Die Idee des Sozialismus – und was katholisch zu lernen wäre

Axel Honneth aktualisiert die Idee des Sozialismus und regt zu einem Seitenblick auf den Katholizismus an. (Arnd Bünker)

Die Versprechen der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wurden früh hinterfragt. Die einen standen ihnen ablehnend gegenüber, die anderen bezweifelten ihre Realisierung und forderten diese erst noch ein. Die zwei kritischen Linien wurden durch den Sozialismus einerseits und durch die katholische Kirche andererseits repräsentiert. Beide Ansätze, der revolutionäre Sozialismus wie der antimoderne Katholizismus, scheinen sich heute aufgebraucht zu haben.

Französische Revolution: Sozialismus und Katholizismus als ungleiche Antworten

Für den Sozialismus übernimmt Axel Honneth mit seinem Buch „Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung“ (2015) einen Wiederbelebungsversuch. Aufschlussreich sind dabei sein Blick auf die Anfänge und das Schicksal des Sozialismus und seine Perspektiven für eine Wiederbelebung. Es drängt sich aber auch ein Vergleich mit dem Katholizismus auf. Bei allen Unterschieden zwischen Sozialismus und antimodernem Katholizismus zeigen sich auch Parallelen – Parallelen der ideologischen Engführung wie des historischen Scheiterns.

 

Das Anliegen des Sozialisms: Soziale Freiheit

Honneth beobachtet, dass gegenwärtig zwar ein breites Unbehagen an der sozioökonomischen Situation herrscht, dass aber eine gesellschaftliche Mobilisierung zur Überwindung offenkundig problematischer Strukturen nicht stattfindet. Der „massenhaften Empörung“ fehle „jeder normative Richtungssinn, jedes geschichtliche Gespür für ein Ziel der vorgebrachten Kritik.“ (15) Damit liegt die Kernfrage fest: Warum „verfügen die Visionen des Sozialismus schon seit geraumer Zeit nicht mehr über die Kraft, die Betroffenen davon zu überzeugen, dass das scheinbar ‚Unvermeidbare‘ mit kollektiven Anstrengungen doch zugunsten eines Besseren zu verändern wäre“? (20)

Warum überzeugen die Visionen des Sozialismus nicht mehr?

Honneth blickt auf die Anfänge des Sozialismus zurück. Im Frühsozialismus erkennt er das Anliegen, den Forderungen der Französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit besser Geltung zu verschaffen, als es der Realität entsprach. Kritisiert wurde eine isolierte Betonung der Freiheit, vor allem im privaten und ökonomischen Bereich. Gesucht wurde ein Weg, um den liberalen Begriff der Freiheit zu erweitern und um auch Brüderlichkeit und Gleichheit zu entfalten. Es galt, ein bloss egoistisches Freiheitsverständnis, das nur privaten Interessen diente, durch ein Freiheitsverständnis auf der Basis eines solidarischen Sich-Ergänzens in ungezwungener Kooperation zu ersetzen. Honneth nutzt dazu den Begriff der „sozialen Freiheit“.

 „Soziale Freiheit“ denken

Erst Karl Marx sei es gelungen, das Konzept der sozialen Freiheit theoretisch auszuarbeiten. Beim Blick auf die Produktionsverhältnisse des 19. Jahrhunderts zeigte er, wie sie sich unter den Vorzeichen eines privaten Egoismus entwickelten – oder wie sie sich unter den Vorzeichen einer gesellschaftlich verbreiteten wechselseitigen Anerkennung individueller Bedürftigkeit entwickeln könnten.

Die Verbindung von Gemeinschaft und Freiheit, wie sie von den Sozialisten gedacht wurde, ist anspruchsvoll. Soziale Freiheit heisst, „an der sozialen Praxis einer Gemeinschaft teilzunehmen, in der die Mitglieder sich untereinander so viel Anteilnahme entgegenbringen, dass sie sich um des jeweils anderen willen wechselseitig zu Verwirklichung ihrer begründeten Bedürfnisse verhelfen. … Das, was mit Freiheit gemeint ist – die möglichst ungehinderte Verwirklichung je eigener Absichten und Zwecke – kann nicht von einer einzelnen Person, sondern nur von einem entsprechend verfassten Kollektiv realisiert werden, ohne dass dieses deswegen als eine den Teilen gegenüber höherstufige Entität betrachtet werden muss.“ (49) Soweit die Idee.

Die Idee sozialer Freiheit: Anteilnahme

Nach diesem Rückblick auf die Anfänge sozialistischer Ideen kommt Honneth auf drei Geburtsfehler zu sprechen, die sich mit dem Sozialismus verbunden haben.

