Als Eremitin, als Eremit mitten in der Großstadt leben? Dass dies gelingen kann, zeigt Hubert Nitsch, Kunstreferent der Diözese Linz und Initiator des Projektes ‚Turmeremit‘ am Linzer Mariendom.
Seit dem Advent 2008 gibt es im Linzer Mariendom das Projekt des Turmeremiten bzw. der Turmeremitin, welches für die europäische Kulturhauptstadt Linz09 entwickelt wurde und auf Grund der Nachfrage bis heute läuft. Es zählt somit auch zu den wenigen nachhaltigen Projekten der Kulturhauptstadt.
Nach dem durchgängigen Belegen der Eremitage im Jahr 2009, wo im Wochenrhythmus die Eremiten wechselten, werden derzeit ca. 30 Wochen im Jahr vergeben (Advent, Fastenzeit, Sommer).
Mit dem Projekt werden drei Wesenszüge von Kirche sichtbar.
- Die Kirche hat und verwaltet Räume der Stille, die oft historisch gewachsen sind und eine Alternative in der Gesellschaft bieten, die kaum jemand anderer hat und den Menschen zur Verfügung stellt.
- Die Kirche steht in einem Generationenvertrag, welcher sich bei den Eremiten in der Übergabe des Tagebuches von Eremit zu Eremitin ausdrückt.
- Die Kirche bietet Seelsorge. Jeder Eremit wird spirituell begleitet und hat in der Regel täglich ein seelsorgliches Gespräch.
Eremitagen sind historisch gesehen immer da gewesen. Doch der Ort und die Stille allein genügen nicht. Es braucht Leben in diesen Orten, aktuelle Erfahrungen und die Möglichkeit der Teilhabe daran.

Der Turmeremit
hat Einblick in die Seele
hat den Überblick
Das Eremitenphänomen ist nicht auf den christlichen Bereich einschränkbar, hat aber immer mit Ritual und Rhythmus zu tun, mit Reduktion auf das Wesentliche, mit Transzendenz, d.h. mit dem Übersteigen des eigenen Ich/der eigenen Existenz, mit der größeren Wirklichkeit in uns. Zusätzlich zur individuellen Erfahrung gibt es auch eine Botschaft an die anderen, die am Grundwasserspiegel Sehnsucht andockt. Diese Botschaft wird im Tagebuch, das von Eremit zu Eremitin weitergegeben wird, mit einem Leuchtturm verglichen.
Gebet für die Stadt
erleuchtetes Turmfenster
Zeichen für die Welt
Die Turmeremitage als Orientierungspunkt in dieser Stadt. Der Auftrag des Eremiten bzw. der Eremitin, diese Stadt mit ihren Menschen in den Blick zu nehmen und für sie, in welcher Form auch immer, da zu sein. Wer sein Innerstes entdeckt, kann nicht umhin, für die Menschen da zu sein. Er kommt auch nicht umhin sich als Teil eines Ganzen zu begreifen. „Sei ganz bei dir aber sei da.“, sagte mir Eremitin Ulrike als einen Kernsatz ihres Aufenthalts.
Der Gedanke an einen Turmeremiten/eine Turmeremitin, die mitten in der Stadt lebt, löst in jedem Kopf viele Assoziationen aus. Wir sind heute über das Internet mit vielen utopischen und realen Orten vertraut und dann merken wir, dass es tatsächlich Menschen gibt, die 395 Stufen in die Höhe steigen, um in die Tiefe zu gehen. Alle Dinge haben einen inneren Kern, auch das Leben eines jeden Menschen; wer dorthin vorstößt, hat Wesentliches von sich und der Welt verstanden und im Blick. Das fasziniert viele. Und doch ist es mit Blick auf die Kirchen- und Kulturgeschichte ein altes immer da gewesenes Thema. Beim mittäglichen Schweigen und Beten mit dem Eremiten in der Krypta des Mariendoms um 12.15 Uhr werden Interessierte an das Wesen der Stille und des Projekts herangeführt.

Wesentlich werden
Durch die Unruhe hindurch
Gott und Mensch sind eins
Aus Rückmeldungen und verschiedenen Tagebucheinträgen wird offenbar, dass man Menschen mit dieser Erfahrung ein großes Geschenk geben kann und darf. Der Turm des Mariendoms ist nicht nur Leuchtturm, sondern ebenso Ort des existenziellen Fragestellens und damit unserer Zukunft.
Was ich mitnehme
Erneuerung. Verheißung
Dankbarkeit. Freude
______
Hubert Nitsch
Bildquelle: Homepage der Diözese Linz
Die eingestreuten Dreizeiler (Haiku, japan. Gedichtform, 3 Zeilen, 5-7-5 Silben) stammen aus dem Tagebuch, welches von Eremit zu Eremitin weiter gegeben wird.


