Geh hinaus – da kannst Du was erleben! Erfahrungen an einem neuen Ort von Kirche

Pastoralreferentin Susanne Röhner (Bamberg) berichtet von der „Kirchenbank an der Schillerwiese“ – einem inspirierenden pastoralen Experiment, das den Beteiligten zu unverhofften ‚Exerzitien für Hauptamtliche‘ verhalf: Seelsorgerinnen und Seelsorger setzen sich aus!

Ein simples Vorhaben: eine alte Kirchenbank aus dem Depot steht einen Sommer lang am Rande der Schillerwiese, einem zentralen Bestandteil eines Bamberger Stadtparks. Jeden Wochentag sitzt dort am Nachmittag  ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin zum Gespräch und zur Begegnung. Das Team der Seelsorger ist bunt gemischt: es setzt sich zusammen aus Männern und Frauen, evangelischen und katholischen Christen, Klerikern und Laien, Jüngeren und Älteren. Zusammen bilden sie das Gesicht von Kirche im öffentlichen Raum.

Zunächst war es aus der Not geboren: das Projekt „Kirchenbank an der Schillerwiese“ entstand im Rahmen eines Vorgängerprojektes mit dem Titel „Menschen im Gespräch“. Seit 2012 gab es während der Sommermonate in der einzigen Innenstadtkirche Bambergs ein ökumenisches, niederschwelliges Gesprächsangebot. Nachdem 2014 an der Kirche erhebliche Baumängel  festgestellt worden waren, musste der Kirchenraum rasch gesperrt werden und wir als Seelsorgeteam mussten uns überlegen, wie weiter? Überhaupt weiter? Und wenn ja, wo weiter?

Den Kirchenraum verlassen und in den öffentlichen Raum gehen

Schnell entstand die Idee, den Kirchenraum zu verlassen und in den öffentlichen Raum zu gehen, die Menschen treffen! Was wollten wir dort und was haben wir gewonnen? Diesen beiden Fragen will ich hier nachgehen.

Suchen wir eine biblische Grundlage, so dürfte das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl bei Matthäus (Mt 22,1-14) der Klassiker sein. Seit Jahrzehnten beobachten wir einen Rückgang der „geladenen Gäste“, die Zahlen der Gottesdienstbesucher nehmen ab, die  Kirchenaustritte nehmen zu, ebenso wie die Distanzierung der Kirchenmitglieder vom inneren Betrieb. Die Kirche reagiert darauf wenig. Man wundert sich, denn so viel Einfallsreichtum ist eigentlich nicht erforderlich, um die Menschen zu treffen.

Papst Franziskus sieht diese Notwendigkeit deutlich, wenn er in einem Interview mit Sergio Ruben und Francesca Ambrogetti in Bezug auf das Gleichnis vom guten Hirten sagt: „Es ist absolut wichtig, dass die Katholiken – Kleriker wie Laien – die Begegnung mit den Menschen suchen. Einmal sagte mir ein sehr weiser Priester, dass wir uns in einer total anderen Situation befinden, als sie im Gleichnis vom guten Hirten angesprochen wird, der 99 Schafe in seinem Stall hatte und sich aufmachte, das eine vermisste Schaf zu suchen. Wir haben ein Schaf im Stall und 99, die wir nicht suchen. Ich glaube wirklich, dass die Grundoption der Kirchen gegenwärtig nicht ist, Vorschriften zu reduzieren oder ganz abzuschaffen oder dies oder jenes zu erleichtern, sondern auf die Straßen zu gehen, um die Menschen zu suchen, und sie persönlich kennenzulernen. Und das nicht nur, weil es ihre Sendung ist, sondern weil die Kirche selber Schaden nimmt.“[1]

Kirche kommt im Außen zu sich selbst.

Ebenso kann man sich auf die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ beziehen, die die unauflösliche Bezogenheit der Kirche auf die Welt von heute festhält und auf deren Grundlage man heute sinngemäß mit Rainer Bucher[2] sagen kann: die Kirche kommt im Außen zu sich selbst. Wenn sie dort nicht hingeht, verfehlt sie ihr Wesen. Es ist Aufgabe, das Evangelium  in nicht selbstverständlichen Kontexten zu präsentieren.

Unser Ziel war es also, den Binnenraum der Kirche, unser „Hoheitsgebiet“ zu verlassen und damit auch auf eigene Regeln, Riten und Routinen zu verzichten, um den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Das hat in der Konsequenz zur Folge, dass wir Abstand nehmen von einer „Bescheidwisser-Mentalität“ und hören, was die Menschen uns zu sagen haben. Denn sie sind nicht nur Empfänger unserer Wohltaten. Der französische Kardinal Louis-Marie Billet formulierte dies so: „Wir wissen nur zu gut, dass es kein Evangelium gibt ohne Dialog. Wir können nicht alle Antworten geben, bevor wir nicht die Fragen gehört haben. Und wir können nicht nur die Fragen hören, auf die wir eine Antwort haben.“

Es muss sich also ein Paradigmenwechsel vollziehen, damit Begegnung überhaupt erst möglich wird.

Wem sind wir dort begegnet?

Die Kirchenbank erfreute sich guter Auslastung. Das Gros der Menschen, die wir dort trafen, war  kirchlich sozialisiert und blickte mit Wohlwollen, aber aus mittlerer kritischer Distanz auf die Kirche. Oftmals gab es Brüche in den kirchlichen Biographien, die zum Rückzug geführt haben.

