Andreas Hasenclever forscht als Politikwissenschaftler intensiv zu Religion und Gewalt. Die Ambivalenzen bleiben, aber es gibt Faktoren, die Frieden begünstigen.
Beim Zusammenhang von Religion und Krieg scheiden sich die Geister. Für die einen ist klar, dass Glauben und Gewalt immer wieder fatale Allianzen bilden. So hat Jan Assmann sehr pointiert formuliert, dass Religion nicht das Opium, sondern das Dynamit des Volkes sei. Denn sie würden absolute Wahrheitsansprüche, kosmische Konfliktvorstellungen und starke Jenseitsverheißungen formulieren, die politische Kompromisse unmöglich machen.
Religion nicht das Opium, sondern das Dynamit des Volkes
Für die anderen stiften Religionen Frieden. In diesem Sinne kamen Papst Franziskus und der Großimam von Al-Azhar, Ahmad Al-Tayyeb in einer gemeinsamen Erklärung von 2019 überein, dass „Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. Wo Derartiges zu beobachten sei, stehe es nicht im Einklang mit ihren wahren Lehren. Vielmehr würden sie von politischen Eliten missbraucht werden. Wenn also russische Präsidenten in orthodoxen Gottesdiensten Kerzen anzünden, wenn irakische Diktatoren kurz vor einer Niederlage den Jihad ausrufen oder wenn Militärs und Mönche in Myanmar paktieren, um die Demokratie zu bekämpfen, dann gehe es nicht um Glaubensinhalte, sondern um machtpolitische Vorteile.
Nicht nachweisbar, dass Glaubensdifferenzen als solche zu Gewaltkonflikten führen
Beide Positionen haben etwas für sich. So lässt sich nicht bestreiten, dass politische Gewalt immer wieder im Namen des Heiligen gerechtfertigt wird. Glaubensüberzeugungen wirken dann als soziale Marker, die zu starken Gruppenidentitäten führen, den Gegner verteufeln und Hoffnung auf himmlische Unterstützung machen. In solchen Fällen können wir tatsächlich feststellen, dass die Intensität von Konflikten steigt, sie überdurchschnittlich lange dauern und nur schwerlich mit Verhandlungen beizulegen sind. Allerdings ist es auch Teil der Wahrheit, dass religiöse Überzeugungen oft erst nach dem Ausbruch von Gewalt an Bedeutung gewinnen. Nicht zuletzt deshalb lässt sich bislang nicht nachweisen, dass Glaubensdifferenzen als solche zu Gewaltkonflikten führen. Vielmehr scheinen sie regelmäßig von politischen und wirtschaftlichen Interessen überformt zu werden. Entsprechend austauschbar sind religiöse Identitäten durch Ethnie, Klasse oder Partei.
Einsatz von religiösen Repräsentanten für Frieden und Versöhnung
Auf der anderen Seite kennen wir viele Fälle, in denen sich Religionen und ihre Repräsentanten für Frieden und Versöhnung eingesetzt haben. Zu denken wäre an das Engagement von Desmond Tutu in Südafrika, der 1984 nicht umsonst den Friedensnobelpreis bekommen hat. In ähnlicher Weise haben Mahatma Ghandi und Abul Ghaffar Khan auf dem indischen Subkontinent bei der Überwindung der britischen Kolonialherrschaft gewirkt. Außerdem können wir immer wieder beobachten, wie sich religiöse Autoritäten nach bewaffneten Auseinandersetzungen für Versöhnung einsetzen. Zu denken wäre an die Arbeit von Muhammad Ashafa und James Wuye in Nigeria, die auch als „der Pastor und der Imam“ bekannt geworden sind. Sie haben in Kaduna ein interreligiöses Mediationszentrum aufgebaut, das bei der Überwindung von Hass und Gewalt nachhaltig hilft. Eine vergleichbare Rolle spielten Leymah Gbowee und Ellen Johnson-Sirleaf bei der Beendigung des Bürgerkriegs in Liberia. Auch diese beiden Frauen wurden für ihr Engagement mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Offenkundig ist der Zusammenhang von Glauben, Gewalt und Frieden komplizierter
Offenkundig ist der Zusammenhang von Glauben, Gewalt und Frieden komplizierter als viele wahrhaben wollen: Religionen und ihre Repräsentanten tragen in manchen Fällen zur Eskalation von Konflikten bei, während sie in anderen Fällen ihre friedliche Beilegung unterstützen. Deshalb stellt sich die Frage, wie sich diese Ambivalenz erklären lässt.
