Zwischen Synodenabschluss und nachsynodalem Schreiben. Reflexionen und Erwartungen im Dazwischen

Hat die Kirche ein Recht, in intimsten Fragen und in allgemein gesellschaftlichen Fragen, wie der Ausgestaltung von Familie mitzubestimmen? Welche ideologischen Brillen hatten bei der Familiensynode die Beteiligten auf? Anna Findl-Ludescher (Innsbruck) analysiert den „Gaststatus“ der Kirche im Reden über die Familie

 „Ein großer Schritt für die Kirche – ein kleiner Schritt für die Menschheit!“ Das war einer der Kommentare, die nach Abschluss der Familiensynode kursiert sind. Kurz und knapp drückt sich hier der Relevanzverlust von kirchlichen Lehräußerungen für alltägliches Leben aus. Diese Empfindung des Relevanzverlustes trotz großen Engagements und hohen Aufwands kirchlicherseits ist Anlass für diesen Text und die Ahnung, dass das Lehramt möglicherweise nicht den richtigen Platz einnimmt, um hilfreich und sinnvoll agieren zu können.

Gast-Status oder Urheberrecht

„Wer hat’s erfunden?!“ Sie kennen vermutlich jenen kleinen Schweizer Agenten, der sich vor anderen aufbaut und die Anerkennung von Urheberrechten für ein Hustenzuckerl einfordert. Die verschiedenen Gegenüber in den Werbespots kommen aus aller Welt, aus großen Ländern und sie sind immer größer als dieser kleine Schweizer Mann in Anzug, Krawatte und mit Aktentasche.

Die katholische Kirche tourt seit zwei Jahren mit dem Thema „Familie“ durch die Welt und manche ihrer Akteure erinnern in ihrem Auftreten dabei an diesen Schweizer Agenten aus der Werbung. Sie bauen sich auf vor anderen gesellschaftlichen Instanzen und beanspruchen Urheberrechte. Ginge es um die Lebensform von katholischen Priestern oder Ordensleuten, die katholische Kirche könnte zurecht sagen: das hat sich in unseren Räumen entwickelt, ist gewissermaßen unsere Erfindung, wir wollen bei den je aktuellen Ausprägungen mit reden, mit gestalten und mit bestimmen.

Familie und Ehe sind keine Erfindungen der Kirche.

Familie und Ehe sind keine Erfindungen der Kirche. Wir finden diese Institutionen in allen Kulturen und allen Zeiten. Das macht einen Unterschied: Mit reden und gestalten ist möglich und durchaus gefragt. Bestimmen ist Sache der Urheber.

Während des Synodenprozesses und mit Bekanntwerden erster Ergebnisse war zum Teil Unmut im Kirchenvolk und darüber hinaus festzustellen. Gründe dafür gibt es viele. Auf einen soll hier das Augenmerk gelenkt werden: Wenn Kirche über „Familie“ spricht, dann hat sie Gaststatus, sie befindet sich nicht auf eigenem Terrain. Dieser Gaststatus muss sich widerspiegeln in der Art und Weise ihrer Stellungnahmen. Manche Äußerungen verraten einen Habitus des Besitzenden, des Wissenden, des Eigentümers. Die Gastrolle hat die Kirche nicht nur in Fragen des Ehe- und Familienlebens, sondern in allen anderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fragen genauso. Diese Überzeugung ist grundgelegt in GS[1] und wird auch vom Lehramt immer wieder, so praktiziert – zuletzt in der Enzyklika „Laudato sí‘“. In Sachen Ehe und Familie fällt diese Klarheit in der Haltung offensichtlich besonders schwer, es wirken alte Vorstellungen und gewohnte „Zugriffsrechte“[2].

Reflexion der eigenen Kontingenz oder Super-Position

In der Wissenschaft ist es üblich, dass ForscherInnen, wenn sie sich mit Erfahrungen von Menschen beschäftigen, z.B. indem sie empirische Studien durchführen, Selbstreflexion in den Forschungsprozess miteinbeziehen. „Selbstreflexion“ meint eine Offenlegung der eigenen Prägungen und Interessen und im Anschluss daran das systematische Miteinbeziehen dieses Wissens um die gefärbte Wahrnehmung in den Erkenntnisprozess. Diese Vorgangsweise ist der wissenschaftlichen Redlichkeit geschuldet. Eine Benennung der kontextuellen Prägungen /Bedingtheiten und damit die Einordnung und auch Relativierung der eigenen Position gilt nicht nur in der Wissenschaft, sie erscheint mir auch für den Synodenprozess selbstverständlich. Wo eine solche Reflexion nicht mit läuft, kann eine Beanspruchung einer „Super-Position“ vermutet werden. Welche „Kontingenzen“, Prägungen und Interessen im einzelnen benannt werden müssten, wissen nur die beteiligten Personen selbst.

Es ist nicht bzw. nur ansatzweise gelungen, aus Betroffenen Beteiligte zu machen.

