Eine genaue Beobachterin der katholischen Welt: Petra Morsbach

Sollte es tatsächlich ein Zufall sein, wenn Petra Morsbachs Essay „über Machtmissbrauch und Widerstand“ am Ende ausgerechnet 33 Empfehlungen und Überlegungen aufzählt, die „zur Entmystifizierung der Macht und zur Enthysterisierung eben dieses Widerstands gegen den Machtmissbrauch beitragen wollen“, fragt Stefan Förner.

Ausgerechnet 33, also genauso viele wie Knöpfe an der Soutane der Kleriker in Erinnerung an die überlieferten 33 Lebensjahre Jesu. Und selbst wenn, unstrittig interessiert sich die Autorin „nicht nur dezidiert für moralische, sondern dann auch noch für religiöse Fragen“, wie sie Stefan Orth in der aktuellen Ausgabe der Herder Korrespondenz auf Nachfrage bestätigt.1 Ihr Roman „Gottesdiener“2 von 2004 mag dafür als Beleg gelten. Die Geschichte von Isidor Rattenhuber, einem Pfarrer aus dem bayerischen Wald, ist nicht nur glänzend recherchiert, sie lässt auch eine gewisse Sympathie wohl nicht für die Kirche so doch für ihr Personal erkennen. Dem Urteil von Stefan Orth kann ich mich daher unumwunden anschließen: „Kaum eine Schriftstellerin der Gegenwart hat die katholische Welt so genau beobachtet wie Petra Morsbach.“

33 Empfehlungen, 33 Knöpfe, 33 Jahre

Was Johann Strasser in seiner Laudatio zur Verleihung des Marie-Luise-Fleißer-Preises für „Gottesdiener“ schreibt, gilt auch für den „Elefanten“: „Es ist der Respekt vor der komplizierten Wahrheit des Lebens, der Petra Morsbach immer beide Seiten sehen läßt, die glänzende und die dunkle, die heroische und die absurd komische … Kunstvoll werden die Details ineinandergefügt, wird der Leser hineingezogen in eine kleine Welt, die wir getrost für die große nehmen dürfen.“3 Im Unterschied zu „Gottesdiener“ hat Petra Morsbach diesmal einen Essay geschrieben und die katholisch-kirchliche ist nur eine von drei Welten, die sie erkundet.

Da ist zum einen „Das Buch Groër: Alte Sünden“. Eine „Kirchenchronik“ gleichen Titels des Journalisten Hubertus Czernin4 gibt es tatsächlich über den Wiener Erzbischof Hans Hermann Kardinal Groër und den von ihm zu verantwortenden sexuellen Missbrauch. (S. 25-130) Die zweite Welt führt in die bayerische Landesregierung.  Morsbach schildert den „Fall Haderthauer: Stresstest“ und rollt die sog. „Modellbau-Affäre“ der bayerischen Landesministerin Christine Haderthauer und ihres Mannes auf (S. 131-218). Und schließlich ist da der „Bericht aus einer Akademie: Sturm im Reagenzglas“ ein von der Autorin selbst erlebter und erlittener Fall (S.219-296).

Respekt vor der komplizierten Wahrheit des Lebens.

Allen drei Fällen ist gemeinsam, dass sie gut dokumentiert sind, durch das bereits erwähnte „Buch Groër“, durch umfangreiche Akten eines Untersuchungsausschusses und eines hartnäckigen Anwalts und durch die Aufzeichnungen der Autorin selbst. Fast hat man den Eindruck, Petra Morsbach buchstabiert zunächst zwei andere Fälle durch, um Methode und Herangehensweise einzuüben, bevor sie sich und ihren eigenen Aufzeichnungen traut.

Dreimal versucht Petra Morsbach jeweils dem „Elefanten im Zimmer“ auf die Spur zu kommen, den sie so beschreibt: „Das Gefährlichste an der Macht ist nicht, dass sie obsessiv wirkt, sondern dass sie peinlich ist und verleugnet wird. Sie füllt den Verhandlungsraum nahezu komplett aus, doch alle müssen so tun, als spiele sie keine Rolle, und diese akrobatische Heuchelei bindet einen Großteil ihrer Konzentration und Kraft. Das Englische kenn hierfür eine schöne Metapher: der Elefant im Zimmer (the elephant in the room)“. Wo sonst „room“ mit „Raum“ übersetzt wird, verwendet Petra Morsbach die Übersetzung „Zimmer“, weil ihr bei „Raum“ eher der „Lebensraum“ oder gar der „Weltraum“ in den Sinn kommt und in „Weltraum und Savanne kann so ein Elefant schon mal übersehen werden; in einem Zimmer aber eigentlich nicht“ (S.72f).

Das Gefährlichste an der Macht ist, dass sie peinlich ist und verleugnet wird.

