Trost

Trost

Was gibt Trost in belastender Zeit? Wie kann von Trost gesprochen und wie getröstet werden? Franziska Loretan-Saladin versucht, sich dem Thema anzunähern.

Trost. Das Thema löst gerade in diesen Zeiten mehr Gefühle als Gedanken aus. Auch Erinnerungen daran, selbst einmal getröstet oder gar hilflos vertröstet worden zu sein.

Folgende Szene gehört für mich ebenfalls dazu: Ein Kind, beim Spielen hingefallen, hat sich am Knie aufgeschürft. Es tut weh. Weinend eilt es zu seinem Vater, seiner Mutter. Es wird umarmt, gestreichelt, gehalten und liebkost. «Du musst nicht traurig sein. Es wird alles gut», hört es sagen. So wird das Urvertrauen in das Leben grundgelegt. Dieses «Es-wird-alles-gut» ist für das Kind not-wendend gegen den Schmerz genau dieser Situation, auch wenn längst nicht alles gut ist in dieser Welt.

Innere Festigkeit

Sprachlich gehört das Wort Trost zur Wortgruppe um treu. Beide stammen vom älteren trauster ab, was soviel bedeutet wie stark, fest. Demnach bedeutet Trost also: [Innere] Festigkeit.[1]

Innere Festigkeit – ist es das, was ein Mensch braucht, nachdem er zutiefst erschüttert worden ist, sei es durch den Tod einer nahestehenden Person, durch eine Katastrophe oder wie gerade aktuell durch das brutale Kriegsgeschehen in der Ukraine? Und wie können wir angesichts des unermesslichen Leids so vieler Menschen diese innere Festigkeit wieder gewinnen? Die Frage kann noch verschärft werden: Wie können und können diese Menschen überhaupt irgendwann Trost finden, innere Festigkeit wiedergewinnen? Die letzte Frage ist für mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu beantworten.

Über den Trost nachdenken

Ein Blick in Geschichte des Denkens zeigt, dass verschiedene Antworten auf die Frage nach dem Trost zum Teil bis heute nachwirken.

  • Auf die Stoiker zurück geht das Verständnis von Trost als Ermahnung: Die durch einen nahen Tod oder anderes Leid erschütterten Gefühle sollen mit Hilfe der Vernunft beruhigt oder gar beherrscht werden. In diese Kategorie gehören Sprichworte wie: «Die Zeit heilt alle Wunden». Anders gesagt: Trauer und Klage sind nutzlos, weil sie nichts verändern. Hinter dem Leid steht gar eine höhere Macht oder Gott selbst. Der spätrömische Philosoph und Theologe Boethius beschreibt das daraus entstehende Dilemma so: «Wenn Gott ist, woher kommt dann das Schlechte? Wenn Gott nicht ist, woher das Gute?»[2]

Hat Gott die beste aller Welten geschaffen?

  • Im 17. Jahrhundert fragte der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz in seinen Studien zur Theodizee nach dem Sinn des Leidens in der Welt: Wie sind die Beobachtung und die Erfahrung von Leid in der Welt mit Gottes Macht, Güte und Weisheit vereinbar? Für Leibniz gibt es folgende Lösung: Gott steht am Anfang der Welt. Und wenn das so ist, dann hat Gott die beste aller Welten geschaffen, auch wenn nicht alles gut ist darin.
  • Der Schriftsteller Fiodor M. Dostojewskij kann mit dieser Vorstellung Gottes nichts anfangen. Er würde das «Eintrittsbillett» in diese «beste aller möglichen Welten» zurückgeben, sagt Iwan im Roman «Die Brüder Karamasow». Denn «ich will, dass überhaupt nicht gelitten wird».[3]

Die Frage bleibt: Was kann über den Tod und das Leid in der Welt hinwegtrösten? Lassen sich so existenzielle Erfahrungen wie der Schmerz über erfahrenes Unrecht und Leid, oder die Trauer über den Tod eines nahestehenden Menschen oder das Entsetzen über die Gräuel des Krieges überhaupt rational erklären? Und wie kann Gott gerechtfertigt werden dafür, dass er keine bessere Welt zu schaffen vermochte?

