1945: Nach dem Krieg war einmal nicht vor dem Krieg.

Die Kräfte, die 1939 den Krieg betrieben hatten, sollten keine Macht mehr bekommen. Was einem nicht ganz Nachgeborenen angesichts des Kriegsanfangs vor 80 Jahren durch den Kopf geht. Von Ottmar Fuchs.

1    An der Kante

Zu meinem Geburtsdatum habe ich ein besonderes Verhältnis. Wo ich geboren wurde, in Buch, nahe dem fränkischen Höchstadt an der Aisch, war am 6. Mai 1945 schon Frieden. Die Amerikaner waren gerade durch das Dorf gezogen und hatten es eingenommen. Von daher gesehen bin ich eigentlich ein ganz frühes Friedenskind, nicht mehr ein Kriegskind.

Auf der anderen Seite, wenn ich bedenke, wann ich entstanden bin, dann bin ich ein Kriegskind. Denn das war der Heimaturlaub, heim vom Feld, meines Vaters im August 1944. In diesem Monat haben meine Eltern geheiratet. Mein Vater musste dann wieder in den Krieg, war an verschiedenen Fronten, und es war schon auch ein Wunder, dass er zurückgekommen ist, viele Monate nach meiner Geburt.

Ich habe auch etwas in mir von diesen Ängsten, die meine Mutter während der Schwangerschaft (meine Mutter war in dieser Zeit als „Dienstmädchen“ bei einer Gymnasialprofessorenfamilie in Erlangen „in Stellung“) gehabt hat in Bezug auf den Krieg und sein Ende, auf die Bombengefahren und was dann sein wird, wenn die Amerikaner kommen, was für Menschen es sein werden. So liegt mein Geburtsdatum gewissermaßen an der Grenze, an der Kante, im Übergang.

Es war doch manches, was mir geblieben ist.

Wenn ich in die Kindheit hineinschaue, dann habe ich das rückwärtige Gefühl, als hätte ich schon Angst gehabt. Angst vor den Stärkeren, Angst vor dem Hunger, so sehr, dass mich die Kindergartenschwester daran hindern musste, Sand zu essen. Und ich kann mich auch gut an die Löcher in der Wand über meinem Bett erinnern, aus denen ich den Kalk herausgepuhlt habe. Das war in Erlangen, wo ich aufgewachsen bin, und die ersten Jahre nach dem Krieg waren in den Städten wirklich schlimm.

Ab 1949 ging es dann aufwärts. Aber es war doch manches, was mir geblieben ist, zum Beispiel: Ich kann bis heute keinen Teller ungeleert stehen lassen. Was ich in manchen Filmen sehe oder auch in den Vereinigten Staaten erlebt habe, dass dort halbe Teller voll in den Abfalleimer geworfen werden, das finde ich unerträglich. Und: Wie toll war es, wenn ich als Kind etwas umsonst bekommen habe. Das steckt immer noch in mir, und ich freue mich auch heute noch, wenn es etwas umsonst gibt, nicht aus Geiz, denn ich lade auch gerne ein, sondern als eine mir eingeprägte unmittelbare Bauchreaktion. .

Mir kommen verschiedene Bilder: Luftschutzzeichen an den Hauswänden, die man bis in die 60er Jahre hinein noch wahrnehmen konnte. Die amerikanischen Soldaten, die auf dem Weg von ihrer Kaserne zu den von ihnen bevorzugten Gaststätten und Kneipen durch die Luitpoldstraße gehen mussten, wo wir eine Einzimmerwohnung mit Küche hatten, mit Plumpsklo am Ende des anschließenden Außengangs im ersten Stock. Sie hatten Urlaub bis zum Wecken, und das hat man auch bis zum Wecken gehört.

2    Nicht nur Abgrund der anderen

Als Kind habe ich also nur die Nachkriegszeit am eigenen Körper erlebt. Was diese Kriegszeit selbst gewesen ist, das ist mir erst später deutlich geworden – aber noch als Kind, und zwar in der Erlanger Stadtbibliothek. Wir hatten zuhause kein Buch. Und daran, ein Buch zu kaufen, war gar nicht zu denken. Wir hatten das katholische Gesangbuch zuhause. Das war völlig ausreichend.

