Katastrophen. Viele biblische Texte lassen eine intensive Auseinandersetzung mit diesen Bedrohungen und bemerkenswerte Weisen des Umgangs damit erkennen. Beispielhaft sollen einige davon skizziert werden.
Die eigene Geschichte als Gegengeschichte erzählen
In der Zeit der Bedrohung durch die militärische Expansion des neuassyrischen Reiches, die 720 v. Chr. zum Untergang des Nordreichs Israel führte und 701 v. Chr. um ein Haar auch zum Untergang des Südreichs Juda geführt hätte, wurde im Südreich Juda die Mosegeschichte neu erzählt: als Gegengeschichte zu den Propagandalegenden, die der assyrische Großkönig Sargon II. zur eigenen Legitimation in die Welt setzen ließ.
die Mosegeschichte neu erzählt
Die Parallelen sind frappierend: Wie Sargon wird Mose in einem Binsenkörbchen im Wasser ausgesetzt, gerettet und von fremder Hand aufgezogen, jedoch im Anschluss nicht wie Sargon von der Göttin Ischtar erwählt, sondern vom Gott Israels berufen. Anders als bei Sargon ist das Ziel dieser Berufung nicht, den Vorderen Orient mit Eroberungskriegen und Zerstörung zu überziehen, sondern die versklavten Israelit:innen in die Freiheit zu führen. Damit wird die alte und für die Identität Judas grundlegende Geschichte vom Exodus aus Ägypten so erzählt, dass sie transparent wird für die Bedrohungen der eigenen Zeit.
andere Logiken
Im Neuen Testament erzählt das Markusevangelium seine Jesusgeschichte in Auseinandersetzung mit der Katastrophe der Jahre 66–70 n. Chr., als römische Truppen zunächst unter Vespasian und dann unter dessen Sohn Titus den jüdischen Aufstand gegen die römische Besatzung blutig niederschlugen, Jerusalem eroberten, die Stadt samt Tempel zerstörten und die Bevölkerung, soweit ihr nicht die Flucht gelungen war, ermordeten oder in die Sklaverei verkaufte. Das Markusevangelium setzt sich in seinem gesamten Verlauf intensiv mit dieser Katastrophe und insbesondere dem Aufstieg Vespasians zum Kaiser auseinander: in den Wundererzählungen ebenso wie beim Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem, in den Passionserzählungen ebenso wie bei der Auffindung des leeren Grabes. Angesichts übermächtiger römischer Gewalt hält das Markusevangelium daran fest, dass es andere Logiken als die von militärischer Macht, Krieg und Zerstörung gibt, und dass ein Evangelium, eine gute Nachricht, etwas anderes ist als ein Sieg.
Das eigene Selbstverständnis verändern
Der Priester Ezechiel musste im Jahr 597 v. Chr. den Sieg der neubabylonischen Truppen unter Nebukadnezar II. über Jerusalem erleben. Als Angehöriger der gebildeten Schicht wurde er von den babylonischen Truppen nach Mesopotamien verschleppt, wo ihn nach Ez 1,2 die Berufung zum Propheten ereilte. Bis dahin war, wie der Befund der älteren prophetischen Bücher der Bibel zeigt, Schriftprophetie weitgehend Unheilsprophetie gewesen. Auch der erste Teil des Buches Ezechiel zeigt den Propheten als einen solchen Unheilspropheten (Ez 1–24).
eine tragfähige Perspektive
Als dann aber die Nachricht von der vollständigen Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 587 v. Chr. die Verschleppten in Babylon erreichte, veränderte Ezechiel seine Botschaft grundlegend und wandelte sich vom Unheils- zum Heilspropheten; denn wenn diese Katastrophe nicht das Ende der Geschichte der Judäer:innen sein sollte, dann musste es eine tragfähige Perspektive geben. So zeigen Ez 33–48 den Propheten nicht mehr als Verkünder von Gericht und Unheil, sondern von Zukunft und Heil.
Gott neu und anders denken
Angesichts der erlittenen Katastrophe ging der anonyme Prophet, der in der Exegese als »Deuterojesaja« bezeichnet wird und dessen Worte in Jes 40–55 überliefert sind, noch einen Schritt weiter. Um trotz des erfahrenen Unheils am überlieferten Glauben an den Gott YHWH festhalten zu können, unternahm er einen kühnen Versuch, diesen Gott neu und anders zu denken: Er proklamierte – in Auseinandersetzung mit monotheistischen Tendenzen zur Verehrung des babylonischen Gottes Marduk – den judäischen Gott YHWH als einzigen Gott und steht damit am Anfang des heute selbstverständlichen biblischen Monotheismus. Dieser einzige Gott musste dann nicht nur als Schöpfer von Licht und Heil, sondern auch von Dunkel und Unheil gedacht werden (vgl. Jes 44,24–45,7). Auf diese Weise konnte plausibel gemacht werden, dass alles, was geschehen war – auch und gerade das Furchtbare –, von diesem einen Gott gemacht wurde.