Hierzu bietet es sich an, zwischen externen und internen Bedingungen zu unterscheiden. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob wir es mit Glaubensgemeinschaften in autokratischen oder demokratischen Kontexten zu tun haben. Außerdem spielt es eine Rolle, wie religiös Gesellschaften überhaupt sind, und ob es etablierte Traditionen der rechtlich abgesicherten Koexistenz gibt. Interessanter scheinen aber die internen Bedingungen zu sein. Denn für sie haben Glaubensgemeinschaften die primäre Verantwortung. Hier geht es vor allem um die Frage, wie stark ihre religiöse Bildung, ihr religiöse Bewusstsein, ihre religiöse Öffentlichkeit und ihre religiöse Autonomie ausgeprägt sind.
Das Gegenteil von religiöser Bildung ist „religiöser Analphabetismus“
Religiöse Bildung bezieht sich auf das Wissen um die Komplexität von Glaubensbeständen. Dabei steht nicht reines Vers- und Faktenwissen im Vordergrund, sondern die Vielschichtigkeit, Mehrdeutigkeit und Kontextualität religiöser Überlieferungen, die es notwendig machen, sie vernünftig und nachvollziehbar zu interpretieren. Das Gegenteil von religiöser Bildung ist „religiöser Analphabetismus“ (Scott Appleby). Er zeichnet sich durch eine weitgehende Unkenntnis über einen angemessenen Umgang mit komplexen Glaubensbeständen aus, weshalb sie sich leicht bei selektiver Auslegung zur Rechtfertigung von Gewalt nutzen lassen. Empirische Untersuchungen belegen, dass religiöser Analphabetismus tatsächlich mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft von Gläubigen einhergeht, während religiöse Bildung Toleranz und Dialog unterstützt. Ein Beispiel ist die Rolle religiöser Bildung bei der Rekrutierung von Jugendlichen durch jihadistische Terrorgruppen in der Sahelzone: Je länger sie sich in der Schule mit den Kerninhalten des Islams auseinandergesetzt haben, umso rekrutierungsresistenter werden sie.
Das Gegenteil von religiösem Bewusstsein ist religiöser Fundamentalismus
Während sich religiöse Bildung auf den Umgang mit Überlieferungen bezieht, geht es beim religiösen Bewusstsein um die intendierte Wahrheit der Religionen (W. Pannenberg). Im Zentrum steht die ontologische Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. Wenn sie anerkannt wird, dann ist klar, dass sich die intendierte Wahrheit von Religionen nie angemessen zum Ausdruck bringen lässt. Vielmehr ist beständige Interpretationsarbeit notwendig, die um ihre eigenen Unzulänglichkeiten weiß. Nicht zuletzt deshalb lassen sich aus den Überlieferungen keine einfachen Handlungsanweisungen für die Lösung weltlicher Probleme ableiten. Das Gegenteil von religiösem Bewusstsein ist religiöser Fundamentalismus. Jetzt diktiert das Jenseits dem Diesseits die richtige Politik. Deshalb teilen Fundamentalisten die Überzeugung, dass religiöse Wahrheiten unmittelbar zugänglich sind und keiner besonderen Auslegungsarbeit bedürfen. Vielmehr sollte das, was überliefert ist, buchstäblich befolgt und Gesellschaften vorbehaltlos nach heiligen Standards organisiert werden. Wiederum zeigen empirische Untersuchungen, dass Glaubensgemeinschaften mit einer fundamentalistischen Grundorientierung deutlich stärker in Gewaltkonflikte verwickelt sind als Glaubensgemeinschaften, in denen ein starkes Bewusstsein für die kategoriale Verschiedenheit von Immanenz und Transzendenz vorherrschend ist.