So war ich als Kind ständig in der Kinder- und Jugendbücherei. Da bin ich dann einmal unerlaubterweise hinüber in die Erwachsenenbibliothek und habe mir die historischen Bücher angeschaut. (Ich denke, ich war ungefähr zehn Jahre oder sogar noch jünger, ich weiß es nicht mehr genau): Bildbände über den Zweiten Weltkrieg. Alles schwarz-weiß und darunter auch einen Band über die Shoah, über die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Ich kann mich gut daran erinnern, dass das für mich ein wirklicher Schock war, mir schier zum Trauma wurde: Die Unfassbarkeit dieses Geschehens, die Unerträglichkeit, das ist mir damals in die Glieder gefahren und das ist mir auch geblieben. Ich brachte die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Die Vitalität, die später das Thema „Theologie nach Auschwitz“ bei mir gewonnen hat, hat etwas mit dieser ersten Erfahrung zu tun.

Das Stichwort der Traumatisierung ist eindeutig eine nachträgliche Interpretation und sicher ein zu starkes Wort, wenn ich an wirklich traumatisierte Menschen, etwa durch Folter oder Vergewaltigung, denke. Es soll nur benennen, dass ich da etwas in der Erinnerung habe, das mich erschüttert hat und was ich unerlaubterweise wahrnahm, und dass das Unerlaubte dann auch noch so etwas Schlimmes war. Diese Kombination ist ja nie thematisiert worden in der damaligen Zeit in Deutschland, nämlich sich die damals unerlaubte Freiheit zu nehmen, die unmittelbare Vergangenheit als etwas ganz Schlimmes, nicht nur für die Deutschen, sondern als etwas unermesslich noch viel Schlimmeres für die „Anderen“ in den Blick zu nehmen. Mein Vater erzählte nie über den Krieg, und über das „Andere“ sprachen wir schon gar nicht.

Ich erschrecke vor den Möglichkeiten.

Ich möchte noch etwas Gefährliches dazu sagen: Es ist beides, nicht nur das Erschrecken vor dem Grauen. Es war auch eine Art von Erleben von Faszination. Ich habe mir in Bezug auf diese Vergangenheit nie eingebildet, dass ich in dieser Vergangenheit hätte anders sein können als die, die ich jetzt als Täter bezeichne. Das ist noch mal das Verrückte dabei, dass es entsetzt und auch hintergründig gerade in Verbindung mit der Unerlaubtheit auch etwas Faszinierendes hatte. Ich erschrecke vor den Möglichkeiten, die ich womöglich ergriffen hätte, wenn ich im Nationalsozialismus groß geworden wäre.

Für die Theologie heißt das, dass auch die Frage der Potentialität von Bedeutung ist, also der Möglichkeit des Bösen, wenn wir in anderen Zusammenhängen aufgewachsen wären. Gott ist nicht nur die Summe aller wirklichen, sondern auch aller möglichen Wirklichkeit. Eine Arroganz der „Guten“ ist nicht angebracht. Aus dieser prinzipiellen Möglichkeit, böse zu sein, ist mir auch klar, warum Martin Luther darauf besteht: dass wir Sünder und Sünderinnen sind. Und zwar nicht nur in dem, was faktisch abläuft, sondern in dem, was an Abgrund im Menschen lauert.[1]

Diesen möglichen Abgrund haben nach dem Krieg viele Menschen gesehen und befürchtet und haben je auf ihre Weise alles getan, um den Krieg nach dem Krieg zu verhindern: viele Menschen in der Politik (vor allem mit dem deutschen Grundgesetz und in der deutsch-französischen Freundschaft), in der Literatur und Poesie, in neuen kritischen Philosophien, und auch in den Kirchen.

Ottmar Fuchs ist emeritierter Professor für Praktische Theologie in Tübingen.

Morgen setzt Ottmar Fuchs seine Reflexionen zum Kriegsbeginn vor 80 Jahren mit einer Betrachtung des katholischen Dichters Reinhold Schneider fort.

Photo: Rainer Bucher (Autobahnkirche Medenbach)


 

[1] Vgl. O. Fuchs, Schuldbewusstsein als praktisch-hermeneutische Kategorie zwischen Geschichte und Verantwortung, in: R. Bendel (Hg.), Die katholische Schuld? Katholizismus im Dritten Reich – Zwischen Arrangement und Widerstand, Münster 2002, 274-307; ders., Leidempfindlich, schuldsensibel und sühnebereit. Elemente einer Pastoraltheologie nach Auschwitz, in: L. Scherzberg (Hg.), Theologie und Vergangenheitsbewältigung, Paderborn 2005, 196-223.

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