Unter dem Herzen

„Heilige Nacht“ heißt eine Ausstellung, die das Frankfurter Skulpturenmuseum Liebieghaus derzeit präsentiert. Sie versammelt die Bildwelt der Advents- und Weihnachtszeit, wie sie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ausgeformt wurde. Darin treffen sich die Erzählungen der Evangelien, nichtbiblische Traditionen, Frauenmystik, fromme Inbrunst, Verehrung, die Theologie der Inkarnation, religiöser Kitsch und vor allem die Feier einer Überwindung: das Leben über den Tod, das Licht über die Dunkelheit. Eine „Madonna in der Hoffnung“ hat es Viera Pirker besonders angetan.

Dr. Stefan Roller, Leiter der Abteilung Mittelalter im Liebieghaus, inszeniert diese Bildwelt opulent und genau, mit rund 100 Werken, aus 40 Sammlungen zusammengetragen. In der Ausstellung „Heilige Nacht“ gibt es selten Gesehenes und Ungewöhnliches aus der Frömmigkeitsgeschichte zu entdecken. Auch für Kinder ist es ein spannender Besuch, nicht nur aufgrund der beiden riesigen Krippenlandschaften aus Tirol und Neapel.

Eine Skulptur schon im ersten Raum hat meine Aufmerksamkeit besonders auf    sich gezogen: Sie zeigt eine Frau, geschnitzt aus Lindenholz und kunstvoll koloriert. Es ist eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, die da mit einem Schritt rechts voranschreitet.

117cm ist sie hoch, ihre Kleidung ist kostbar: Der Oberkörper ist in weinrotes Gewand gekleidet, mit einem breiten, sehr tiefen Ausschnitt, der mit einer goldenen Borte gefasst ist. Darunter ein goldener Rock, der den Oberkörper in Hüfthöhe umschließt und einen ausgeprägten Faltenwurf zeigt.

Die junge Frau trägt das Haar offen, ein Reif oder eine Flechtung umkränzt das Haupt, die überlangen Korkenzieherlocken fließen den Rücken hinab. Das Gesicht wirkt eher kindlich als erwachsen. Die Wangen sanft errötet, senkt sie ihren Blick nach unten, nach innen. Ungewöhnlich ist ihre Handhaltung: Die junge Frau hat die Hände über der Leibesmitte übereinandergelegt, als wollte sie sich selbst oder etwas in sich schützen – eine Geste, die man bei einer hochschwangeren Frau erwartet, aber nicht bei diesem jungen, eher schlanken Mädchen. Ihr Leib ist nicht gewölbt. Ist dies ein Marienbildnis? Klassische Attribute fehlen. Ein ungeübtes Auge würde sie gar nicht sofort zuordnen können.

Madonna in der Hoffnung

Wäre da nicht diese Öffnung, mittig in ihrem Körper angesetzt. Die schlanke junge Frau trägt ein Kind in sich. In der Art einer kleinen Putte ist es aufrecht stehend geformt: Der Heiland und Erlöser, die winzige rechte Hand zu einem segnenden Gestus erhoben, in der linken Hand trägt er die Weltkugel. Die ganze Frau ist der Schrein für den Gott, der in ihr Mensch wird.

Dieser Marienleib kann sogar mit einem Holzdeckel geschlossen werden: dann ist lediglich eine Umrisslinie zu sehen, die Schnitzerei und Kolorierung folgt dem Faltenwurf. Überraschend direkt, pragmatisch, wie es katholischer Andachtspraxis eben auch zu eigen ist. Das Motiv der schwangeren Maria (Maria Gravida) begegnet in der bildenden Kunst gar nicht selten. Lange Zeit wurde es als naiv und unschicklich kategorisiert.

Diese Skulptur mit geöffnetem Leib führt direkt zurück in die Frömmigkeit des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die „Madonna in der Hoffnung“ stammt aus Niederbayern und wird auf 1520/25 datiert. Sie gilt als sehr freie Nachbildung des Bogenberger Gnadenbilds (14. Jhdt.), weicht jedoch in vielerlei Hinsicht von ihrem statischen Vorbild ab und aktualisiert es ganz wesentlich. Unter den vollplastischen Darstellungen einer schwangeren Maria stellt sie in ihrer Jugend, Natürlichkeit und Bewegung eine Besonderheit dar. Die niederbayerische „Madonna in der Hoffnung“ zeigt die junge Frau ganz allein mit einer gnadenbringenden Pretiose, die sie „unter ihrem Herzen“ trägt. Wir sehen eine junge Frau ihrer Zeit, die einen natürlichen Vorgang im Rahmen einer sozialen Unmöglichkeit durchlebt hinsichtlich Familienstruktur und Gesellschaftsordnung. Sie schreitet voran und blickt nach innen.

