Wir in Kahlenbeck – oder: Das fiktive Brennglas kirchlicher Konflikte

Kahlenbeck Cover Kahlenbeck

Kahlenbeck ist überall. Diese These entwickelt Maximilian Heuvelmann im Gespräch mit einem Internatsroman von Christoph Peters. Zur Debatte steht die Korrelationsmethode der Theologie: Gibt es heute, in der real existierenden Kirche, noch eine Entsprechung von menschlicher Erfahrung und christlicher Rede von Gott? Und wenn ja: Wie sähe diese aus?

Gegenwartsliteratur ist für die Theologie nicht nur ein Medium, in dem für den Moment die eigenen Fragen in verschiedene fiktive Welterfahrungen hineinlegt werden können, sondern sie hat zudem auch eine gewisse erkenntnisleitende Funktion sowie Autorität. Jan-Heiner Tück hebt in seinen Bemerkungen zur Wiener Poetikdozentur hervor, dass Literatur „Protest gegen religiöse Heuchelei, rigides Moralisieren oder klerikale Bevormundung“ erhebt.[1] Daraus ergibt sich: „[E]r [der Protest, M. H.] kann religiösen Akteuren blinde Flecken spiegeln und sie zur Selbstbesinnung anregen. Auch wird die Sondergruppensprache frommer Zirkel durch die suchende Nachdenklichkeit literarischer Zeugnisse aufgestört.“[2]

Eine solche Selbstbesinnung möchte ich am Beispiel von Christoph Peters‘ Roman „Wir in Kahlenbeck“ [3], der sich mir kürzlich beim Stöbern in meinem Bücherregal zur Relektüre vorschlug, versuchen.

Pseudoklösterliche Welt

Den Auftakt des Romans „Wir in Kahlenbeck“ bildet eine für die Kirche in der 1980er Jahren typische Szene: In einem fiktiven Ort am Niederrhein lauschen Kirchgänger in herbstlicher Atmosphäre der Predigt des Pfarrers – umhüllt von der metaphysischen Aura des Kirchenbaus und seiner Inszenierung durch Weihrauch und Gesang. Der Weihrauch hat eine leichte Einnebelung der Szene zur Folge, sodass der Erlöser am Kreuz nur schwerlich erahnt werden kann; die Orgel assistiert dieser Szene, indem sie sich behäbig durch den Gottesdienst quält.

Es ist die Welt des 15- jährigen Carl Pacher; er wächst in einem religiös geprägten Umfeld auf und besucht ein Internat in kirchlicher Trägerschaft. Mutmaßlich handelt es sich um das im vergangenen Jahrhundert als „Priesterschmiede“ bekannte Collegium Augustinianum Gaesdonck in Goch am Niederrhein. Beschrieben wird eine pseudoklösterliche Welt, die sich durch strenges Reglement von der Welt „draußen“ abgrenzt. Schlagworte für dieses Umfeld lauten: Norm, Sünde, Klerikalismus, Gottessuche, Sexualität, Verlangen, Ehrfurcht, Revolte, …

Auf der Suche nach seinem Platz

In diese Szene verlegt Peters die Suche des jungen, pubertierenden Carl Pacher. Die Figur des Carl Pacher ist mit dem widersprüchlichen Erleben eines pubertierenden jungen Mannes konfrontiert, der auf der Suche nach seinem Platz ist. Die Sprache der Protagonisten ist mal prüde, wenn sich die Protagonisten beim Briefwechsel einer Brüder-Schwester-Metaphorik bedienen (vgl., 208); mal ist sie von einer prätentiösen und fast obszönen Offenheit geprägt, wenn zum Beispiel von „Mösenschleim“ (216) die Rede ist. Immer dann aber, wenn es um Dinge geht, die als sinntragend für das Leben gelten wie z.B. die Liebe, wird die Sprache tastend und suchend.

