«Indem die Kirche die Welt sucht, findet sie sich selbst». Die Bedeutung der Zeichen der Zeit für pastorale Planung und Pfarreientwicklung

Wer von den «Zeichen der Zeit» spricht, drückt die Überzeugung aus, dass Gott sich auch heute noch offenbart. Und morgen. Daniel Kosch über die pastoralen Konsequenzen dieses Glaubensverständnisses.

Dass es für die Kirche überlebenswichtig ist, die «Zeichen der Zeit» zu erkennen, kann man häufig hören und lesen. Der Begriff wird dabei oft so  verwendet wie wenn im Wirtschaftsteil einer Zeitung zu lesen ist, ein Unternehmen habe die Zeichen der Zeit zu spät erkannt und sei Konkurs gegangen.

Das Zweite Vatikanische Konzil, das programmatisch erklärt hat, die Kirche habe «zur Erfüllung ihres Auftrages … allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen» (GS 4), verwendet den Ausdruck jedoch nicht in diesem alltagssprachlichen Sinn, sondern als Begriff mit weitreichenden theologischen Implikationen. Hinter der Forderung, «in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen der Menschen … zu unterscheiden, was wahre Zeichen der Gegenwart und Absicht Gottes sind» (GS 11), steht nichts weniger als die Überzeugung, dass Gott heute durch die Welt und die Menschen zur Kirche spricht. Diese kann seine verborgene Präsenz nur entdecken und bezeugen, wenn sie «in den vielfältigen Ereignissen des Lebens sorgfältig nach den Zeichen des Willens Gottes sowie nach dem Lockruf seiner Gnade» (PO 18) sucht.

Was das für pastorale Planung und Entwicklung bedeutet, möchte ich in sechs Gedankenschritten skizzieren:

  1. Gott spricht heute 1

Für das Konzil ist der Ausdruck «Zeichen der Zeit» also ein Offenbarungsbegriff. Gott spricht nicht nur durch sein biblisches Wort, sondern auch durch die Menschen und die Erfahrungen, die sie in der Welt machen. Und er sprach nicht nur vor zweitausend Jahren, sondern «Gott spricht heute» (68). Ein Kirchenlied sagt es so: «Heute wird getan/ oder auch vertan/ worauf es ankommt/ wenn er kommt.»

Das Glaubensverständnis, das hinter diesem Verständnis der «Zeichen der Zeit» steht, möchte ich mit Dietrich Bonhoeffer als «tiefe Diesseitigkeit»2 bezeichnen: Es geht nicht um eine banale, oberflächliche Weltlichkeit, sondern um ein «Eingehen in die Tiefe alles Wirklichen»3, das um die Kostbarkeit wie um die Verletzlichkeit und Gefährdung des Lebens weiss.

  1. Erkennen der Zeichen der Zeit als Kernkompetenz verstehen

Daraus folgt, dass das Erkennen der Zeichen der Zeit eine Kernkompetenz der Kirche ist. Die Menschen zu befähigen, «in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen … zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Präsenz oder der Absicht Gottes sind» (GS 11), ist eine Schlüsselaufgabe der Pastoral. Dabei könnte folgende Frage wegleitend sein: «Wo machen wir in der Konfrontation mit der Welt von heute existenzielle Erfahrungen, aus denen wir verändert hervorgehen: freier, wahrhaftiger, aufmerksamer, solidarischer, verletzlicher, hoffnungsvoller, friedensfähiger …?»4

Unsere Antworten auf diese Frage entscheiden letztlich darüber, ob wir die Gegenwart Gottes im Jetzt erkennen, ob es zur Begegnung oder zur «Vergegnung» (Martin Buber) mit Gott kommt, ob wir die Chance packen, den Schatz im Acker unseres Lebens zu finden oder ob wir diese Chance verpassen (vgl. Mt 13,44).

  1. Orte der Präsenz Gottes von Orten ihrer Verdunkelung unterscheiden

Freilich ist nicht alles und jedes ein «Zeichen der Zeit». Um als solches zu gelten, muss ein Ereignis oder eine Entwicklung eine kollektive und nachhaltige, nicht nur eine persönliche und momentane Relevanz haben. In einer Zeit, die viele Ereignisse als «historisch» feiert, und sie schon wenige Tage später wieder vergisst oder verdrängt, gilt es sorgfältig zu prüfen, was wirklich bedeutsam ist und nachhaltig prägt.

