Niemand lebt für sich allein. Versuch einer Tröstung zum Nationalfeiertag.

Herrmann Glettler, Bischof von Innsbruck, über das Trösten als empathische Anleitung, den Weg der Liebe neu zu entdecken.

Das deutsche Jugendwort des Jahres 2020 ist „lost“. Wer lost ist, weiß nicht, was momentan abgeht, ist ahnungslos, planlos, verloren. Lost hat viele Gesichter. Menschen sind verloren in einem Zuviel an kaum überprüfbaren Informationen, News und Pics, Fakten und Lügen. Die unüberschaubare Fülle produziert eine chronische Überforderung. Ohnmacht stellt sich ein, verstärkt durch das Gefühl, in den Lauf der Dinge kaum gestaltend eingreifen zu können.

Die Welt läuft, so die Vermutung, wie es sich einige richten. Die Anfälligkeit für politische Heilsbringer und simplifizierende Welterklärer ist kaum verwunderlich. Verschwörungstheorien boomen. Auch eine allerorts bemerkbare Empörungsbereitschaft nimmt zu. Sie kann sich an banalen Alltagskonflikten entzünden und zeugt von einem hohen Wutpotenzial, das Menschen in sich tragen. Dazu kommen noch die in den Wohlstandsjahren herrlich gereiften Optimierungsansprüche an unser ganz normales Leben. Niemand kann all dem gerecht werden. Offensichtlich eine große Trostbedürftigkeit. Was tun?

Trostlosigkeit und Widersprüche benennen.

Vielleicht brauchen wir im Herbst des Corona-Jahres vor allem die heilsame Vergewisserung, dass große Krisen und Herausforderungen zu bewältigen sind. Das scheint mir deshalb so wichtig zu sein, weil sich für viele unserer  Zeitgenossinnen und Zeitgenossen Zukunft nicht mehr als Option anfühlt, sondern weit eher als Bedrohung. Wer jedoch zurückblickt, kann oftmals entdecken, getragen worden zu sein. Besonders für die Covid–Generation, so die aktuelle Jugendforschung, war es neu, dass individuelle Freiheitsrechte zugunsten des Gemeinwohls vom Staat beschnitten werden. Unverständnis gegenüber einem plötzlich starken Staat ist da vorprogrammiert.

Nicht nur die jungen Leute, wir alle leben in vielen Widersprüchen. Der gehobene Lebensstandard schützt nicht vor existentiellen Zukunftsängsten. Nach aktuellen Umfragen ist die Zuversicht, der Treibstoff zur Alltagsbewältigung im Eimer. Die psychischen Belastungen der Pandemie hinterlassen bei Jung und Alt jetzt schon deutliche Spuren, Langzeitwirkungen noch unbekannt. Im Herbst angekommen stellt sich die Frage: Was lernen wir von 2020?

Besinnung auf ein größeres Wir.

Wir haben heuer bereits ausführlich 75 Jahre Kriegsende und 75 Jahre UNO gefeiert. Wir begehen in Österreich in diesem Jahr 65 Jahre Staatsvertrag und 55 Jahre Nationalfeiertag am 26. Oktober – sowie 25 Jahre Beitritt zur Europäischen Union. Diese festlichen, staatstragenden Anlässe machen uns den Zusammenhalt, die Verantwortungsteilung und Hilfsbereitschaft in der Vergangenheit unseres Landes und in Europa bewusst. Sie machen uns vor allem bewusst, dass kein Land nur für sich allein leben kann. Läge in dieser herbstlichen Vergewisserung nicht auch ein Feuer für eine geistvolle und entschlossene Solidarität, die über die nationalen Grenzen hinausreicht?

Österreich darf sich nicht an die Spitze der Unwilligen setzen. Wir können Gutes tun – der politische Wille ist entscheidend. Vor knapp 20 Jahren wurde in St. Andrä in Graz erstmals der „Inter-Nationalfeiertag“ begangen. Mittlerweile fixer Event im multikulturellen Stadtteil, der von einem mehrsprachigen Gottesdienst bis hin zu einem internationalen Buffet und kulturellen Highlights einiges zu bieten hat. Vor allem aber den Geschmack menschlicher Nähe und „sozialer Freundschaft“ (Papst Franziskus).

Der Versuchung zum Selbstmitleid trotzen.

Mit dem zeitdiagnostischen Wort lost lassen sich viele Ermüdungserscheinungen beschreiben. Die neuerliche Infektionswelle zwingt nicht nur die österreichische, sondern die meisten europäischen Regierungen zu erneuten Restriktionen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Erschöpfung macht sich breit, nicht selten auch im Gewand einer zynischen Sorglosigkeit. Sie wird nicht unwesentlich durch die mediale Omnipräsenz des Themas generiert.

