Seit 2022 arbeiteten die europäischen Kirchen an einer Neuauflage des Herzstücks europäischer Ökumene. Katerina Pekridou und Regina Elsner fragen, was neu ist in der Charta Oecumenica 2025.
2025 wird als Ökumenisches Jahr gefeiert, vor allem in Erinnerung an das erste Ökumenische Konzil 325 in Nizäa, etwas weniger sichtbar in Erinnerung an die Weltkonferenz für Praktisches Christentum 1925 in Stockholm. Am 5. November konnte nun die Neufassung der Charta Oecumenica in Rom unterzeichnet werden – ein ausdrücklich europäischer ökumenischer Moment. Im Rahmen einer Zeremonie wurde das Dokument offiziell vorgestellt und symbolisch von den Präsidenten der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), Erzbischof Nikitas von Thyateira und Großbritannien vom Ökumenischen Patriarchat, und Erzbischof Gintaras Grušas von Vilnius, dem Präsidenten der Europäischen katholischen Bischofskonferenz (CCEE), unterzeichnet. Am 6. November wurde die neu überarbeitete Charta Oecumenica Papst Leo XIV. überreicht.
Die Charta Oecumenica, die erstmals 2001 von CCEE und der KEK verabschiedet wurde, dient seit mehr als zwei Jahrzehnten als Eckpfeiler der ökumenischen Zusammenarbeit in Europa. Jenseits der großen ökumenischen Dialoge und Dokumente prägt sie ökumenisches Engagement vor Ort. Seit 2001 haben sich allerdings sowohl Europa als auch die europäischen Kirchen, ihre Beziehungen und die Art und Weise, wie sie mit den Herausforderungen der Gegenwart umgehen, umfassend verändert. Die beiden tragenden Gremien leiteten darum 2022 einen Überarbeitungsprozess ein.
Leuchtturmprojekt bei Evaluation und Teilhabe
Die Arbeit an der Charta Oecumenica war von Anfang an ein Prozess, der möglichst viele Akteure der lokalen Kirchen und ökumenischen Gremien einbeziehen und auch nach der Veröffentlich an den Realitäten der Kirche vor Ort dran bleiben wollte. Angesichts der üblichen begrenzten lokalen Strahlkraft ökumenischer Konsensdokumente ist dieser Zugang bemerkenswert. Der Gemeinsame Ausschuss zur Charta Oecumenica von KEK und CCEE traf sich jährlich, um relevante theologische Herausforderungen im Leben der Kirchen zu erörtern. Etwa ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung des Dokuments von 2001 begann der Gemeinsame Ausschuss, Fragen von Rezeption und Umsetzung zu besprechen. Im Jahr 2017 wurde einen Studienprozess zur Relevanz der Charta eingeleitet. Innerhalb des CCEE wurde diese Frage von den katholischen Bischofskonferenzen aufgegriffen, innerhalb der KEK erfolgte die Bewertung nach einem doppelten Ansatz: Konsultation der Mitgliedskirchen und Partner einerseits sowie Überprüfung von Online- und Printmaterialien im Zusammenhang mit der Charta Oecumenica andererseits. Die konsequente Begleitung der Rezeption führte schließlich 2022 zur Entscheidung über eine Neufassung.
Kontextuelle Veränderungen seit der Erstveröffentlichung
Die Herausforderungen 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung liegen auf der Hand: Die ökumenische Bewegung selbst hat bedeutende Entwicklungen durchlebt. Mehrfach hatten einzelne Kirchen in der multilateralen Ökumene eine zu starke Konzentration auf soziale, sozialethische und politische Fragen kritisiert. Brüche aufgrund von ethischen Fragen erschüttern die ökumenische Bemühungen bis in diese Tage. Der biblische Begriff der koinonia hatte sich als Antwort darauf zunehmend zur hermeneutischen Linse für das Verständnis der Kirche entwickelt. Strukturell haben sich mit der katholischen Synode zur Synodalität und vielfältigen lokalen synodalen Prozessen, sowie mit der Entstehung des Home | Global Christian Forum zwei bedeutende Entwicklungen herauskristallisiert, die einen wachsenden Wunsch nach Kooperation, gemeinsamer Rechenschaftspflicht und dem Abbau konfessioneller Konfrontationen zum Ausdruck brachten.
Auch die europäische Kirchenlandschaft hat sich seit 2001 radikal verändert. Etablierte Kirchen mit historischen Wurzeln und neuere, migrantische Gemeinschaften teilen zunehmend denselben geografischen und sozialen Raum und müssen dabei oft Unterschiede in Bezug auf Gottesdienst, Theologie und ethische Perspektiven überwinden. Viele Kirchen stehen vor der doppelten Herausforderung, auf den Mitgliederschwund und den gesellschaftlichen Vertrauensverlust zu reagieren und gleichzeitig den spirituellen Bedürfnissen einer zunehmend vielfältigen Mitgliedschaft gerecht zu werden.
