Welchen Tod betrauern wir? Welches Leben suchen wir? Kritische Interventionen zur Trauer- und Lebensethik

In einer von Fanatismus und Populismus aufgewühlten Welt stellt Michaela Neulinger mithilfe aktueller Diskurse die Frage nach Leben und Tod.

Bis in die letzten Löcher werden wir sie verfolgen, vernichten, töten. Spätestens seit 9/11 wird der „war against terrorism“ mit aller Härte geführt, an den Fronten im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika und Asien, aber auch in Europa und Amerika. Wer zwischen den USA, Pakistan, der Türkei, Europa, Syrien und Russland als „Terrorist“ eingeordnet wird, wessen Tod als (nicht) beklagenswert gilt, wer, wie und wo (nicht) erinnert und betrauert wird, ist dabei höchst ambivalent. Welchen Tod wir beklagen und welches Leben wir aus welchen Gründen suchen ist auch Kriterien von Macht und Sprache, politischen und persönlichen Interessen unterworfen.

Die Entscheidung, wer der Trauer würdig ist und damit als Mensch anerkannt ist, welches Leben gesucht und geschützt werden muss, ist eine Machtfrage, wie insbesondere Judith Butler in Precarious Life[1] herausarbeitet. Warum wird der Tod eines Elvis Presley auch noch Jahrzehnte später betrauert, während der Tod Tausender im Mittelmeer kaum noch bewegt. Warum heißt es „Je suis Charlie!”, nicht jedoch „Je suis Garissa“[2]? Warum schockiert uns der Anschlag auf Borussia Dortmund und ignorieren wir den Terror der ash-Shabab-Milizen in Somalia? Insbesondere der öffentliche Diskurs hat entscheidenden Einfluss darauf, wie und warum Menschen trauern, den Tod beklagen oder Leben schützen. Und dieser ist wesentlich beeinflusst von politischer und medialer Hand. Wer wird zu welchem Zweck repräsentiert? Welche Sprache, welche Bilder, welche Werte werden abgerufen? Wer wird noch oder schon als Mensch identifiziert? Wo wird Leben als Leben wahrgenommen, als schützenswert beurteilt? Dies sind Fragen von Macht und Sprache.

Diskurssteuerung durch gezieltes Framing

Seit einigen Monaten macht die Linguistin Elisabeth Wehling mit ihren Analysen zum politischen Framing in Europa Furore. Framing ist bereits seit Jahrzehnten als gezielte Methode zur Diskurssteuerung im NLP (Neurolingustisches Programmieren) bekannt. Gezielt eingesetzte kognitive Deutungsrahmen können über die Dauer bestimmte Werthaltungen festsetzen und entsprechende politische Handlungsmuster verfestigen. Ein klassisches Beispiel ist die „Klimaerwärmung“ – ein durchaus bedrohlicheres Szenario als der „Klimawandel“, der eben alle Zeiten einmal eintritt und völlig „natürlich“ ist. Wer spricht heute noch von Klimaerwärmung? Der Klimawandel hat sich durchgesetzt. Insbesondere konservative und rechtspopulistische Kräfte haben über Jahre und Jahrzehnte am Aufbau gezielter Frames gewirkt, wie George Lakoff und Elisabeth Wehling herausgearbeitet haben. Wehling[3] versteht sich nun als Vertreterin einer progressiv-liberalen Wissenschaft, die eben solche politische Positionen in Abgrenzung von um sich greifenden rechtspopulistischen Kräften unterstützen möchte.

Auch Wehling geht in einem ihrer Framing-Beispiele der Frage nach, wann Leben als Leben identifiziert wird. Unter dem Titel „Erlaubt, aber nicht vergönnt“[4] analysiert sie Deutungsrahmen in Diskursen um Schwangerschaft und Abtreibung. Wenn Wehling völlig zu Recht die problematischen Frames in einem von Kapitalismus und Populismus geprägten politischen System kritisiert, so gilt es auch ihre selbst entworfenen Frames kritisch anzufragen. Auf Seiten von radikalen Abtreibungsgegnern wie -befürwortern wird mitunter mit höchst fragwürdigen Mitteln gekämpft. Aber der von Wehling als Alternative zu „Abtreibung als Tötung/Mord“ angeboten Frame ist höchst fragwürdig und beruht darüber hinaus auf zumindest für die österreichische Gesetzeslage falschen Annahmen. Die österreichische Fristenlösung stellt Abtreibung bis zur 12. Woche straffrei, aber sie ist nicht legal, wie Wehling behauptet. Darauf basiert allerdings u.a. ihr Argument für einen Alternativframe: „Abtreibung wird im gesetzten Zeitraum von 12 Wochen ausdrücklich als kein Strafdelikt definiert, so haben wir es als Gesellschaft beschlossen und gesetzlich festgelegt. Diese gesetzliche Wertentscheidung verkörpert unsere mehrheitliche Weltsicht zu dem Thema.“[5] Man könnte doch auch erst ab der 12. Woche von Schwangerschaft sprechen, nach dem „Nicht-Eingriff in die Zellentwicklung“ und der Entscheidung, schwanger zu sein und menschliches Leben in sich zu tragen (ebd., 145).