Traurigerweise treffen die aktuellen Verschärfungen wieder die ohnehin schon Belasteten: Alleinerziehende, Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen, Armutsgefährdete, Pflegende, chronisch Kranke und Sterbende. Nicht zu vergessen die vielen, die mit großen betriebswirtschaftlichen Sorgen kämpfen oder ihre Arbeit verloren haben. Angesichts dieser Entwicklungen verbietet sich das Selbstmitleid. Aufmerksamkeit und Zuwendung sind notwendig. Keinesfalls dürfen wir uns als Kirche hinter einem Physical Distancing verstecken, auch nicht hinter Verordnungen. Ebenso unangebracht ist es, in erster Linie über die finanziellen Einbußen der Kirche zu klagen. Die uns leitende Frage muss lauten: Wie können wir in dieser spezifischen Situation für die Menschen da sein? Herzblut und Kreativität sind mehr denn je gefragt, auch Glaubenskraft.

Plädoyer für eine umfassende Synodalität.

Synodalität gehört zum Wesen von Kirche. Jede ernstgemeinte Nachfolge Jesu ist eine umfassende „Weg-Gemeinschaft“, die niemanden ausschließt. Kritiker verdächtigen das Engagement für eine stärkere Betonung synodaler Strukturen nicht selten als Verwässerungstaktik, die zu einer laxen Moral und beschädigten Glaubenslehre führen würde. Abseits dieser Diskussion möchte ich den Begriff „Synodalität“ für ein Sich-Verbünden und innerliches Anteilnehmen am Lebensschicksal von Menschen verwenden. Ich plädiere für eine Weg-Gemeinschaft inmitten unserer nervösen Gesellschaft, in der es zugleich eine große anonyme Heiligkeit und ebenso krankhafte Egoismen gibt.

Die programmatische Schrift Evangelii Gaudium atmet den Geist dieser barrierefreien Synodalität: „Spüren wir die Herausforderung, die Mystik zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt.“ (87) Ist das nicht bewegend?

Geschwisterlichkeit verbindlich leben.

An vielen Orten leben Menschen unterschiedlichster Herkunft, Milieus und kultureller Prägungen ganz selbstverständlich zusammen. Das sind keineswegs nur Problemzonen, oft ganz im Gegenteil – Orte einer „globalen Geschwisterlichkeit“. In der Einheit und Vielfalt zeigt Gott sein Gesicht. Vielleicht wird es einmal ein Kloster geben, in dem Angehörige unterschiedlicher Religionen, Glaubende, Agnostiker und Agnostikerinnen und Nicht-Glaubende zusammen sind – mit einem gemeinsamen Tagesrhythmus, Stille und Gebet, Arbeit und Freizeit. Mir scheint, dass uns die vielen Lost-Situationen unserer Zeit zu solchen und ähnlichen Experimenten drängen. Überall ist es möglich, intensive Momente der Freude und der Trostlosigkeit mit den unmittelbar Nächsten zu teilen. In der eigenen Nachbarschaft müssen sich die großen Worte bewähren.

Authentischer Trost stellt sich dann ein, wenn wir uns füreinander öffnen und den Resonanzraum unseres Herzens weit auftun. Ja, tröstende Menschen braucht das Land, Menschen, die ihre eigenen Verwundungen nicht verstecken. Sie verdrängen auch ihr eigenes Versagen nicht, weil sie um die heilende Kraft von Versöhnung und Neubeginn wissen. Damit wirken sie entlastend.

Trotz aller Begrenztheit „den anderen Weg“ wählen.

Woraus also können wir Trost schöpfen? Trost ist keine fertige Rezeptur, die es nur zu verabreichen gilt, sondern immer eine Weg-Erfahrung. Wirklicher Trost reift langsam, meist unterwegs. Er ist eine Ermutigung zur Wahrheit. Wir alle können trösten, wenn wir uns von Gottes Herzensenergie inspirieren und leiten lassen. Die Früchte werden sich zeigen: Geduld, Besonnenheit, Mut, Klarheit, Aufrichtigkeit und Ausdauer. Was hindert uns, im Corona-Herbst diese Früchte einzubringen?

Der entscheidende Weg aus der Verlorenheit wird immer der „andere Weg“ sein, von dem Paulus so überzeugend im Hohen Lied der Liebe des Korintherbriefes spricht. Keine noch so weitreichende Kompetenz und Wissenschaft, keine tiefgründige Selbsterkenntnis allein und keine noch so umfassende Selbstdisziplinierung können aus der Verlorenheit führen – wenn sie nicht getragen und inspiriert wären von einer Liebe, die alles Menschliche durchdringt und zum Leuchten bringt. Trösten – auf den Punkt gebracht – ist die empathische Anleitung, den Weg der Liebe neu zu entdecken. Letztlich geht es nicht nur darum, selbst getröstet zu werden, sondern um die Fähigkeit und Bereitschaft zu trösten. Auf ganz geheimnisvolle Weise findet sich gerade darin Trost – für uns alle.

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Text: Hermann Glettler ist Bischof der Diözese Innsbruck und Künstler.

Bild: Gus Moretta  (Unsplash)

 

 

 

Vom Autor auf feinschwarz.net bereits erschienen:

Über Verflüssigung, Kunst und Kirche.

 

 

 

 

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