Wo bleiben sie, die Allianzen zwischen säkularen und religiösen Feministinnen?

Wenn zwei zusammenspannen wollen, braucht es ein gutes Selbstbewusstsein und gemeinsame Ziele. Dies gilt auch für eine Allianz von säkularen und religiösen Feministinnen. Dass auf dem Weg dorthin schon gemeinsame Erfahrungen und Engagements möglich sind, schildert Béatrice Bowald.

In ihrem Beitrag „Ist Religion schlecht für Frauen?“ plädiert die feministische Theologin, Dr. Doris Strahm, für eine Allianz zwischen säkularen und religiösen Feministinnen[1] und in diesem Sinn für eine zielgerichtete, gemeinsame Politik, bei der beiden Seiten klar ist, dass sie am gleichen Strick ziehen und gemeinsam etwas erreichen wollen. Demnach wäre auch beiden der je eigene Beitrag von säkularer und religiöser Seite zum gesetzten Ziel bewusst und würde als solcher geschätzt.

So einsichtig und notwendig das Anliegen scheint, habe ich den Eindruck, dass wir weit entfernt sind von einer koordinierten Bewegung, nicht nur als eine gemeinsam getragene Strategie, sondern auch auf jeder Seite. Dennoch gibt es nach meiner Erfahrung beim Pfarramt für Industrie und Wirtschaft BS/BL[2] verschiedene Formen von geteilten Erfahrungen oder Engagements.

Gemeinsames Engagement

In der „Gruppe 14. Juni“ haben sich verschiedene Institutionen zusammengeschlossen, die im Kanton Basel-Landschaft das Ziel einer geschlechtergerechten Gesellschaft verfolgen und mit Aktionen jeweils am oder um den 14. Juni herum dafür sensibilisieren, letztes Jahr mit einer öffentlichen Veranstaltung zu Teilzeitarbeit. Im Hinblick auf die damit verbundenen Rentenansprüche stand die Frage im Zentrum, ob das von Vielen favorisierte Modell Teilzeitarbeit sich nicht als Teilzeitfalle entpuppe. Dieses Jahr gibt es eine Jubiläumsveranstaltung zu 50 Jahre Frauenstimmrecht im Kanton Basel-Landschaft.
Die „Gruppe 14. Juni“ hat sich anlässlich des ersten nationalen Frauenstreiktags am 14. Juni 1991 gebildet und besteht aus kirchlichen, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen.[3]

Frauen und Männer für das sensibilisieren, was Frauen auf ihrem beruflichen Weg antreffen, und zu Empowerment beitragen

Aus dem Kontakt in der „Gruppe 14. Juni“ ist eine Kooperation zwischen „professionnELLE – Kontaktstelle Frau + Arbeit“ und dem Pfarramt für Industrie und Wirtschaft erwachsen. Bereits zum zweiten Mal haben wir im Winterhalbjahr zwei Feierabendgespräche mit je drei Frauen durchgeführt. In einem lockeren Rahmen im Cheminéeraum wurden diese Frauen zu ihrem beruflichen Werdegang befragt. Zuletzt waren wir mit drei Frauen in oberster Führungsposition im Gespräch. Wie sind sie dahin gelangt, wo sie jetzt sind? Welche Schwierigkeiten galt es zu überwinden? Was hat sie dabei unterstützt? etc. Ähnliche Fragen standen bei den drei jungen Frauen im Zentrum, die einen so genannt atypischen Beruf gewählt haben (Informatikerin, Forstwartin und Hufschmiedin). Anliegen dieser Art von Veranstaltung ist, Frauen und Männer für das zu sensibilisieren, was Frauen auf ihrem beruflichen Weg antreffen, und damit auch zu deren Empowerment beizutragen.

Vernetzung

Mich selber mit anderen zu vernetzen, ist unabdingbare Voraussetzung meiner Arbeit beim Pfarramt für Industrie und Wirtschaft beider Basel. Daher bin ich auch Mitglied bei den BPW (Business and Professional Women) Basel und besuche deren Anlässe. Wichtig ist mir bei meiner Arbeit aber ebenfalls, Vernetzung zu ermöglichen. Das geschieht in Angeboten wie den genannten Feierabendgesprächen. Feedbacks zeigen, dass das geschätzt wird.

Veranstaltungen zur Sensibilisierung

Bewusst konzipiere ich Veranstaltungen, die für wichtige Themen aus Genderperspektive sensibilisieren wollen, oder beteilige mich daran. Für Juni dieses Jahres ist eine Tagung zu Bekleidungsvorschriften und Textilproduktion geplant: Die 3. Basler Sommerakademie, dieses Mal unter dem Titel „More than fashion – Vorhang auf für Stoffwelten und ihre Geschichten“. Auf der einen Seite ist intendiert, dass die Teilnehmenden befähigt und ermächtigt werden, die Deutungshoheit über Bekleidungstraditionen und Kleidungsvorschriften (wieder) zu gewinnen. Auf der anderen Seite geht es um Empowerment, sich für eine für alle Beteiligten gerechte Textilproduktion einzusetzen. Ein Unterfangen, das angesichts komplexer Lieferketten gar nicht so einfach ist. Als Mitveranstalterin ist es mir wichtig, ebenfalls Kreise ausserhalb der kirchlichen Strukturen anzusprechen.[4] Doch dies ist nicht ganz einfach.

