Was uns Nehemia 8 zu denken gibt. Bibelvermittlung heute

Am nächsten Sonntag feiert die katholische Weltkirche den „Sonntag des Wortes Gottes“. Einen Themensonntag, der die Bibel ins Zentrum stellt. Die erste Lesung heuer bietet mit Nehemia 8 ein Schulbeispiel für gelungene Bibelvermittlung. Was uns Nehemia 8 zu denken gibt, skizziert Elisabeth Birnbaum

Bibelvermittlung – für wen?

Der Priester und Schriftgelehrte Esra verliest die Tora vor dem gesamten versammelten Volk. Vor Männern, Frauen und (älteren) Kindern. Die einzige Voraussetzung, die sie mitbringen müssen, ist die grundsätzliche Fähigkeit sinnerfassend zuzuhören. Nehemia 8 schließt also einerseits niemanden aus und ist zuversichtlich, dass die Bibel für alle geeignet ist, hält aber umgekehrt auch nichts davon, Menschen mit der Bibel zu überfordern. Wenn Menschen, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind zu verstehen, ist ihnen das Zuhören nicht zuzumuten. Jede Bibelpastoral muss sich daher fragen, wie man diese Leute anders erreichen könnte.

Bibelvermittlung – warum?

Ein Vers, der seltsamerweise nach der Leseordnung gestrichen ist, benennt den Grund, warum Esra aus der Tora liest: Er tut es, weil das Volk ihn darum bat. Das Volk versammelt sich demnach freiwillig und möchte das Wort Gottes hören. Und tut dies über mehrere Stunden hinweg. Was geschehen wäre, wenn das Volk dieses Bedürfnis nicht gehabt hätte, wird nicht gesagt. Die Impulse aus Nehemia gehen demnach in zwei Richtungen: Einerseits: Reagieren die Verantwortlichen genügend auf das Bedürfnis des Volkes? Tun sie etwas, (nur) weil das „Volk“ es so möchte? Umgekehrt: Was ist zu tun, wenn ein so zentraler kirchlicher Vollzug wie das Hören auf die Schrift nicht (mehr) Bedürfnis des Volkes ist? Wie kann damit umgegangen werden?

Bibelvermittlung – von wem und wie?

Esra, der Priester und Schriftgelehrte, verliest die Tora, erhöht auf einer Kanzel stehend. Er steht dabei nicht allein. Mehrere Laien assistieren ihm (der Zusatz ist leider nicht Bestandteil des Lesungstextes). Er knüpft die Verlesung der Tora an ein Gebet. Bibel hören ist hier Teil eines Gesprächs mit Gott. Die darauffolgende Schrifterklärung bietet aber nicht (nur) der Priester, sondern die Leviten.

Welche Aufgaben Leviten hatten, wird in der Bibel unterschiedlich beantwortet. Die Palette reicht von Priesterdiensten über niederes Tempelpersonal oder Sänger und Torwächter bis hin zu einer Gruppe, die sich von den oben erwähnten unterscheidet und sich eben der Schriftauslegung widmet.[1] Die Bibelvermittlung war jedenfalls nicht nur Priestern vorbehalten. Umgekehrt ist sie aber auch nicht einfach allen aufgetragen. Es gehört sehr wohl eine gewisse Qualifikation dazu. Diese kann sich, muss sich aber nicht mit dem Amt des Priesters verknüpfen.

Man las aus dem Buch, der Weisung Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.

(Neh 8,8)

Die Erklärung selbst ist das Herzstück von Nehemia 8. Und gewissermaßen das Vorbild für Gruppenarbeit: Leviten gehen zu den Menschen und erklären den Menschen die Schrift. Sie übersetzen die Bibel in die Sprache, ins Verständnis, ins Leben der Menschen. Die Menschen werden dabei buchstäblich dort, wo sie stehen, abgeholt, aufgesucht, besucht. Um bestmöglich zu verstehen, lernen sie zwar gemeinsam, aber auch nicht in zu großen Gruppen. Das ist personalintensiv. Ganze dreizehn Leviten übernehmen die Aufgabe der Erklärung. Es braucht also mehr als nur eine qualifizierte Person, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie stehen. Aber nur so lässt sich diese große und wichtige Aufgabe bewerkstelligen. Nehemia könnte also zu denken geben, ob das Verhältnis von Priester zu Predigt wirklich so exklusiv sein muss wie vielerorts vorgesehen. Und ob die Anzahl der beauftragten und qualifizierten Bibelvermittler tatsächlich groß genug ist.