 

Drei Geburtsfehler des Sozialismus

Honneth spricht vom „antiquierte(n) Denkgehäuse“ des Sozialismus und seiner „Bindung an Geist und Kultur des Industrialismus“ (51). Er zeigt, dass der Sozialismus sich zu sehr auf ökonomische Fragen konzentriert habe, nämlich auf die Bekämpfung des Kapitalismus, wie er sich im 19. Jahrhundert zeigte. Dabei sei aber zu wenig anerkannt worden, dass das Leben der Menschen samt ihrer Suche nach sozialer Freiheit in vielen Lebens- und Gesellschaftsbereichen zu berücksichtigen wäre – und dass sich diese Lebensbereiche nicht nur als Randzonen des Kapitalismus (und somit von nachgeordneter Bedeutung) begreifen lassen.

Bindung an Geist und Kultur des Industrialismus

Sowohl die Räume demokratischer Politik als auch die des Privaten und Familiären seien zu wenig in ihrem Eigengewicht berücksichtigt worden. Dies habe Auswirkungen auf die Genauigkeit der Gesellschaftsanalyse des Sozialismus und auf dessen Akzeptanz gehabt, weil seine Realitätswahrnehmung für die Lebenssituationen und Lebensgefühle der Menschen zu eng wurde. Es sei dem Sozialismus zu wenig gelungen, die politischen Emanzipationsbewegungen jenseits einer ökonomischen Sphäre und Betrachtung (Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert, Frauenbewegung…) als wichtige Dimensionen im Konzept sozialer Freiheit zu begreifen. So wurde auch die Möglichkeit verpasst, „die liberalen Freiheitsrechte nicht als ein Hindernis, sondern als eine notwendige Voraussetzung jener sozialen Freiheiten zu denken“ (64), die es zu verwirklichen gibt.

Honneth fügt eine zweite Überlegung zu den Geburtsfehlern des Sozialismus an: Zu sicher waren sich die Sozialisten, dass ihre Ideale in der gesellschaftlichen Oppositionskraft des Proletariats bereits einen festen Akteur gefunden hätten. Der Klassenkampf sei zu selbstverständlich mit bestimmten gesellschaftlichen Trägergruppen identifiziert worden, die Interessen des Proletariats zu unkritisch mit einer „objektiven Interessenlage“ (67) als gegeben vorausgesetzt. Hier zeige sich eine Schwäche des Sozialismus, nämlich die Unfähigkeit, aufgrund seiner normativen Gewissheiten empirische Fakten, z.B. die Brüchigkeit des proletarischen Kollektivsubjekts, anzuerkennen und theoretisch zu berücksichtigen.

Der Klassenkampf der Arbeiterklasse: eine historische Fehleinschätzung

Einen dritten Geburtsfehler sieht Honneth schliesslich in geschichtsphilosophischen Annahmen des Sozialismus, nach denen sich „die gegebenen Produktionsverhältnisse mit historischer Notwendigkeit in Bälde selbst werden auflösen müssen.“ (72) Das zugrunde liegende Modell einer linearen und unausweichlichen Fortschrittsgeschichte (inklusive Erwartung sozialer Klassenkämpfe und ihrer sicheren geschichtlichen Zielbestimmung) führte zu einer deterministischen Erwartung an den Lauf der Geschichte. Dies habe den Sozialismus für die realen Entwicklungen blind gemacht. Abweichungen von den geschichtlichen Erwartungen konnten nur noch als Umwege, Ausnahmen oder Verzögerungen erklärt werden. In der Folge schränkten sich die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im Sozialismus stark ein, was sein Scheitern im Bereich staatlicher Systeme erklärt.

Historischer Determinismus und Blindheit für reale Entwicklungen

Kurz: eine zu enge Fokussierung auf den Bereich des Ökonomischen, die voreilige Identifikation der Arbeiterklasse als zwangsläufige Trägerbewegung des Sozialismus und das ideologische Festhalten an einer spezifischen geschichtlichen Fortschrittserwartung führten zum Niedergang des Sozialismus als einer echten Alternative zu den bestehenden gesellschaftlich-dominanten Formationen.

Versuch einer Aktualisierung des Sozialismus

Auf dieser Analyse fusst nun der Versuch einer Aktualisierung der Idee des Sozialismus „in einer postmarxistischen Form“ (87). Honneth skizziert drei notwendige Aktualisierungen auf dem Weg zu einem demokratischen Sozialismus:

Zunächst sei es unumgänglich, die gesellschaftlichen Differenzierungsprozesse nicht länger nur unter einer ökonomischen Prämisse zu begreifen, sondern die vielen unter demokratischen Vorzeichen vollzogenen Emanzipationsentwicklungen in ihrer je eigenen Logik anzuerkennen und darin die Chancen für ein besseres Verständnis sozialer Freiheit zu nutzen. Es geht Honneth um eine ganzheitliche und gegenüber dem geschichtlichen Wandel offene Form sozialistischen Denkens, die der Vielfalt der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse entspricht. Erst so könne inhaltlich gefüllt auch von einem ‚demokratischen Sozialismus‘ gesprochen und die „Blindheit gegenüber der demokratischen Bedeutung der Grundrechte“ (129) überwunden werden.

