Alter Wein in neuen Schläuchen!? Eine kritische Reflexion über den Medienpessimismus

Digitale Medien gelten häufig als Ursprung neuartiger Probleme. Aber die heutigen Herausforderungen von An-Sprache und Ver-antwortung sind schon immer dagewesen, so Stephanie Höllinger.

„Wer glaubt, der Überwachungsstaat sei eine Erfindung des digitalen Zeitalters, hat nie auf dem Dorf gelebt.“[1] Diese Twitter-Meldung sorgte im letzten Jahr für große Erheiterung und hohe Zustimmung innerhalb sozialer Netzwerke. Auf humoristische Weise scheint dieser Tweet den Nerv vieler Menschen zu treffen: Zum einen teilen zahlreiche User*innen diese Erfahrung und geben in diesem Kontext ihre ganz persönlichen Geschichten wieder. Zum anderen zeichnen sich Diskussionen ab, die um das gegenwärtig (schlechte) Image digitaler Medien bzw. Öffentlichkeiten kreisen.

In beiden Auseinandersetzungen wird deutlich: Digitale Medien als Ursprung vermeintlich neuartiger Problematiken wie „Überwachung“, „Datenmissbrauch“, „Fake News“, „Shitstorms“… zu begreifen bzw. darauf zu reduzieren, scheint der Komplexität des Sachverhalts aus Sicht vieler Menschen nicht gerecht zu werden.

… als ob wir es gegenwärtig mit völlig neuen, noch nie dagewesenen Phänomenen zu tun hätten.

Um es zu verdeutlichen: Der Tweet kritisiert nicht per se Debatten, die sich kritisch mit digitalen Medien befassen. Zweifelsohne erfüllen viele dieser Beschäftigungen eine wichtige Funktion, wenn sie als kritisches Korrektiv potentielle Gefahren verschiedener Kommunikations- bzw. Öffentlichkeitsformate aufzeigen und damit auf zentrale Herausforderungen verweisen.

Nicht selten gehen diese kritischen Stimmen – welche paradoxerweise zumeist selbst auf eine hohe Breitenwirksamkeit abzielen – jedoch mit Simplifizierungen und Generalverurteilungen einher. Ausgehend von einem überwiegend medien- bzw. öffentlichkeitspessimistischen Blickwinkel wird in Auseinandersetzungen häufig ein undifferenziertes Misstrauen gegenüber digitalen Medien zum Ausdruck gebracht. Entsprechend hält auch Hackel‑De Latour fest: „Anti‑Medien-Parolen erhalten Zuspruch. Konstruktive Medienkritik weicht zunehmend pauschalen Beleidigungen.“[2] Debatten um digitale Medien erwecken also nicht selten den Eindruck, als ob wir es gegenwärtig mit völlig neuen, noch nie dagewesenen Phänomenen zu tun hätten.

Ob diese Einschätzung jedoch den gegenwärtigen Entwicklungen tatsächlich gerecht wird, lässt sich durchaus kritisch anfragen: Haben wir es hier wirklich mit völlig neuen Entwicklungen zu tun? Oder können wir darin auch Grundphänomene erkennen, die uns als Menschen zutiefst entsprechen? Und: Warum denkt gerade eine Theologin über diese Phänomene nach? Was können Theologie und Kirche zu dieser Debatte beitragen?

Franziskus: Der digitale Bereich ist ein Platz,… wo man liebkosen oder verletzen kann.

Tatsächlich ist es in Theologie und Kirche in den letzten Jahren zur Beschäftigung mit diesen Fragen gekommen. Als „Zeichen der Zeit“[3] werden die aktuellen Herausforderungen im Kontext digitaler Medien aktiv diskutiert und kritisch kommentiert. Papst Franziskus äußerte sich 2016 zum 50. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel zu den aktuellen Entwicklungen und stellte im Zuge dessen einseitig pessimistischen Stimmen folgenden Gedanken entgegen:

„Nicht die Technologie bestimmt, ob die Kommunikation authentisch ist oder nicht, sondern das Herz des Menschen und seine Fähigkeit, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel gut zu nutzen. […] Der digitale Bereich ist ein Platz, ein Ort der Begegnung, wo man liebkosen oder verletzen, eine fruchtbare Diskussion führen oder Rufmord begehen kann.“ (Kommunikation und Barmherzigkeit – eine fruchtbare Begegnung).

Franziskus hält folglich dazu an, den Menschen in der Diskussion und Kritik um digitale Medien nicht aus dem Blick zu verlieren. Digitale Medien und damit verbundene Technologien sind demnach nicht per se negativ oder positiv zu werten, sondern erfahren erst durch den konkreten Einsatz der Menschen ihre destruktive oder konstruktive Gestalt.

