Am 28. November treffen sich Papst Leo XIV. und Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel in Iznik, um gemeinsam an das Erste Ökumenische Konzil zu erinnern. Für die orthodoxe Wissenschaftlerin Katherine Kelaidis mehr als nur eine symbolische Geste.
Niemand wird behaupten können, dass der 1700. Jahrestag des Konzils von Nicäa unbeachtet geblieben ist. Dieses Jahr war eine Abfolge scheinbar endloser Konferenzen und Gedenkveranstaltungen. Und nun, Ende November, werden sich Bartholomaios I., der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, und Leo XIV., der Bischof von Rom, gemeinsam mit den Patriarchen von Alexandrien, Antiochien und – eventuell – Jerusalem, in der türkischen Stadt Iznik begegnen, jener Stadt, die vor 1700 Jahren das römische Nikaia war. Patriarch Bartholomaios I. lobte dieses Treffen im Voraus als „eine greifbare Manifestation der Einheit des östlichen und westlichen Christentums – der vier Patriarchen des Ostens und des Patriarchen des Westens, der Pentarchie der Patriarchate.“
Dass ein solches Treffen heute wohl nur begrenzte Reaktionen hervorrufen wird, zeigt, wie alltäglich Begegnungen zwischen dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und den verschiedenen Führern der orthodoxen Welt inzwischen geworden sind. Noch vor gut sechzig Jahren galten solche Begegnungen als wahrhaft epochal. Als Papst Paul VI. im Januar 1964 dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem begegnete, dem ersten Treffen seit dem unheilvollen Konzil von Florenz im Jahr 1438, war dies eine Revolution. Diese Begegnung bereitete den Weg für die Aufhebung der Exkommunikationen, die die christliche Welt seit 1054 gespalten hatten, und für die gegenseitigen Besuche im Jahr 1967.
Erinnerung an alte Abwehr-Reflexe
Es ist bemerkenswert, dass dieses Treffen zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und dem Papsttum in den 1960er Jahren stattfand, mitten im Kalten Krieg, als die Russische Orthodoxe Kirche faktisch im Gefängnis der Sowjetunion eingeschlossen war. Es heißt, dass der russische Patriarch Alexij I. aber auch aus der Ferne dem Treffen zunächst mit Sorge entgegengesehen habe. Die meisten Berichte legen nahe, dass seine Zurückhaltung aus der Angst erwuchs, ein entstehender Ausgleich könne die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die sogenannte unierte Kirche, die 1946 von Stalin gewaltsam liquidiert worden war, wiederbeleben. Zudem hatte der bereits bedrängte und in vieler Hinsicht kompromittierte Patriarch Alexij Grund zur Befürchtung, dass die Annäherung zwischen dem griechischen Patriarchen und seinem italienischen Gegenüber ein Versuch des Papstes war, in Osteuropa auf Kosten der Sowjetunion Einfluss zu gewinnen.
Sowjetische Politik und Kalter Krieg erklären Alexijs Ambivalenz jedoch nur teilweise. Moskaus Misstrauen richtet sich nicht nur gegen das Papsttum, sondern auch gegen die orthodoxen Brüder in Konstantinopel, und dieses kombinierte Misstrauen ist weit älter und weit tiefer. Man erinnere sich daran, dass kein Moskauer Patriarch einem regierenden Nachfolger Petri begegnete, bevor Patriarch Kirill im Jahr 2016 in Havanna Papst Franziskus traf – übrigens gleichzeitig mit seiner Absage an das fast einhundert Jahre lang vorbereitete gesamtorthodoxe Konzil in Kreta. Die Russische Orthodoxe Kirche und das Moskauer Patriarchat fürchten eine Union zwischen Konstantinopel und Rom wohl seit dem Konzil von Florenz. Damals torpedierten gerade die Russen die Versuche der griechischen Kirche, sich mit dem Westen zu versöhnen und damit das Byzantinische Reich vor den vorrückenden Osmanen zu retten.
Wachsender Riss in der orthodoxen Welt
All dies zeigt, dass die Spannungen zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel und dem Patriarchen von Moskau weit älter sind als der Krieg in der Ukraine und die gegenwärtigen globalen Kulturkämpfe, auch wenn beides am häufigsten als Erklärungsversuch für den wachsenden Riss in der orthodoxen Welt herhalten muss. Dieser lange gewachsene Riss macht die innerorthodoxe Verständigung inzwischen auch im größeren Rahmen unmöglich. Für jeden, der genauer hinschaut und sich nicht von oberflächlicher Frömmigkeit und wertlosen konfessionellen Grenzziehungen blenden lässt, ist es kaum überraschend, dass es heute wesentlich leichter ist, dass der Patriarch von Konstantinopel dem römischen Papst begegnet, als dem Patriarchen von Moskau.
