Über Rassismus in der Kirche sprechen

DEU, Erfurt, Äthiopische Kaffeezeremonie auf dem Platz an der Krämerbrücke zur Eröffnung der missio-Kampagne Monat der Weltmission 2018 [ (c) missio/Hartmut Schwarzbach, missio, Internationales Katholisches Missionswerk e.V. Goethestr.43, 52064 Aachen, www.missio-hilft.de ]

Die Rassismusdebatte kommt so langsam in Deutschlands Kirchen an. Marita Wagner berichtet von einem virtuellen Think-Thank-Abend zum Thema „Rassismus in der Kirche“.

„Die Rassismusdebatte hat Deutschland erreicht“, stellt die Pfarrerin Christina Biere vom Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung in Dortmund fest. Zusammen mit Sarah Vecera von der Vereinten Evangelischen Mission (VEM, Wuppertal) und den beiden Pastoren Quinton Ceasar (Wuppertal) und Daniel Jung von der Evangelischen Kirche von Westfalen (Essen) hat Biere am 06.07.2020 einen Austausch zum Thema „Rassismus in der Kirche“ über den Online-Videodienst Zoom ausgerichtet. Zu viert haben sie als Moderator*innen durch den Abend geführt.

Es gibt rassistische Strukturen innerhalb der  Kirchen.

Ziel des Austausches war eine Selbsterkundung mit Blick auf persönliche rassistische Denkmuster und Strukturen innerhalb der christlichen Kirchen. Durch diese Initiative wurde ein Dialograum geschaffen, um das zu thematisieren, was sich oft nur schwer zur Sprache und noch schwerer auf den vermeintlich korrekten Begriff bringen lässt. Insgesamt nahmen 75 Theologiestudierende, Theolog*innen, Haupt- sowie Ehrenamtliche der christlichen Kirchen aus ganz Deutschland an dem Gespräch teil. Dazu zählten viele gläubige BIPoCs[1], die von ihren persönlichen Rassismuserfahrungen in der Kirche berichteten. Ihre Bereitschaft und das Vertrauen, den weißen Anwesenden ihre Lebenswirklichkeiten zu schildern, kann meines Erachten nicht als selbstverständlich erachtet werden, denn rassistische Strukturen werden durch weiße Menschen generiert und reproduziert. Es ist daher nicht Aufgabe Schwarzer Menschen[2], ihre Mitmenschen über deren weiße Privilegien sowie über strukturellen Rassismus und seine Wirkmechanismen aufzuklären. Rassismus sollte kein „Problem“ – keine Angelegenheit – Schwarzer Menschen sein. Ich frage mich daher, wie bedrückend es sein muss und welch harte Arbeit dahintersteckt, als Schwarze Person doch immer wieder diese Aufgabe zu übernehmen und auf diese Weise letztlich rassistische Strukturen zu verstetigen. Hier zeichnet sich ein Dilemma ab, das wahrgenommen werden muss.

Eine Person leitete den Austausch mit der Feststellung ein, dass viele Menschen rassistische Äußerungen durch ungeschickte Ausdrücke tätigen, ohne dies bewusst zu intendieren. So schilderte sie folgende Erfahrung: Kürzlich erklärte ihr eine weiße Kollegin, wie toll diese es von ihr fände, dass sie in Interviews über strukturellen Rassismus aufkläre, das könne auch nur sie, denn: sie sei ja nicht „normalhäutig“. Besagte Kollegin habe es in diesem Moment nur gut gemeint. An diesem eindrücklichen Beispiel wird aber deutlich: gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht. Eine weitere Teilnehmende erklärte, dass in ihrem Theologiestudium die Befreiungstheologie und Black Theology vorkamen – aber immer als die Theologie „der Anderen“. Auch hier zeichnen sich somit Othering-Prozesse ab.

Wie und wann werden sich Menschen ihres eigenen Schwarzseins oder Weißseins bewusst? Welche Rolle spielt dabei Rassismus?