Zudem gilt es, sich der Ambivalenz der Signale bewusst zu sein. Es gibt – in der Welt und in der Kirche – nicht nur Orte der Offenbarung, sondern auch Orte der Verdunkelung, welche die Präsenz Gottes «eher verhüllen als offenbaren» (GS 19) (76). Manches, was Frieden, Wohlergehen oder Freiheit verspricht, erweist sich in Wirklichkeit als gefährlich und zerstörerisch. Die Kirche ist nicht davor gefeit, die «Zeichen der Zeit» fundamental zu verkennen.

Vor allem aber ist zu bedenken, dass es sich bei vielem, was sich als «Zeichen der Zeit» verstehen lässt, «um eine gemischte Wirklicheit von guten und schlechten Zeichen (handelt), die keine harmonische Polyphonie, sondern vielmehr eine kontrapunktische Dissonanz bilden» (76).

Drei Stichworte müssen genügen um anzudeuten, worum es geht:

  • Medizinisch-technisch ist immer mehr machbar und beherrschbar. Was ist an dieser Entwicklung lebensdienlich, und wo geht es de facto um Allmachtsphantasien oder Verdrängung unserer Endlichkeit?
  • Es klingt gut, als «Zeichen der Zeit» zu würdigen, dass Migration unsere Gesellschaft bereichert und die Kirche bunter macht. Sind wir uns dabei ausreichend bewusst, dass unsere Wirtschafts- und Klimapolitik  diese Migrationsströme mit-verursacht? Sehen wir deutlich genug, dass katholische Migrantinnen und Migranten in ihrem Glauben Geborgenheit und Entlastung vom Migrationsstress suchen, wenn wir fordern, dass sie unsere Pfarreien bereichern statt ein eigenes kirchliches Gemeinschaftsleben zu pflegen?
  • Priester- und Seelsorgermangel: Inwiefern ist er ein «Zeichen der Zeit», ein «Einschlagpunkt der Gnade» (M.-D. Chenu) (73)? Hat mit dieser Entwicklung die «Stunde der Laien» (L. Karrer) geschlagen? Oder ist es ein Weckruf, bei der Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation andere Wege zu suchen?

Was für die Lektüre der Bibel gilt, gilt auch für die Lektüre der Zeichen der Zeit: Es braucht Zeit, Information, Austausch und Reflexion, um in die Tiefe zu kommen und in ihnen mehr wiederzufinden als nur die eigenen fünf Lieblingsideen.

  1. Lebensdienliche Ressourcen entdecken

Wenn wir in die Realitäten unserer Zeit eindringen und uns dabei in die Tiefe wagen, besteht die Gefahr, dass wir primär das Schwierige,  Bedrohliche und Schuldhafte sehen. Die Frage nach den «Zeichen der Zeit» wird dann zur defizitorientierten und kulturpessimistischen Analyse der «Unheilssituation».

Ganz bewusst spricht das Konzil jedoch zuerst von «Freude und Hoffnung» und erst dann von «Trauer und Angst» (77). Das kirchliche Umfeld ist nicht «feindliche Welt», sondern «Gottes geliebte Schöpfung» (vgl. Gen 1-2 und Joh 3,16), jeder Mensch Ebenbild Gottes. Marie-Dominique Chenu spricht von einer «leidenschaftlichen und warmherzigen Zuneigung» zu den Realitäten (78), was treffend beschreibt, wie Jesus der Welt und den Menschen begegnete. Und Michel Foucault sagt: «Ihr habt nicht das Recht, die Gegenwart zu verachten» (78). Das trifft auch die Intention von Papst Johannes XXIII., der vor den «Unglückspropheten» warnte, die «in der jüngsten Vergangenheit bis zur Gegenwart … nur Missstände und Fehlentwicklungen zur Kenntnis nehmen».5

Mit einem trotz aller Schwierigkeiten von der Liebe zur Welt geprägten Blick gelingt es auch besser, Verbündete zu finden. «Es gilt, den Horizont der eigenen Gegenwart nach messianischen Signalen abzusuchen, die zu Koalitionen mit säkularen Bewegungen herausfordern, in denen die Hoffnungen des Evangeliums auf bisweilen anonyme Weise gelebt werden. … Daraus ergibt sich eine ‚Komplizenschaft geteilter Hoffnungen’, die sich von den Signalen Gottes herauslocken lässt, dessen zuvorkommende Gnade auch ausserhalb der Kirchenmauern wirkt» (77).