Gott rang dem Chaos die Welt ab
Dies angesichts der erlebten Katastrophe zu behaupten, war durchaus produktiv; doch kann es theologisch äußerst problematisch werden, wenn jegliches Unheil mit diesem Gott in Verbindung gebracht werden muss. Die Konsequenzen daraus zogen nur wenig später die Verfasser der sogenannten Priesterschrift, die ebenfalls in Babylon zu verorten sind. Als Antwort auf die Frage, was das für ein Gott sei, der auch Dunkel und Unheil erschafft, erzählten sie den Anfang der Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1–4) so, dass deutlich wird, dass Gott die Welt nicht aus dem Nichts erschaffen hatte, sondern dass zuvor Chaos und Finsternis waren. Nach dieser Vorstellung rang Gott diesem Chaos die Welt ab. Alles, was er erschuf, war gut, sogar sehr gut. Aber er hat eben nicht alles gemacht. Das Chaos existiert, und manchmal greift es in die Welt und ins Leben über – mit schlimmen Folgen. Doch muss man nun nicht mehr – wie dies beim Entwurf von Deuterojesaja der Fall war – jedes Übel Gott in die Schuhe schieben.
Natürlich darf die Rede von Gott nicht einfach beliebig sein. Aber wenn Vorstellungen zu eng werden, braucht es bisweilen neue Bilder und Worte – um Gottes willen.
Zukünfte entwerfen
Damit allerdings inmitten der Zumutungen tatsächlich Zukunft erwachsen kann, braucht es Bilder von dieser Zukunft.
So malt Ezechiel noch in der Zeit der Verschleppung, als Jerusalem und der Tempel noch in Trümmern lagen, in seiner zweiten Tempelvision Bilder von einem neuen Israel, einer neuen Stadt Jerusalem und einem neuen Tempel an den Horizont (Ez 40–48). Besonders eindrücklich sind die Bilder in Ez 47, wonach aus dem Tempel Wasser hervorströmt, das sich nach Osten ins Kidrontal ergießt und sich von Kilometer zu Kilometer zu einem immer mächtigeren Strom entwickelt, der sich schließlich ins Tote Meer ergießt und dieses lebendig macht, so dass es von Fischen wimmelt und die Netze der Fischer überquellen. An den Ufern dieses Stromes wachsen viele Bäume, die das ganze Jahr Früchte tragen, die die Menschen nähren, und die Blätter der Bäume machen die Menschen gesund. Es sind Bilder überfließenden Lebens, voller Hoffnungskraft, gemalt in einer Zeit, in der von diesem überbordenden Leben noch nichts zu spüren war.
Bilder überfließenden Lebens
Auch im Buch der Offenbarung, dem letzten Buch des neutestamentlichen Kanons, werden solche hoffnungsvollen Zukunftsbilder entworfen. Nach den vielen im Buch geschauten und geschilderten Kämpfen und als Gegenbild dazu steht am Ende die Vision einer neuen Stadt Jerusalem (Offb 21f.). Diese Stadt ist gebaut aus den kostbarsten Materialien, die nun allen Bewohner:innen zur Verfügung stehen. Anders als bei Ezechiel soll es in der Stadt keinen Tempel geben. Vielmehr hat die Stadt selbst die architektonische Gestalt des Allerheiligsten des früheren Tempels – nur in unvorstellbaren Ausmaßen, in denen fast das gesamte römische Imperium Platz findet –, ist also als Ganze der Ort der Gegenwart Gottes. Auch in dieser Stadt gibt es einen Strom mit Wasser des Lebens, ausgehend vom Thron Gottes und des Lammes. In Abwandlung der zahlreichen Bäume aus Ezechiels Vision steht am Ufer dieses Stromes (nur) ein Baum des Lebens, der – nun wieder wie bei Ezechiel – zwölfmal Früchte tragen und dessen Blätter zur Heilung der Völker dienen sollen. In Umkehrung der zweiten Schöpfungserzählung (Gen 2,4b–3,24), die den Baum des Lebens – und damit das Leben selbst – dem Zugriff des Menschen entzieht, ist der Baum des Lebens nun zugänglich für alle und spendet Leben für alle.
fast unaushaltbar schmerzhaft, doch zugleich der Durchgang zu etwas Neuem
Noch aber ist diese Vision nicht Wirklichkeit. Noch lebt der Verfasser und leben die angesprochenen Gemeinden in einer schwierigen Gegenwart im Imperium Romanum. Mit all den Schreckensbildern, die der Verfasser im Verlauf des Buches erstehen lässt, interpretiert er die Bedrängnisse der Gegenwart als Teil der endzeitlichen Kämpfe, die wie Wehen zwar fast unaushaltbar schmerzhaft sind, doch zugleich der Durchgang zu etwas Neuem. Dieses Neue wirft er in seiner Schlussvision an den Horizont.