Nicht frei von Sprach- und Machtspielen

Damit bestätigt Wehling auf dramatische Weise Judith Butlers Analysen – und zeigt zugleich die höchst problematischen Konsequenzen einer Politik auf, die sich im freien Spiel der Deutungsrahmen übt. Wer als Mensch und damit beklagenswert (und in weiterer Folge schützenswert) gilt, wo Leben als Leben identifiziert wird, ist nicht frei von Sprach- und Machtspielen, die je nach politischer Opportunität ausgetragen werden. Wenn wir um Charlie trauern und Garissa ignorieren, wenn wir auf Erden von „abgebrochener Zellentwicklung“ an Stelle von Leben sprechen und zugleich auf Saturnmonden, Mars und Kometen nach kleinsten molekularen Spuren suchen, die wir als Leben identifizieren, wenn wir an eingekerkerte Journalisten in der Türkei erinnert werden und den hunderten anderen unter ähnlichen Vorwürfen Inhaftierten nichts hören…

Weder eine Rückkehr in metaphysischen Absolutismus, noch der radikale Konstruktivismus sind gangbare Wege einer Politik und Wissenschaft, die dem Wohl aller dienen wollen. Eine vorschnelle Fixierung auf „den Menschen“, „die Humanität“, „das Leben“ führt in einen Exklusivismus, der bestimmte Formen des Lebens und Menschseins ausschließt von Trauer und der Norm „Mensch“. Mensch ist dann nur zu leicht, wer von den herrschenden, vorgeblich Unverwundbaren als solcher anerkannt wird. „Leben“ ist, was von den Herrschenden als Leben identifiziert wird – wie es Wehling durchaus zu erkennen vermag, aber nicht kritisch auf ihren eigenen Alternativframe anwendet. Wer von „abgebrochener Zellentwicklung“ spricht, muss früher oder später auch von „beendeter“, „verlangsamter“, „gestörter“ Zellentwicklung sprechen. Ist dann ab 50 Jahren also Schluss mit Leben (während wir fleißig Leben in Form von Mikroben auf dem Mars suchen…)?

Strukturen hinterfragen, Machtspiele aufdecken

Welchen Tod wir betrauern und welches Leben wir suchen sind Fragen, denen es sich aus ethischer, philosophischer und vor allem politischer Perspektive intensiv zu stellen gilt. Wie können ethische Begründungen heute erfolgen? Wie können politische Handlungsoptionen rational ausgelotet und verantwortet werden, wenn jede Sprachform stets geprägt ist von Wertungen, die nicht immer offengelegt oder auch bewusst verschleiert werden? Wenn auch die vermeintlich objektive Wissenschaft von diesen Sprach- und Machtspielen geprägt ist? Um diese Fragen diskutieren zu können, braucht es eine neue öffentliche politische wie wissenschaftliche Kultur, die Widerstreit erträgt, sich auch selbst immer wieder anfragen lässt und sich gerade darin als pluralitätsfähig und gewaltfrei erweist.[6] Gerade die Geisteswissenschaften – inklusive der Theologie – haben hier einen wichtigen Beitrag zu leisten, indem sie Strukturen hinterfragen, Machtspiele aufdecken und immer wieder nachbohren: Welcher Tod? Welches Leben? In welchem Namen?

Michaela Neulinger

[1] Vgl. J. Butler, Precarious Life. The Powers of Mourning and Violence. London 2004.

[2] Vgl. A. E. Orobator, „Je suis  Garissa“ – the unheard cry, in: The Tablet (11.4.2015), 6–7. Beim Angriff islamistischer Terroristen auf die Universität von Garissa in Kenia am 2. April 2015 wurden gezielt zahlreiche christliche Studierende grausam ermordet. Das Medienecho blieb im Vergleich zu Anschlägen im so genannten Westen mit weitaus weniger Opfern beschränkt.

[3] Vgl. Elisabeth Wehling, Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln 2016.

[4] Vgl. ebd., 141–153.

[5] Vgl. ebd., 153.

[6] Angela McRobbie spricht von einer „public culture of dissent“. Vgl. A. McRobbie, Vulnerability, Violence and (Cosmopolitan) Ethics: Butler’s Precarious Life. In: The British Journal of Sociology 57 (2006), 69–86, hier 85.

Bildquelle: www.arbeits-abc.de

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