für wichtige Themen aus Genderperspektive sensibilisieren

In der Arbeitswelt gibt es in verschiedener Hinsicht geschlechtsspezifische Unterschiede. Beispielsweise nach wie vor eine nach Geschlecht unterschiedliche Berufswahl, unterschiedliche Entlohnung sowie geringere Karrieremöglichkeiten für Frauen. Dahinter stehen letztlich tief sitzende Geschlechterbilder, die religiös gedeutet mit einer bestimmten Auffassung von Gottes guter Schöpfung zu tun haben und säkular mit einem biologistischen Geschlechterverständnis. Darüber liessen wir unter dem Titel „Gottes Werk und unser Business“ eine Theologieprofessorin, Prof. Dr. Andrea Bieler, und eine Wirtschaftsprofessorin und Unternehmerin, Prof. Dr. Sita Mazumder, miteinander ins Gespräch kommen.

Wahrnehmung und Wirkung?

Ich erhalte immer wieder positive Rückmeldungen auf die Veranstaltungen des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel, ob bereits auf die Veranstaltungsanzeigen hin oder an den Veranstaltungen selber. Demnach wird meine/unsere Arbeit durchaus wahrgenommen und als wichtig erachtet. Diese Feedbacks sind aber zu relativieren: im Hinblick auf das gesamte kulturelle Angebot in Basel und Umgebung und in Anbetracht dessen, dass Vielen das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft nicht bekannt ist.

auch inhaltlich als positiver kirchlicher Beitrag zur Gesellschaft gewürdigt?

Mit meiner Stelle kann ich Gespräche und eine Auseinandersetzung mit Themen ermöglichen, die aus jüdisch-christlichem Verständnis eines guten Lebens für alle und aus Gründen der Gerechtigkeit wichtig sind, die aber nicht zwingend genuin christlich oder kirchlich gebunden sind. In diesen Fällen könnte die Diskussion darüber von anderen initiiert werden. Weil dies nicht geschieht oder für einzelne Institutionen unmöglich wäre, erfülle ich nach meinem Verständnis einen Dienst an der Gesellschaft. Abgesehen davon, dass eine solche Initiative von kirchlicher Seite durchaus wahrgenommen und geschätzt wird, scheint mir eher fraglich, wie weit das auch inhaltlich als positiver kirchlicher Beitrag zur Gesellschaft gewürdigt wird. Das wäre aber Voraussetzung für eine Allianz zwischen kirchlichen und säkularen Feministinnen, wie sie Dr. Doris Strahm gefordert hat. Vielleicht sind aber derartige Erwartungen ohnehin verfehlt.

Neue Konzepte kirchlicher Arbeit greifen gesellschaftliche Bedürfnisse auf.

Neue Konzepte kirchlicher Arbeit greifen gesellschaftliche Bedürfnisse auf und versuchen in dem Sinn zu antworten, dass kirchlich engagierte Menschen, kirchliche Institutionen sich einfach an diesen Orten mit den Menschen auf den Weg machen. Das ist bescheiden, trägt aber zur Vertrauensbildung bei, wie mir Begegnungen mit Frauen und Männern zeigen.

Wo bleiben sie, die Allianzen zwischen säkularen und religiösen Feministinnen?

Vielleicht ist jetzt nicht die Zeit grosser Bewegungen, sondern kleiner Schritte. In diesem Sinn freue ich mich, wenn es gelingt, Frauen ausserhalb der Kirche anzusprechen und mit ihnen zu teilen, was sie bewegt und was mir ein Anliegen ist.

Béatrice Bowald, Dr. theol., seit November 2012 Co-Leiterin des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft BS/BL.
Bild: Alice Donovan Rouse / unsplash.com

[1] „Nötig wäre z.B. eine ‚Politik der Gemeinsamkeit’ von säkularen und religiösen Feministinnen, die sich an gemeinsamen Zielen ausrichtet und versucht, einen wirksamen gesellschaftlichen Gegendiskurs aufzubauen.“ Doris Strahm, Ist Religion schlecht für Frauen? feinschwarz.net, 8. November 2017.

[2] Das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft BS/BL ist eine ökumenische und bikantonale Stelle. Sie lässt sich als Kombination von Fach- und Seelsorgestelle im Bereich Wirtschaft und Arbeitswelt charakterisieren und besteht aus meinem reformierten Kollegen und Pfarrer sowie mir und unserer Sekretärin.

[3] Auf kirchlicher Seite sind daran beteiligt: die Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Landschaft, der Katholische Frauenbund Baselland, die Evangelische Frauenhilfe Baselland und das Pfarramt für Industrie und Wirtschaft beider Basel. Dabei sind auch die kantonale Fachstelle für Gleichstellung für Frauen und Männer Kanton Basel-Landschaft sowie „professionnELLE – Kontaktstelle Frau + Arbeit“. Letztere berät Frauen bei einem Wiedereinstieg in den Beruf und gehört mittlerweile zum kantonalen Berufsinformationszentrum. Als zivilgesellschaftlicher Akteur ist der Verein „frauenrechte beider basel“ beteiligt.

[4] Die 3. Basler Sommerakademie wird von verschiedenen kirchlichen Institutionen aus den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft veranstaltet und auch mehrheitlich von kirchlichen Institutionen mitunterstützt, was die Werbung dafür in nicht-kirchlichen Kreisen schwieriger macht.

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