Trösten und Trost erfahren

Bei aller Fragwürdigkeit des Trostes gibt es jedoch Situationen, in denen jemand tröstet oder Trost erfährt. Das kann beispielweise bedeuten: Jemand ist einfach da und hält den Schmerz mit aus. Wie im Beispiel des hingefallenen Kindes mit seinem Schmerz: Es kann sich ausweinen und zur Ruhe kommen in den Armen des Vaters.

Fulbert Steffensky schreibt, der Tod seiner ersten Frau, Dorothee Sölle, habe bei ihm eine Wunde hinterlassen. «Das Leben ging nicht weiter und den Schmerz darüber konnte mir niemand ausreden, auch nicht mit einem religiösen Satz.»[4] Nicht Worte sind in diesem Moment gefragt, und schon gar keine Erklärungen. Es geht vielmehr um ein Verhalten: Freunde haben den Trauernden oft besucht und seinen Schmerz geehrt. «Sie haben keine tröstenden Worte gefunden, sie waren da und sie haben sich von meinem Unglück nicht vertreiben lassen. … Die Trauer wurde nicht gemildert, aber geteilt.» (Ebd.)

„Sich als endliches Wesen zu begreifen, ist das Ende der trostlosen Verbissenheit.“

Sowohl der Trauernde wie die Freundinnen haben dabei gelernt, so Steffensky weiter: Er habe gelernt, sich selbst einzugestehen, dass er mit sich alleine nicht fertig wird. Für die anderen wurde dies zur Herausforderung: Sie lernten es auszuhalten, dass er bedürftig war, und sie lernten, ihn weinen zu lassen. Das Trösten wie das Getröstet-Werden sei eine Kunst. Nämlich die Kunst zu lernen, «sich selbst als endliches Wesen zu begreifen» und diese Kunst, «sich als endliches Wesen zu begreifen, ist das Ende der trostlosen Verbissenheit.» (Ebd. 55)

Dies ist gerade in unserer Zeit weder selbstverständlich noch einfach. Mich selbst ohnmächtig zu erleben, muss ich erst einmal aushalten. Ohnmächtig sein heisst, keine Macht zu haben, nicht über das, was mir geschehen ist, auch nicht über die eigenen Gefühle und nicht über die Endlichkeit meines Lebens. Kann ich das? Meine eigene Ohnmacht, aber auch die Ohnmacht eines Mitmenschen aushalten, ohne wie gewohnt etwas zu tun oder zu sagen? Kann ich es aushalten, dass ich selbst bedürftig bin? Kann ich dem Warum standhalten ohne schnelle Deutung?
Liegt darin gar mehr Trost als in vielen gut gemeinten Worten?

Dichtung, Kunst und Musik

Wie das schlichte Dasein von Freunden sprechen auch Musik und Kunst ohne Worte und treffen doch die Gefühle. «Es ist, so glaube ich, Dichtung, Kunst und Musik, was uns in direkteste Beziehung zu dem im Dasein bringt, was uns nicht gehört», schreibt der Literaturwissenschaftler George Steiner.[5]

Ein Anstoss von aussen – sei es die Schönheit eines Bildes oder ein besonderes Musikstück, vielleicht Erinnerungen weckend – kann zum Trost werden. Es ist dann wie ein zurückfinden oder heimkehren zu dem, was mich mit dem Grund des Lebens verbindet. Ähnliches kann auch in der Begegnung mit der Natur geschehen.

Welche Worte?

Gibt es also gar keine Sprache, die der Trostlosigkeit und Trostbedürftigkeit angemessen wäre? Auch keine Sprache des Glaubens?