Bibelvemittlung – wozu?

Die Bibelvermittlung ist offenkundig so erfolgreich, dass sich die Menschen davon emotional bewegen lassen. Zunächst zur Reue, zur Trauer, vielleicht über vergebene Chancen, eigenes Fehlverhalten, ungelebte Gottesbeziehungen, aber dann vor allem zur Freude. Freude darüber, die Bibel verstanden zu haben und damit verstanden zu haben, worum es im Leben geht. Diese Freude führt in Nehemia 8 nicht zu Spaltungen und gegenseitigen Vorwürfen, nicht zu Ausgrenzungen von anderen oder zu Streit. Sie führt ganz im Gegenteil zu mehr Gemeinschaftlichkeit und mehr Solidarität. Nehemia gibt also zu denken, ob eine Schriftauslegung, die dazu benützt wird, Andersdenkende mundtot zu machen, wirklich gelungene Bibelvermittlung genannt werden kann. Mit Nehemia müsste man stattdessen sagen: Bibel kann nicht zum Schaden anderer verstanden werden, sondern immer nur zu ihren Gunsten.

… denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre unseres Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.

Neh 8,10

Der Wert der Bibel

Der Tag der Verlesung und Erklärung der Tora und der Freude darüber wird als heilig bezeichnet. Er ist ebenso heilig wie der Tag der Wiederaufnahme der Brandopfer am wiedererrichteten Altar (vgl. Esra 3) und wie das nachfolgende Laubhüttenfest. Auch die Datierung ist gleich: Wie dort handelt es sich um den ersten Tag des siebenten Monats (was nach der Leseordnung durch die Ersetzung mit: „In jenen Tagen“ nicht hörbar wird). Würde man sich daran ein Beispiel nehmen, müsste der Sonntag des Wortes Gottes ein ebenso wichtiger eigener Feiertag (mit eigener Leseordnung!) sein wie etwa das Kirchweihfest oder Fronleichnam.

Nehemia 8 ist für den Sonntag des Wortes Gottes ein Glücksfall. Doch leider wird der Text nur in jedem dritten Jahr gelesen. Denn Themensonntage in der katholischen Kirche haben den Schönheitsfehler, dass sie keine eigens ausgewählten Lesungen zur Verfügung haben, sondern darauf angewiesen sind, was die Leseordnung gerade vorschreibt. Im heurigen Jahr könnten die Texte nicht geeigneter sein, nächstes Jahr sieht das wieder anders aus.

Und die Gleichsetzung mit anderen hohen Feiertagen bei Nehemia zeigt noch einen oft übersehenen Aspekt: Der heilige Tag der Toraverlesung kommt bei Nehemia ganz ohne Opfergaben aus. Er besteht nur aus Gebeten, Schriftlesung und Schrifterklärung. Es wird also ein Wortgottesdienst gefeiert. An einem hohen Feiertag. Und das, obwohl ein Priester da ist. Auch das könnte zu denken geben.

Fazit

Nimmt man Nehemia 8 als Ideal, geschähe gelungene Bibelvermittlung so: Auf die Bedürfnisse der Menschen zu hören; Rücksicht auf ihre Verstehensmöglichkeiten zu nehmen; Bibelvermittlung als Teil des Gesprächs mit Gott zu begreifen; der Bibel die ihr zustehende Wertschätzung zukommen zu lassen; qualifiziertes Personal in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen, damit alle, die es wollen, an „ihrem Platz“ bleiben können; die Bibel so zu erklären, dass sie nicht nur verstanden wird, sondern auch zu Herzen gehen kann; zur Freude an der Bibel aufzurufen; durch das Bibelverständnis mehr Solidarität und Gemeinschaftsgefühl zu bewirken.

Nehemia 8 gibt also zu denken – und wohl auch zu tun.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Bildnachweis: © pixabay

[1] Vgl. Antje Labahn, „Levi / Leviten“, in: WiBilex https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/24883/.

 

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