Vom Aufatmen und Singen

Wir dürfen in der Kirche wieder singen. Nicht nur Einzelne, sondern auch die ganze Gemeinde. So lange haben wir das entbehrt. Und vielleicht wird es uns erst jetzt richtig bewusst, wie wichtig das Singen (nicht nur) in der Kirche ist. Ein Plädoyer für das Singen. Von Elisabeth Birnbaum.

Aufatmen

Die katholische Liturgie bezieht den Körper mit ein. Die Gebetshaltungen variieren, man kniet, sitzt, steht, reicht einander die Hände etc. Das Singen bezieht darüber hinaus auch den Atem mit ein. Um wirklich singen zu können, muss man atmen: einatmen und ausatmen, mehr als sonst. Unwillkürlich richtet man sich ein wenig mehr auf, der Kiefer lockert sich, die Gesichtsmuskulatur wird wach, und statt an seinem Körper herumzuzerren, braucht es eine Energie, die nichts mit Druck oder Festhalten zu tun hat. Es braucht, theologisch gesprochen, mehr Geistbewegung als festgemeißelte Gebote. Im Singen ist alles im Fluss. Es wird ernstgenommen, dass das Leben Veränderung ist. Einen Ton kann man nicht festzurren, man muss ihn fließen lassen. Wer singt, muss und darf für eine gewisse Zeit richtig aufatmen.

Emotionen beruhigen

Atem hat aber auch direkt mit Emotionen zu tun. Im Hebräischen verrät das bereits die Sprache: Wenn JHWH im Alten Testament als stolz, jähzornig, langmütig oder missmutig bezeichnet wird, hat das im Hebräischen viel mit „ruach“ zu tun, also mit Geist, Wind oder eben Atem.[1] Ein Jähzorniger hat einen hochfahrenden Atem, ein Stolzer einen stolzen Atem, ein Langmütiger einen langsamen, tiefen und ruhigen Atem (vgl. auch Koh 7,8), und ein Missmutiger (vgl. Koh 7,9) hat „Ärger im Atem“.

Wer also singt, kontrolliert seinen Atem, bringt ihn zur Ruhe und beruhigt und vertieft damit auch seine Emotionen. Wer aus ganzem Herzen und mit ganzem Körper singt, ist danach glücklicher. Und das ist nach einem Marathon wie der Pandemie, die wohl die meisten erschöpft zurücklässt, ein Segen.

Wer aus ganzem Herzen und mit ganzem Körper singt, ist danach glücklicher.

Emotionen heilen

Apropos Emotionen: Vielleicht geht es ja nicht nur mir so, dass ich bei manchen Liedern so bewegt bin, dass mir fast die Tränen kommen. Meist sind das Lieder, die etwas ausdrücken, das ich tief in mir auch empfinde, aber im Alltagsleben nicht zulasse. Singen hat damit auch heilende Funktion. Es kann zum Beispiel den Schmerz ausdrücken, der sich langsam und fast unbemerkt im Laufe der letzten Monate auf die Seele gelegt hat. Es kann die Freude ausdrücken, dass jetzt wieder Hoffnung zu spüren ist. Es hilft das Erlebte zu verarbeiten. So kann das Singen bewusst dazu eingesetzt werden Ausnahmesituationen besser zu bewältigen. Todtraurige Lieder zu singen, um sich die eigenen schmerzlichen Gefühle von der Seele zu singen, ist ein Rezept, das mir schon oft geholfen hat.

Biblische Vorbilder

Deshalb möchte ich auch dem Jakobusbrief teilweise widersprechen. Dort heißt es (Jak 5,13): „Ist einer von euch bedrückt? Dann soll er beten. Ist jemand guten Mutes? Dann soll er ein Loblied singen.“

Doch aus dem Alten Testament habe ich gelernt: Nicht nur in der Freude soll gesungen werden, sondern vor allem auch im Leid. Gerade die Klage muss gesungen werden. Je ausdrucksvoller, desto besser. Im Alten Testament hat das sogar Methode: Das Buch der Klagelieder und das Buch der Psalmen können davon (mehr als) ein Lied singen. Die Klage, die an sich schon reinigende Wirkung hat, wird durch den Gesang noch verstärkt. Die Psalmen verarbeiten zahlreiche schwierige Erfahrungen. Und die Klagelieder verarbeiten das Trauma des Babylonischen Exils. Sie sind dafür gemacht, gesungen zu werden, mit Atem versorgt zu werden, mit Emotionen. Sie sind nicht dafür gemacht, blutleer vorgetragen zu werden, vollgepackt mit einer Last an Altehrwürdigkeit und Heiligkeit der Schrift.

Und gut, dass wir dazu keine vorgegebenen Melodien aus der Bibel haben. Dadurch können wir sie uns zu eigen machen. Wir können sie, je nach unserer Lebenssituation und unserem Empfinden variieren und unsere eigenen „Weisen“ dazu erfinden.

Gemeinschaft bilden

Und damit bin ich bei einem wichtigen Wort: dem „Wir“. Denn das gemeinsame Singen hat seinen ganz besonderen Wert. Wer mit anderen gemeinsam singt, atmet gemeinsam und fühlt gemeinsam. Und wer gemeinsam fühlt, wird erst richtig zu einer Gemeinschaft. Nichts verbindet mehr als das gemeinsame Atmen und Fühlen.

Wie traurig war es, die Auferstehung Christi nicht mit einem schallenden Halleluja der Gemeinde bejubeln zu können. Aber jetzt, wo es wieder möglich ist: Singen wir! Gemeinsam, mit den starken, tröstenden, erschütternden Texten der Bibel! Singen wir uns die Hoffnungslosigkeit, die Lähmung, die Verhärtung, die Angst und den Schmerz von der Seele, bis wir wieder jubeln können. Singen wir Klagelieder, singen wir Jubellieder, singen wir Danklieder: Zu solchen Lobliedern rufen die sehr ähnlich ausgerichteten Briefe an die Gemeinden von Ephesus und von Kolossä auf: Die Gemeinden mögen singen (ado, Kol 3,16) bzw. singen und spielen/lobsingen (psallo, Eph 5,19).

Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder erklingen, singt und jubelt/spielt aus vollem Herzen dem Herrn! (Eph 5,19)

Befreien

Vielleicht geht es uns dann so wie Paulus (Apg 16,25–26): Paulus und sein Mithäftling Silas beten im Gefängnis und singen Loblieder (hymneo). Plötzlich beginnt ein gewaltiges Erdbeben, das die Türen des Gefängnisses öffnet und die Fesseln der Gefangenen löst. Ich möchte gerne glauben, dass es das „Hymnisieren“, das Loblieder-Singen war, das diese befreiende Wirkung gehabt hat …

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net

Bildnachweis: Quim Muns auf Pixabay

[1] Vgl. auch E. Birnbaum, Gottes Geist: Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen.

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