Im Fall Groër ist die Autorin erkennbar zuhause, der Fall Haderthauer bietet auch und gerade für Nicht-Jurist:innen einen beeindruckenden Einblick in die Welt von Ministerialbeamt:innen und Politiker:innen und im dritten Fall halten sich größtmögliche Diskretion gegenüber den Gegner:innen und größte Offenheit und Ehrlichkeit in der Reflexion des eigenen Handelns die Waage. Petra Morsbach hat alle drei Fälle mit der gleichen Präzision recherchiert, denn sie ist neben einer brillanten Schreiberin auch eine aufmerksame und geduldige Leserin und Analytikerin.

Wie sie beispielsweise die erste Antwort der Wiener Weihbischöfe Krätzl und Schönborn auf die Missbrauchsvorwürfe unter der Überschrift „Wo sind wir hingekommen?“ nach allen Regeln der Rhetorik zerpflückt: „Der Ankläger ein Nazi? Nein, da steht nur: seit der Zeit des Nationalsozialismus. Der Ankläger ein Verleumder? Nein, da steht nur: hat es in Österreich derlei Verleumdungspraktiken (…) nicht mehr gegeben“ und als „narzisstische(n) Wutbrief“ entlarvt, das liest sich mit gleichermaßen großem Erkenntnisgewinn und großer Freude. (S. 29ff) Denn „ich beleuchte die Sprache, in der die Konflikte geführt worden sind. Alle drei Fälle (…) sind vorzüglich dokumentiert. Diese Schriftwechsel speichern nicht nur die volle Energie des Konflikts, sondern offenbaren auch tiefer liegende Motive, etwa – bei den ertappten Mächtigen – Ängste, Zweifel und Verdrängungen, hinter denen sich oft ein verblüffend exaktes Bewusstsein der Rechtsverletzung zeigt, die im Schriftsatz wütend abgestritten wird“ (S.15).

Exaktes Bewusstsein der Rechtsverletzung, die im Schriftsatz wütend abgestritten wird.

Wenn man einmal so weit gelesen hat, ist auch die eingangs von der Autorin selbst gestellte Frage beantwortet, warum sie, die eigentlich Romane schreibt, das Thema nicht fiktiv behandle. Sie selbst nennt dafür drei Gründe: Erstens wolle sie nicht „Fabeln im Sinn meiner These“ produzieren, zweitens sieht sie das Problem nicht darin, „dass wir zu wenig wissen oder sagen dürfen, sondern dass wir vieles nicht wissen wollen, weil es den aktuellen Kriterien der Eigenliebe widerspricht“, und drittens seien die erkundeten Milieus „so exotisch und die Verwicklungen so reich an Widersprüchen und bestürzenden wie komischen Pointen, dass ich sie als Erfinderin nicht hätte toppen können“. Vermutlich hätte das Manuskript als Roman keinen Verlag gefunden.

In allen drei Fällen interessiert sich Petra Morsbach weniger für den Fall an sich. Die drei gewählten Beispiele werden eher als „Versuchsanordnung“ begriffen, um den „Widerstand gegen Machtmissbrauch“ zu untersuchen (S. 14). Mehr Raum nimmt allerdings die Analyse ein, warum der Widerstand ausbleibt, sei es von Bischöfen und Äbten in Österreich, von Ministerialbeamt:innen und Abgeordneten im Freistaat Bayern oder von den eigenen Kolleg:innen in der bayerischen Akademie der Künste.

Wir wollen vieles nicht wissen, weil es den aktuellen Kriterien der Eigenliebe widerspricht.

Umso größere Sympathie hat die Autorin für Gunhild Ritschl, Angestellte im Stift Göttweig, die sich eines Missbrauchsopfers annimmt (S. 84ff), für den Anwalt Dieter Eckermann, der hartnäckig das Unrecht als Unrecht benennt, und für den „hochgeschürzten Akademiekollegen Ludwig Steinherr“, der an sich „abseits des Betriebs“ lebt, aber „unerschütterlich einen freundlichen Ausweg“ sucht (S. 263f). Denn auch wenn die Genannten nicht erfolgreich sind – jedenfalls nicht auf den ersten Blick –, so sind sie es, die den Elefanten im Zimmer sehen.

Anders als manch anderer Band aus der umfangreichen Beratungsliteratur zur Lösung aller nur denkbaren Probleme bietet Petra Morsbach kein Patentrezept, sie fordert – anders als mancher aktuell kirchenkritische Beitrag zur aktuellen Diskussion – nicht zur Revolution auf. Petra Morsbach verfällt aber auch nicht in Resignation. Die „33 Empfehlungen und Überlegungen“ am Ende des Buches geben eine erste Orientierung, wie es besser gehen könnte. Aber letztlich gibt es keine Alternative zur „Methode Morsbach“: nur aus dem genauen Hinsehen in andere Zimmer kann ich Anhaltspunkte finden, wie ich den Elefanten in dem Zimmer, in dem ich arbeite, sichtbar machen kann. Und zwar so, dass ich das Zimmer am Ende nicht verlassen muss.