Zwei exemplarische Szenen aus dem Roman:

Der noch fünfzehnjährige Carl Pacher schwärmt für Ulla, die in Kahlenbeck in der Hauswirtschaft arbeitet. Zwischen den beiden entsteht eine engere Bindung in Form eines Briefwechsels und einer gemeinsamen Reise in die Schweiz – wie es für die Kahlenbecker Schüler alljährlich Tradition ist. Die Briefe sind von großer persönlicher Zuneigung und einer spirituellen Tiefe geprägt. So heißt es in einem Brief von Ulla an Carl: „Es gibt keinen Menschen auf der Welt, dem ich mehr vertraue als Dir.“ (208) Weiterhin erörtern Ulla und Carl existentielle Fragen. Ulla, die gerade eine Lehre im Krankenhaus begonnen hat, schildert Carl, mit welchen religiösen Fragen sie konfrontiert ist. So schreibt sie: „Heute morgen habe ich ein Mädchen gesehen, höchstens acht oder neun, das hatte eine Glatze und wurde von seiner Mutter im Rollstuhl durch den Garten geschoben. […] Ich war so fassungslos, daß ich gesagt habe: ‚Schwester, wie kann Gott ein unschuldiges Kind so einer schrecklichen Krankheit aussetzten und es sterben lassen, kaum daß sein Leben richtig begonnen hat?‘“ (211)

Gott in Frage stellen

Ulla ist von diesem Leid betroffen und stellt Gott in Frage. Die zuständige Schwester, die den Dienst von Ulla beaufsichtigt, reagiert scharf: „Kennen Sie das Sprichwort […]: Schuster bleib bei deinen Leisten? – Wenn es ihre Aufgabe wäre, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, hätte Gott Sie mit anderen Gaben gesegnet. Geben Sie acht, daß Sie sich mit den Tabletten nicht verzählen.“ (ebd.) Eine typische Reaktion in einer Zeit, in der die Religion noch selbstverständlich schien, in der dahinterliegende Fragen, die die Gegebenheiten anzweifelten, einfach abgewürgt wurden – in einer Zeit, in der Fragen und Zweifel in einer alles andere überlagernden Geschäftigkeit schlicht nicht von Relevanz waren. Hat die Kirche damit dem fehlenden Bewusstsein der Kontingenz in einer „Positivgesellschaft“[4] nicht sogar einen gewissen Vorschub geleistet?Spannender Weise gelingt es Peters in diesem Roman, die Reflexion der jungen Männer, die immer in irgendwelchen Zimmern oder bei Strafarbeiten getätigt wird, in intellektuelle Hintergründe einzubinden, die eine große Nähe zur Biologie oder Philosophie haben. Er schafft es erzählerisch, die Sinnsuche der jungen Männer in einen pluralen Weltanschauungsdiskurs einzuordnen.

Eine zweite Szene:

Das Collegium bekommt einen neuen Spiritual. Die Besetzung wird nicht von allen Kahlenbeckern widerstandlos hingenommen. Peters knüpft an die Diskurse des 19. und 20. Jahrhunderts an. So sprechen die Kahlenbecker von der „impertinenten Art“ (262) den „Individualismus“ (ebd.) herauszustellen. Streitpunkt ist der Wagen des neuen Spiritual Lenders – ein Citroën-Cabrio. Davon ausgehend leiten die Kahlenbecker um Carl Pacher zur Philosophie des Existenzialismus über. Ein ganz in der Zeit verorteter Interpretationsversuch. Sie unterstellen dem neuen Spiritual eine große Nähe zu dieser philosophischen Strömung, „die den Menschen ausschließlich vom Hier und Jetzt her beschreibt und jedwede transzendente Dimension ableugnet“ (263).

Paradigmenwechsel

Hierin deutet sich ein Paradigmenwechsel an: Die Binnendiskurse der Theologie und Kirche werden „draußen“ nicht mehr gehört. Peters legt einem Gesprächspartner von Pacher den Satz in den Mund: „Das Wissen von heute folgt der Empirie, nicht wahr: ‚Ich glaube, was ich sehe‘“ (ebd.). In dem Binnendiskurs von Kahlenbeck sind metaphysische Fragen offensichtlich drängender: „Es ist also nicht der Blick des satten Primaten in das leere Universum, der die Frage nach dem Sinn entstehen läßt, sondern die ursprüngliche Gottförmigkeit unseres Seins“ (264).