Heute verstört die anachronistische Darstellung des geöffneten Leibes. Sie deckt sich nicht mit unserem anatomischen Wissen. Das puppenhafte Kind in der Skulptur ist viel zu klein im Verhältnis zur Mutter; zudem steht es aufrecht in der Höhlung und nimmt Kontakt mit der Welt auf. Was ist das nur für eine merkwürdige Schwangerschaft? Beinahe 500 Jahre entfernt ruft dieser ‚Blick in die Gebärmutter‘ überraschend aktuelle Bilder auf, von beweglichen Modellen im Biologieunterricht, dreidimensionalen Ultraschallvideos bis hin zu Embryo-Figuren, die Lebensschützer in Fußgängerzonen zeigen.

Der frühe Blick in Mariens Leib, geöffnet, um das Kind zu zeigen und den Blick und Segen des Kindes nach außen zu senden, erschreckt und fasziniert auch durch die Unterbrechung des intimen Raumes: die leibliche Einheit von Mutter und werdendem Leben ist zerspalten. Der Betrachter wird in eine Grenzüberschreitung verstrickt; die direkte Begegnung mit dem Kind berührt regelrecht peinlich.

Hier tritt ein Bildwerk aus einer Zeit, die sich neben der Theologie des Wortes und der Feier eine vollkommen eigene Bildsprache entwickelt hat. Die Skulptur entstammt dem geistigen Umfeld der christlichen Mystik: Abseits der Evangelien und auf der Suche nach der Menschlichkeit des Heiligen hat sich das Bild der Maria Gravida entwickelt. Das Geheimnis der Gottesgeburt im Menschen in Sprache und Bild zu durchkosten, ist ein wesentlicher Aspekt der Mystik. Und was ist ein Andachtsbild, wenn nicht eine Einladung zur Identifikation? Es lädt die Betenden, Männer und Frauen gleichermaßen dazu ein, die Gottesgeburt zu imaginieren und die eigene Empfänglichkeit zu entdecken. Der Beter sieht den Erlöser im Leib Mariens. Sie ist die Identifikationsfigur: Gott wird Mensch durch uns und in uns.

Bis in die Neuzeit hinein wurde allein der Vater als lebensspendend, die Mutter lediglich als Gefäß betrachtet. Ein „Schiff, geladen“ heißt es im Adventslied. Ganz Mensch, ganz Gott, von Anfang an, beseelt schon im Augenblick der Zeugung: so verstand die Theologie dieses Kind, und so zeigt die Skulptur den Heiland. Dieses Geheimnis ist das eigentliche Thema des Andachtsbildes. Es stellt nicht die Frage nach biologischem Verismus.

Die unmittelbare Körperlichkeit der Menschwerdung

Das spirituell ergründete Geheimnis der Gottesgebärerin kulminiert in dem Andachtsbild, das keinen süßen Weihnachtskitsch, sondern das dogmatische Kernmotiv des christlichen Glaubens inszeniert: Das Geheimnis der Menschwerdung. Die unmittelbare Körperlichkeit zeigt das fragile Wunder der Gottessohnschaft. Die zarte Skulptur ist eine Lehrerin ohne Worte. Sie öffnet die Grenzen zur Welt und ermöglicht die Kontemplation des Geheimnisses und des Lebens zugleich.

Können wir im 21. Jahrhundert ein solches Bild überhaupt noch geistlich betrachten? Es erhebt Maria zum Tabernakel dessen, der die Welt erlöst, und reduziert sie zugleich darauf. Doch ohne ihre Leiblichkeit ist seine Menschlichkeit nicht möglich. Eine Erwartung, eine Hoffnung: – „Alle Jahre wieder“.

Viera Pirker ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.

Die Ausstellung im Liebieghaus Skulpturensammlung ist noch bis zum 29. Januar 2017 geöffnet.
Der Katalog zur Ausstellung: Heilige Nacht. Die Weihnachtsgeschichte und ihre Bilderwelt, Hg. Von Stefan Roller, Hirmer Verlag, 2016, ISBN: 978-3-7774-2652-5
Das sehenswerte „Digitorial“ ermöglicht einen guten Einblick in die besonderen Ausstellungsstücke: http://heiligenacht.liebieghaus.de/de
Literatur: Gregor Martin Lechner, Maria Gravida. Zum Schwangerschaftsmotiv in der Bildenden Kunst (Münchner Kunsthistorische Abhandlungen; Bd. 9), München – Zürich 1981.

Bild: Madonna in der Hoffnung, Niederbayern, um 1520/1525; Lindenholz; Bayrisches Nationalmuseum. ©Liebieghaus Skulpturensammlung (Fotograf: Bastian Krack)

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