Der Mensch wird in seinem Beginn sprechend geschaffen.

Für Theologie und Kirche bedeutet dies im Kontext kritischer Debatten, vor allem auch das christliche Menschenbild einzubeziehen, dass nicht zuletzt in der Schöpfung selbst und damit dem „Wortgeschehen“ schlechthin seinen Anfang nimmt. Der Mensch wird also in seinem Beginn sprechend geschaffen, d.h. angesprochen und beansprucht zugleich.[4]

Er wird durch Sprache in eine Beziehung mit Gott und seiner Umwelt gestellt. Zugleich kann er auch selbst durch Sprache mit dem Gegenüber in Beziehung treten, aber auch durch Sprache Beziehung (zer‑)stören. Er kann sich in seiner An‑Sprache dem Gegenüber zuwenden, steht dabei aber zugleich immer schon in einer Ver‑Antwortung. Die Sprachbegabung des Menschen ist demnach Voraussetzung jeglichen Beziehungsgeschehens und muss damit letztlich auch in die Reflexion um digitale Kommunikation bzw. Medien einfließen.

Das Grundphänomen von »shitstorms« ist nicht neu.

Dies sei an einem Beispiel verdeutlicht: Zurzeit gibt es eine ausgeprägte Kritik an sogenannten „shitstorms“ innerhalb digitaler Netzwerke und Plattformen. Konkret ist damit die Problematik lawinenartiger Hasstiraden von Seiten (zumeist anonymer) User*innen benannt. Diese Attacken können nicht nur in einer außergewöhnlich hohen Geschwindigkeit und Häufung erfolgen, sondern transportieren in der Regel hochemotionale, beleidigende Inhalte. Zu Recht ist dieses Phänomen also Gegenstand medienkritischer Debatten.

Doch: Das Grundphänomen selbst ist nicht neu. Auch am Stammtisch oder im engen Familien- oder Freundeskreis sitzt die Zunge oft locker; harsche Verurteilungen oder abwertende Kommentare sind keine Seltenheit. Selbst das Format der Schmährede stellt spätestens ab der Antike ein eigenes literarisches Genre dar und besitzt bis heute – beispielsweise im Kabarett – eine nicht unwesentliche Bedeutung. Es wird also deutlich: Es gibt Strukturen und Verhaltensmuster, die eben nicht erst durch digitale Medien generiert werden, sondern vielmehr eine anthropologische Wurzel besitzen.

Die immer schon dagewesene Herausforderung von An-Sprache und Ver-antwortung.

Was kann die vorliegende Reflexion also für Debatten um digitale Medien bzw. Öffentlichkeiten bedeuten? Wie schon zu Beginn aufgezeigt, braucht es zweifelsohne kritische Auseinandersetzungen mit aktuellen Entwicklungen und deren Herausforderungen im digitalen Bereich. Es ist aber zu vermeiden, in den Debatten in einseitige Pauschalisierungen abzudriften und neuen Formaten die (oft abstrakt bleibende) Alleinverantwortung zu übertragen, ohne die zugrundeliegenden anthropologischen Dimensionen zu erkennen. (Analoge wie digitale) Medien prallen nicht ungefiltert auf die Menschen ein, sondern greifen – nimmt man den Menschen in seiner Sprachbegabung ernst – in erster Linie Tendenzen auf, die auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben auffindbar sind.

Auch wenn Kommunikation heute größer, schneller, weiter geworden ist, entspricht sie in ihren Grundprinzipien jedoch dem Menschen als sprachbegabtes Wesen und damit der schon immer dagewesenen Herausforderung von An-Sprache und Ver-Antwortung.

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Stephanie Höllinger ist Universitätassistentin am Institut für Systematische Theologie und Ethik / Theologische Ethik (Moraltheologie) an der Universität Wien.

Bild: pixabay / DariuszSankowski

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[1] Twitter @UteWeber (28.03.2016; 04:12), URL: https://twitter.com/uteweber/status/714409765028433920 (Stand: 19.09.2017).

[2] Hackel-de Latour, Renate, „Lügenpresse“!? Über den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien, in: Communicatio Socialis 48/2 (2015), 123-125, 123.

[3] Vgl. bspw. eines der aktuellsten Beispiele: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.), Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit. Impulse der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz zu den Herausforderungen der Digitalisierung (= Arbeitshilfen Nr. 288), Bonn 2016, 9.

[4] Vgl. Dirscherl, Erwin, Grundriss theologischer Anthropologie. Die Entschiedenheit des Menschen angesichts des Anderen, Regensburg: Pustet 2006, 55-57.

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