Hierin offenbart sich die korrelative Herangehensweise als Modus der Welterschließung – diese ist der Theologin und dem Theologen allzu gut bekannt. Allerdings scheint diese Herangehensweise in der Allgemeingültigkeit, wie sie gerne behauptet wird, nicht mehr aufzugehen. Angesichts der religiösen und existenziellen Indifferenz, die heute zu beobachten ist, laufen viele mögliche Anknüpfungspunkte ins Leere. Eine erste Vorahnung, wie der Binnendiskurs der Kirche reagiert, personifiziert sich in der Person des Spirituals. „Im Fall von Spiritual Lenders müssen wir allerdings davon ausgehen, daß ihm die geistesgeschichtlichen Implikationen seiner Automobilentscheidung bestenfalls oberflächlich bewußt sind. Vermutlich will er nur lockere Pseudointellektualität mit tragischer Grundierung anklingen lassen.“ (265)

Hinter Weihrachschwaden nicht mehr zu erkennen

Letztlich stehen hinter den Gesprächen der Kahlenbecker über den neuen Spiritual die Wahrheitsfrage, welche für die Theologie maßgeblich ist, und der rechte Weg dahin. In der Kirche der Gegenwart besteht die Lösung scheinbar in einem immerwährenden Bewahren – mit einem geschichtsvergessen Bild eines „verkirchlichten ‚Christus‘“[5]. Der historische Jesus steht im Gegensatz dazu. Ist es nicht die Aufgabe einer zeitgenössischen Theologie, einen Mittelweg zu gehen und einen Resonanzraum zu ermöglichen? Edward Schillebeeckx hat dies in den 1970er Jahren in die brennende Frage gebracht: „Ist die Gottesfrage selbst eine ernste Frage, ist sie wirklich sinnvoll, und wenn ja, unter welchen Bedingungen?“[6] Exemplarisch kann die zu Beginn geschilderte Szene dafür stehen, dass die Theologie die eigentliche Frage, nämlich die Frage nach Gott, zugunsten von scheinbaren Machtdiskursen, aufgegeben hat. Jesus am Kreuz ist hinter den Weihrauchschwaden nicht mehr zu erkennen.

Für die Theologie unserer Zeit wirkt das fiktive Kahlenbeck wie der Blick durch ein Brennglas auf die Herausforderungen der Gegenwart. Die Handlung zeigt welche Konflikte heute noch immer auf den theologischen Diskurs einwirken. Ebenso lässt sich die Spannung erahnen, die heute noch zwischen „klerikaler Amtskirche“ und „Volk“, zwischen „Partikularität“ und „Universalität“ sowie zwischen „Korrelation“ und „Abbruch“ besteht.

Christoph Peters‘ Roman lässt sich als Ermutigung lesen, Dinge werden und sein zu lassen und dafür Freiraum zu schaffen – immer in dem Bewusstsein, dass ER schon da ist.


Maximilian Heuvelmann ist Theologe und Doktorand an der Universität Innsbruck.

[1] Tück, Jan-Heiner, Einleitung, in: Tück, Jan-Heiner und Mayer, Tobias (Hg.), Nah – und schwer zu fassen. Im Zwischenraum von Literatur und Religion, Freiburg 2017, 9-24, hier: 13.

[2] Ebd.,

[3] Peters, Christoph, Wir in Kahlenbeck, München 2012.

[4] Han, Byung-Chul, Transparenzgesellschaft, Berlin 2012, 5.

[5] Halbfas, Hubertus, Säkulare Frömmigkeit. Gespräch über ein aufgeklärtes Christentum, Ostfildern 2021, 7.

[6] Schillebeeckx, Edward, Glaubensinterpretation. Beiträge zu einer hermeneutischen und kritischen Theologie, Mainz 1971, 84.

Bildquelle: Penguin Random House.

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