Einige „Brillen“ lassen sich jedoch auch ohne Detailkenntnisse annehmen:

* zölibatäre Brille: Alle Menschen sind prinzipiell kompetent, aus Erfahrung über Familie zu sprechen. Jede/r ist Teil einer Familie, auch diejenigen, die sich entschieden haben, keine eigene Familie zu gründen. Wenn aber das Nicht-Gründen einer eigenen Familie ein verbindendes Merkmal aller Entscheidungsträger ist, so verlangt dieser Erfahrungshintergrund nach einer systematischen Beachtung.

* patriarchale Brille: Das Design des Synodenprozesses verrät, dass ein alt bekanntes Denk- und Handlungsmuster offensichtlich immer noch gilt: Angelegenheiten, die Frauen und Männer betreffen, können sinnvoll von Männern debattiert und auch entschieden werden. Auch wenn im Vorfeld und zwischen den beiden synodalen Versammlungen Erfahrungen und Wissen von unterschiedlichen Menschen erhoben wurden, so ist dieser Prozess doch auf halbem Wege stecken geblieben. Es ist nicht bzw. nur ansatzweise gelungen, aus Betroffenen Beteiligte zu machen.

* klerikale Brille: Manche Themen der Synode betreffen intim(st)e Empfindungen und Vorgänge. Die Annahme, in diesen Fragen mehr als nur Gesprächspartner zu sein, nämlich Zugriff zu haben auf intime Entscheidungen, ist selbstoffenbarend.

„Wer hat’s erfunden?“ … nicht der Staat und auch nicht die Kirche…

Im Abschlusstext der deutschen Sprachgruppe weisen die Bischöfe zu Recht darauf hin, „dass Ehe und Familie dem Staat vorausgehen“[3]. Der Staat hat keine Urheberrechte. Deshalb, so folgern die Synodenväter „ist das politische Gemeinwesen verpflichtet, alles zu tun, um diese ‚Lebenszelle‘ zu ermöglichen und dauerhaft zu fördern.“[4] Weiter ist zu lesen: „Es muss klar sein: Nicht die Familie hat sich wirtschaftlichen Interessen unterzuordnen, sondern umgekehrt.“[5]

Diese Feststellungen bzw. Forderungen, die hier kirchlicherseits dem Staat (Politik / Wirtschaft) gegenüber aufgestellt werden, gelten auch für die Kirche selbst[6]: Ehe und Familie gehen der Kirche voraus. Deshalb ist die kirchliche Gemeinschaft verpflichtet, alles zu tun, um diese „Lebenszelle“ zu ermöglichen und dauerhaft zu fördern. Es muss also klar sein: Nicht die Familie hat sich religiösen und kirchlichen Interessen unterzuordnen, sondern umgekehrt.

Aus welcher Haltung heraus beschäftigt sich die Kirche mit der Familie?

Es ist eine Frage der Haltung: Aus welcher Haltung heraus beschäftigt sich die Kirche mit der Familie? Die Haltung des Schweizer Agenten, der trotzig sein Gegenüber herausfordert und sinngemäß sagt: „Du befindest dich auf meinem Hoheitsgebiet“, diese Haltung steht der Kirche nicht zu.

Viele Menschen warten mit Spannung auf das Synodenschreiben von Papst Franziskus – auch ich. Entscheidend ist nicht in erster Linie die Frage, ob und wie das eine oder andere Thema aufgegriffen wird. Entscheidend ist für mich die Haltung, die im Schreiben zum Ausdruck kommt: dass das kirchliche Lehrschreiben nicht vorgibt, wie und wo es lang gehen soll (Rolle des Urhebers), sondern kritisch-unterstützende Begleitung anbietet (Gastrolle).

Anmerkungen

[1] „Man darf ohne weiteres sagen, dass die Kirche mit diesem Dokument höchstamtlich den Dialog mit denen, die ihr institutionell nicht angehören, aufgenommen hat im echten Sinn eines Dialogs: in der Umreißung einer gemeinsamen Basis, in der Bereitschaft zum Hören und gegenseitigen Lernen, in dem (mehr oder weniger deutlichen) Eingeständnis eigener Unkenntnis und Fehler.“ (Karl Rahner, Herbert Vorgrimler, Die Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et Spes“, in: Dies., Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums mit Einführungen und ausführlichem Sachregister, Freiburg i. Br. 161982, 423-447, 425.)

[2] Vgl. verschiedene Veröffentlichungen von Rainer Bucher, z.B.: Fundamentale Neukontextualisierungen. Auswege aus den Sackgassen der katholischen Ehe- und Familienlehre, in: Christian Bauer / Michael Schüssler (Hg.), Pastorales Lehramt? Spielräume einer Theologie familialer Lebensformen, Ostfildern 2015, 69-82 (hier bes. 69-72).

[3] Relatio – Circulus Germanicus, 21.10. 2015

[4] Relatio – Circulus Germanicus, 21.10. 2015

[5] Relatio – Circulus Germanicus, 21.10. 2015

[6] In den folgenden drei Sätzen ist jeweils kursiv markiert, was im Unterschied zum Originalzitat verändert wurde.

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