Nur im genauen Hinsehen in andere Zimmer lässt sich der Elefant im eigenen Zimmer sichtbar machen.

„Geschehen, neu gesehen“ („Les coulisses de l’histoire“) heißt eine Serie über „geschichtsträchtige Personen und Ereignisse“ des 20. Jahrhunderts.5 Sie zeigt überzeugend auf, dass Geschichte keine „exakte Wissenschaft“ ist und dass es sinnvoll sein kann, sich der Komplexität immer wieder neu zu stellen6, auch dies eine Erkenntnis, die das Buch bestätigt. Beim Wiederlesen des „Buchs Groër“ habe ich mich jedenfalls sehr erschreckt, wie ich den Fall fast schon als „erledigt“ abgelegt hatte, dabei liegen die Vorgänge noch nicht lange genug zurück, um unter Kirchengeschichte abgelegt zu werden.

Und so habe ich mich bei der Lektüre auch selbst gefragt, ob ich als kirchlicher Mitarbeiter den Elefanten in meinem Zimmer immer vor Augen habe. Das Buch ist zwar vor Corona und den Kölner Gutachten geschrieben, setzt aber ein großes und viele kleine Fragezeichen hinter die Vorstellung, den Missbrauch in der katholischen Kirche allein durch juristische Fragestellungen aufarbeiten zu können: „Unser heutiges Problem ist nicht, dass wir zu wenig wissen oder sagen dürften, sondern dass wir viele nicht wissen wollen, weil es den aktuellen Kriterien der Eigenliebe widerspricht. (…) Verleugnung lässt sich aber nicht durch Verhüllung aufdecken, sondern nur in einem Spiegel.“ (S. 21) Wie ein Spiegel dient auch dieses Buch und lenkt den Blick vom biblischen Splitter auf den eigenen Balken im Auge.

„Wenn Sie nachweisen können, dass Sie objektiv im Recht sind, kann Ihnen im Normalfall (…) nichts passieren, und Sie gewinnen an Selbstachtung.“ (S. 319), schreibt Petra Morsbach in ihren 33 Empfehlungen und Überlegungen“ am Ende des Buchs als Punkt „19. Angst und Integrität“. Diesem Punkt kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen. Der Kollege, dem ich den Hinweis auf das Buch verdanke, machte offenbar so deutlich auf „Elefanten im Zimmer“ in seiner neu angetretenen Stelle aufmerksam, dass das Arbeitsverhältnis mit der Probezeit endete. Es kann also schon etwas „passieren“.

Davon unberührt ist dieses Buch eine beredte Ermutigung zum Widerstand; dass man sich „nicht von leeren Drohungen und unsichtbaren Elefanten lähmen lässt“ (S. 314), denn „Machtmissbrauch ist, zumindest unter liberalen Verhältnissen, Bluff und funktioniert nur so lange, wie die Umwelt mitspielt – das Opfer und die Umstehenden.“

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Text: Stefan Förner ist seit 2003 Pressesprecher und Leiter der Pressestelle & Öffentlichkeitsarbeit im Erzbistum Berlin. Er ist Mitglied der Katholischen Filmkommission für Deutschland und Vorsitzender der „AG Presse“, des Zusammenschlusses der Pressesprecher:innen der (Erz-)Bistümer und der Hilfswerke in Deutschland.

Bild: Cover, Petra Morsbach, Der Elefant im Zimmer. Über Machtmissbrauch und Widerstand, Essay, München 2020, 360 S.

 

  1. „Macht bedeutet auch Abhängigkeit von Macht“, Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Petra Morsbach über Missbrauch, Herder Korrespondenz 4/2021, S. 18-22.
  2. Petra Morsbach, Gottesdiener, Roman, Frankfurt am Main 2004.
  3. zitiert nach dem Klappentext.
  4. Hubertus Czernin, Kleine Reihe / Das Buch Groër Eine Kirchenchronik, Klagenfurt 1998.
  5. Sehr sehenswert – auch auf diesem Hintergrund – ist die Episode über Johannes Paul II.
  6. „L’histoire n’est pas une science exacte. Alors qu’en est-il d’Hitler, du président Reagan, du pape Jean-Paul II ou de l’explosion atomique sur Hiroshima ? En se fondant sur les derniers travaux des historiens, « Les coulisses de l’histoire » aborde des personnages et événements marquants du XXe siècle dans toute leur complexité pour en proposer une lecture inédite.“
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