Im Anschluss schalteten die Organisator*innen eine Live-Umfrage: alle Beteiligten tippten ihre Antwort auf die Frage ein, wann sie sich zum ersten Mal ihres Schwarzseins oder Weißseins bewusst geworden seien. Zu den Antworten zählten: „während meines Freiwilligendienstes/ Auslandsstudiums; während meines (Theologie-)Studiums; während des Reisens; nachdem ich ein Antirassismustraining absolviert habe; über Social Media etc.“ Geantwortet wurde aber auch: „Als im Kindergarten rassistische Aussagen über meine türkischstämmigen Familienmitglieder gemacht wurden.“ Oder: „Als ich einen Schwarzen Kollegen in meiner Gemeinde bekam.“ Es zeigte sich, dass die meisten Teilnehmer*innen zum ersten Mal im Alter zwischen 18 und 25 Jahren mit Formen von Rassismus in Berührung kamen. Zu fragen ist, inwiefern dabei „schwarz“ und „weiß“ noch als Hautfarben im Vordergrund standen und wann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Weißsein in Form gesellschaftlicher Privilegien erfolgte.

Die zweite Frage: „Was ist dein Anliegen heute Abend?“ Die Versammelten entgegneten: „Ich möchte meine weißen Privilegien in der Kirche nutzen, um Teilhabe zu ermöglichen.“, „Ich möchte Antirassismusarbeit in meiner Kirche fördern.“, „Ich möchte diskutieren, wie ein rassismuskritisches Theologiestudium aussehen könnte.“ Ein großes Anliegen war: „Ich möchte Zuhören und Lernen.“ Es wurde deutlich, dass die Teilnehmer*innen den Wunsch hatten, mehr über den eigenen Rassismus und seine Erscheinungsweisen zu Lernen. Zugleich suchten sie nach Handlungsansätzen, um ihre Privilegien positiv einzusetzen, um Gleichberechtigung in den Kirchen zu fördern.

Die meisten Kirchenmitglieder müssen sich nicht mit ihrem Weißsein auseinandersetzen.

Anschließend wurden die Anwesenden in virtuelle Kleingruppen aufgeteilt. In meiner Gruppe wurde das Thema „Deutsch-Sein“ diskutiert. Zwei Teilnehmer schilderten Erlebnisse, in denen ihnen gespiegelt wurde, aufgrund ihres Aussehens keine „vollwertigen Deutschen“ zu sein. Einer von ihnen wurde während der Fußball-WM von einem Freund gefragt, warum er das Trikot der deutschen Nationalmannschaft trage. Der Freund sei sehr irritiert gewesen und habe ihm so zu verstehen gegeben, dass er, obwohl er einen deutschen Pass besitzt, doch ein Fremder sei und nicht richtig dazugehöre. „Warum muss ich dafür kämpfen, um als Deutscher akzeptiert zu werden?“, fragte er. Die mit mir vier weißen Teilnehmerinnen brachten die Beobachtung ein, dass wir uns im Vergleich dazu überhaupt nicht mit unserem Weißsein auseinandersetzen müssten. Aufgrund unseres äußeren Erscheinungsbildes stelle niemand unser „Deutsch-Sein“ infrage. Dieses weißen Privilegs sind wir uns erst später durch unsere internationale Arbeit bewusst geworden.

Im Plenum wurden die Ergebnisse vorgetragen. Dabei wurde auf den Punkt gebracht: „Unsere Kirche ist weiß.“ Doch wie soll man dies problematisieren, wenn die wenigsten in den Kirchen dieses Problem erkennen?

Viele nehmen Rassismus in den Kirchen nicht wahr oder verdrängen das Problem.

In der Diskussion zeigte sich, dass Rassismus dem rechten politischen Lager zugesprochen wird, weshalb viele von sich behaupten, keine Rassist*innen zu sein. Damit blocken sie jeden Gesprächsversuch ab, was Reni Eddo-Lodge in ihrem Werk Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche[3] thematisiert. Darüber hinaus berichteten Teilnehmende, dass in ihren Gremien zwar Schwarze Gläubige vertreten seien, diese aber nie um ihre Einschätzung gebeten würden.

