Maren Behrensen analysiert die überschätzte aber keineswegs harmlose Politische Theologie von Peter Thiel.
Durch Elon Musks Auftritte an der Seite Donald Trumps ist deutlich geworden, wie aggressiv manche venture capitalists und tech oligarchs die Politik nach ihrem Willen umgestalten wollen – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern rund um den Globus. Was dabei weniger auffällt, ist, dass einige von ihnen auch religiösen Einfluss suchen und sich als theologische Vordenker gerieren – so etwa Peter Thiel und Trae Stephens. Ich konzentriere mich hier auf Thiel, der inzwischen hinlänglich als Geld- und Stichwortgeber der extremen Rechten in den Vereinigten Staaten bekannt ist. Während Musk im Weißen Haus in Ungnade gefallen ist, dürfte Thiel weiterhin die Aufmerksamkeit der Strategen rund um Trump und Vance genießen.
Vibe theology ist kalifornische Ideologie für extrem rechte Spiritualität
Ich betrachte Thiels religiöse Einlassungen als vibe theology, in Analogie zu den Begriffen vibe coding und vibe physics – eine Behauptung theologischer Autorität, die sich aus einer oft von absurdem Reichtum begleiteten intellektuellen Überheblichkeit speist. Vibe theology ist kalifornische Ideologie[1] für extrem rechte Spiritualität.
Thiel ist vor allem in den letzten Jahren als Redner, Diskutant und Seminarleiter zu theologischen Themen aufgetreten und hat eine Buchpublikation zum Thema Der Antichrist angedeutet. Seine öffentlichen Einlassungen kreisen um die Themen politische Theologie und apokalyptisches Denken. Er bezieht sich auf Denker wie René Girard und Carl Schmitt und besonders scheint es ihm der Begriff des katechon aus dem Zweiten Brief an die Thessalonicher angetan zu haben.[2]
Oberflächlichkeit und Sprunghaftigkeit von Thiels Aussagen
Der Versuch, aus Thiels veröffentlichen Aufsätzen und Transkripten seiner Auftritte eine zusammenhängende Theorie zu rekonstruieren, wird durch die Oberflächlichkeit und Sprunghaftigkeit seiner Aussagen erschwert. Was sich herausarbeiten lässt, ist eine Mélange aus radikal-libertären politischen Überzeugungen, einer Ethik, die um den Begriff existential risk kreist, und einer kruden Theologie zwischen Armageddon und Antichrist.
Thiel nimmt den Begriff des existential risk aus der Technikphilosophie auf – dabei geht es um das zerstörerische Potential von Technologien, die die gesamte Menschheit auslöschen könnten. Dieses Potential ist Nuklear- und Biowaffen zugeschrieben worden, wird aber auch häufig auf KI bezogen. Thiel assoziiert dieses zerstörerische Potential mit dem Armageddon-Szenario aus der Offenbarung des Johannes. Als Gegenpol zum technologisch vermittelten Armageddon setzt er den Antichristen. Dieser verspreche die Minimierung technologischer Risiken durch Regulierung und ebne so den Weg zu einer charismatisch-tyrannischen Weltregierung. Thiel behauptet dann, dass viele Menschen sich der Gefahr eines technologischen Armageddon bewusst seien, aber nur noch wenige den Antichristen fürchten – und plädiert dafür, diese Furcht wieder prominent zu machen.
Existential risk und Armageddon
Letzlich dient Thiels „politische Theologie“ – ein zutiefst untheologischer Begriff, den er unkritisch von Carl Schmitt übernimmt – als christlich gefärbte Verbrämung seiner politischen Überzeugungen. Thiel will die Deregulierung neuer Technologien und einen stramm ethno-nationalistischen Staat mit Freihandel, niedrigen Steuern und strengstens regulierter Migration. Staatenübergreifende Institutionen lehnt er ab – die Europäische Union ist ein Beispiel der Bedrohung durch den Antichristen. Jenseits ihres theologischen Framings unterscheiden sich Thiels Überzeugungen kaum von den, was die Vordenker des radikalen Neoliberalismus schon seit Jahrzehnten mehr oder weniger offen vertreten.[3]
Christlich gefärbte Verbrämung seiner neoliberalen Überzeugungen
Was aber macht diese Mélange zu einem Beispiel für vibe theology? Dazu müssen zunächst die Begriffe vibe coding und vibe physics geklärt werden. Beides sind rezente Begriffsbildungen. Vibe coding wurde im Februar 2025 vom Informatiker Andrej Karpathy als Oberbegriff für die Nutzung von large language models für das Programmieren von computerbasieren Anwendungen vorgeschlagen. Der Unterschied zum normalen Programmieren ist dabei, dass man keine Programmiersprache beherrschen muss, sondern über eine natürliche Sprache mit einer künstlichen Intelligenz kommuniziert, die dann den Code produziert. Vibe coding ist also Programmieren, ohne programmieren zu können.
