Vom Nutzen und Nachteil der Hoffnung für das Leben

Ohne Hoffnung ist ein einziger Ort: die Hölle. Hans-Walter Ruckenbauer über das janusköpfige Wesen der Hoffnung.

Eine frohe Hoffnung ist mehr wert
als zehn trockene Wirklichkeiten.
Franz Grillparzer

Rund um den Jahreswechsel aktivieren selbst überzeugte Pessimisten eine Art von Zukunftssinn, wenn sie Hände schüttelnd frohe Wünsche sprechen: Möge es gut, ja besser werden, spricht die Hoffnung aus ihnen. Denn wer wünscht sich und anderen bloß „trockene Wirklichkeiten“? Dass Hoffnung mit im Spiel ist, darf legitimer Weise unterstellt werden, wenn in wenigen Stunden die allerschönsten und originellsten Neujahrswünsche per Video-Botschaft raketengleich durch den Äther sausen.

Doch ist die Hoffnung ein janusköpfiges Wesen.

Doch ist die Hoffnung selbst ein janusköpfiges Wesen. Als Antrieb, über uns hinauszuwachsen, hilft sie, schwierige Situationen und Lebensphasen zu meistern. In der psychologischen Forschungsliteratur begegnet sie folglich als förderlicher Umstand für Resilienz, Wohlbefinden und Erfolg. Andererseits haftet an der Hoffnung der schale Beigeschmack einer Vertröstung. Unter den Instrumentarien der Macht nimmt die Hoffnung einen Ehrenplatz ein. Jede Ideologie bedient sich ihrer; deshalb zerfließt sie häufig im Säurebad des Verdachts zu einer trügerischen Erwartung.

Unter pragmatischer Hinsicht vermag ihr allerdings kein kritischer Dünkel auch nur ein Haar zu krümmen. Indem wir unter aussichtslosen Bedingungen die Hoffnung auf eine überraschende Wende zum Guten nicht aufgeben, halten wir uns selbst bei der Stange. Häufig werden wir auch zum eigenen Nachteil bei Laune gehalten (Stichwort: Alltagsdroge Konsum oder der Zugriff des globalisierten Kapitalismus). Und wie artig wissen wir prometheischen Geschöpfe einen Funken Hoffnung zu schüren, wenn uns ein naheliegendes Glück versagt wird.

Ursprung und Geschichte der Hoffnung liegen in unklaren Verhältnissen.

Ursprung und Geschichte der Hoffnung liegen in unklaren Verhältnissen. In der griechischen Antike begegnet sie uns unter dem Namen Elpís im Mythos der Pandora. Ihr Auftritt in der Erzählung sorgt bis heute für eine große Ungereimtheit in der Auslegung: Ist sie nun im Gefäß geblieben oder nicht? Und was hat das zu bedeuten?

Die später so genannte ‚Büchse der Pandora‘ führt Hesiod in seinem Lehrgedicht Werke und Tage als Erklärung ein, wie das Unglück unter die Menschen kam. Der Überlieferung zufolge hatte Prometheus gegen den Willen des Zeus den Menschen das Feuer gebracht. Für dieses Aufbegehren gegen den Göttervater musste er bekanntlich am Schwarzen Meer an einen Felsen gekettet büßen, bis endlich Herakles den Adler tötete, der Tag für Tag die nachts nachwachsende Leber des Menschenfreundes fraß.

Die Schönheit Pandoras

Zurück zur Hoffnung und ihrem vermeintlichen oder tatsächlichen Verbleiben im Krug der Pandora. Die Strafe des Prometheus für den Feuerdiebstahl ist ja nur ein Strang der Fabel. Ebenso nötig war es offenbar, den durch Prometheus befeuerten Übermut der Menschen zu maßregeln, um die kosmische Ordnung wiederherzustellen. Dazu schuf Zeus die Pandora und ließ sie mit allen olympischen Reizen ausstatten. In ihre Mitgift packte er die Fülle der Übel, verschlossen in einem Gefäß.

Der Schönheit Pandoras erlag Epimetheus, der Mann der Tat, der erst im Nachhinein zu denken pflegt. Entgegen der Warnung seines vorausdenkenden Bruders Prometheus vor dem trügerischen Geschenk nahm er Pandora zur Frau, die aus reiner Neugier und ohne böse Absicht den Deckel des Kruges hob. Dadurch wurden Übel, Kümmernisse und Not freigesetzt und zerstreuten sich in alle Winde, bevor der Deckel wieder schloss. Einzig Elpís schaffte es nicht aus dem Gebinde, – wir müssen sie uns wohl als ein bisschen träge vorstellen.

