Zeiten der Angst. Martha Nussbaum über religiöse Intoleranz

Nach der Silvesternacht von Köln, aber auch entlang der Flüchtlingsroute in Mittelosteuropa: Angst vor dem Verlust von Werten und Identität. Sind wir auf eine Politik der Angst verpflichtet? Cornelia Mügge liest Martha Nussbaum.

Kaum ein Thema beschäftigt den öffentlichen Diskurs derzeit so sehr wie die Flüchtlingsfrage. Neben praktischen Erwägungen zur Unterbringung und Versorgung schwingen im Ringen um Antworten auch Ängste mit. Nicht zuletzt flammt hier eine Angst vor dem Fremden auf, die wir bereits aus anderen Zusammenhängen kennen. Es ist die Angst vor einer Bedrohung der „eigenen“ Werte, insbesondere durch „den“ Islam. Aufwind bekommt sie aktuell etwa in der Debatte um die sexuelle Gewalt in der Silvesternacht in Köln. Auch viele Äußerungen aus den mittelosteuropäischen Staaten angesichts der Zuwanderung durch Flüchtlinge sind Zeugnisse dieser Angst (vgl. den auf Feinschwarz erschienenen Text über die Situation in Ungarn). Angst ist allerdings in der Regel ein schlechter Ratgeber.

Mehr noch ist sie aus ethischer Sicht problematisch, denn schnell wird sie selbst zur Bedrohung von ethischen und politischen Grundnormen. Es muss daher überlegt werden, wie ihr begegnet und entgegengewirkt werden kann. Anstöße dafür liefert ein Blick in das 2014 erschienene Buch der Philosophin Martha Nussbaum mit dem Titel: „Die neue religiöse Intoleranz: Ein Ausweg aus der Politik der Angst“. Angeregt von der Diskussion um das Burkaverbot analysiert Nussbaum, wie Angst zu religiöser Intoleranz führt und plädiert für eine dreigliedrige ethische Herangehensweise an dieses Problem.

Die Diagnose: eine Politik der Angst

Europa und die USA befinden sich, so Nussbaums Ausgangsdiagnose, in einer „Zeit der Angst und der Verdächtigung“ (12), in der die religiöse Toleranz bedroht sei. Deutlich werde dies etwa in der US-amerikanischen Kontroverse um den Bau von Moscheen sowie – laut Nussbaum in weitaus problematischerer Weise – in den europäischen Debatten um islamische Kleidung bis hin zum Verbot der Burka. Nussbaum will aufzeigen, wie ein ethisch-philosophischer Ansatz einen „Ausweg aus der Politik der Angst“ ermöglicht.

Angst ist ’narzisstischer als andere Gefühle‘

Notwendig sei zunächst einmal, die Angst genauer zu verstehen. Nussbaum widmet ihr zweites Kapitel daher einer Analyse von Angst. Sie stellt fest, dass Angst häufig dazu führe, real existierende Sorgen wie etwa wirtschaftliche Unsicherheit auf Personengruppen – oft auf religiöse Minderheiten – zu projizieren, die mit dem eigentlichen Problem wenig zu tun haben. Dies beruhe darauf, dass Angst in besonderer Weise und stärker als viele andere Emotionen die eigene Person und den eigenen Körper ins Zentrum stelle und das Wohlergehen anderer nachordne. Sie sei „narzisstischer als andere Gefühle“ (56). Durch diesen Narzissmus aber bedrohe und verhindere die Angst Liebe und Mitgefühl und stelle letztlich „eine der großen Gefahren des Lebens“ (57) dar.

Eine dreifache Herangehensweise: Grundprinzipien…

Solcher Angst kann man Nussbaum zufolge am besten mit einem Ansatz begegnen, der erstens politische Grundprinzipien umfasst, zweitens kritische Selbstreflexion einfordert und drittens eine Ausbildung des „inneren Auges“ (13) fördert. Grundprinzipien, so erklärt sie im dritten Kapitel, seien wichtig, um Orientierung zu geben, wo die Angst Verwirrung stiftet. Mit Blick auf Religion sollte man dazu als Grundprämissen Menschenwürde, Respekt, Gewissen, Verletzlichkeit und Freiheit ins Zentrum stellen: Würde verweise darauf, dass alle Menschen gleich sind, weshalb auch allen gleicher Respekt zustehe. Dieser Respekt müsse insbesondere auch für die für den Menschen zentrale Fähigkeit „nach der letzten Bedeutung des Lebens zu suchen“ (62), das Gewissen, gelten. Der Aspekt der Verletzlichkeit mache deutlich, dass Menschen auf den Schutz ihrer Würde und ihrer Suche nach letzter Bedeutung angewiesen sind. Daraus ergebe sich schließlich, dass wir ein Recht auf Gewissensfreiheit benötigen.