Daneben kam es vereinzelt zu Gesprächen mit kirchlich gut Integrierten und auch Menschen, die die Kirche verlassen bzw. nie einer Religionsgemeinschaft angehört haben und die aus sehr großer Distanz auf Kirche blicken.

Man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass die Frage nach Gott eine wesentlich größere Zahl von Menschen beschäftigt als wir Kirchenmitglieder haben. Die Kirchenbank erwies sich als gute „Andock-Möglichkeit“ für eher distanziert Glaubende, die auch den Zweifel kennen oder  keine Heimat gefunden haben innerhalb unserer Gemeindestrukturen. Wenn wir unseren Binnenbereich verlassen und in den öffentlichen Raum gehen, wird es für diese Menschen leichter, ein Bewusstsein von Dazugehörigkeit zu entwickeln. Etwa in dem Sinne: auch wenn ich distanziert bin, gehöre ich doch noch dazu, bin auch ich Kirche, ohne dass ich mich ändern muss, weil ich falsch wäre. Das heißt, der Identifikationsraum wird größer. Gleichzeitig behalten die Passanten einen Freiheitsraum, sie können das Annäherungsverhältnis selber bestimmen. Er und sie bleiben handelndes Subjekt, er entscheidet selber, ob er mit uns spricht, was er erzählt und wie intensiv die Gespräche werden, sie hat das recht, es kurz zu machen, es ist ihre Veranstaltung.

Passantinnen und Passanten bleiben frei, wir müssen sie nicht halten.

Die Passanten bleiben frei und wir müssen sie nicht halten. Weil Gott sie hält. Diese Haltung zu gewinnen war ein befreiender, wesentlicher Lernschritt und ließ das Seelsorgeteam tief durchatmen. Damit deutet sich schon an, wie viel wir als Kirche im öffentlichen Raum gewinnen können.

Was haben  wir erfahren und gelernt ?

Am Ende des Sommers befragte ich alle beteiligten Kolleginnen und Kollegen nach ihren Erfahrungen und Lernschritten, die sie im Zuge des Projektes gemacht hatten. Die interessantesten Ergebnisse möchte ich hier schildern.

Die historische Kirchenbank mitten im Park wurde als Symbol für Kirche und deren ganze, jahrhundertealte Tradition erlebt. Sich als „Diensthabender“ dahin zu setzen, war für uns Hauptamtliche ein Bekenntnis. Das nahmen vermutlich auch Passanten wahr. Darauf deutet die Äußerung eines Mannes hin: „Ich komme hier öfters vorbei, mich interessiert, was hier für Leute sitzen!“ Es ist heute persönliche Begegnung und Bekenntnis gefragt, Erklärungen genügen nicht. Will ich Zeugnis ablegen vom Glauben (Martyria), muss ich in den öffentlichen Raum. Martyria geht nicht in der Kirche oder im Pfarrzentrum!

Wenn wir als Kirche in den öffentlichen Raum gehen, müssen wir persönliche Klärungen vornehmen. Am Beispiel der Kirchenbank: wenn ich mich dort hinsetze, bedarf es verschiedener Klärungen: Warum sitze ich hier? Für wen will ich da sein? Welches Bild habe ich von Kirche? Welches Gottesbild habe ich? Diese Klärungen kommen schon einem Update meiner gesamten Glaubensüberzeugung nahe. Wir als beteiligte Hauptamtliche haben uns verändert durch das Projekt.

Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist es sicher, bei den Menschen zu sein. Eine beteiligte Kollegin formulierte ihren Gewinn durch das Projekt für sich so: Für mich war die Kirchenbank ein Lichtblick, weil mir bewusst wurde, dass es ganz viele Formen gibt, wie die Kirche bei den Menschen sein kann, die wir noch gar nicht entdeckt haben. Das ist ein starkes Plädoyer für das Experiment in der Pastoral.

Wir gingen mit leeren Händen.

Der oben erwähnte Paradigmenwechsel von der Einladung in den  Binnenraum der Kirche hin zum Hinausgehen in den öffentlichen Raum wurde durch ein weiteres, wesentliches Moment des Projektes verstärkt: das war die Überzeugung, dass wir an diesen Ort im öffentlichen Raum nichts hinbringen. Wir gingen mit leeren Händen, was durchaus eine gewisse innere Unsicherheit für die beteiligten Kolleginnen und Kollegen bedeutete. Es war auch ein Wagnis, denn wir wussten nicht, was dort geschehen wird und konnten uns die Menschen nicht aussuchen, denen wir dort begegneten.

Abschließend kann man – bei aller Bescheidenheit – sagen, dass das Projekt „Kirchenbank an der Schillerwiese“ auf viele Beteiligte befreiend und ermutigend gewirkt hat und das Seelsorgeteam, das wirklich bunt gemischt war, zusammenwachsen ließ. Für mich persönlich kann ich formulieren, dass ich das Betreten pastoralen Neulands herausfordend und absolut faszinierend erlebt habe.

Geh hinaus – da kannst Du was erleben!


Susanne Röhner

[1]  Papst Franziskus, Mein Leben, mein Weg, El Jesuita, hrsg. Von Sergio Ruben und Francesca Ambrogetti, Herder Freiburg/Br. 2010, S.84

[2] Sinngemäß nach Rainer Bucher, Die Gemeinde nach dem Scheitern der Gemeindetheologie, in Georg Ritzer (Hg), Mit Euch bin ich Mensch, Tyrolia-Verlag Innsbruck-Wien 2008, 19-46

Bildquelle: http://www.bamberger-onlinezeitung.de/2016/05/06/platz-nehmen-und-ueber-gott-und-die-welt-reden/

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