Neu denken – neu handeln
Die verändernde Kraft von Andersbildern zeigt sich eindrücklich in der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, wie sie von den synoptischen Evangelien ins Wort gebracht wird. Wenn, wie die Vision des Satanssturzes in Lk 10,18 zeigt, der entscheidende endzeitliche Kampf zwischen Gott und den widergöttlichen Mächten bereits stattgefunden hat und zugunsten Gottes entschieden ist, dann kann sich nun die lebensvolle Herrschaft Gottes auch auf der Erde ausbreiten und wird sich gegen alle Widerstände durchsetzen. Das macht Jesus in seiner Botschaft und Praxis plausibel und erfahrbar. Damit nimmt er die erwartete Zukunft bereits in die Gegenwart hinein und zeigt, dass und wie sich hier und jetzt schon etwas verändern kann und tatsächlich verändert.
Die Evangelien behaupten: Es ist möglich!
Wenn nun diese neue Zeit angebrochen ist, muss und kann nichts bleiben, wie es ist. Neu denken, die Welt in einem neuen Licht sehen, neu und anders handeln – nichts anderes meinen die Worte Jesu zu Beginn des Markusevangeliums: »Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15) Die neue Welt Gottes gibt neue Maßstäbe für das Denken ebenso wie für das Handeln vor. Was bislang im Zentrum stand, muss dort nicht bleiben, was oder wer am Rand stand, wird jetzt wichtig. Scheinbar unumstößliche Sachzwänge verlieren ihre Gültigkeit. Die Evangelien behaupten: Es ist möglich!
Die ersten Gemeinden nehmen diese Dynamik auf. Wer auf den Messias Jesus vertraut, wird die gesellschaftlich geltenden Mechanismen von Machtmissbrauch und Gewalt, von Unterdrückung, Missachtung und Ausschluss bestimmter Menschen nicht weiterschreiben, sondern das Zusammenleben von anderen Maßstäben prägen lassen: »Es gibt nicht mehr jüdische und griechische Menschen, nicht Versklavte und Freigeborene, nicht männlich und weiblich; denn ihr seid alle ›einer‹ in Christus Jesus.« (Gal 3,28) Die Gemeinden probieren miteinander etwas Neues aus: ein Miteinander, in dem alle die gleiche Würde als »Söhne« Gottes haben, wobei der Sohnesstatus auch und gerade für diejenigen gilt, die nach herkömmlichen Maßstäben keine »Söhne« sind, nämlich die Nichtmänner: versklavte Menschen, Frauen, Fremde.
Transformationspotential biblischer Botschaften
Selbstverständlich, und das soll keinesfalls verschwiegen werden, gab es zwischen all den erwähnten Krisenzeiten auch Zeiten der Blüte. Doch ist ein großer Teil der biblischen Literatur nicht in diesen Blütezeiten, sondern in Auseinandersetzung mit befürchteten oder erlittenen Katastrophen entstanden. Die hier skizzierten Umgangsweisen damit sind nur einige Beispiele, denen weitere hinzugefügt werden könnten. Unbedingt erwähnt werden soll nur dies: Die biblische Literatur gibt auch der Trauer und der Klage Raum. Auch dies ist eine legitime, sogar notwendige Reaktion auf Krisen und Katastrophen.
in einer unheilen Gegenwart das Andere denken
Die zuvor skizzierten Beispiele aber zeigen: Biblische Texte verharren nicht beim Bestehenden. Sie zeigen unterschiedliche Weisen des Umgangs mit den Zumutungen der eigenen Zeit. Sie bieten keine Lösungen für die Zumutungen unserer heutigen Zeit. Doch inspirieren sie dazu, in einer unheilen Gegenwart das Andere zu denken und Zukünfte zu entwerfen. Darin liegt ein enormes Transformationspotential biblischer Literatur – um in Krisen handlungsfähig zu bleiben und lebensvolle Perspektiven freizusetzen.
[1]Zur Bedeutung der Rückbesinnung auf die eigenen Quellen und Traditionen in Transformationsprozessen vgl. Claus Otto Scharmer, Theorie U: Leading from the Future as it emerges, Oakland 2016.