Ausgehend von diesen Grundprämissen leitet Nussbaum unter Bezug auf die US-amerikanische Rechtsdebatte konkretere politische Prinzipien her. Sie argumentiert unter anderem für ein Verständnis umfassender Gleichheit anstelle starker Neutralität à la Locke und gegen jedes staatliche Establishment einer Weltanschauung.

…kritische Selbsterforschung…

Grundprinzipien allein genügten jedoch nicht, um dem Klima der Angst entgegenzutreten, da Menschen dazu neigten, sie nicht konsequent anzuwenden. Erforderlich sei daher weiterhin eine kritische Selbsterforschung: Jede Person müsse sich prüfen, ob sie in ihren Urteilen konsequent ist, das heißt, ob sie die gleichen Maßstäbe an sich selbst und an andere anlegt. Genauer erörtert Nussbaum diesen Aspekt im vierten Kapitel an der Debatte um das Burkaverbot. Dieses Verbot stehe exemplarisch für fehlende Selbsterforschung, denn für alle befürwortenden Argumente lasse sich zeigen, so Nussbaum, dass sie nicht konsequent auf vergleichbare Fälle angewandt würden. Dies buchstabiert die Autorin anhand der Argumente Sicherheit, Transparenz, Degradierung der Frau zum Objekt, Nötigung und Gesundheit im Einzelnen durch – und kann dabei in vielen Hinsichten überzeugen.

Lege ich die gleichen Maßstäbe an mich wie an andere an? Bin ich konsequent?

Tatsächlich scheint es beispielsweise inkonsequent, eine Degradierung der Frau zum Objekt durch die von vielen Frauen selbstbestimmt getragene Burka zu kritisieren, nicht aber in gleicher Weise degradierende „westliche“ Praktiken. Dabei stellt Nussbaum stets klar, dass Grundrechte nicht von religiösen Traditionen außer Kraft gesetzt und Menschen nicht aufgrund von Geschlecht diskriminiert werden dürfen. Das Tragen der Burka in europäischen Ländern sei aber keine solche Praxis. Im Gegenteil stelle gerade ihr Verbot eine Verletzung der Gewissensfreiheit dar. Somit demonstriere diese Debatte, wie wichtig es ist, dass „wir uns so intensiv wie möglich bemühen, ein »selbsterforschtes Leben« zu führen“ (119).

…die Ausprägung innerer Augen

Im fünften Kapitel erklärt Nussbaum, was sie mit dem dritten Aspekt, der Ausbildung der inneren Augen, meint. Hier drückt sich eine grundlegende Annahme ihres ethischen Ansatzes aus: Moral brauche neben rationaler Überzeugung auch die Ausbildung von Emotionen. Damit meint sie, dass wir unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie, die immer schon unsere Wahrnehmung beeinflusst, in bestimmter Weise ausbilden sollen. Ohne innere Augen, die „uns mitteilen, dass das, was wir sehen, ein vollgültiger Mensch ist, der Wünsche und Ziele hat und eben keine Waffe ist, die unsere Sicherheit bedroht, oder ein Stück Müll“ (155), könnten Grundprinzipien und Selbsterforschung nicht wirksam sein. Es sei daher wichtig, eine Art von Empathie auszubilden, die verstehen hilft, dass und warum andere Menschen andere – auch religiös andere – Lebensvorstellungen haben, die für ihr gutes Leben ebenso wichtig sind wie meine Vorstellungen für mich. Hilfreich für eine solche Ausbildung seien etwa literarische Werke wie Lessings Nathan der Weise. Innere Augen, die auf diese Weise ausgebildet seien, bilden nach Nussbaum ein wichtiges Gegengewicht zu Angst und Narzissmus.

Man sollte versuchen zu verstehen, dass andere Menschen andere Lebensvorstellungen haben.