Vibe coding: Programmieren simulieren mit ChatGPT
Im Juli 2025 erzählte der Investor Travis Kalanick in einem Podcast, wie er angeblich mit Hilfe von ChatGPT und Grok „an die Grenzen dessen, was in der Quantenphysik bekannt ist“ vorgedrungen sei – und nannte dies vibe physics in Analogie zu vibe coding.[4] Kalanick hat keine grundständige Ausbildung oder sonstige Expertise in Physik. Vibe physics ist also die Behauptung physikalischer Erkenntnisse von jemandem, der Physik nicht beherrscht.
Während vibe coding bestimmte eng umrissene Anwendungsfelder für Menschen hat, die selber nicht programmieren gelernt haben, ist vibe physics schlicht und einfach die Illusion von Wissenschaft. Durch die Interaktion mit einem large language model meinen Menschen, die zwar Interesse, aber keine einschlägige Expertise haben, sie seien befähigt worden, Physik auf wissenschaftlichem Niveau zu betreiben.
Ideologie des unternehmerischen Universalgenies
Nun kann und will ich nicht behaupten, dass Thiel theologische Themen mit ChatGPT diskutiert. Vibe theology ist also keine Unterstellung, dass vermeintliche theologische Einsichten durch KI generiert worden sind. Aber der Umgang von Menschen wie Kalanick und übermütigen vibe coders mit KI kann sinnbildlich für das stehen, was auch in Thiels theologischen Auslassungen durchscheint.
Large language models sind dafür bekannt und berüchtigt, dass sie ihren Nutzenden schmeicheln – ein zentraler Aspekt ihrer Sprachproduktion ist die Validierung dessen, was die Nutzenden bereits glauben und meinen. Darin sind sie einem unternehmerischen Umfeld ähnlich, das auf der Ideologie des unternehmerischen Universalgenies fußt – also besonders erfolgreichen Investoren eine Expertise zuschreibt, die weit über Glück, Risikobereitschaft und betriebswirtschaftliches Verständnis hinausgeht. Der sich zum höchstpersönlichen Retter der „westlichen Zivilisation“ berufen fühlende Elon Musk ist nur eines von mehreren Beispielen.
Peter Thiel als Beispiel für theologische Hybris
Menschen, die durch ihren wirtschaftlichen Erfolg absurd reich geworden sind, sprechen regelmäßig auch zu solchen Themen mit Autorität, in denen sie keine besonderen Kenntnisse besitzen. Dies dürfte auch durch ein Umfeld bedingt sein, in dem sie immer weniger Widerspruch bekommen, je reicher und einflussreicher sie werden. Und je mehr Menschen in ihrer Umgebung wirtschaftlich von ihnen abhängig werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ihr soziales Umfeld ein aktives Interesse daran hat, ihre Überzeugungen zu validieren – egal wie fragwürdig diese sein mögen.
Die Physikerin und Wissenschaftskommunikatorin Angela Collier hat dies am Beispiel von Milliardären dargestellt, die von sich behaupten, dass sie „auch Physiker hätten werden können“.[5] Elon Musk ist ein drastisches Beispiel für politische Hybris. Und ich schlage vor, Peter Thiel in genau diesem Sinne als Beispiel für theologische Hybris zu sehen. Das Problem an seiner vibe theology ist dabei – wie bei vibe physics – nicht KI. Das Problem sind zutiefst menschliche Eigenschaften, die den vibe befeuern und seinen Protagonisten glauben lassen, er hätte Kenntnisse und Fähigkeiten, die er nicht wirklich besitzt. Oder wie es Anna Wiener in einem Profil Thiels im New Yorker aus dem Jahr 2021 ausdrückt: „Vielleicht ist die Wahrheit ganz einfach – wenn das Geld spricht, hören die Leute zu“.[6]
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Beitragsbild: Rudy and Peter Skitterians auf Pixabay.
[1] Richard Barbrook and Andy Cameron: The Californian Ideology, in Science and Culture 1 (1996): 44-72.
[2] Im Detail und unter Bezug vor allem auf Carl Schmitt analysiert in Jürgen Manemann: Herrschaft in Permanenz. Zur Katechontik Peter Thiels und Carl Schmitts, auf: https://philosophie-indebate.de/herrschaft-in-permanenz-zur-katechontik-peter-thiels-und-carl-schmitts/.
[3] Quinn Slobodian: Hayek’s Bastards. Race, Gold, IQ and the Capitalism of the Far Right. Zone Books 2025.
[4] Im Detail analysiert unter Bezug auf die Physik von Angela Collier: Vibe Physics, auf ihrem Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/watch?v=TMoz3gSXBcY&t=10s.
[5] Angela Collier: Billionaires Want You To Know They Could Have Done Physics, auf ihrem Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/watch?v=GmJI6qIqURA.
[6] Anna Wiener: What Is It About Peter Thiel? im New Yorker, 27. Oktober 2021: https://www.newyorker.com/news/letter-from-silicon-valley/what-is-it-about-peter-thiel.