Es ist gut, nicht vorschnell zu tröstenden Worten zu greifen. Zu oft wird und wurde – auch im Namen des Glaubens – Menschen in abgrundtiefem Leid der Protest gegen das Leid auszureden versucht. In ihrem Briefroman «Trost» erinnert die Schriftstellerin Thea Dorn an den Goethe-Satz, dass es Fälle gibt «wo jeder Trost niederträchtig und Verzweiflung Pflicht» ist.[6] «Aus diesem Satz spricht der aufrechte Mensch. […] Aus diesem Satz sprechen alle, die das Wort ‘Schicksal’ für eine lasche Abfindungsformel halten.» (Ebd. 35f)

Sich mit dem Leid nicht abzufinden, sich nicht zu schnell trösten zu lassen: Darin steckt die Energie der Propheten. Im Namen Gottes lehnen Jesaja, Jeremia und in dieser Linie des Gottesvolkes auch Jesus sich auf gegen Unrecht, Armut, Hunger, Krankheit, Ausgrenzung. Auf die Seligpreisungen folgen bei Lukas die zornigen Weherufe Jesu.

Nein, nicht das Kreuz allein tröstet. Es ist das Leben dieses Jesus von Nazaret, das ihn ans Kreuz gebracht hat. Weil er untröstlich war angesichts des Leidens, das ihm begegnete. Und weil er deswegen mit Wort und Tat dagegen ankämpfte.

Wenn Gott zum Trost im Gebet angerufen wird, dann nicht ohne die Klage.

Trost kann in Jesu Namen kein Gott ergebenes Dulden sein. Wenn Gott zum Trost im Gebet angerufen wird, dann nicht ohne die Klage. Auch dafür hat die Bibel eine Sprache: Bei Hiob, dem Untröstlichen, in den Klageliedern und mit Psalmen lässt sich das Klagen lernen.

Der verzweifelte Schrei Jesu am Kreuz ist ein Zitat aus Psalm 22: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Mit diesen Worten bleibt Jesus in der äussersten Gottverlassenheit mit den Beterinnen und Betern der Psalmen und mit Gott verbunden. Er schreit ihm bildhaft gesprochen sein ganzes Leben und das Leid der Welt ins Gesicht.

Eindrücklich hat die jüdische, vom Nazi-Regime in den 30er Jahren zur Flucht gezwungene Dichterin Hilde Domin die Extremsituation des Kreuzes zur Sprache gebracht:

 Ecce Homo[7]

Weniger als die Hoffnung auf ihn

das ist der Mensch
einarmig
immer

Nur der gekreuzigte[8]
beide Arme
weit offen
der Hier-Bin-Ich

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Text und Bild:
Franziska Loretan-Saladin, Lehrbeauftragte für Homiletik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern und Mitglied des Redaktionsteams von feinschwarz.net.


[1] Vgl. Duden, Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache, 4. Auflage, Mannheim u.a. 2006, 867f.

[2] Boethius, Consolatio Philosophiae / Trost der Philosophie, Ernst Gegenschatz/Olof Gigon (Hrsg.), Düsseldorf 2004, 41.

[3] Vgl. Fjodor Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, aus dem Russischen von Swetlana Geier, Zürich 22007, 396.

[4] Fulbert Steffensky, Trost – das mütterlichste aller Wörter, in: Tiemo Rainer Peeters/C. Urban (Hrsg.), Über den Trost. Für Johann Baptist Metz, Mainz 2008, 52-55, 52.

[5] George Steiner, Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? München/Wien 1990, 295

[6] Vgl. Thea Dorn, Trost. Briefe an Max, München 2021, 35.

[7] Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, Frankfurt a.M. 71999, 345.

[8] Es ist richtig geschrieben: Der gekreuzigte als Adjektiv, nicht Substantiv!

Zum Weiterlesen empfohlen:

„Nur wer klagt, hofft“ – Die „Lügen der Tröster“ in Zeiten der Pandemie

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