Drei Männer, eine Versuchung – und die Frage, an was wir glauben

Ein gutes und gesegnetes Neues Jahr wünschen die Redakteurinnen und Redakteure von feinschwarz.net allen Leserinnen und Lesern!

Es ist an diesem Silvester besonders angebracht, ein „Gutes Neues Jahr“ zu wünschen. Denn vieles spricht dafür, dass 2017 weltpolitisch kein so arg gutes Jahr werden wird. Aber es öffnen sich auch Türen. Von Rainer Bucher

Die drei mächtigsten Männer der Welt werden am 20. Januar 2017 ein ehemaliger KGB-Offzier, ein amerikanischer Hyper-Kapitalist und ein „kommunistischer“ Politikfunktionär sein. Der eine hat sich seiner alten tschekistischen Destabilisierungstechniken erinnert und sie gegen die Ukraine in ihrer altbekannten, gegenüber dem Westen in modernisierter digitaler Form eingesetzt. Der andere gedenkt die hegemoniale Großmacht dieser Welt offenkundig nach der Logik eines aggressiven Großkonzerns zu führen, der dritte aber schreitet energisch voran beim Beweis, dass Kapitalismus und liberale Demokratie mit Hilfe einer repressiv-paternalistischen Einparteienherrschaft auf Dauer erfolgreich entkoppelt werden können.

Die Versuchung: die Vorteile der kapitalistischen Dynamisierung genießen zu können, ohne deren Kosten bezahlen zu müssen.

Putin, Trump und Xi Jinping repräsentieren die große Versuchung des Jahres 2017: Putins illiberale kapitalistische Demokratie, Trumps Demokratie als Kapitalismus und Xi Jinpings Kapitalismus ohne Demokratie versprechen die Vorteile der kapitalistischen Dynamisierung genießen zu können, ohne deren Kosten bezahlen zu müssen. Es sind vor allem spezifische kulturelle Verunsicherungserfahrungen, die man vermeiden möchte, nicht zuletzt übrigens jene, welche die Auflösung der alten patriarchalen Geschlechterordnung produziert. Und es geht darum, die ethischen Anforderungen von Gerechtigkeit zu umgehen. Diese drei Männer missachten daher offensiv das Gemeinwohl einer globalisierten Zivilisation, und genau dafür finden sie den Beifall bei sich zu Hause.

Ausgerechnet das alte Europa, das selbst von Papst Franziskus als „Großmutter, die nicht mehr fruchtbar und dynamisch“ sei, charakterisiert wurde und in seinem Bürokratismus wie in seinen überkomplexen Abstimmungsmechanismen tatsächlich an das untergegangene Alte Deutsche Reich erinnert, ausgerechnet dieses alte Europa, geführt übrigens von einer Frau, erscheint da noch als der letzte Hort der normativen Aufladung der Demokratie mit Freiheits- und Menschenrechten, ja letztlich sogar mit einer geläuterten Version der alten Aufklärungs- und Fortschrittsidee.

Gegenstrategien

Was können Christen und Christinnen in dieser Lage tun? Frühere Phasen mit ähnlichen Versuchungen, geprägt also von politischen Versprechen, die mit Sehnsüchten spielen, aber nie und nimmer eingehalten werden, legen drei Gegenstrategien nahe: eine politische, eine intellektuelle und eine geistliche.

Allen Ausgrenzungen wehren

Die Option für die Menschenrechte jedes und jeder einzelnen wird an den Rändern des Gemeinwesens entschieden, dort, wo sozial, religiös oder wie auch immer Marginalisierte schließlich ganz aus dem  „Wir“ ausgeschlossen werden, begrifflich oder rechtlich oder sozial. Für diese vom Ausschluss Bedrohten sich einzusetzen, ist nicht nur christliche Pflicht, sondern auch Kampf um die eigene Freiheit. Denn wenn Ausschlussprozesse erst einmal eingesetzt haben, ist es beliebig, bei wem sie stoppen und wen sie treffen. Hier gilt wirklich: Wer den Anfängen nicht wehrt, gefährdet sich selbst.

Versuchungen als nicht-haltbare Versprechen aufdecken

Die mühsame Politik des Kompromisses, der Balancen und der eingehaltenen Gesetze, vor allem aber der Orientierung am Gemeinwohl einer globalisierten Zivilisation entwickelt selten Zauber und Faszination. Denn sie verspricht eher weniger als sie hält. Versuchungen versprechen immer viel mehr, aber eben auch mehr als sie halten. Um Versuchungen als solche zu erkennen, braucht es die Fähigkeit zur desillusionierenden, differenzierenden Einsicht und die Disziplin, diesen Einsichten und nicht den eigenen Sehnsüchten nach schneller Problemlösung oder Kränkungslinderung zu folgen. Notwendig sind also klassisch intellektuelle Tugenden.

Das Leben: ein Tanz in den Armen von Gottes Gnade

Der Kapitalismus ist die „gewinnorientierte(.) Verwaltung der Welt“[1], das Christentum die Aufforderung zum Tanz in den Armen von Gottes Gnade (Madleine Delbrêl). Trump, Putin, Xi Jinping: Sie verkörpern in je eigener Weise aber jeweils lupenrein die gewinnorientierte Verwaltung der Welt. Ein größerer Gegensatz zum Tanz in den Armen der Gnade Gottes ist kaum denkbar.

An was glauben wir? Das ist die Frage dieses Jahreswechsels. Sie ist hart, aber öffnet eine Tür.

[1] J.-L. Nancy, Dekonstruktion des Christentums, Zürich-Berlin 2008, 239.

Rainer Bucher  ist Professor für Pastoraltheologie in Graz und Mitglied der feinschwarz-Redaktion.

Photo: Rainer Bucher 

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