„Demokratischer Sozialismus“

Zweitens sei es wichtig, sich von der Idee einer gesellschaftlichen Gruppe als einer Trägerin sozialistischer Ideen zu verabschieden. Unter demokratischen Vorzeichen müsse die ganze Gesellschaft mit dem Ideal sozialer Freiheit angesprochen werden. Das Anliegen sozialer Freiheit lasse sich nicht mehr als Anliegen einzelner Gruppen verstehen, die dieses Anliegen dann ‚gegen den Rest ‘ erkämpfen müssten. Vielmehr gehe es um die Idee „eines zwanglosen Zusammenspiels intersubjektiver Freiheitssphären“ (146). Dabei komme der demokratischen Öffentlichkeit eine entscheidende Bedeutung zu: „Es ist die demokratische Öffentlichkeit sich beratschlagender Bürgerinnen und Bürger, die inmitten des arbeitsteiligen Zusammenwirkens unabhängiger Freiheitssphären die Rolle übernimmt, über die Zweckmässigkeit des gesamten organischen Gefüges zu wachen und dessen innere Anlage nötigenfalls zu korrigieren.“ (151f.)

  … die ganze Gesellschaft mit dem Ideal sozialer Freiheit ansprechen

Drittens müssten deterministische geschichtsphilosophische Vorstellungen überwunden werden. Gesellschaftliche Projekte zur Verwirklichung sozialer Freiheit könnten sinnvoll nur im Modus von Experimenten, in der „Logik des geschichtlichen Experimentalismus“ (112), erprobt werden. Sie wären dann einer empirischen Überprüfung zugänglich und sie könnten und dürften fehleranfällig und korrigierbar sein.

Sozialismus in Experimenten wagen

Und der Katholizismus? Der antimoderne Katholizismus kann als Bruder des Sozialismus gesehen werden – beide entwickelten sich im gleichen zeitgeschichtlichen Kontext, sie gingen unterschiedliche Wege – aber man merkt ihnen ihre zeitgeschichtliche und geistige Verwandtschaft eben doch an.

 

Katholizismus und Sozialismus: Schicksals- und Lerngemeinschaft?

Katholizismus und Sozialismus verbindet die Kritik an der Französischen Revolution und ihren Folgen. Sehr unterschiedlich sind jedoch die geschichtsphilosophischen Muster der Auseinandersetzung. Wo der Sozialismus die Französische Revolution als notwendigen Schritt innerhalb einer unabgeschlossenen Fortschrittsgeschichte deutete, kam für den antimodernen Katholizismus eine solche Interpretation nicht in Frage. Hier wurde die Französische Revolution als Ausdruck einer gewaltigen historischen Verirrung gesehen, die nur durch die Rückkehr zu einer idealisierten Vergangenheit und ‚Wahrheit‘ zu korrigieren sei. Restauration hier und Fortschritt dort – so unterschiedlich die Perspektiven, so ähnlich die Unfähigkeit, die sich verändernde Gesellschaft differenziert wahrzunehmen und die positiven Gestaltungschancen in ihr für die eigenen Ideale zu nutzen.

Restauration hier und Fortschritt dort

Eine zweite Parallele zeigt sich in Definition und Scheitern einer klaren Trägergruppe für die Anliegen des antimodernen Katholizismus bzw. des Sozialismus. Der Katholizismus versuchte im 19. Jahrhundert vor allem die Familie als Hort und Bastion des wahren Lebens im falschen zu etablieren. So wurden Sonderräume des Katholischen geschaffen – bis hin zum sogenannten katholischen Milieu, das in antagonistischer Weise dem Rest der Gesellschaft gegenüberstand. Wie die Arbeiterklasse so ist auch das katholische Milieu längst als ideologisches Kollektiv zerfallen. Dementsprechend suchen Sozialisten wie die katholische Kirche nach neuen Bündnispartnern, was zu ebenso vielfältigen, erstaunlichen und widersprüchlichen Koalitionen führt. Die Anregung Honneths bezüglich des Sozialismus, die ganze Gesellschaft als Adressatin für das Ideal sozialer Freiheit zu sehen, könnte auch für die Kirche übersetzt werden. Diese erweckt allerdings noch den Anschein einer Unentschiedenheit darüber, ob sie die Ideale des Evangeliums der ganzen Gesellschaft zumuten und sie mit ihr teilen möchte, oder ob sie die Ideale doch eher nur in einzelnen Gruppierungen gut aufgehoben und bewahrt sieht.

Wie die Arbeiterklasse so ist auch das katholische Milieu längst als ideologisches Kollektiv zerfallen.

Schliesslich könnte die Demokratisierung – mit Papst Franziskus vielleicht eher das energische Beschreiten eines synodalen Weges – auch eine Perspektive für die Kirche sein, wenn es darum geht, in sehr pluralen Gesellschaften erst einmal zu lernen und begreifen, was in ihnen die Anknüpfungs- und Entfaltungspunkte für das Evangelium sein können.

Arnd Bünker; Bild: Rolf Handke / pixelio.de

Buch:
Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung, Berlin, Suhrkamp, 2015, ISBN: 978-3-518-58678-5

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