Wie gehen wir also mit der Diversität in unseren Kirchen um? Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, somit bildet sich die Gesellschaft in der Kirche ab. Der in der Gesellschaft offenbar werdende Rassismus macht folglich nicht vor der Kirchentür halt. Die Kirche sollte daher in antirassistische Arbeit investieren. „Und machen wir uns nichts vor“, so eine weiße Teilnehmerin, „Antirassismusarbeit ist anstrengend, es ist emotional erschöpfend. Aber was sollen diejenigen sagen, die jeden Tag der rassistischen Gewalt ausgesetzt sind, die sich immer wieder rechtfertigen und erklären müssen? Dass wir unseren positiven Beitrag als weiße Mitschwestern und Mitbrüder leisten, ist da wohl das mindeste.“

Erneut fanden sich die Teilnehmer*innen in Kleingruppen zusammen. In meiner Gruppe berichtete ein Teilnehmer, der seit rund zehn Jahren in Deutschland lebt, von seinem Versuch, sich in die deutsche Gemeinde zu integrieren. Jeden Sonntag nahm er am Gottesdienst teil. „Doch niemand beachtete mich, niemand wusste, wer ich war.“ Er berichtete, dass während des Friedensgrußes niemand der um ihn stehenden Gläubigen ihm die Hand reichen wollte. Schließlich sprach ihn eine pensionierte Pfarrerin an: „Ich sehe dich seit anderthalb Jahren jeden Sonntag in dieser Kirche. Wer bist du? Woher kommst du?“ Anderthalb Jahre – so lange musste er warten, bis er gesehen wurde. „Ist das der Ort, wo wir Gottes Liebe spüren?“, fragte ein anderer Diskussionsteilnehmer. Auch ich frage mich, wie eine derartige Zurückweisung möglich ist, wenn die Liturgie Quelle und Höhepunkt des christlichen (Zusammen-)Lebens ist.

Was es braucht: Vernetzung, Wertschätzung von Diversität und Aufarbeitung.

Zurück im Plenum: „Was können wir tun?“ Viele Ideen wurden gesammelt: Die Gründung eines Vereins für Schwarze christliche Menschen in Deutschland; mehr BIPoC in leitenden Kirchenämtern; Antirassismustrainings für weiße Menschen in Kirchen und Hilfswerken und gleichzeitig Empowerment-Programme für Schwarze Menschen; Umstrukturierung des deutschen, weißen theologischen Curriculums; (Fach-)Artikel über Rassismus und kritisches Weißsein veröffentlichen und uns jeweils über diese informieren, damit die Beiträge geteilt werden; die Instagramerin Maike (ja.und.amen) und Gründerin von #glaubeteilen bietet an, eine Instagram-Aktion zum Thema „Rassismus in der Kirche“ zu gestalten.

Ein erster Schritt ist damit getan. Es wäre wünschenswert, weitere Gespräche zu organisieren und über die Einrichtung einer offiziellen ökumenischen Arbeitsgruppe zum Thema Rassismus in der Kirche zu beraten – hier sind auch die Hilfswerke als Manifestationspunkte der Weltkirche in Deutschland gefragt. Bei diesem ersten Brainstorming fiel auf, dass noch kaum katholische Vertreter*innen zugegen waren. Mit dieser Initiative bietet sich nun eine Anknüpfungschance, um das Thema Rassismus auch auf die katholische Agenda zu setzen. Entscheidend ist, dass sich die weiße Kirche an die Arbeit macht und nicht darauf wartet, dass Schwarze Gläubige einen ausgefeilten Fahrplan vorlegen. Es darf auch nicht zu einer Fragmentierung in zwei Lager, nämlich von Rassismus „Betroffene“ und „Nicht-Betroffene“ kommen, denn struktureller Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und „betrifft“ somit alle Menschen. Wenn sich die katholische Kirch als Weltkirche und damit in einer Trias als Glaubens-, Lern- und Solidargemeinschaft versteht, dann führt kein Weg an einer antirassistischen Bildungsarbeit vorbei.

[1]     Der Ausdruck steht für „Black, Indigenous and People of Color”. Vgl. auch: https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/people-of-color-poc/ (Zugriff: 15.07.2020).

[2]     „Schwarz“ wird in diesem Beitrag auch als Adjektiv groß geschrieben, weil es sich nicht auf biologische Merkmale wie die Hautfarbe bezieht, sondern eine politische Selbstbezeichnung ist.

[3]     Reni Eddo-Lodge, Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche, Stuttgart 2019.

Autorin: Marita Wagner ist theologische Referentin beim Katholischen Hilfswerk missio Aachen. Dort koordiniert sie das Netzwerk Pastoral Asien und Afrika, zwei theologisch-akademische Think Tanks. Sie ist Chefredakteurin der Fachzeitschrift Forum Weltkirche. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Postkolonialismus, Dekolonisierung von Bildung und Wissen, sowie Rassismusforschung.

Bild: Hartmut Schwarzbach/missio.

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