Man nehme etwa den zentralen Vorwurf, der Moskaus Verachtung gegenüber Konstantinopel und dessen Kirchen prägt: Die Mutterkirche des Ostens sei zu westlich, was, wie jeder Dostojewski-Leser weiß, so viel heißt wie zu liberal, zu modern, zu entgegenkommend. Seit Jahrhunderten, zumindest seit 1438, wenn nicht noch früher, gründet sich die Identität der russischen Gläubigen zum Teil auf die Vorstellung, dass Moskau als das Dritte Rom das Erbe Konstantinopels angetreten habe und dass die russische Seele die wahre Hüterin der Orthodoxie und damit des Christentums sei.
Im Hintergrund dieses Anspruchs steht die unausgesprochene Annahme, dass in Russland, und noch wichtiger durch das Russischsein, eine Frömmigkeit bewahrt worden sei, die die pragmatischen und permissiven Griechen niemals hätten aufrechterhalten können. Dieser Konflikt ist weniger theologisch, auch wenn er in einer theologischen Sprache ausgetragen wird, sondern kulturell. Schließlich waren es doch die Griechen, die schon im 15. Jahrhundert bereit waren vor dem gottlosen Westen zu kapitulieren, wenn sie damit nur ihre imperiale Haut retten konnten, so wie sie sich auch heute ihre weltliche Macht durch Anbiederung an den liberalen Westen erkaufen.
Diese jahrhundertealten Spannungen bleiben nicht in der Geschichte eingeschlossen. Sie hallen in den Konflikten wider, die die orthodoxen Kirchen heute spalten. Es hat eine gewisse Ironie, dass es dieselben kulturellen und ideologischen Kräfte sind, die über Jahrhunderte einen Keil zwischen die beiden mächtigsten Bischöfe der orthodoxen Welt getrieben haben, und die auch heute wieder Kirchen, Nationen und Familien auseinanderreißen, aufgrund dualistisch aufgeladener Konflikte: Pragmatismus gegen Frömmigkeit, Tradition gegen Moderne, das geerdete Hier gegen das schwebende Überall.
Diese Spaltung ist kein Produkt der Gegenwart, sondern zeigt vielmehr, dass die historischen Bruchlinien der östlichen Christenheit das vorweggenommen haben, was heute die Welt prägt. Wer das nicht sehen möchte, verkennt die Geschichte und verfällt einer gefährlichen Form des Orientalismus, der sich einbildet, dass ohne den verräterischen Westen im Osten Frieden herrschen würde.
Auf welcher Seite wollen wir stehen?
Damit sind wir zurück in Nicäa, beim anstehenden Treffen zwischen Papst und Patriarch. Dieses Treffen beinhaltet eine unbequeme Wahrheit für die orthodoxen Gläubige, die zugleich an eine Welt glauben, in der Menschenrechte geachtet werden, Demokratie gedeiht und Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit das politische Handeln prägen: Es ist eine gutes Zeichen, dass Patriarch Bartholomaios Papst Leo und nicht Patriarch Kirill in Nicäa begegnet.
Es ist für die orthodoxe Tradition verführerisch, an den romantischen Vorstellungen der großen Bischöfe der Christenheit als makellose moralische Autoritäten festzuhalten. Es ist noch verführerischer, konfessionelle Grenzen – hier die Orthodoxen und dort die Katholiken – als unveränderlich zu betrachten, damit diese Teile unserer Identität, die nur aufgrund der Abgrenzung vom Anderen bestehen. unangetastet bleiben.
Beides entspricht nicht der Wirklichkeit. Die Fürsten der Kirche sind Fürsten, mit allen (unmoralischen) Konsequenzen, die realpolitisches Denken mit sich bringt. Und es ist auch die – manchmal bittere – Wirklichkeit, dass sich konfessionelle Grenzen genau so wie nationale Grenzen verschieben können. Sie sollten es auch, zumindest insofern diese konfessionellen Grenzen in einer wirklich christlichen Welt vermutlich gar nicht existieren würden. Die Grenzen des Christentums verschieben sich. Das Treffen von Patriarch Bartholomaios I. und Papst Leo XIV. in Nicäa ist ein lebendiges Bild für diese Verschiebung der Abgrenzung – und für die Entschlossenheit der Einzelnen, sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden.
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Katherine Kelaidis ist Wissenschaftlerin am Institute for Orthodox Christian Studies in Cambridge und Autorin von „Holy Russia? Holy War?: Why the Russian Church is Backings Putin Against Ukraine“. Sie ist Mitglied der Redaktion von The Wheel, einem Online-Journal zu Orthodoxer Kultur und Theologie. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Identität orthodoxer Christen in der Diaspora und die Schnittstelle zwischen Religion, Kultur und Politik.
Titelbild: WikiCommons