Das Gegenteil von religiöser Öffentlichkeit ist religiöse Abkapselung
Religiöse Öffentlichkeit bezieht sich auf Diskussionszusammenhänge, in denen religiöse Autoritäten ihre Interpretationen gemeinsamer Überlieferungen vor einem informierten Publikum rechtfertigen und mit Argumenten um Unterstützung werben. Religiöse Öffentlichkeit darf nicht mit Religion gleichgesetzt werden, sondern entsteht durch Kommunikation über Religion. Sie spiegelt auf der einen Seite die Vorläufigkeit spezifischer Deutungen wider und zeichnet auf der anderen Seite die Interpretationen aus, die sich argumentativ bewähren. In dem Maße, in dem Glaubensgemeinschaften über eine religiöse Öffentlichkeit verfügen, verringert sich die Instrumentalisierungsanfälligkeit ihrer Traditionen. Radikale Auslegungen sind nur ein Interpretationsangebot unter vielen und müssen sich im Kontext pluraler Argumentationen und Auslegungen behaupten. Das Gegenteil von religiöser Öffentlichkeit ist religiöse Abkapselung. Hierunter ist der Rückzug von Glaubensgemeinschaften aus ihrer diskursiven Umwelt zu verstehen. Wie Fallstudien zu ägyptischen, algerischen, irischen und pakistanischen Terrorgruppen zeigen, werden soziale Kontakte systematisch abgebrochen. Das hat zur Folge, dass radikale Auslegungen nicht mehr kritischen Nachfragen ausgesetzt werden, sondern sich unhinterfragt in geschlossenen Echokammern verbreiten.
Das Gegenteil von religiöser Autonomie ist religiöse Kooptation durch Politik
Religiöse Autonomie bezieht sich auf die politische Unabhängigkeit von Glaubensgemeinschaften. Autonome Glaubensgemeinschaften sind weitgehend frei von staatlicher Einflussnahme und verfügen über die notwendigen Mittel, um ihre Überlieferungen zu pflegen. Gleichzeitig findet das Verkündigungshandeln nicht hinter verschlossenen Türen statt. Vielmehr werden Glaubensüberzeugungen und ihre normativen Implikationen öffentlich kommuniziert und verantwortet. Das Gegenteil von religiöser Autonomie ist religiöse Kooptation. Jetzt stehen Glaubensgemeinschaften in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zur Politik, die ihnen zwar Ressourcen zur Verfügung stellt, dafür aber politische Unterstützung verlangt. Außerdem mischt sich die Politik immer wieder in die inneren Angelegenheiten von Glaubensgemeinschaften ein – also dann, wenn es um die Besetzung von Leitungspositionen, die Verwendung von Mitteln oder öffentliche Verlautbarungen geht. Und wieder legen empirische Studien nahe, dass mit der Kooptation von Glaubensgemeinschaften die Wahrscheinlichkeit steigt, dass andere Glaubensgemeinschaften gewaltsam diskriminiert oder verfolgt werden. Gleichzeitig fällt es Staaten mit kooptierten Glaubensgemeinschaften leichter, Konflikte zu eskalieren und durchzuhalten, da sie ungehindert auf religiöse Mobilisierungsressourcen zugreifen können. Die Rolle der serbisch-orthodoxen Kirche im Bosnienkrieg und der russisch-orthodoxen Kirche im Ukrainekrieg mögen als Beispiele dienen.
Es gibt offenkundig keinen Automatismus von Religion und Frieden
Religionen sind viel zu oft an Gewaltkonflikten beteiligt und unsere Geschichte ist reich an Beispielen, die zeigen, dass Glaubensdifferenzen immer wieder fatale Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben haben. Gleichzeitig können Religionen und ihre Repräsentanten helfen, Kriege zu vermeiden, Gewalt zu beenden und Frieden zu stiften. Diese Ambivalenz von Religionen lässt sich besser verstehen, wenn wir in die Glaubensgemeinschaften hineinschauen und nachvollziehen, wie sie ihren Glauben leben. Jetzt deutet sich an, dass Glaubensgemeinschaften, die sich durch religiöse Bildung, religiöses Bewusstsein, religiöse Öffentlichkeit und religiöse Autonomie auszeichnen, eher friedensstiftend unterwegs sind, während religiöser Analphabetismus, religiöser Fundamentalismus, religiöse Abkapselung und religiöse Kooptation die Alarmglocken schrillen lassen sollten. Das würde dann auch bedeuten, dass den Glaubensgemeinschaften eine Verantwortung für den Frieden zukommt. Denn es gibt offenkundig keinen Automatismus von Religion und Frieden. Deshalb müssen sie in die religiösen Praktiken investieren, die sie friedensfähig und instrumentalisierungsresistent machen. Wenn wir uns die vielen religiös-konnotierten Konflikte der Gegenwart anschauen, dann ist dies noch nicht in hinreichendem Maße gelungen.
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Bild: Austrian National Library auf Unsplash.