Wir müssen uns die Hoffnung wohl als ein bisschen träge vorstellen.

Nun ist der Menschen Welt nicht als hoffnungsfreie Zone zu denken. Mit und trotz aller Schattenseiten verhält es sich ja nachgerade umgekehrt. Schlechterdings ohne alle Hoffnung ist ein einziger Ort, und das ist die Hölle. Folgt man der prägenden Konzeption aus Dantes geschichtsmächtiger Darstellung des Infernos trägt das Tor zur Hölle eine Inschrift, die mit der Zeile endet „Die ihr hereinkommt: Lasst alle Hoffnung fahren!“. Lapidarer als zu Beginn des dritten Gesangs des ersten Teils der Divina Commedia hat kein Dichter je das Ausmaß der Resignation in Worte gefasst. Wo jede Hoffnung erloschen ist, bohren sich Schmerz, Leid und Qual ins ewige Jetzt. Etwas Schlimmeres lässt sich nicht fantasieren. Dantes Dichtung plausibilisiert diesen Ort des Horrors als Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit.

„Die ihr hereinkommt: Lasst alle Hoffnung fahren!“

Im Inferno ist Elpís definitiv unter Verschluss. Dantes Weltgericht mag eine furchtbare Drohbotschaft sein, mit unserer Lebenswelt hat sie glücklicher Weise wenig gemein. Elpís scheint also doch entschlüpft… Davon war bereits der griechische Schriftsteller Theognis von Megara gut 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung überzeugt, als er eine entscheidende Differenzierung im Pandora-Mythos vornahm. Im Altgriechischen steht elpís nicht nur für die stets positiv konnotierte ‚Hoffnung‘, sondern auch deutlich neutraler schlicht für ‚Erwartung‘. So unterscheidet Theognis in seinem Kommentar zu Hesiods Lehrgedicht eine Erwartung des Schlechten von der Hoffnung auf das Gute. Letztere entkam und prägt seither die menschliche Existenz. Strittig daran ist, ob dies als Übel anzusehen ist oder nicht.

„das übelste der Uebel“?

Bei Friedrich Nietzsche ist diese Frage auf den ersten Blick ganz klar entschieden: Da sie den Menschen verleitet, sein Leben unter den von Zeus verordneten Qualen fortzuführen, gilt ihm die Hoffnung gar als „das übelste der Uebel“ (Menschliches, Allzumenschliches I, Nr. 71). Mit Theognis war Nietzsche bestens vertraut; schließlich behandelte seine Qualifikationsarbeit zum Abschied von Schulpforta den antiken Sentenzenschreiber. Dessen Differenzierung hält Nietzsches Text in Schwebe. Im Erzählen des Mythos verführt uns die Kunst der Dichtung zum Leben.

Hoffnung auf den guten Ausgang einer Geschichte

Aus der Erfahrung beseligender Momente nährt sich die Erwartung des Guten. Der Sinn des menschlichen Strebens kulminiert im Ziel der Glückseligkeit, der Eudaimonia (prominent bei Aristoteles). Der letztlich ergebnisoffene Begriff dafür, was ein gelungenes Leben ausmacht, verknüpft Hoffnung und Sinn. Wird die zutiefst existenzielle Sehnsucht, das eigene Leben in einem wertvollen Zusammenhang zu sehen, dauerhaft frustriert, droht ein geistig-emotionales Vakuum, das den Halt in der Welt brüchig werden lässt. Hier verschränken sich die individuelle und die gesellschaftliche Perspektive. So wenig ich willentlich hoffen kann, so sehr bin ich als vulnerables Wesen darauf angewiesen, ein Gegenüber und soziale Bedingungen vorzufinden, die es mir ermöglichen, eine erlebnissatte, sinnvolle und kreative Resonanz auf die Welt um mich herum zu entfalten.

Die Hoffnung auf den guten Ausgang einer Geschichte garantiert noch kein Gelingen; sie ist vielmehr ein Indikator dafür, dass ein Handeln sinnvoll ist. Eine Formulierung, die an Hauswänden und im Netz Václav Havel zugeschrieben wird, bringt dies auf den Punkt: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Dr. Hans-Walter Ruckenbauer arbeitet am Institut für Philosophie an der Kath.-Theol. Fakultät und koordiniert das interfakultäre Masterstudium Angewandte Ethik an der Universität Graz.

Bild: Rainer Bucher

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