Schließlich erlauben auch die gesellschaftspolitischen Umbrüche in Europa keine Nabelschau der Kirchen. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat den christlichen Friedensruf und die moralische Verantwortung der Kirchen angefragt. Gesellschaftliche Polarisierungen und Populismus betreffen auch die Kirchen. Klimakrise und die Notwendigkeit der Nachhaltigkeit haben die Dringlichkeit ökologischer Maßnahmen verstärkt. Fortschritte in Wissenschaft und Technologie, die Digitalisierung und die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz haben tiefgreifende Fragen zur Menschenwürde, zur ethischen Verantwortung und zum Umgang der Kirche mit zeitgenössischem Wissen aufgeworfen.
Passen die Antworten zu den neuen Fragen?
Die neue Charta Oecumenica beantwortet diese Herausforderungen mit dem Aufruf an die Kirchen, die ökumenische Gemeinschaft vor Ort zu stärken und sich gleichzeitig aktiv am öffentlichen Diskurs zu beteiligt, um eine Brücke zwischen Glauben, Wissenschaft und sozialer Verantwortung zu schlagen. Mehr als noch 2001 positioniert sich das Dokument nicht nur als Beobachtung der europäischen Herausforderungen, auf das die Kirchen Antwort haben, sondern als aktiver Teil der Veränderungen – einschließlich eines Eingeständnisses von kirchlichem Fehlverhalten. Bemerkenswert ist hier etwa die deutliche Aufforderung, „liturgische, katechetische und homiletische Texte zu überprüfen, um eine Substitutionstheologie auszumerzen“, aber auch das Eingeständnis, eines „Mangels an Glaubwürdigkeit aufgrund persönlicher und struktureller Sünden in den Kirchen.“ Das säkulare Europa erscheint weniger als (feindliches) Gegenüber, sondern als natürliches Umfeld, in dem Kirchen ihren Ort finden müssen. Die Charta sieht die Kirchen in gemeinsamer Verantwortung, aktiv Widerstand gegen Polarisierung, Instrumentalisierung des Christentums, Anti-Semitismus und Anti-Islamismus zu leisten. Dagegen sollen Gastfreundschaft und Schutz für vulnerable Menschen die Haltung der Kirchen in Europa bestimmen.
Ein Vergleich des Abschlussdokuments mit den Arbeitsversionen noch Ende 2024, die auch in deutschen Gemeinden diskutiert wurden, deutet aber auch an, wo sich Diskussionen und Unstimmigkeiten ergeben haben. Die deutliche Abgrenzung gegen Gewalt aufgrund von geschlechtlicher Identität ist wieder gestrichen worden, was angesichts der massiven, christlich begründeten, Radikalisierung in genau diesem Themenfeld sicher eine verpasste Chance ist. Auch ein vorgeschlagener Abschnitt zur lange überfälligen Kritik an Eurozentrismus und dem kolonialen Erbe der europäischen Kirchen wurde nicht übernommen. Im Abschnitt zur Friedensverantwortung findet sich eine neue Abwägung zwischen Gewaltlosigkeit und der Notwendigkeit der rechtserhaltenden bzw. -wiederherstellenden Gewalt. Sie zeigt eine gewachsene Sensibilität für die Christ*innen in kriegsbetroffenen Ländern mitten in Europa, ohne die Ukraine zu benennen. Der letzten Etappe der Inklusion von ortskirchlichen Rückmeldungen ist es zu verdanken, dass Migration nicht nur als eine Herausforderung und Bereicherung der aufnehmenden Gesellschaften beschrieben wird, sondern auch als Problem für die Länder Europas, aus denen Menschen in großer Zahl auswandern.
Wer sorgt für Verbindlichkeit?
Die überarbeiteten ökumenischen Leitlinien zeigen eine wachsende Bereitschaft unter den Kirchen, sich von der konfessionellen Konfrontation hin zu dem gemeinsamem Zeugnis über Gerechtigkeit und Frieden zu bewegen – Zeichen einer reifenden ökumenischen Bewegung, die sich für sichtbare Einheit in Glauben und Leben einsetzt. Die Charta Oecumenica stehen damit deutlich im Erbe von Stockholm 1925. Im Unterschied zu vielen ökumenischen Konsensdokumenten basiert die Charta Oecumenica auf einem intensiven Austausch mit den Ortskirchen und ihren Realitäten – eine entscheidende Voraussetzung, damit die unterzeichneten Selbstverpflichtungen auch vor Ort wahrgenommen werden. Und dennoch bleibt abzuwarten, ob die Charta einen solchen Grad an Verbindlichkeit in den europäischen Kirchen erreicht, der den existierenden gesellschaftlichen Herausforderungen wirklich etwas entgegenzusetzen vermag. Es wäre eine notwendige Weitung der allgegenwärtigen Ökumene-Rhetorik rund um das Nicäa-Jubiläum.
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Katerina Pekridou ist orthodoxe Theologin und Programmbeauftragte für Theologie und Forschung bei der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK). Sie leitet die Arbeit zu Ekklesiologie und Mission, einschließlich der Aktivitäten des Gemeinsamen Ausschusses von KEK und CCEE. Seit 2022 ist sie außerdem Koordinatorin der Initiative „Pathways to Peace” der KEK.
Regina Elsner ist Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, affiliierte Wissenschaftlerin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin und Redaktionsmitglied von feinschwarz.net
Beitragsbild: CEC/CCEE