Zur Veranschaulichung ihrer Analyse der Angst und des vorgeschlagenen Ansatzes greift Nussbaum schließlich im sechsten Kapitel die US-amerikanische Debatte um das sogenannte Projekt „Park51“ auf, ein von Muslimen initiiertes multi-religiöses Gemeindezentrum in der Nähe von Ground Zero. An diesem Beispiel zeige sich wiederum, wie Angst im gesellschaftlichen Diskurs wirke und Respekt und Gewissensfreiheit bedrohen kann. Deutlich werde aber auch, dass und wie dem entgegengesteuert werden kann – und nicht zuletzt, inwiefern ihr dreigliedriger Ansatz dabei eine Hilfe darstellt.

Die Praxistauglichkeit des Ansatzes

Die Argumentation von Nussbaum kann verschiedentlich hinterfragt werden. Etwa scheint die Philosophin mit Blick auf ihre US-amerikanische Perspektive ihrerseits nicht selbstkritisch genug zu sein, wenn sie „das“ religionspolitische System Europas ohne eingehende Prüfung der einzelnen Modelle als schlechter als das US-amerikanische Modell verurteilt. Weiterhin müssten in der Diskussion des Burkaverbots einige der kritisierten Positionen ausführlicher behandelt werden, da ihre Argumente mitunter komplexer sind als dargestellt und nicht so schnell widerlegt werden können.

Einwände dieser Art sprechen jedoch nicht gegen Nussbaums überzeugende Grundthesen zur religiösen Intoleranz. Deren Plausibilität zeigt sich nicht zuletzt mit Blick auf die aktuelle Debatte. Auch hier wird deutlich, wie schnell Angst dazu führen kann, Prinzipien wie den gleichen Respekt der Gewissensfreiheit zu vernachlässigen. Nussbaums Argumentation erinnert uns zum einen daran, unsere eigenen Sorgen einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Angst führt zu einer simplen Gegenüberstellung: hier der ‚Islam’ – dort ‚unsere’ Werte

Nehmen wir das Beispiel der Kölner Silvesternacht: Die sexuellen Gewalttaten sind ohne Zweifel auf das Schärfste zu verurteilen. Allerdings ist es falsch, daraus eine Gegenüberstellung von Islam und Flüchtlingen einerseits und „unseren“ Werten andererseits zu konstruieren. Denn abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Muslime und Muslimas diese Taten selbstverständlich ebenfalls verurteilen, wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass sexuelle Übergriffe auch in Kontexten auftreten, die eng mit den „eigenen“ Traditionen verbunden werden. Man denke an Karneval oder das Oktoberfest. Die Aufgabe von Politik und Gesellschaft besteht darin, sexueller Diskriminierung und Gewalt entgegenzuwirken ohne zugleich anderer Diskriminierung Vorschub zu leisten.

Das Schlüsselkriterium: Empathie

Hilfreich für eine Kultur des Respekts ist zum anderen Nussbaums Aufruf zu Empathie. Je mehr wir uns bemühen, uns in die Situation der Geflüchteten hineinzuversetzen – und das heißt auch, zu verstehen versuchen, wie wichtig ihre religiösen Traditionen für sie sind –, desto schwerer wird es uns fallen, uns in Angst zu verschließen. Neben einer allgemeinen Ausbildung der inneren Augen etwa durch Literatur kommt dabei sicher dem persönlichen Kontakt besondere Bedeutung zu. Nussbaums Buch ermahnt uns, in allen Situationen – auch solchen, die bedrohlich erscheinen wie die aktuelle Flüchtlingskrise – unsere Urteile nicht von Angst leiten zu lassen, sondern selbstkritisch und empathisch zu durchdenken.

Nussbaum, Martha: Die neue religiöse Intoleranz: Ein Ausweg aus der Politik der Angst, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2014 (aus dem Englischen von Nikolaus de Palézieux). (im englischen Original: The New Religious Intolerance. Overcoming the Politics of Fear in an Anxious Age, Cambridge, Mass.: Belknap Press of Harvard University Press 2012).

Cornelia Mügge ist Philosophin und Theologin. Sie ist tätig als Doktorassistentin am Lehrstuhl für Moraltheologie der Universität Freiburg i.Üe.

 

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