  1. Kirche auf den Gott Jesu und auf das Diesseits hin dezentrieren

Indem die Kirche nach den Zeichen der Zeit fragt, richtet sie den Blick auf die Welt. Und in ihrem Blick auf die Welt fragt sie nach Gott. Sie hält sich nicht für den Mittelpunkt, sondern dezentriert sich – hin auf den Gott Jesu und auf das Diesseits als Ort seiner Präsenz. Sie ist für die Menschen da. Wichtiger als die eigenen Probleme ist ihr, daran «mitzuwirken, dass eine Lösung für die wichtigsten Fragen unserer Zeit gefunden wird» (GS 10). Die Kirche richtet den Fokus darauf, «dem Menschen den Sinn seiner eigenen Existenz zu erschliessen» (GS 41) und nicht primär darauf, sich zum Lebensmittelpunkt jedes Menschen zu machen.

Das Erkennen der Zeichen der Zeit zielt nicht darauf ab, die Erfolgschancen der Kirche zu erhöhen. Denn eine Kirche, die sich an den Zeichen der Zeit orientiert, ist weder für ihre Mitglieder noch für ihr Umfeld bequem. Sie wird gewohnte Sichtweisen und Lebensmuster in Frage stellen und damit auf den Spuren Jesu für Unruhe und Widerspruch sorgen.

  1. Pastorales Planen als Ernstfall des Glaubens gestalten

Die Beschäftigung mit den «Zeichen der Zeit» in pastoralen Veränderungsprojekten wird oft als gewissermassen theologiefreie Vorbereitungsarbeit aufgefasst, die noch nicht zum «Eigentlichen» gehört. Man meint, der Ernstfall des Glaubens beginne erst mit der «Umsetzung». Entsprechend stehen kirchliches Management und Projekte, die der Frage nach den Zeichen der Zeit einen hohen Stellenwert einräumen, oft im Verdacht nicht genügend «spirituell» zu sein und bloss dem Zeitgeist zu huldigen. Aus der Theologie der Zeichen der Zeit ergibt sich jedoch eine andere Sicht: Der Ernstfall des Glaubens beginnt für eine «pastorale Suchgemeinschaft» (75) bereits mit dem Erkennen dieser Zeichen, mit der Auseinandersetzung mit der Welt, in der sie lebt. Es gibt kein «theologiefreies» Kirchenmanagement und soll auch kein solches geben.

Damit schliesst sich der Kreis. Denn diese der «tiefen Diesseitigkeit» Bonhoeffers verpflichtete Sicht pastoraler Projekte und Prozesse ist getragen von der Grundüberzeugung mit der ich begonnen habe: Gott spricht heute – durch die Zeichen der Zeit. Nicht nur biblische Texte und kirchliche Dogmen, sondern auch «Menschen sind die Worte, mit denen Gott seine Geschichten erzählt» (Edward Schillebeeckx) (79).

Daniel Kosch, Dr. theol., ist Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz.
Grafik: Daniel Kosch

  1.  Entscheidende Impulse verdanke ich dem Beitrag von Christian Bauer, Zeichen der Präsenz Gottes? Gaudium et Spes als zweite Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanums, in: Zeitschrift für Katholische Theologie 136 (2014) 64-79. Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf diesen Artikel. Der Titel ist ein Zitat von M.-D. Chenu, zitiert nach Bauer 78.
  2. Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft (DBW 8), München 1998, 541.
  3. Tiemo Rainer Peters, Entleerte Geheimnisse. Die Kostbarkeit des christlichen Glaubens, Ostfildern 2017, 67.
  4. Bauer 68 verweist auf die «genial einfache» Definition Michel Foucaults: «Eine Erfahrung ist etwas, woraus ich verändert hervorgehe.»
  5. Vgl. L. Kaufmann/N. Klein, Johannes XXIII. Prophetie im Vermächtnis, Freiburg-Brig 1990, 125.
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